Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 17 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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heutigen Tag wird noch ein grosser Teil des Getreides für den Verbrauch der Landbevölkerung auf der uralten Handmühle gemahlen, aber die modernen Dampfmühlen (neuerdings auch solche mit Sauggasanlage) kommen mehr und mehr in Aufnahme. Das MüUereigesehäft ist eine der lukrativsten Industrien, der aueh noch andere lohnende Erwerbszweige angeschlossen werden können (z. B. Graupenmühlen und Makkaronifabrikation. — In den Städten werden übrigens manchmal zur Ausnützung des überschüssigen Dampfes Warmwasser-Badeanstalten mit den Dampfmühlen verbunden). — Sehr vorteilhaft wäre eine Organisation jüdischer Miilrlenbesitzer, zwecks Vermeidung von Preisunterbietungen, zum gemeinsamen Bezug von Heizmaterialien usw., zum gemeinsamen Engagement eines Mechanikers, für den Verkauf von für eigene Bec-hnung gemahlenem Mehl usw. usw. Der in Palästina vielfach noch äusscrst geringe Arbeitslohn wird zur Etablierung von Hausindustrien ermutigen. Die Strumpf- und Trikotagestrickerei, die Spitzenfabrikation, die Stickerei, die Perlmutterknopfinclustrie, die Herstellung von Touristenartikeln und kunstgewerblichen Gegenständen orientalischen Charakters können viele Tausende von Händen beschäftigen und würden vielfach auch als Nebenbeschäftigung für die Kolonisten und Koloniearbeiter in Betracht kommen. Die letztgenannten beiden Industrien geben jetzt schon in Damaskus und Bethlehem vielen Tausenden von Familien Brot, und abgesehen von der grossen Arbeitsgelegenheit, die sic bieten, sind es aueh für die Unternehmer sehr lohnende Geschäfte. Der Absatz und die Ausfuhr dieser Artikel geht in die Millionen und steigt gerade in den letzten Jahren rapid. Dabei sind die Erzeugnisse dieser Industrie noc-h recht roh und wenig den praktischen Bedürfnissen europäischer Käufer angemessen. Ohne an Originalität zu verlieren, könnten sic besser gearbeitet und mehr dem Geschmack der Käufer angepasst werden und würden dann einen immer bedeutenderen Absatz finden. Zur Frage der Industrie' gehört aueh in gewissem Sinne das Geschäft, das in der Beschaffung und dem geeigneten Vertrieb von Maschinen liegt, und schliesslich sei hier noch eines handelsmässigen Vorgehens gedacht, das in manchen Fällen berufen sein dürfte, der Industrie den Weg zu ebnen. Dieses Vorgehen besteht darin, nach Möglichkeit das Einfuhrgeschäft solcher Industrieartikel zu monopolisieren (sei es auch unter manchen Opfern), die sieh zur späteren industriellen Herstellung im Lande eignen. Vielfach wäre es riskant, gleich von Anfang an — bevor noch der Absatz genügend gesichert erscheint — in grösserem Massstabe zu fabrizieren, und der Anfang im kleineren Massstab verbietet sich ebenfalls in manchen Fällen, weil eben eine Fabrikation unter einem gewissen Umfang von vornherein unrentabel wäre. — filier ist der Umweg über den Einfulvrivandel ein geeigneter V eg. Ist erst die Einfuhr solcher Artikel in genügendem Masse in der Hand des künftigen Fabrikanten zentralisiert, so kamt mit grösster Sicherheit des Absatzes die eigene Fabrikation begonnen werden. Speziell eignet sich ein derartiges systematisches Vorgehen für gesellschaftliche Unternelnmungen, die sowohl Handel wie Industrie in ihrem Programm haben, oder — wenn auf eines von beiden spezialisiert — über entsprechende Verbi ndungen verfügen. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, wie günstig die Industrie in bezug auf Kegicrungsabgaben gestellt ist. Solche existieren niimlieli überhaupt nicht. Die Steuerlast im türkischen Reiche liegt fast ausschliesslich auf der Landwirtschaft. Industrie und Handel als solche werden nicht besteuert. Dagegen war der allgemein gültige türkische Importzoll von S Prozent in vielen Fällen zu gering, um (trotz der Frachtspesen) eine Industrie im Lande aufkommen zu lassen. Dieser Zoll ist im Juli 1907 endlich wenigstens auf 11 Prozent erhöht worden. Auf alle Fälle schon eine Verbesserung und hoffentlich nur der erste Schritt zu weiteren Vorteilen. Uebrigens haben die wenigen Deutschen im Linde**) schon längst die Vorteile der Industrie erkannt und danach gehandelt. So halien sie allein in Süd-Palästina (Kousularbezirk Jaffa) : eine mechanische Werkstatt und Kisengiesserei,* * *) eine Eisfabrik (mit Maschine von 46 Pfeidekrä ften), eine Fabrik für Baumaterialien ans Zement und Sand, eine Makkaronifabri k. zwei Weinkellereien in Sarona und neun Getreidemühlen! Zieht man hier in Betracht, d-ass im Konsulatsbericht Jaffa die Deutschen nur etwa 750 Seelen zählen,****) so sollte das wohl zu denken geben. ”*) Im ganzen etwa 1610 Seelen oder gerade 2 "a der jüdischen Einwohnerzahl. ***) Mit zirka 40 Arbeiter — darunter etwa fa 10 Deutsche und Juden, der Rest Araber. *“**) In Jaffa 350, in Sarona 270 und in Wilhelma 100. — Rest vereinzelt. Briefe aus Galizien. V. Das Protektions-Unwesen. Das Golus hat bei uns eine sonderbare Art von Wohltätern gezeitigt. Ihr Stammbaum ist sehr alt und reicht bis ins tiefe Mittelalter hinein. Auf den blutgefärbten Blättern unserer Geschichte begegnen wir immer wieder der Figur des Hofjuden, des Günstlings, der dazumal meist allein der Repräsentant der Juden war. Die Gestalt dieses Juden überlebte die ganze mittelalterliche Leidenszeit und erhielt sich, nach vielfachen Abstufungen und Metamorphosen, natürlich in einer ganz veränderten Form, bis auf den heutigen Tag. Die ersten sogenannten Hofjuden allerdings waren treue Söhne ihres Volkes, für das sie sich gewissermassen verantwortlich fühlten. Sie walteten deshalb ihres Amtes mit einer Selbstlosigkeit und Aufopferung, die kaum ihresgleichen hatte. So wachten sie wie wahre Schutzengel über ihren bedrängten Brüdern. Dieses Hofjudentum, das seinen Ursprung in Spanien und in Deutschland hatte, verpflanzte sich bei der Einwanderung der Juden in die Länder Polens hierher und fand hier den richtigen Nährboden. Unter der Patronanz des tatenscheuen, arroganten polnischen Adels kam das Hof- oder Hausjudentum zur vollen Blüte. Denn gerade das aufgeblasene, stolze Wesen des polnischen Edelmannes, der gleichzeitig unbeschränkter Selbstherrscher in seinem Gebiete war, erheischte ein von der gemeinen Bevölkerung abgesondertes, vom Kastengeist beherrschtes Leben und daher war die Vermittlerrolle des geistig fähigen und durchschnittlich intelligenteren Juden sozusagen eine psychologische Notwendigkeit. Der Jude stand zwischen dem Adel und dem Volke. Mit der Einschränkung der politischen Macht des Adels begann naturgemäss auch der Einfluss der Hausjuden zu schwinden und je mehr diese Stellung ihre Wichtigkeit verlor, desto niedrigere Charaktere und desto zweifelhaftere Individuen begannen sich in ihre Reihen einzuschmuggeln. Die Bedeutung dieser einstmaligen Führer des jüdischen Volkes sank auf ein Minimum herab und mit dem Beginne der konstitutionellen Aera, als die Stände ihre politische Macht vollends einbüssten, war nur ein elendes Makiertum übrig geblieben, das seine günstigere Stellung für egoistische Zwecke zum Schaden und auf Kosten seiner Konnationalen zu verwerten suchte. So ist diese Klasse im Laufe der Jahrhunderte, aus einer Elite wirklicher Wohltäter und Bekann; sagten doch schon längst unsere Weisen: „Allbekanntes bedarf keiner näheren Beweise“. Ich stelle sonach den „Antrag“ — und bitte denselben anzunehmen — dass es uns sehr schlecht ergeht, da wir von der schrecklichen Kälte geplagt werden.“ Mein Antrag wurde einstimmig angenommen. Ich tat einige Schluck Wasser (nach dem ersten Reden schickt sichs nicht, die Glocke zu schwingen, wohl aber Wasser zu schlucken) und sprach weiter: „Meine geehrten Herren! Was kann eigentlich gegen Kälte unternommen werden? Welcher Rat, welche Mittel, welche Pläne? Ich glaube, der einzig richtige Rat wäre, dass ein jeder von uns einen Ofen besitze. Ich kann es logisch beweisen : Da es ohne geheitzten Ofen kalt ist, während ein geheitzter Ofen warm macht, so ist daraus zu schliessen, dass, wenn ein jeder einen geheitzten Ofen besässe, ihm auch warm wäre. — Hat jemand was dagegen einzuwenden? Will vielleicht jemand einen „Antrag“ stellen, zur Geschäftsordnung“ sprechen oder eine „sachliche Bemerkung“ machen?“ Alles schwieg einstimmig. Ich tat wieder ein Schluck Wasser und klingelte — beides zusammen — sagte das Wörtchen „zur Geschäftsordnung“ und setzte fort: „Meine sehr geehrten Herren! Was ist denn eigentlich ein Ofen? Ein Ofen, das ist ein Gegenstand, welcher aus verschiedenen Materialien angefertigt werden kann: aus Lehm, aus Ziegeln und dergleichen. Wer diese Materialien besitzt, dem wird es sicherlich sehr leicht sein, sich daraus einen Ofen anzufertigen. Was aber beginnen wir, da wir diese Materialien nicht besitzen? Wir müssen also verwenden, was wir in Ueberfluss haben. Und da wir viel Butter unser eigen nennen, so stelle ich den Antrag, dass wir Oefen anfertigen aus . . .“ „Aus Butter“ — schloss ein Alter und lachte laut auf. Ich schwang sofort die Glocke und entzog ihm das „Wort“. „Ochs, Pferd, Esel, Chelmer!“ schrie ich ihn an. „Welche Dreistigkeit, welche Unverschämtheit! Es wäre wohl recht, dass auch wir unsere Oefen aus denselben Materialien anfertigen, wie die anderen. Da wir aber über solche Materialien nicht verfügen — so müssen wir notgedrungen verwenden, was wir besitzen. „Man muss sich strecken nach den Decken“, sagt ein bekanntes Sprichwort. Wir besitzen keine anderen Materialien, Butter hingegen in Mengen — so ist es klar, dass wir verwenden, was wir besitzen.“ Lärm, Unruhe. Die jungen Leute stehen durchwegs auf meiner Seite. Nur Oefen anfertigen. Der Mensch muss was tun; das Nichtstun wird uns sicherlich nichts bringen; soll die Welt sich wenigstens überzeugen, dass auch \v i r was unternehmen, dass auch w i r was bedeuten. “ — Die Alten dagegen widerstrebten mir. „Wozu denn all unser Tun, wenn es nicht von Dauer sein kann? Wozu Oefen aus Butter anfertigen, da sie doch endlich schmelzen? Wozu eigentlich sich selbst täuschen?“ „Wir wissen es aus der Praxis“, meinten sie, „dass Butter schmilzt, ergo schmelzen endlich unsere aus Butter angefertigten Oefen.“ „Jawohl, aber die unerträgliche Kälte!“ schrie ich im Tone der Entrüstung. „Aber die Oefen aus Butter schmelzen doch endlich“, entgegneten sie. „Wollen sie also in Abrede stellen, dass es kalt ist? Wollen sie unsere Bürger erfrieren lassen?“ „Bewahre! Aber wozu Projekte aus Butter, die so wie so schmelzen?“ „Esel!“ schrie ich zornig, „kalt ist es