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Jüdische Zeitung · 1907-11-15 · 18 (15.11.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
18 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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I Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 Grunde verfolgt, weil sie j ü d i s c h - d e m o-,. kratisch gewählt haben. Darin liegt unsere negative Tätigkeit. Sie ist gross und wert, dass ihr viel Zeit und Arbeit gewidmet werde. Aber auch viel Positives haben wir zu schallen. In erster Linie wollen wir erreichen, dass man die jüdische Nationalität anerkenne. Es ist ein Hohn auf die Kultur, wenn 12 Millionen Menschen heimatlos umherirren sollen, ohne Sprache, onne Land. Und wenn jemand dieses Recht reklamiert, nennt man ihn Reaktionär? Die jüdischen Studenten ringen seit einem Jahrzehnt um die Anerkennung ihrer Nationalität an den Hochschulen. Wir werden nie in ihrem Kampf unterstützen.Schon zeigen sichmanche Universitäten, welche nachgeben wollen, und die anderen werden es auch tun. Doch unsere Nationalität muss auch vom Staate anerkannt werden. Das ist von grösster Bedeutung. Im Jahre 1910 haben wir Volkszählung. Wir müssen trachten, dass man dabei unsere Nation ebenso berücksichtigt wie die anderen. Unsere Beteiligung an Handel, Gewerbe, wissenschaftlichen Arbeiten, Militär und Steuerleistung — alles soll statistisch genau festgestellt werden. Ich bin überzeugt, dies und manches andere hätten die Juden längst erlangt, wenn ihre Führer, die in anderen Lagern sitzen und mithelfen, sich um die jüdischen Interessen gekümmert hätten. Der nationale Gedanke durcbdringt alle Sphären. Auch die Sozialdemokraten mussten Konzessionen machen, keine opportunistischen Konzessionen, sondern solche, welche die faktische Evolution erheischt Sie anerkennen in der galizischen Sozialdemokratie eine jüdische Sektion und geben ihr Autonomie. Und wir werden in nicht langer Zeit auch eine jüdische sozialdemokratische Gruppe haben. Praktische Bedeutung für uns hat auch die Regelung der jüdischen Sprache, weil neun Zehntel der jüdischen Kaufmannschaft in Galizien und in der Bukowina sich dieser Sprache bedient. Ueber den Versuch, den Daszynski gemacht hat die jüdische Sprache lächerlich zu machen, gehe ich mit Verachtung hinweg. (Pfui!) Wir werden erklären, die jüdische Sprache ist uns heilig, weil neun Zehntel unseres Volkes diese Sprache spricht. (Beifall.) Jüdisch ist uns heilig, weil unsere Väter und Mütter so gesprochen haben, weil unsere Dichter P e r e z, Ascb, Rosenfeld in dieser Sprache von den. Leiden und Gefühlen unseres Volkes singen. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität hat heute nicht bloss praktischen Wert. Sie ist auch eine Vorstufe zu einer grossen Tat. Man spricht viel von nationaler Autonomie. Haben wir die Anerkennung der jüdischen Nationalität, so ist der erste Schritt zur nationalen Autonomie gemacht. Oesterreich kann nur geholfen werden, wenn auf Grundlage der nationalen Autonomie die nationaile Frage gelöst wird. Wenn die Völker ihre nationalen und kulturellen Fragen selbst werden regeln können, dann sind die Reibungsüächen verschwunden, dann werden auch , in Galizien drei Völker friedlich leben. Polen, Ruthenen und Juden. Das ganze modern demokratische und modern soziale Programm ist auch unser Programm. Zweijährige Militärdienstzeit, Reform des Militärstrafrechtes, Reduzierung der Arbeitszeit, Regelung der Frauen- und Kinderarbeit usw. An der Spitze dieses Programmes steht das allgemeine Wahlrecht für alle Vertretungskörper. In Galizien soll das Landtagswahlrecht geändert werden. Wir haben eine mächtige Agitation zugunsten des allgemeinen, direkten Wahlrechtes und der nationalen Kurie entfaltet. Denn die anderen Kurien haben uns nicht die Vertreter gebracht, die wir brauchen. Die Juden bilden 11 */a % der Bevölkerung Galiziens. Es gebührt uns demnach ein Viertel der Mandate, nach der Steuerkraft und der Intelligenz gebührt uns noch die doppelte Zahl. Auch im galizischen Landtag den Juden eine ihnen gebührende nationale Vertretung zu sichern, ist das nächste Ziel unserer Partei. Das sind unsere Forderungen und nächsten Aufgaben. Was hat nun der jüdische Klub getan, um dieses Programm zu realisieren? Die Tätigkeit eines Abgeordneten ist eine fünffache^ Er stimmt ab, interpelliert, stellt Anträge, spricht und interveniert bei den Behörden. An allen diesen Arbeiten haben wir uns beteiligt. Wir haben bisher immer mit den oppositionellen demokratischen Parteien gestimmt. Welch' plötzliche Rolle haben zum Beispiel die Juden im Polenklub bei der Wahl des Präsidenten des Abgeordnetenhauses gespielt! Sie mussten fern bleiben oder leere Stimmzettel abgeben. Die leeren Zettel sind ein Symbol für die Leere ihre r po 1 itischen Ge d anken. Wir haben für den oppositionellen Kandidaten gestimmt, ebenso bei allen Dringlichkeitsanträgen über die Wahlmissbräuche, den Terrorismus seitens verschiedener Behörden, die Soldatenmisshandlung, die Teuerung der Kohlen und anderer Konsumartikel, die Erhöhung der Soldatenlöhnung. Wir haben zirka 25 Interpellationen an die Regierung gestellt. Wir haben Anträge eingebracht für die gesetzliche Regelung der jüdischen Sprache und gegen die Wahlmissbräuche in Galizien, : Unsere Redner haben zwar nur zweimal in die Debatte eingegriffen, weil die grossen Klubs die kleinen majorisieren. In der Budgetdebatte und bei der zweiten Lesung des Ausgleiches werden unsere Redner programmatische Reden halten. Und was die füntte Tätigkeit anlangt, das Intervenieren bei den Behörden, so ist es unser Stolz, dass wir behaupten können: Wir brechen unter dieser Arbeitslast zusammen. Wir dürfen nicht ungeduldig werden, sondern müssen uns sagen: Was in vier Jahrzehnten verschuldet wurde, kann nicht in wenigen Monaten verbessert werden. 40 Jahre österreichischer Verfassung gingen an unserem Volke spurlos vorbei. Wir hatten nicht wie alle anderen Völker Wähler und Vertreter, die um die Interessen unseres Volkes besorgt waren. Nur unter' der Lupe, mit starkem Mikroskop, konnte man die „jüdischen* Vertreter sehen. War aber jemand so weitsichtig, dass er sie schon von der Ferne zu erblicken vermochte, so schrieen sie: „Das sind wir nicht 1“ Der gute Wille ist bei uns ganz da. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir viel zu verbessern haben im fremden und noch mehr im eigenen Lager. Die Gründung des jüdischen Klubs ist ein bedeutender, moralischer und materieller Erfolg. Wir sahen den Hohn, mit dem man uns anfangs im Parlament begegnete, und ein paar Monate haben bewirkt, dass das Wort „Jüdischer Klub “ ebenso gangbar ist wie Ruthenenklub, Rumänenklub oder Polenklub. Und die noch lachen, denen ist überhaupt nicht zu helfen. Sie sollen lachen, das ist ihre einzige politische Tat. Wir schreiten vorwärts von Sieg zu Sieg. Vier Männer können nichts erreichen, wenn sie allein stehen. Vier Männer können viel, können aUes erringen, wenn hinter ihnen Hunderttausende moderner, starker, von heisser Liebe zu ihrem Volke durchglühter Personen stehen. (Stürmischer Beifall.) Und an Euch wenden wir uns, an Euch, die Jungen, Starken, Hoffnungsfreudigen, schliesst Euch alle zusammen 1 In hoc signo vincemus! (Stürmischer, minutenlanger Beifall.) fühle mich nur sehr weitläufig verwandt mit dem Propheten Jesaia, dem König David und Jehuda Halevy. Wenn ich hebräisch spreche, will ich schön reden; spreche ich jüdisch, will ich witzig reden. Wenn ich hebräisch schreibe, zähle ich jedes Wort, wie man goldene Münzen zählt oder wie man Perlen auf einer Schnur auseinanderreiht. Ich feile an jedem Ausdruck, ich schleife jede Wendung, wie man Diamanten schleift. Ich weiss, dass das Hebräische die grosse Erbschaft ist, die einzige, die wir von hundert Geschlechtern geerbt haben und das, was wir jetzt im Hebräischen schreiben, eine Erbschaft für kommende Geschlechter bilden wird. Mit einer solchen Erbschaft nicht vorsichtig, sorgfältig und gewissenhaft umzugehen, wäre verbrecherisch. Wenn ich Jargon schreibe, kann ich die Worte nicht wie Dukaten zählen. Unwillkürlich muss man Marktsprache schreiben. Das Wort im Jargon ist nicht heilig, es ist kein Teil unserer nationalen Seele. Es fehlt die Liebe, es fehlt auch der Glaube, dass zukünftige Geschlechter unsere Worte lesen werden. Wenn ich hebräisch schreibe, habe ich vor mir grosse Muster, in mir die grosse Verantwortlichkeit und die innere Schaffensfreude. Wenn ich aber Jargon schreibe, muss ich erst ein Muster schaffen. Für wen? Zu welchem Zwecke? Ich glaube nicht, dass der Jargon unsere zukünftige nationale Sprache sein wird. Wenn ich dies glauben, sollte, müsste ich glauben, dass unser Volk ewig im Golus bleiben wird, in einem Ghetto eingesperrt und abgesondert von der ganzen Welt. Wenn ich hebräisch schreibe und mir Worte, Ausdrücke, Wendungen fehlen, werde ich nie verlegen; ich habe ja vor mir ganze Schätze in unserer alten und mittelalterlichen Literatur. Ein unerschöpflicher Wortschatz! Wohin ich mich wende, finde ich Brillanten und Perlen. Man muss nur suchen und ich suche mit Vergnügen. Ohne zu wollen, wird man Schatzgräber. Wenn ich aber Jargon schreibe und es fehlen mir Worte und Ausdrücke — und sie fehlen Schritt für Schritt, besonders wenn man Publizistisches, Künstlerisches oder Wissenschaftliches schreiben will — dann muss man die deutsche, die russische und hebräische Sprache zu Hilfe nehmen und verstümmeln. Ohne zu wollen, wird man ein Dieb an fremden Sprachen oder ein Bettler. Wenn ich hebräisch schreibe, habe ich an der Sprache eigenes Kapital. Ich muss es nur lebendig, flüssig, gangbar machen. Schreibe ich aber Jargon, muss ich bei anderen Sprachen um Almosen bitten. Wenn ich hebräisch schreibe, scheint es mir, als ob meine Gedanken im Purpurmantel, im Königskleid, im feinsten Gewände geboren werden. Schreibe ich Jargon, so scheint es mir, dass meine Gedanken, die gleichen Gedanken in Fetzen, in Lumpen, in geflickten und zerrissenen Kleidern zur Welt kommen. Schreibe ich hebräisch, kommt es mir vor, als ob ich meine Sätze aus einem Stück Gold giesse. Schreibe ich aber jüdisch, muss ich meine Sätze aus einem Mischmasch von Metallen, aus allen möglichen Schlacken formen. Wenn ich vor einem Publikum hebräisch spreche, schmerzt es mich, dass nicht alle verstehen. Wenn ich öffentlich Jargon spreche, betrübt es mich, dass alle verstehen, was ich rede. Und sehr wenige verstehen, welche Tragödie darin liegt, wenn wir oft gezwungen sind, unsere Renaissancegedanken und Gefühle in die Golushülle zu kleiden. (Aus dem Jüdischen im „Lemberger Tagblatt“.)

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