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Jüdische Zeitung · 1907-11-15 · 18 (15.11.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
18 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Zeitnn F ="■• . ~ ~ —-r Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., <färl{eDsfr»asse 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. n - — -n Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration*, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wollzeile Nr.. 11. Einzelne Nummern 20 >Heller. Ü - ~ ' ~~. u Abannementspreise: U In Oesterreieh-Üngarn: | Ganzjähr. K 10.— I halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. 9 In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frc9. 15.—. □ :■ =~ =._:_- ■ Vertretungen in der Provinz: In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek,- Graben 33. — In Lemberg: Karl Bnchstab. Bucbhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 18. Wien, Freitag, den 15. November 1907. I. Jahrgang. Gesinnungsgenossen! Die Witwe unseres verewigten Herzl, Frau Julie Herzl, ist in der Blüte ihrer Jahre einem schweren Herzleiden erlegen. Sie war die treue Gefährtin unseres teueren Führers und eine warme Anhängerin der Bewegung, der er sein Leben geweiht hatte. Ihr Hinscheiden hat in unseren Reihen tiefe Trauer hervorgerufen und einen noch kaum verwundenen Schmerz aufs neue angefacht. Wir glauben, dass wir alle unserer Verehrung für die Verblichene nicht besser Ausdruck geben können, als indem wir durch gemeinsame Stiftung eines Oelbaumhaines jm Herzlwalde ihr Andenken ehren. Mit Zionsgruss Oester r. Lande s-K o m i t e e des Verbandes „Zion.“ Oer Jüdische Klub. (Rede des Abgeordneten Stand bei der Versammlung des Jüdischen Nationalvereines am 6. November 1907.) Seit fünf Monaten haben wir einen jüdischen Klub im österreichischen Parlament. Warum mussten vier Jahrzehnte verstreichen, ehe diese historische Tatsache eintrat? Waren denn luden nicht früher Wähler, nicht auch Abgeordnete, gab es nicht ein eminent jüdisches Interesse, gab es nicht eine antijüdische Bewegung? Alle diese Argumente waren vorhanden, aber es fehlte Eines: Dieses Volk hatte nicht, wie alle anderenVölker, das nationale Selbstbewusstsein und das Verständnis, dass in der Organisation die Stärke, die Einheit liegt, obwohl alle anderen Völker sich zusammengeschlossen und national ralliiert haben. Es war kein jüdischer Klub zu sehen und doch gab es jüdische Abgeordnete. Welch klägliche Rolle spielten sie in dem alten Parlamente! Sie zogen entweder in den Polenklub oder flüchteten in die deutschfortschrittliche Gemeinbürgschaft. Sie verkrochen sich überall, versteckten ihr Judentum, auch die Reste ihres Programmes. Man spürte ihr Judentum nie heraus. Das ging 40 Jahre so. Nun ist eine grosse Umwandlung geschehen. Seit fünf Monaten besteht der jüdische Klub -tyrn .könnte “"gen: Welche Bedeütung kann denn eine kleine Gruppe von vier Personen in einem Parlament von 516 Mitgliedern haben? Ich will zuerst das Programm dieser Gruppe entwickeln. Unser Programm ist ein zweifaches: ein jüdisches und ein demokratisches. In erster Linie ist es die Durchführung der Gleichberechtigung, die endlich zur Tat werden muss. 40 Jahre hörte man fast nichts oder wenig davon, dass die Gleichberechtigung von 1867 nur auf dem P ap i er existiert. Schauen wir uns ganze Behörden an, wo die Juden keinen Eintritt haben, und wenn sie schon die Mauern durchbrochen haben, nicht vorwärtskommen! So ist es bei der Gerichtsbehörde, beim Militär, bei den autonomen Behörden! In Galizien gibt es weder im Landesausschusse noch bei den Landesbanken einen Juden! Da halten wir das Parlament für die richtige Tribüne zu sagen: Wir dienen beim Militär, wir zahlen Steuern, wir wollen gleichberechtigteBürger sein. Wenn wir Pflichten haben, wollen wir auch Rechte besitzen. Die ganze Sozialpolitik des letzten Dezenniums war gegen die Juden gerichtet. Eine ganze Reihe von Gesetzen wurde geschaffen, die den Juden ökonomisch geschwächt haben. Ich erwähne nur das Gesetz der Sonntagsruhe, das Hausiergesetz, das Salzmonopolgesetz. Sache des jüdischen Klubs wird es sein, das Wort zu ergreifen im Namen unserer Proletarier. Denn dieses Proletariat noch mehr zu proletariseren, ist antisoziale Politik im eminentesten Sinne. Die Juden, die früher gewählt wurden, hatten keine Worte für diese Kategorie von Menschen; sie sprachen für engherzige, egoistische Kahalleute, für Elemente, deren wir uns schämen müssen, für die Kohlenbarone; für die armen Juden sprachen sie niemals. Dann müssen wir gegen Bedrückungen energisch Front machen, denen jüdischoppositionelle Wähler aasgesetzt sind. Das muss ein Ende nehmen. Wir müssen die Jaden organisieren, damit sie die Möglichkeit haben, den frei zu wählen, von dem sie annehmen, dass er ihre Interessen am besten vertritt. Wir werden dagegen auftreten, dass man die Leute einzig und allein aus dem FEUILLETON. Hebräisch und Jüdisch. Von Rubia Brainin. Hebräisch rede ich, jüdich plaudere ich. Hebräisch spreche ich, weil ich will, jüdisch, weil ich muss. Jüdisch ist meine Muttersprache, hebräisch die Sprache meiner Kinder, Hebräisch liebe ich und Jüdisch hasse ich nicht. In der hebräischen Sprache spüre ich Erdgeruch und fühle ich den Geist von Erez-Israel, wo sie entstanden und zur vollsten Entwicklung, zur schönsten Blüte gelangt ist. Im Jüdischen fühle ich den Dunst und den Geschmack des Golus. Wenn ich hebräisch spreche, bin ich stolz auf den Klang, auf die Schönheit und Kraft, auf die Feinheit, Zartheit, Klarheit und Eleganz unserer Sprache. Wenn ich jüdisch spreche, schäme ich mich nicht. Ich schäme mich dessen nicht, denn “viele Millionen meiner Brüder sprechen diese Sprache. Aber ich bedaure es. An der hebräischen Sprache liebe ich die Poesie, die Gedanken, die Kürze und Sehärfe. Am Jüdischen liebe ich den Witz, die echt jüdische Bitterkeit und den versteckten, verstohlenen Humor. (Wenn Ihr wollet, Galgenhumor.) Hebräisch ist für mich die Blumensprache. Es duftet daraus wie Rosen Jerichos und Lilien Sarons. Mir scheint, wenn Blumen reden könnten, sie würden nur hebräisch reden. Und wenn Lilien träumen — ich wette — sie träumen nur hebräisch. Wenn man aber jüdisch spricht, glaube ich stickige Ghettoluft zu fühlen. Jüdisch ist gepfeßert, gesalzen. Es ist Geschmacksache. Ich liehe Blumengeruch; andere lieben Pfefiergeschmack. Wenn ich Kinder hebräisch schwatzen, qebrälsch spielen und singen höre, glaube ich über meinem Haupte den unvergleichlich schönen Himmel Palästinas zu sehen, glaube den Jordan rauschen, sein Wasser plätschern zu hören. Wenn ich höre, wie jüdische Kinder im Jargon spielen, Jargon singen, glaube ich das Rasseln unserer verrosteten Sklavenketten zu vernehmen. Wenn ich höre, wie unsere Jugend hebräisch spricht, debattiert und singt, sehe ich vor mir unsere zukünftigen Kämpfer; dann glaube ich an die Verwirklichung unseres grossen Ideals, dann habe ich einen Vorgeschmack unserer grossen Zukunft. Wenn ich aber unsere Jugend jüdisch reden höre, dann überkommen mich sehr bittere Erinnerungen. Es schweben vor meinen Augen sehr dunkle traurige Bilder aus dem Golusleben. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken. Unser Land hat man uns mit Gewalt entrissen, wir haben aber wie Helden gekämpft und den Boden mit unserem Blute getränkt; unsere Sprache haben wir durch eigene Schuld verloren, uns selbst von ihr losgesagt. Es ist einsehr trauriger Gedanke, ich werde rot vor Scham, wenn ich daran denke. Ihr werdet behaupten, dass ich eine zu üppige Phantasie habe. Möglich. Ich beneide die Menschen nicht, welche keine Phantasie haben. Wenn ich hebräisch spreche, fühle ich mich an Geistesschätzen reich, fühle ich mich als Träger einer alten Kultur und empfinde, dass die erhabene Sprache unserer Vorfahren, unserer besten nationalen Dichter und Denker in meinem Munde lebt; spreche ich aber Jargon, dann fühle ich mich losgerissen von meiner grossen Vergangenheit,

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