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Jüdische Zeitung · 1907-11-15 · 18 (15.11.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
18 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 K 500—1000 an ihn zu entrichten hat, was berechtigt und erfül bar wäre, zumal der betreffenden Volksbank durch den Anschluss an den Zentralverband bedeutende Vorteile, insbesonders bei der Inanspruchnahme von Krediten erwachsen würden. Das wären im grossen und ganzen die Grundzüge des von mir propagierten Systems, welches auf dem Bukowinaer zionistischen Distriktstage zur Annahme und jetzt bereits zur Durchführung gelangt. Hoffentlich findet es auch in Galizien Anklang und Nachahmung 1 Koketterie oder Popularitätshascherei. Der Leitartikel des »Jüdischen Arbeiter“ vom 1. November d. J. befasst sich mit der jüdischen Nationalpartei und mit der parlamentarischen Tätigkeit des jüdischen Klubs. Es wird eine vernichtende Kritik sowohl an der Partei als auch an dem Klub geübt. In der Einleitung des Artikels wird eine Episode aus der Weltkonferenz der Poale- Zion im Haag erzählt. Darüber befragt, warum die österreichischen Poale-Zion die Zionisten bei der Reichsratswahl unterstützt halten, erklärte ein österreichischer Genosse, dies sei zum ersten und zum letzten Male geschehen. Diese Erklärung wurde mit stürmischem Beifalle aufgenommen. Dann werden die Gründe dargelegt, warum sich die Poale-Zion bei den Wahlen mit den Zionisten koaliert haben. Erstens, weil „die natürlichen Bundesgenossen“ der Poale-Zion, die Sozialdemokraten, die jüdische Nationalität nicht anerkennen wollen: zweitens, weil durch den Bestand eines jüdischen Klubs die Sozialdemokraten gezwungen sein werden, die jüdische Nationalität anzuerkennen. Die Unterstützung der Zionisten sollte also nur das Zusammengehen mit den „natürlichen Bundesgenossen“ vorbereiten. Eine solche Argumentation würde wohl für die -galizischen Separatisten“ passen, nicht aber für Zionisten, die die Poale-Zion doch sind oder sein wollen, die nur getrieben von dem Wunsche, die jüdischen Massen im Golus zu organisieren, die jüdischen Volkskräfte durch Beschäftigung mit jüdischer Politik für das weit grössere Ziel der Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens zu erhalten, sich innerpolitisch betätigen. Dann ist die innerpolitische Arbeit nur Selbstzweck, dann ist sie nicht zionistische Arbeit. Der Zionismus formuliert die Lösung der Judenfrage anders. Oder aber sie ist nur eine Notwendigkeit, die vom Leben diktiert wird und nicht umgangen werden kann, dann muss die Poale-Zion an ihr teilnehmen; nicht als sozialistische Partei, sondern als zionistische, denn ihren Sozialismus kann sie — nach ihrem Programme — erst dann betätigen, wenn die Voraussetzung, ein jüdisches Gemeinwesen, vorhanden ist. Vorläufig kann sich ihre sozialistische Arbeit nur darauf beschränken, die Beschlüsse der Parteitage, der Kongresse in ihrem Sinne zu beeinflussen, oder innerhalb der zionistischen Partei, der innerpolitischen Arbeit sozialistische Färbung zu geben. Sind daher die Poale-Zion konsequente Zionisten — und jeder jüdische Arbeiter ist nur seines Zionismus . und nicht seines Sozialismus wegen Poale-Zionist — dann kann für sie kein Zweifel existieren, dass es daher für sie kein „letztes Mal" geben kann. Innerhalb der Partei kritisieren, Vorschläge machen, Opposition treiben — dazu hat jeder Zionist ein Recht. Als Sozialist aber, der zum letzten Male Unterstützung gewährt, hat man kein Recht mit bissigen Worten Steine in den Weg zu legen. Und behauptet man, dass dies nicht geschehe, so ist das eine Unaufrichtigkeit und erinnert an jenen Mann, der seinen Nachbar „Schelm“ und „infamer Mann“ nennt und hinterher hinzufügt, „ich will ihn zwar nicht schimpfen.“ Der Leitartikler stellt dann die Frage, wie weit die jüdische Partei demokratisch ist, ob sie für nationale Autonomie und für welche Form sie ist, und meint, man kann der jüdischen Nationalpartei kein Vertrauen entgegenbringen, weder in bezug auf ihr Programm noch auf ihre Taktik. Beweise holt er sich für diese Behauptung aus dem Gerüchte, dass die jüdische Nationalpartei vor den Wahlen mit dem Polenklub, der ihr Mandate zusichern wollte, wenn sie sich ihm anschliesse, unterhandelt habe und geraume Zeit verstreichen liess, ehe eine abweisende Antwort erfolgte. Der zweite Beweis soll darin liegen, dass die Nationalpartei in Czernowitz — wo sie nach des Autors Meinung die Majorität besitze — das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinde nicht eingeführt, der dritte, dass Doktor S t r a u c h e r die Behauptung, auf seine Veranlassung seien russische Juden aus Czernowitz ausgewiesen worden, nicht dementiert habe. Diese Beweise sind hinfällig. Denn die jüdische Nationalpartei hat den Vorschlag des Polenklubs strikte abgelehnt, daraus, dass sie angeblich mit der Antwort gezögert habe, einen Angriff zu schmieden, geht ein wenig zu weit. Dieser ganze Angriff hört sich an, als wenn man sagen würde: »Wenn N. gemordet hätte, wäre er ein Mörder*. Ad zwei: Die Czernowitzer Kultusgemeinde ist nicht die jüdische Nationalpartei. Wenn dort noch kein allgemeines Wahlrecht eingeführt ist, muss dies viel eher den örtlichen Verhältnissen zugeschrieben werden als den Zionisten. Uebrigens hat die Czernowitzer Kultusgemeinde unlängst diese Frage erörtert, hat ihre prinzipielle Zustimmung gegeben und demnächst wird in Czernowitz das allgemeine Kultuswahlrecht eingeführt sein; wenn es noch bis jetzt nicht besteht, kann doch unmöglich der jüdischen Nationalpartei die Schuld zugemessen werden. Ob man ein unterlassenes Dementi Dr. Strauch ers auf das Schuldkonto der Nationalpartei setzen kann, ist sehr fraglich, um so mehr, als es sich um eine gemeine Verleumdung handelt,- mit - der Sozialdemokraten ihren skrupellosen Feldzug gegen Straucher führen. Man muss es als vollständig richtig betrachten, wenn Dr. Straucher eine solche Verleumdung, die kindisch und unglaubwürdig ist, mit verachtungsvollem Stillschweigen übergangen hat. Wenn auch diese Behauptung im »Jüdischen Arbeiter“ gedruckt war, so folgt daraus nicht, dass Doktor Straucher zu dementieren hat, sondern dass der „Jüdische Arbeiter“ solche Verleumdungen kritiklos übernimmt, ohne sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Und nun kommt das schwere Geschütz: Der jüdische Klub habe zu wenig gesprochen und seine parlamentarische Unfähigkeit bewiesen, Stand hätte sich bei der Budgetdebatte aus der Rednerliste streichen lassen, bei der Ausgleichsdebatte wird kein Mitglied das Wort ergreifen und schliesslich Stand spricht und promeniert mit Kolischer im Couloir. Darüber kann man verschiedener Meinung sein, ob der jüdische Klub zu viel oder zu wenig gesprochen. Dass er aber seine parlamentarische Unfähigkeit bewiesen, ist wohl schwer zu behaupten, wenn man bedenkt, dass in keinem wichtigen Ausschüsse ein Jüdischnationaler fehlt, und dies bedeutet doch, bei einem numerisch so schwachen Klub, sehr viel. Bedauerlich ist es, dass unkontrollierbare Gerüchte zu ernsten Argumenten aufgebauscht werden. In der Ausgleichsdebatte hat Dr. Straucher das Wort ergriffen und sehr gut gesprochen. Dass Stand mit Kolischer spricht, kann nur denjenigen tuschieren, der keinen Unterschied zwischen politischer Gegnerschaft und persönlicher Feindschaft kennt. Und nun kommt die Aufforderung, wenigstens Zwischenrufe zu machen. Warum gibt der Autor nicht zu gleicher Zeit Direktiven, wie die Abgeordneten Messer und Gabel handhaben sollen? Ich bin nicht der ex offo-Verteidiger des jüdischen Klubs, ebenso wie der Autor des Leitartikels nicht öffentlicher Ankläger ist Man kann üoer die Nationalpartei denken wie man will, ein organisierter Zionist hat aber nicht das Recht, in so feindseliger und kleinlicher Weise anzugreifen. Denn der Leitartikel im „Jüdischen Arbeiter“ hat nicht den Ton einer freundschaftlichen Kritik; er ist anfangs sachlich — mit einer tiefen Reverenz vor den Sozialdemokraten, dann wird er persönlich, verwechselt Personen mit der Partei, klammert sich an Gerüchte, bringt gehässige Argumente vor, an die zu glauben der Autor selbst bestreitet, und schliesst mit einer Anhäufung bombastischer Redewendungen, so dass er den Eindruck hervorruft, dass er nicht so sehr eine Sanierung angeblicher Missstände herbeiführen, sondern zeigen will, dass man um jeden Preis — und sei auch eine Verwirrung in den Kampfreihen und eine Schädigung der jüdischnationalen Interessen die Folge — das Gewissen, der Partei spielen und radikaltuende „proletarische“ Kritik üben müsse. Wir haben aber die tröstliche Gewissheit, dass der Autor des Artikels in diesem Falle nicht das Sprachrohr seiner ganzen Gruppe gewesen ist, sondern bloss seiner privaten Meinung Ausdruck gegeben hat, denn die Mehrzahl der „Poale-Zion“, sofeme sie Zionisten sind, wird es sich wohl sicher überlegen, ob sie wirklich zum letzten Male die Zionisten unterstützt hat und ob sie bloss aussenstehende Kritiker und nicht vielmehr Gesinnungsgenossen sind, die gleich allen anderen Zionisten an der Entwicklung und dem Gedeihen der jüdischen Nationalpartei direktes Parteiinteresse haben. ß e n d o w. Bücher- und Zeitungsschau. Sehnsucht. Gedichte und Lieder von Lorenz Scherlag, Verlag Kurt Wigand. 1907. Marek Scherlags Lorbeeren raubten seinem Bruder Lorenz den Schlaf. Und so betrann auch er zu dichten. Da er aber seinen Tag dem Merkurius opfert, so beschleicht er nur des Nachts Apolls heilige Hallen. Daher der düstere Ton seiner Verse, die auch mitunter Gedichte sind. Daher die Sehnsucht nach Mond, Sternen, Himmel, das Verlangen nach Freundscha t, Liebe, Erlösung. Viel (ach, wie viel!) lyrischer Schmerz, der mit dem persönlichen Schicksal des so beruhigend gesund aussehei den Dichters schwer in Einklang zu bringen ist. Das ist die Macht der Finsternis. Denn wer bei Sonnenlicht Gedichte schreibt, findet auch ein Hosiannah für all das Schöne, das da atmet im rosigen Licht! Lorenz Scherlag kämpftnoch mit der Form. Au« seinen Versen aber spricht viel wahre Empfindung. Deswegen sind seine Gedichte mehr gesagt als gesungen. Manchen aber fehlt auch der Rhytmus nicht. Uad hat man das kleine Büchlein zu Ende gelesen, so trägt man den Eindruck eines, sagen wir, Autors davon, der viel weniger kann, aber dichterisch entschieden nicht talentlos ist. Rb- Der „lewish World“ veröffentlicht die nachfolgende interes sante Zuschrift eines Herrn J. S. F u c h s über Moses M e n d e lssohn als politischen Zionisten. Mit Bezug auf die Bemerkungen über Moses Mendelssohn, welche ich in einer der letzten Nummern Ihres Blattes fand, möchte ich festgeslilt wissen, dass Mendelssohn nicht allein ein Territorialist, sondern ein reiner politischer Zionist war. Mendelssohn befreundete sich vor 140 Jahren mit der Idee, welche die heutigen Zionisten propagieren, dass die Erwerbung unseres heiligen Landes die einzige Sicherheit für die Wohlfahrt unseres Volkes bietet, ln Mendelssohn Korrespondenz (Brockhausausgabe) finden wir einen von ihm an „einen Mann von Stand“ gerichteten Brief, wahrscheinlich ein Mann, welcher zu der damaligen Zeit in der politischen Welt wohl bekannt war und welcher wünschte, dass das vorgelegte Proj-kt die Juden wieder im heiligen Lande anzusiedeln, geheim gehalten werde. Der Inhalt des Briefes ist folgender: „Obwohl meine Kenntnisse auf dem Gebiete der politischen Wissenschaft sehr (armselig sind, gestehe ich mit Vergnügen, dass der

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