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Jüdische Zeitung · 1907-11-08 · 17 (8.11.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
17 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 teu kouulen. Der Hass aber, der auf der Gegenseite durch diese Herrschaft geschürt wurde, richtete sich weder gegen Kahaljuden, die an den Polen genügende .Rückendeckung fanden, noch gegen die Polen, die ja die Verantwortung auf andere ahwiilzen konnten, sondern gegen die am meisten unschuldigen: gegen die jüdischen Hassen. Das A7olk hat also in den aus seiner Mitte hervorgegangenen Bürgermeistern nicht moralische Fürsprecher und Anwälte seiner wirtschaftlichen und kulturellen Interessen gefunden, sondern wurde der Sünden bock nnd der Hitschuldige an der Korruption. Was sonst ein Segen hätte werden können. ist hier ein Fluch geworden. Die grosse H acht, die in den Händen dieser Bürgermeister liegt, konnte man bei den jüngst durehgeiuhrten Wahlen ermessen, wo sie sieh mit der polnischen Scldachta nnd deren Hatisjüden gegen das jüdische Volk verbündet haben, tun dessen Willen zu knebeln und es seiner Beeilte zu beraubeu. Das muss anders werdeu. Der Kampf gegen diese Bürgermeister müsste auf der ganzen Linie auf genommen werden und auf diese .Stühle sollten Männer gesetzt werden, die aus der Mitte des Volkes hervorgegangen sind und auch dessen Kochte wahrzunehmen..wissen. Dann wären aber die jüdischen Städtemajoritäten für alle Juden des Landes eine Quelle der Macht und sowohl die Polen als auch die Regierung müssten angesichts dieses organisierten Ballens des Volkes in anderer Weise auf die wirtselial'tliehcn, politischen und kulturellen Forderungen der Juden eingehen, als sie cs bisnun getan haben. O s k a r Kessler. Brief aus der Bukowina. Czernowitz, Mitte Oktober 1907. Scherzweise wird, unser lvronland „Paläsiina" genannt, weil sieh unsere Juden im allgemeinen einer grösseren Selbständigkeit und politischen Achtung erfreuen als irgendwo in Europa. In dem Völkergemisch von Butbenen, Rumänen, Polen, Deutschen, Magyaren und anderen kleineren Stämmen bilden die wirtschaftlich höher stelicnident vornehmlich die! Städte bewohnenden Juden einen entscheidenden Faktor in den- Politik des Landes. Dies wird noch dadurch begünstigt, dass sie einer einzigen Partei angeboren: der jüdischen. Denn mögen sie Sozialdemokraten, Zionisten, Jüdischnationale oder Chassidim sein, nie würde es ihnen einfalJeu, ihr jüdisches Volkstum im gesellschaftlichen oder politischen Lehen zu verleugnen. Dies zeigt sieh besonders bei Wahlen in die verschiedenen Vertretungskörper, in welchen die Juden überall ihre Abgeordneten haben. Die geistige und auch tatsächliche Leitung aller Aktionen innerhalb des jüdischen Lebens fällt der zionistischen Partei zu. Trotzdem würde man fehlgehen, wenn man behaupten wollte, dass der Zionismus in der Bukowina sehr verbreitet ist. Allerdings sind andere Parteien noch bei weitem schwächer als die zionistische, die eben nur intensiv zu arbeiten hätte, um den grössten Teil der unbewussten Nationaljuden des Landes unter ihrer Fahne zu vereinigen. Ernstlichen Widerstand würde sie höchstens bei den Wiinderrabbis des Landes finden, deren Einfluss bedeutend ist. Um die gesamte Judenhcit des Landes bewusst national zu machen, ist cs gerade in unserem Lande geboten nnd möglich, Realpolitik zu betreiben, deren Werbekraft gewiss nic-ht verfehlen würde, unsere Anhänger zu vermehren. Dies hat auch der letzthin stattgefundene Distrikstag eingesehen und die Gründung von Volksbanken und die Reorganisation des hebräischen Unterrichtes beschlossen, der bei uns — wie es ihm Osten schon einmal gang und gäbeist — systemlos von unfähigen „MelamdinU in unhygienischen Lokalen (Ghedarim) erteilt wird. Die vom Distriktstage gewählte Schulkommission hat ihre Aufgabe sehr ernst aufgefasst und schon nach einigen Wochen ihres Bestehens erhebliche Erfolge zu verzeichnen. Der in Czernowitz bestehende hebräische Sprachverein „Safa b'rurah4*' hat sowohl in Czernowitz als auch in Waszkoutz, Storozynetz und Räcknitz hebräische Schulen eingerichtet. Die Eröffnung der Schule in Czernowitz war mit einer grossen Feier verbunden. Das Interesse für die Anstalt ist in allen Schichten der Ozernowitzer Bevölkerung äusserst rege. Schon nach zwei Wochen konnten dem Unterrichte beiwohnende Gäste die Erfolge bewundern, die besonders bei den Kindern von G bis 8 Jahren beiderlei Geschlechtes erzielt wurden. Die Kleinen antworten auf die hebräisch gestellten Fragen hebräisch mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als ob es so sein müsste. Man sieht da förmlich, wie eine j^p-gc. Generation, die in innerer Freiheit erzogen, mit Begeisterung auf den Wege des bewussten Nationaljudentums geführt, in eine bessere Zeit als freie selbstsichere Jungjuden hineinwächst. Besondere Erwähnung verdient das Projekt einer jüdischen Volksschule in Luzan, das vor der Verwirklichung steht. Es würde sieh verlohnen, darauf näher einzugehen, denn es stellt einen Versuch dar, wie sieh die Juden noch vor der Anerkennung des Rechtes auf ihre I Sprache eine eigene Volksschule schaffen können. Doch ist es wohl besser, zu warten, bis die Schule eröffnetist, um dann von etwas tatsächlich Bestehendem berichten zu können. Alles in allem: Die Bukowinacr Juden könnten sehr viel für die jungjüdische Bewegung leisten, sie könnten ein Kraftzentrum jüdischer Arbeit jeglicher Art darstellen; aber viel Arbeit ist nötig, um die Masse bewusst zu machen und aus der Lethargie aufzurütteln. Freilich ist es mit den idyllischen Zeiten vorbei, wo in der Bukowina kein antisemitisches Wort zu hören war. Es ist zu hoffen, dass sich die Juden zu heftiger Gegenwehr aufraffen werden. Vorläufig spuken Verganische Typen in Czernowitz herum und verkrachte Existenzen wollen ä tont prix Luogerei nach Czernowitz tragen. Ihre ersten Erfolge sind nicht die besten. Benüo w. Palästina. Industrie. Von Davis T r i e s c li. Nächst dem Handel neigen die jüdischen Kapitalisten sowie unsere Mittelklasse am meisten zur Industrie. Erst in den letzten Jahren macht sich in Palästina der Beginn einer industriellen Entwicklung bemerkbar, wenn auch vereinzelte Unternehmungen (wie die Steinsehe Maschinenfabrik in Jaffa — eine ziemlich ansehnliche Aktiengesellschaft, die auch beträchtliche Dividenden zahlt —) schon seit längerer Zeit: bestehen.*) Von manchen Industrien kann man schon jetzt mit Sicherheit Voraussagen, dass sic früher oder später kommen und gute Resultate zeitigen werden. — Als eines der wenigen Länder z. B., die sich ebensowohl für die Zuckeniibenwie für die Zuckerrohrkultnr eignen, wird Palästina sicherlich bald — imd unter den günstigsten Auspizien — zur Zuckerfabrikation gelangen. — Die Seidenindustric, die im Libanongebiet in hoher Blüte stellt, wäre auch in Palästina sehr am Platze und kann eine neue Reiehtumsquelle für das Land werden. — Die hohe Eignung des Landes für Gartenkulturen zwingt zur baldigen Inangriffnahme der KonseiTenindustrie usw. — Die hohen Frachten für schwere Waren (wie z. B. Baumaterialien) werden ebenfalls — zusammen mit dem jetzt auf 11 Prozent erhöhten Einfuhrzoll — manche Industrien begünstigen. — Grosser Ausdehnung ist auch das Müllereigesdhäft noch fähig, das schon jetzt, wenn auch nur in bescheidenerem Masse, in jüdischen Händen ist. Bis auf den *) Die Steinische Fabrik besteht seit 1890 und beschäftigt zurzeit etwa GO—70 jüdische Arbeiter. In eine Aktiengesellschaft wurde sie im Jahre 1906 ver- Peandelt. Ihre bisher 25 Aktionäre sind sämtlich in walästina ansässig. Und hat man diese Geduld, so verträgt man die Kälte den ganzen Winter hindurch, bis endlich der liebliche Frühling und nach diesem der warme Sommer kommt. Aber was nützt dies alles? Wenn der Frost unsere Glieder schüttelt, dann schüttelt er sie. Wenn unsere Zähne vor Kälte klappern — dann klappern sie und wenn jemandem das Blut gerinnt — dann nützt weder Naturforschung, noch Philosophie, noch Pilpulistik. Wir dürfen einfach unsere Nasen nicht auf die Gasse tragen, damit sie in der fürchterlichen Kälte nicht erstarren. Und zeigen wir uns selbst auf der Gasse nicht, sondern ziehen uns behutsam in unsere Gemächer zurück, auch dort macht uns die Gasse ihren unangenehmen Besuch; sie dringt ungerufen bis in unsere innersten Gemächer, sucht unsere Nasen und Gliederteile auf — dass sich der Himmel erbarme! Allein nicht dies war der wichtigste Zweck meines Erzählens. Ich wollte hier hauptsächlich von der grandiosen Versammlung, die wir vor Kurzem in Chelm halten, berichten: Die Versammlung galt der Kälte und der Butter. Ihr wisset ja schon, was Kälte ist, ebenso habet ihr schon manche Kenntnis über das Wesen der Butter; es bleibt mir nur noch übrig, hier zu erklären, was es heisst „Versammlung“. Man holt einen mit einer grünen Decke überzogenen Tisch, worauf eine Glocke gestellt wird. Neben der Glocke setzt man einen Menschen hin, der gemeiniglich „Präsident“ genannt wird; um den Tisch wieder werden Wesen hingesetzf, die man „Menschen“ nennt, dann beginnt man zu reden und zu reden, zu diskutieren, zu fragen und zu antworten, bis man zuletzt — schweigt. Und dies heisst eine Versammlung.*- Und somit hatten auch wir in Chelm unsere Versammlung. Selbstverständlich war niemand anderer Präsident als i c h. Vor allem klingelte ich mit der Glocke. Alles glotzte mich an und schwieg. Ich erhob mich und sagte : „Die Versammlung ist eröffnet! “ setzte mich nieder und sagte nichts weiter ... Ich erhob mich dann wieder und sagte mir selbst: »Ich bitte ums Wort!“ Das heisst: Ich habe Lust zu sprechen — und ich gab mir auch gleich die Erlaubnis zu sprechen. Doch darf nicht ungesagt bleiben, dass die einzelnen Vorschriften über die Leitung einer Versammlung nicht so leichte sind, wie man sie sich vorstellt. Selbst die verwickelten Einrichtungen am Sederabend, wie man mit der Sederschüssel umgeht, mit dem „Stückchen gebratenem Fleische“, dem Gemüse, dem Ei und dem Meerrettig, mit der oberen und unteren ganzen und der mittleren zerbrochenen Mazzoh manipuliert, bieten nicht so viel Schwierigkeiten als das Leiten einer Versammlung. Das Sich-Orientieren über rechts, links und Zentrum, das Sich-Auskennen in den verschiedenen Termini technici, wie „zur Geschäftsordnung“, „sachliche Bemerkung“, „Schluss der Debatte“, „Stellung eines Antrages“ und dergleichen; das Sich-Verstehen auf den passenden Augenblick, um sich von dem Sitze zu erheben und sich niederzusetzen, zu klingeln und einige Schluck Wasser zu nehmen. Dies alles bietet schier unüberwindbare Schwierigkeiten. Versteht man sich aber darauf, es nach allen Richtungen auszuführen — dann, nun dann sind sie, die Wohltaten, hierdurch der Gesamtheit erwachsen, unschätzbar. Allein dies ist nicht die Hauptsache — Hauptsache ist, dass ich gesprochen habe und also sagte : „Meine Herren! Es ist von vielen Forschern bereits festgestellt, dass Kälte kein gutes Ding ist. Ich glaube, dass niemand Anderes behaupten

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