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Jüdische Zeitung · 1907-11-08 · 17 (8.11.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
17 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 Schützer ihres Volkes zu einer Clique von Verrätern und Strebern herabgesunken. Jetzt fühlen wir bereits den schädlicnen Einfluss dieser Clique und kämpfen, vorläufig leider noch vergebens, gegen ihn. Besonders rührig ist ihre Wühlarbeit in dem noch kulturarmen G.tlizien. Die höheren, einflussreichen Persönlichkeiten des Landes, bekanntlich Angehörige der polnisch-aristokratischen Kreise, sind meistens von solchen Kreaturen umgeben, die aus schnöder Gewinnsucht und Eitelkeit zu jedem Verrat an ihrem Volke bereit sind. Sie werfen sich eigenmächtig zu Führern der Juden auf und gerieren sich als ihre Wohltäter. Diese Lüge aber und Heuchelei, dieses Protzen mit „Wohltaten“, die nur Einbildung sind, erhöht noch bedenklich das Gefährliche dieses Hausjudentums, denn der gleissnerische Glanz solcher Talmi-Wohltäter betört leider die breiten Massen der Juden, die noch nicht zu jener Stufe politischer Pieife gelangt sind, um hinter der schönen Humanitätsmaske die wahre hässliche Fratze des Verräters zu erkennen. Es ist nicht notwendig, einzelne Figuren dieser Juden zu schildern. Sie sind noch aus den letzten Reichsratswahlen in jedermanns frischer Erinnerung. Um aber zu zeigen, bis zu welchem Grade von Zynismus und Brutalität, bis zu welcher jesuitischen Skrupellosigkeit sich dieses Pharisäertum erniedrigt hat, will ich hier als Beispiel eine kleine Episode aus der letzten Wahleampagne anfübren. Höret also und staunet: „Im September v. J. wurde ein Städtchen in Ostgalizien von einer furchtbaren Feuersbrunst lieimgesucht. Von der Katastrophe wurden zirka 150 ärmere jüdische Familien betroffen, welche brot- und obdachlos geblieben sind. Eine sofort eingeleitete Hilfsaktion konnte bei der Grösse des Unglückes kaum die momentane Not etwas lindern. Um aber den Unglücklichen den Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser zu ermöglichen, musste auch die Regierung hilfreich eingreifen und sie spendete für die Abbrändler einen Betrag von 25.000 Kronen, der im Mai 1. J. zur Verteilung kam. Zwecks einer gerechten Verteilung dieser Unterstützung unter die am schwersten Beschädigten, wurde aus der Mitte der Abbrändler ein Komitee gewählt, das der Kultusgemeinde einen Verteilungsplan vorzulegen hatte, auf Grund dessen das Geld zur Auszahlung gelangen sollte. So wäre alles in bester Ordnung gewesen, wenn nicht die Flut des allgemeinen Wahlrechtes und die bewegten Mai wählen dazwischen gekommen wären. Die armen Abbrändler mussten erst acht Monate nach der Katastrophe die bittere Erfahrung machen, dass nicht nur ihre Häuser und Habseligkeiten ein Raub der Flammen geworden sind, sondern dass ihnen auch ihre politische Freiheit geraubt worden sei. Die kriecherische Kahal-Clique, die ein eigennütziges Interesse daran hatte, dass der unbeliebte allpolnische Reichsratskandidat durchdringe, schmiedete sich aus dem Gelde der Obdachlosen gegen die politisch noch Unabhängigen eine Waffe, die sie auf unerhörte Weise zu führen wusste, um die Widerspenstigen gefügiger zu machen. Das Verteilungskomitee war nämlich so unvorsichtig, für die Höhe der zu gewährenden Unterstützung nur die Grösse des Unglückes und die dringende Notlage als Massstab anzuwenden. Diesen ungeheueren Fehler mussten selbstverständlich die nach oben schweifwedelnden Kahal-„Moschkos“ korrigieren und taten es auch, und zwar in der einfachsten Weise, indem sie den ihnen vom Komitee zugestellten Plan eigenmächtig umarbeiteten und ihren Zwecken uienstbar machten. Die allpoluischeu Agitatoren, auch die Vermögenden, die den Urandschaden leicht verschmerzen konnten, wurden reichlich beschenkt; die „Oppositionellen“ aber, mochten sie noch so bedürftig sein, sind trotz ihrer Obdachlosigkeit leer ausgegangen.*) Die Affäre entfesselte in dem Städtchen einen Sturm der Entlastung und der „Obermoschko“, zufällig ein „Kohen“, dessen „Priesterschaft“ aber bestritten wird, glaubte befürchten zu müssen, dass ihn die erbitterten, um ihre Unterstützung gebrachten Abbrändler im Spenden seines priesterlichen Segens während der letzten Feiertage verhindern würden. Er erbat sich daher den Schutz der Gendarmerie bis ins Gotteshaus und so erlebte man dort das seltsame Schauspiel eines feiertäglichen Gottesdienstes unter Gendarmerie - Assistenz. Der edle „Wohltäter“ aber hatte die Genugtuung, dem Volke, allerdings unter dem Schulze des Bajonetts, seirnn.Segen „spenden“ zu können.“ Solche Auswüchse sind nicht vereinzelt und müssen schonungslos ausgeroltet werden. Den verkappten Verrätern muss die Larve vom Gesichte gerissen werden, damit die nackte Grausamkeit sichtbar werde. Es ist schon die höchste Zeit, dass diesen Schä¬ *) Für alles hier Angeführte stehen mir ausführliche Daten und Beweise zur Verfüaung. Da aber die Sache noch ein g-richtliches Nachspiel haben wird, will ich vorerst das Resultat ab warten und werde erst in einem späteren Zeitpunkte darauf zurückkommen, um die Angelegenheit eingehender zu besprechen. digern des Judentums das Handwerk gelegt werde. Es kommen wohl vereinzelte Fälle vor, dass von solchen Protektionsjuden auch etwas Gutes für irgend ein Individuum oder eine Gemeinschaft erschlichen wird. Aber wir wollen auch dieses Gute nicht, denn es kommt vom Schlechten und ist doch nur ein Köder, um uns in die ewige Sklaverei liineinzulocken. Wir warnen daher: Timeo Danaos et dona ferentes! Treiben wir keine Hintertreppenpolitik! Schleudern wir diesen Vampyren lieber ihre „Wohltaten“ mit Verachtung ins Gesicht und verkaufen wir ihnen unser Gewissen nicht! Unser Kampf soll mit offenem Visier ausgefochten werden. Für das Unrecht, das einem Einzelnen geschehen ist, soll nicht mehr die Protektion eines Einzelnen angerufen werden, sondern die Gesamtheit des jüdischen Volkes soll dafür einstehen. Nicht die Schlachzizenmakler, sondern die offiziellen Vertreter des Gesamtjudentums sollen in jedem einzelnen Falle auf geradem, gesetzlichem Wege Remedur verlangen. Dann wird das Protektionsunwesen ein Ende nehmen und das an einem Krebse laborierende Judentum wird auch nach der unvermeidlichen Operation gesunden. ... m . .. r Die Landeskonferenz der galizischen Zionisten. (Zweiter V e r h a n d 1 u n g s t a g). Dr. B r a u d e schlägt im Namen der Kommission die Annahme des allgemeinen Grundsatzes vor, dass alle bisherigen Institutionen, ihre Kompetenz und ihre Pflichten unberührt bleiben, insoferne sie nicht von der Konferenz beschränkt oder geändert wurden. In bezug auf die Kompetenz und die Aufgaben des neubegründeten Zentralkomitees haben folgende Normen zu gelten. Zu den Rechten und Pflichten des Zentralkomitees gehören: 1. Die Vertretung der zionistischen Organisation nach aussen wie innerhalb aller Zentralbehörden und Parteiinstitutionen. 2. Die Oberleitung und Kontrolle der Agitation und Organisation. 3. Die Aufsicht über die zionistische Presse und über die kulturellen zionistischen Institutionen in Galizien. 4. Die Aufsicht über die Durchführung der Kongressbeschlüsse und der Verordnungen der zentralen Paiteibehörden. doch, Oefen müssen w.r haben und sie besitzen noch die Dreistigkeit sich dagegen auszusprechen?!“ Ich klingelte heilig und begann feurig auseinanderzusetzen, erstens, dass es kalt ist; zweitens, dass wir Butler besitzen; drittens, dass schon das Tun an und für sich den Menschen erwärmt; viertens, dass selbst Butler, wenn sie gehärtet wird, von Dauer sein kann; fünftens, dass wir Vertrauen haben müssen, es kann ja auch der Falt sein, dass unsere Butter nicht schmilzt; sechstens, dass doch unsere Arbeit keinesfalls schaden kann; sagten doch unsere alten Weisen: „Wenn es auch nicht nützt — so schadets doch nicht“ . . . „Bravo!“ erscholl es aus dem Munde <ler Jungen. Die Alten liessen die Köpfe hängen. Selbstverständlich wurde mein Projekt angenommen. Wozu denn eigentlich sich näher auslassen? Die jungen Leute setzten sich eifrig ans Werk. Tag und Nacht wurde eifrig gearbeitet — und die Oefen aus Butter wurden fertiggestellt. Schliesslich soll noch einer kleinen Kuriosität Erwähnung getan werden. Als die Oefen bereits f. rtiggestellt waren und man sie zu beheizen begann — fingen sie I langsam zu schmelzen an. Aber wir haben doch das Bewusstsein, dass wir das Unselige getan haben. Wir laten alles, was in unserer Macht lag . . . Inzwischen beauftragen wir auch einige Architekten, dass sie der Sache auf den Grund gehen und herausfinden, weshalb denn eigentlich bei uns alles schmilzt und keine Dauer hat. Eine Ursache muss es doch geben! Und ein grosser Gelehrter arbeitet bereits an einem diesbezüglichen Werke, um die eigentliche Ursache herauszufinden. Die Alten meinen zwar, wozu nach Ursachen suchen? Hatten wir doch gleich gesagt, dass es so enden werde. Wird was aus Butter verfertigt, muss es unbedingt schmelzen. * * Uni darin besteht das Unglück der Juden, dass sie alles butterig machen. Alle unsere Projekte, alle unsere Unternehmungen, all unser Tun und Lassen ist butterig. Unsere Kultusinstitution, unsere Schulen, unsere Vereine, unsere Existenzmittel, ja unsere ganze Lebensweise — nichts als Butter. Wir tun alles nur, um uns selbst zu täuschen, um uns einzubilden, als ob wir was getan hätten , . . „und sie assen“, heisst es in der Bibel von den Engeln, die unserem Stammvater Abraham erschienen, wozu die Kommentatoren, die Erklärung geben: „und sie taten so, als ob sie essen würden.“ Auch wir tun so, als ob wir essen würden, wir bewegen den Mund, damit wir uns selbst einbilden, wir essen. Kann uns eine solche Einbildung sättigen? . . . Ich hingegen behaupte: Ihr dummen Juden! Ihr unglücklichen Juden! Wollt Ihr nicht begreifen, dass es uns kalt ist? Ach, wie kalt mir ist! Allerlei. Eine neue Bibelausgabe. Unser Gesinnungsgenosse Maler E. M. Lilien arbeitet jetzt in seinem Atelier zu Potsdam an der Illustrierung der Bibel, die in sechs grossen Bänden herausgegeben wird. Der erste Band wird schon heuer um die Weihnachtszeit erscheinen. Lilien übernahm diese Arbeit auf Bestellung einer Stuttgarter Verlagsbuchhandlung, die ihm dafür 24.000 Mark Honorar bezahlt. Dia luden in Hassan. Nach einer statistischen Arbeit Dr. Artur R u p p i n s über die Juden im Grossherzogtum Hessen, wohnten in hessischen Ortschaften unter 2000 Einwohnern 1828 23.367 uud 1905 14.072 Juden, also eine Verminderung um 66°/„. Während 1828 noch fast zwei Drittel aller Juden Hessens in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern I lebten, traf dies im Jahre 1905 nicht mehr für 1 ein Drittel zu. WMfäm'SmBto&BeS

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