Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 18 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 Gedanke, Palästina durch das jüdische Volk zu neuem Leben zu erwecken, grossartig und erhaben ist Der Urheber und Verbreiter dieses Gedankens ist ein begeisteter und'tapferer Kämpfer. Sein volles Vertrauen zu seinem Ideal und sein Glauben an dessen Verwirklichung haben ihm den Mut und die Kraft verliehen, den praktischen Teil des Palästina Werkes zu beginnen. Aber ich bin nur ein Mann der philosophischen und nicht der praktischen Arbeit und es ist für mich schwer, mich mit all den grossen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Ich will indessen gestehen, dass ich bei der Verwirklichung der Palästinaidee nicht äusseren Widerstand, sondern lediglich innere Hemmnisse .befürchte, welche von der Eigenart unseres Volkes herrühren. Unser Volk, zufolge der alten Bedrückungen, (!) einer unabhängen Lebenskräfte?) beraubt Die natürliche Neigung aller Völker, in ihrem eigenen Lande unabhängig zu leben, fehlt meinen Brüdern gänzlich. Wir begnügen uns mit unserer inteleirtuellen Welt und auf Gott vertrauend, ertragen wir mit Mut alle Schicksalsschläge, alle Verfolgung und Unterdrückung, ohne etwas zu unserer Befreiung zu unternehmen. Ich bin im Zweifel, ob unser zerstreutes Volk seine Einigung wünscht und ohne Einigung aller Kinder unseies Volkes gibt diese herrliche Idee keine Hoffnung auf Verwirklichung. Jedenfalls ist das Palästinawerk ein unermesslich grosses und eines zu Ende zu führen, sind fürstliche Schätze und grosse Macht erforderlich. Aber unser Volk ist nicht reich genug und unsere wenigen Millionäre werden ihre Taschen nicht zum Besten ihres Volkes öffnen. Meiner Meinung nach hat die Idee die beste Aussicht auf Erfolg zu einer Zeit, wenn die grossen Mächte im Streite miteinander liegen und nicht zu einer Zeit, wo Ruhe und Frieden in der politischen Welt herrschen. Ich retourniere Euer Hochgeboren alle mir übersandten Papiere und versichere, dass ich die Angelegenheit stets geheim halten werde. Berlin, 26.Juni 1770. Moses Mendelssohn.“ Der Einsender bemerkt zu diesem Briefe, dass die Beobachtung Mendelsohns über die Gleichgültigkeit unseres Volkes gegenüber seiner eigenen Rettung und seine Meinung über unsere reichen Brüder auch heute noch zutrifft. In Nr. 26 der Pariser geographischen Zeitschrift „Le Tour du Monde“ wird über das Vordringen der Juden in Palästina berichtet. Nach einer kurzen Würdigung des Zionismus wird dieses, wie folgt, geschildert: „Von einem Jahr zum anderen vermehren und vergrössern sich die jüdischen Kolonien in Palästina — es sind heute schon über 30. Es handelt sich um richtige Volkszentren, vollkommen organisierte Gemeinwesen, die mit allem Nötigen zur Agrikultur versehen sind. Bereits ein Drittel Palästinas ist in ihrem Besitz. Im Distrikt Jaffa wurden mehr als 4O°/0 der Ländereien von Juden erworben, in der Gegend von Tiberias sogar 75°/„. Im Ostjordanland wurden von ihnen weite Strecken in blühende Kulturen gewandelt. Nichts kann der jähen Kraft widerstehen, mit der die Besitzer die Konkurrenz der Fremden ausschalten. Die deutsch - protestantischen „Templer* - Kolonien können ihre Pläne, neuen Boden für weitere deutsche Immigranten zu erwerben, nicht ausführen; überall nehmen ihnen die Juden den Boden unter den Füssen weg. Die Söhne Abrahams, welche den Boden ihrer Väter wieder an sich bringen, kommen aus allen Teilen der Welt und sprechen daher verschiedene Idiome. Aber das Hebräische ist nicht mehr eine tote Sprache, es dient, ähnlich wie die Religion, als zusammenhaltendes Band. Die hebräische Literatur ist wieder im Aufblühen. Alle grossen Klassiker sind in die Sprache der Bibel übersetzt worden; unter den Palmen Jaffas und an den Ufern des Jordans kann man Juden in die Lektüre von Lady Macbeth, Athalie, ja sogar Cyrano de Bergerac vertiefe sehen. Hebräiscq wird in den Schulen gelehrt. Jerusalem hat seine hebräische Zeitung und eine Druckerei überschwemmt das Land mit hebräischen Lehrbüchern, die ebenso gut modern sind, wie jene in Frankreich oder Deutschland. Jerusalem ist wieder eine jüdische Stadt geworden, denn die Juden machen heute dort die Majorität aus. 20% aller Einwanderer Palästinas sind Juden und das ist nur ein Anfang.“ All das ist uns wohl bekannt. Dass aber ein unparteiisches, nichtjüdisches Facbblatt die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Palästinas genau so beurteilt, wie es von zionistischer Seite geschieht, wird wohl manchem Zweifler zu denken geben. Korrespondenzen. Philadelphia. Wie das Newyorker „Jewish Mornig Journal* meldet, soll es eine Kabeldepesche erhalten haben, wonach Achad Haam in der nächsten Zeit nach Amerika kommen wird. Doch gilt diese Reise weder künstlerischen, noch wissenschaftlichen Zwecken, sondern ist eine Geschäftsreise für die Firma W i s o t z k i, bei welcher Achad Haam die Stelle eines Direktors bekleidet. Philadelphia. Im „Jewish Exponent“ findet sich folgender interessante Bericht: Unter den in der letzten Zeit begründeten zionistischen Vereinen in Amerika verdienen besonders zwei Erwähnung. Es sind dies die Organisation der jüdischen Studenten in derNational-Farms c h ule zu Doylestow n und der Schüler des Woochbiner Agrikulturinstitutes zu Woodbine. Die Mitglieder dieser zwei Vereine sind alle sehr eifrige Zionisten und beabsichtigen nach Absolvierung ihrer Studien nach Palästina auzuwandern. Vorläufig entfalten sie für den Zionismus eine sehr lebhafte Propaganda, halten Kurse ab, veranstalten Versammlungen und treffen Vorbereitungen zur Veranstaltung eines Makkabäer festes. Diese Nachrichten bestätigen uns nur die Wahrheit, dass nur freie, stolze Juden Zionisten sein können. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Wien. (Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den südslawischen Ländern „Bar Giora“ in Wien.) Die Ausschusswahlen für das Wintersemester 1907/8 ergaben: Präses: stud. phil Alfred Singer; Vizepräses : cand. jur. Jakob K a j o n; I. Schriftführer: stud. jur. Geza Buchwah; II. Schriftführer : stud. jur. M. E. L ö w y; Kassier: cand. jur. Jsak Salom; Bibliothekar: stud. med. Moritz Munk. Wien. Bei der diesjährigen Generalversammlung des Vereines „Jehudah-Halevy* ist beschlossen worden, als Geschäfts- und Verkehrssprache des Vereines die hebräische Sprache zu bestimmen. Die Wahl ergab folgendes Resultat: S. Auerbach, Präses; L. Dichter, Kassier; J. Kasten bäum, Schriftführer für Hebräisch; J. Chili. Schriftführer für Deutsch; J. G r o s s, Nationalfondsreferent, Das Vereinslokal befindet sich II., Renabrandtstrasse 30/26 Jeden Sonntag Vortrag. Wien. Donnerstag am 14. d. M., l/xS Uhr abends, wird im Bethauslokale Liwjas Chen, II., Stefaniestrasse 2, der hebräische Kurs eröffnet. Der Kurs wird abgehalten: Montag und Donnerstag von ‘/,8—‘/,9 Uhr abends und Sonntag Vormittag von 11—12 Uhr. Anmeldungen sind zu richten an M. Geyer, II., Miessbachgasse, Tür 15. Wien. Bei der am 7. November abgehaltenen 10. ordentlichen Generalversammlung uni der darauffolgenden konstituierenden Ausschusssitzung des Bethausu. Unterstützungsvereines „Bene Berith“ (XX., Karajemgasse 20) wurden zu Ausschussmitgliedern gewäht die Herren: Heinrich Gassn er, Obmann; Michael Chain e i d e s, Obmannstellvertreter; Markus Rothmann, Kassier; L. Weinberg, Kassierstellvertreter; Adolf Deutsch, Schriftführer; B. Kleiner, Schriftführerstellvertreter; Dr. Ernst Müller, SaloKahane, Revisoren: Markus Goldstein, H. Kurier, Lippmann H o y d y, Hermann Nachbar, Tempelverwalter; Josef Stappler, Josef Bratspiess, J. Weissfeiler, Krankenbesucher. Wie». (Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar- Koch b a“ in Wien.) Herr Dr. Leopold Kahn wird im Vereinslokale, VIEL, Langegasse 5—7, einen Zyklus von 6 bis 8 Vorträgen, und zwar jeden zweiten Samstag, über die Rechtsverhältnisse des Orients, mit besonderer Berücksichtigung des Immobiliarrechtes, halten. Er beginnt Samstag, den 16 d. M., präzise um 7,8 Uhr abends. Diejenigen, die die Vorträge hören wollen, werden ersucht, sich schriftlich oder am Tage des ersten Vortrages mündlich zu melden. Wien. („Poale Zion“) Samstag, 16. November, 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale „Caf6 Stefanie“, Stefaniestrasse 2, eine Vereinsversammlung statt. Genosse Kaplansky- Kaplan, setzt sein Referat über die „Parteikonferenz* fort. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich und vollzählig zu erscheinen. — Samstag, den 30. November a. c. findet die Monateversammlung statt. Wien. (Grazer Turnfahrt.) Sonntag, den 27. Oktober 1907 veranstaltete der „Grazer Jüdische Turnverein“ sein drittes Gründungsfest, zu dem sich auch 20 Turner des „I. Wiener Jüdischen Turnvereines“ eingefunden haben. Das angekündigte Schauturnen hat ein distinguiertes ^Publikum herangelockt, welches sowohl den tadellos ausgeführten Stabübungen, als auch den interessanten Geräteübungen reichen und wohlverdienten Beifall zollte. Auch für allerlei Unterhaltung wie Vorträge, Juxlotterie etc. wurde stimmungsvoll gesorgt und schliesslich wurde in vorgerückter Nachtstunde von den unermüdlichen Turnern dem Tanz gehuldigt. Wien. (Unterstützungsverein für jüdische Hochschüler aus Mähren und Schlesien in Wien, IX., Porzellan gasse 22.) Seit Jahren schon macht sich in Wien das Bedürfnis nach einem Unterstützungsvereine für jüdische Hochschüler aus Mähren und Schlesien bemerkbar. Vor längerer Zeit hat sich bereits ein Komitee konstituiert, dassich mit dieser Frage besebäftigit uad Statuten eingereicht hat. Der Verein soll im weiten Ausmasse dazu beitragen, dass der jüdische Student sich womöglich ungestört seinen Studien widmen könne, ohne von der stetigen Sorge um seinen Unterhalt gedrückt zu werden. Die konstituierende Versammlung findet Montag den 18. November, 8 Uhr abends, im Souterrainlokale des Hotel Guth, II, Stefaniestrasse 14, statt. Die Einladung ergeht insbesondere an die in Wien so zahlreich wohnenden Mährer und Schlesier. Graz. Bei der Samstag, den 2. d. M. stattgefundenen Generalversammlung des Vereines | „Zion“ wurden in den Ausschuss entsendet: Julius Gr ün e r, Obmann; Gustav Mamlok und Oskar Freudmann, Obmannstellvertreter; Karl Pr eis, Schriftführer; stud. med. Julius Schwarz. Kassier: Dr. Siegmund W eiss, hebräischer Schriftführer; ferner cand. med. Siegmund Leicht, Karl Schwarz, stud. med. Alfred Weiss, stud. jur. Emil Strause, R. Szabo und Otto Fellner. Es wurde beschlossen, Dienstag, am 3. Dezember im Saale des Kaufmannshauses eine Makkabäerfeier unter Mitwirkung des jüd. akadem. Vereines „Charitas“ und des jüdischen Turnvereines Graz zu veranstalten. Ung -Hradiscb. Die Chargenwahl für das Jahr 1907/8 hatte folgendes Resultat: jur. Karl Sonnenfeld Xi Phil Siegfried Schindler XX jur. Siegfried Grosslicht XXX. Buczaoz. Die Chargenwahl in der neugegründeten zionistischen Verbindung „Bar- Kochba“ ergaben als Resultat: stud. jur. Leon Wechsler, Senior; stud. jur. Matthias Weinreb, Cosenior; stud. jur. Josef Andermann, Schriftführer. Die Verbindung hat am 1. Oktober 1. J. einen .Palästina-Abend veranstaltet. Ueber die geschichtliche Bedeutung der Sabathfeiertage sprach Genosse M. Weinreb. Dia jetzige Lage des Zionismus wurde vom Genossen L. Wechsler besprochen. Die darauffolgenden Lichtbilder, die vom Genossen M. Richter auä Lemberg demonstriert wurden, eine Ausstellung und Verkauf von Palästina Produkten und Erzeugnissen und ein lustiger, bis in den frühen Morgen dauernder Tanzabend bildeten den Schluss des Abends. — In dem neugegründeten Verein „Poale Zion“, der sich sehr gut entwickelt, wurden mehrere Unterrichtskurse eingerichtet, in denen die Mitglieder der „Bar-Kochba“ Unterricht erteilen. — Am 31. Oktober hat in einer Volksversammlung Genosse Koplansky-Kaplan aus Wien über Poale-Zionismus gesprochen. — Der bürgerliche Verein „Zion“ hat in der letzten Zeit einen Volksabend veranstaltet, an dem die Genossen Czachies und cand. rab. Schapira Vorträge hielten. — Die vom „Safo-Berura“ geleitete hebräische Schule, die drei Lehrer beschäftigt und von mehr als 250 Kindein besucht wird, kann sich einer sehr erfolgreichen Tätigkeit ausweisen. Es wäre noch der zionistische Frauenverein „Rachela“ zu nennen, dessen Leistungen'leider in letzter Zeit nicht ganz ausreichend sind. Das zionistische Kreiskomitee, das einen grossen Teil Polens umfasst, entwickelt eine sehr rege Agitation für sämtliche Parteifonds, steht mR allen Vereinen in Kontakt and unterstützt sie mit Initiative, Rat und Tat. Kuty. Die hebräische Schule „Safa Berura“, sn deren Spitze H. Jakob Schattner steht, entwickelt sich glänzend. Es besuchen sie fast 100 Kinder, für welche 3 Kurse errichtet sind. Auch ältere Herren organisieren jetzt für sich einen Kurs, da sie sehen, dass die Kinder hebräisch sprechen, was auf sie beschämend wirkt. Es ist nur zu bedauern, dass die ärmeren Kinder, welche die Schultaxe nicht bestreiten können, nur auf nie Cheders angewiesen sind — und die Kutyer Cheders haben den gleichen Typus wie die anderen Cheders Galiziens. — Die Kutyer Juden stehen jetzt vor Kuituswahlen. Wahlberechtigte gibt es im ganzen 140 bei beinahe 300 Juden! Da wir zwei Rabbiner und einen Wunderrabi haben und ein jeder seine Partei hat, haben wir drei Parteien, welche sich