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Jüdische Zeitung · 1907-11-15 · 18 (15.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
18 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Parlament und Politik. Die parlamentarische Tätigkeit und Taktik. des Jüdischen Klubs war in der letzten Zeit wiederholt Gegenstand publizistischer Angriffe und Erörterungen, die deutlich zeigen, dass die Haltung der vier jiidischnationalen Abgeordneten mannigfachen Missverständnissen ausgesetzt ist und ihr Einfluss vielfach überschätzt wird. Das Lemberger Ruthebenorgan „Dilo“ htt sich in einem langen, aus nichtparlamentarisehen Kreisen herrührenden Artikel bemüht, das Verhältnis zwischen Ruthenen und Zionisten im Parlamente als unaufrichtig und gespannt hinzustellen. Die Angriffe entbehren jeder tatsächlichen Grundlage. Es ist durchaus unrichtig, dass nach der Audienz der Jiidischnationalea beim Ministerpräsidenten Verhandlungen mit Polenkluba'bgeordneten stattgefunden haben, urtd es ist für den Ernst des Artikels bezeichnend, dass die in polnischer Sprache geleistete Angelobungsformel des Abg. Gabel als Kapitalverbrechen qualifiziert und für eine Argumentation, die um jeden Prelis eine polenfreundliche Haltung der Zionisten heraustiftdn will, ausgeschrotet wird. Die Unaufrichtigkeit, die diesen zum Vorwurf gemacht wird, hat dem [athenischen Artikelschreiber die Feder geführt. Die Mitglieder des Jüdischen Klubs haben durch nichts in ihren parlamentarischen Handlungen und Entschlüssen den Vorwurf eines unaufrichtigen Verhaltens gegen den Ruthenenklub gerechtfertigt. Sie haben stets loyal und offen die Politik demokratischer Abgeordneter befolgt und waren ohne Preisgebung politischer oder nationaler jüdischer Interessen bisiier in der Lage, mit den Ruthenen solidarisch vorzugehen. Im „Dilo ‘ wird aus Couloirtratsch und künstlich konstruierten Missverständnissen ein Gegensatz erdichtet, der in Wirklichkeit nicht existiert. Die Kritik, die im jüdischen Lager laut geworden ist, ist hauptsächlich auf Verhältnisse zurückzuführen, die ausserhalb des Parlaments liegen und mit der parlamentarischen Tätigkeit unserer Abgeordneten nicht in direktem Zusammenhänge stehen. Es ist eine unzweifelhafte Tatsache, dass in Galizien Unzufriedenheit unter vielen Parteigenossen herrscht. Aber sie entspringt nicht so sehr der vom Jüdischen Klub eingeschlagenen parlamentarischen Taktik als dem Bedauern, dass, die politische Orgairisationsarbeit im Lande nicht mit jbner Energie und Intensität in Angriff genommen wurde, a's es notwendig, wünschenswert und möglich wäre. Wier von einem viergliedrigen Klub sensationelle parlamentarische Erfolge und ■einschneidende Aeniderungen im jüdischen Leben envartet hat, ist an der Enttäuschung, die er jetzt erlebt, selbst schuld. Und wer von den Jüdischnationalen im Parlament eine Radautaktik, nichtssagende Geschäftigkeit und ermüdende Aufdringlichkeit fordert und ihnen Schwächlichkeit vorwirft, weil sie solche Wege nicht wandeln wollen, mag immerhin in der Pose des radikalen Oppositionsmannes mit seinen Nörgeleien jonglieren. Querulantenpolltljjk nützt der jüdischen. Sache nichts«. Ein mannhaftes, unerschrockenes Eintreten für gefährdete jüdische Interessen, würdevolle und energische Abwehr aller ernsten Angriffe auf die jüdische Gesamtheit, zielbewusste und zähe Aufklärungsarbeit der Öffentlichkeit im zionistischen Sinne wird innerhalb und ausserhalb des Parlamentes tiefere Wirkung üben und besseres Verständnis finden als der von mancher Seife gewünschte Tam-tam um jeden Preis, als das mutwl'lige Heraufbeschwören nutzloser Judendebatten und unwürdiger Schimpfszenen. Weder Leisetreter noch Radaumacher, weder Nichtstuer noch unsympathische Gschaftelhuber, weder ängstliche Auskneifer noch poItern|de Kraftmeier sollen die jiidischnationalen Abgeordneten sein. Es gibt in all den Dingen einen Mittelweg, der dem Jüdischen Klub und seinen Wählern nachhaltigeren Erfolg sichert. Der Jüdische Klub braucht Resonanzboden ausserhalb des Parlamentes. Ohne kräftige politische Organisation kann er nur halbe Arbeit leisten und kann seine nationale Aufgabe nicht erfüllen. Die Versammlung am 6. November hat den glänzenden Beweis erbracht, dass die Abgeordneten auch ausserhalb ihrer Wahlbezirke erfolgreich wirken und in Wien auf Hunderte arbeitsireudiger Mitarbeiter zählen können, wenn sie an der Spitze der zu schaffenden politischen Organisation der österreichischen Juden stehend sich in den Dienst der Agitation stellen. Die überzeugenden Darlegungen des Abg. Stand über die Aufgaben und Arbeiten des Jüdischen Klubs, die vortrefflichen Ausführungen des Abg. Dr. Mahler über die nationale Autonomie und die itatSohale Schule, der ernste Appell des Abg. Dr. Gabel au die national indifferenten Wiener Juden werden nicht ungehört verhallen und waren gewiss geeignet, in weitesten Kreisen über die Ziele der Jüdischen Nationalpartei aufklärend zu wirken. Wenn die Abgeordneten selbst an den Ausbau der politischen Organisation schreiten, im Westen und Osten des Reiches mit gleicher Energie urtd Ausdauer, und wenn sie die jüdischnationale Organisations- und: Agitationsarbeit systematisch durchführen, um das bei den Wahlen so erfolgversprechend begonnene Werk der Nationalisierung der österreichischen Juden fortzusetzen und zu vollenden, dann werden sie die Unzufriedenheit, die hier und dort aufgetaucht ist, am raschesten bannen und sich den festesten Rückhalt schaffen. Ein Jüdischer Klub ohne Parteiorganisation! ohne organisierte Anhängerschaft, ohne durchgreifende wirtschaftliche und' politische Kleinarbeit ist wie das berühmte Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehlt .... Allerlei. Die Erweiterungsbauten der Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg geben nunmehr ihrer Vollendung entgegen. Statt der bisherigen 11 sind es nunmehr 31 Pavillons, die 4000 bis 5000 Auswanderern gleichzeitig Unterkunft bieten. Getrennt von den Unterkunftspavillons liegen die Wirtschaftspavillons mit ihren gewaltigen Speisesälen und den geräumigen Küchen. In den für die jüdischen Auswanderer bestimmten Küchen erfolgt die Zubereitung der Speisen nach streng jüdischem Ritual unter Aufsicht eines vom Oberrabbiner bestellten Schäumers. Dem religiösen Bedürfnisse der Emigranten dient ein jüdischer ßetsaal. Uebertritte von Juden in Berlin und Wien. Die Totalsumme der in Berlin au» dem Judentume Ausgetretenen vom Jahre 1873 ah beträgt 1874 und zwar: 1395 Männer und 479 Frauen. Das Alter der Uebertretenen ist nur in 1739 Fällen bekannt. 38% waren 20—30 alt, über 31% 31—40 Jahre. Den grössten Perzentsatz 30% lieferten die Handelstreibenden, die Arbeiter 12%. 35-88% hatten akademische Bildung. In Wien traten aus dem Judentume im Jahre 1905 577 Personen aus, darunter 308 Männer und 269 Frauen. 19 wurden konfessionslos. 283 sind zur katholischen Religion üoergetreten. Die meisten Täuflinge standen im Alter von 20—30 Jahren (226 Männer und 183 Frauen). In den letzten vier Jahren schwankt die Zahl zwischen 5ü0 und 600 jährlich. Jüdisch als europäische Sprache anirkannt. Infolge der energischen Bemühungen des Board of Deputies der südafrikanischen Juden ist es gelungen, die Regierung zu bewegen, Jüdisch als eine europäische Sprache anzuerkennen. In dem neuen Einwanderungsgesetz ist ein Passus enthalten, der als Vorbedingung für die Zulassung nach Südafrika die Kenntnis des Schreibens einer europäischen Sprache verlangt. Dieser Bestimmung ist folgender Passus zugefügt worden : .Jüdisch soll dabei als eine europäische Sprache angesehen werden.“ Eine neue hefräische Zeitung. In Odessa wird demnächst eine hebräische Wochenschrift unter dem Namen .Hatechiah“ zu erscheinen beginnen. Dieselbe soll vorzugsweise vom Odessaer Palästinakomitee subventioniert werden und die bisherige, in russischer Sprache herausgegebene „Jewretskaja Mysl“ ersetzen. .Hatechiah* soll ebenso wie ihre Vorgängerin, ihre Spalten hauptsächlich den aktuellen Fragen der Palästinaarbeit, den verschiedenen Seiten des in Palästina neu aufkeimenden jüdischen Lebens, der Förderung der Privatinitiative in Palästina und den Angelegenheiten des Odessaer Palästinakomitees widmen. Zu diesem Zwecke soll in Palästina ein ausgiebiger Nachrichtendienst organisiert und die jetzt bereits bestehenden Informationsbureaus weiter ausgebaut werden. Als Redakteur dieser Wochenschrift ist der ehemalige Redakteur des .Hazofe, Herr Ludwipol, der das letzte Jahr in Palästina zugebracht hat, aus ersehen. Nordau über den VIII. Kongress. Samstag den 2. November, abends, erstatteten die drei Kongressdelegierten von Paris in einer sehr zahlreich besuchten Versammlung ihren Rechenschaftsbericht. Nachdem Dr. Ginsberg und Dr. Marmorek gesprochen hatten, hielt Dr. Noreau eine Rede, welche wiederholt von begeistertem Beifalle unterbrochen wurde. Er sagte: Nach dem VIII. Kongresse hiess es in der jüdischen Presse, der politische Zionismus ist tot. Diejenigen, welche glauben, dass sie durch diese Bemerkung den Kongress verherrlichen, verleumden ihn in Wahrheit. Machen wir die Sache klar! Die Behauptung, dass der politische Zionismus tot ist, beruht tatsächlich auf einer Verwechslung mit dem sogenannten Herzlianismus, worunter man speziell das Streben nach dem Charter versteht. Das ist aber nicht richtg. Das Programm der Partei spricht von keinem Charter, sondern von der öffentlichen: rechtlich gesicherten Heimstätte in Palast i n a. Das ist der Grundgedanke der Bewegung. Der Charter war nur eine von den Möglichkeiten zur Verwirklichung dieses Programmes und nicht an und für sich das Ziel des politischen Zionismus. Selbst bei Herzl nicht. Herzl identifizierte sich so wenig mit der Idee des Charter, dass er vor vier Jahren mit dem Ugandaprojekte hervortrat. Die Wahrheit ist, dass Herzl, da er nicht imstande war, sein Ziel direkt zu erreichen, es auf einem Umwege zu erlangen suchte. So bedeutet Herzlianismus nicht einfach Charterismus, sondern auch Ugandismus, und dieses nicht als ein absolutes Endziel, sondern als eine Station auf dem Wege zu unserem Ziele. So kann also auch das Ugandaprojekt als politischer Zionismus angesehen werden, ohne dass seine Anhänger als Nichtzionisten angesehen werden dürfen. Das ist der wahre politische Zionismus, dessen Tod den Tod des Zionismus überhaupt bedeuten würde. Ich stimme mit Dr. Marmorek darin überein, dass der Zionismus eine nationale Bewegung ist, welche die Würde, die Solidarität, die Selbsthilfe und die Organisation des ganzen jüdischen Volkes zu erreichen sucht. Dadurch wird der Zionismus eine politische Bewegung und nicht dadurch, dass man zur grossen Freude der Liebhaber von Antiquitäten und lebenden Museen einige Juden durch künstliche Mittel in Palästina einzuschmuggeln sucht. Es wäre nicht recht, um eines Zionismus willen, der nur darin besteht, dass er lebende Musterexemplare von Juden in Palästina sammelt, das ganze jüdische Volk zu alarmieren und von ihm Opfer zu verlangen. Als ein Liebhaber von Altertümern habe ich nichts gegen ein solches Museum, aber ich erkläre, dass der Zionismus nicht auf solchem Wege darnach strebt, ein jugendlich kraftvolles und kraftbewusstes Volk zu schaffen, welches ausrufen kann: „Wir wollen nach 4000 Jahren des blossen Vegetierens als ein grosses und schaffendes Volk, als ein Volk des Fortschrittes und der Energie an der Spitze der grossen Nationen leben.“ Das ist unser Zionismus, der einzige, welcher verdient, politisch genannt zu werden. Gewisse Leute kamen nach dem Haag mit dem Verlangen, dass das Geld der Bank und des Nationalfonds für verschiedene Zwecke verwendet werden solle. Erstens zur Gründung einer Agrarbank, zweitens zum Ankäufe von Land, drittens zur Gründung von Gymnasien und höheren Schulen. Als wir von ihrem Begehren erfahren hatten, entschlossen wir uns, die Tribüne zu besteigen. Wir, die wir gewohnt sind, in den Vorräumen zu kämpfen, um Zwischenfälle und öffentliche Konflikte zu vermeiden, fassten diesmal den Entschluss, öffentlich zu erklären: „Ihr vergehet euch gegen Zion und den Zionismus, wenn ihr den Kreuzer des Volkes angreifet!“

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