Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 17 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438159--0181-2439678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Zeitun Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Vertretungen in der Provinz: In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczeb, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^ÜpHcnsbassc JSJf. 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. □ —. —=■ __ Abjnnementspreisa: j In Oesterreich-Ungarn: I Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland:! Ganzjähr. Mk. 10.—, I halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. j Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. ' |-|- ---□ Nr. 17, Wien, Freitag, den 8. November 1907. I. Jahrgang. Quellen der Macht. Die Ursache der wirtschaftlichen Hilflosigkeit und politischen Ohnmacht, zu der d;e duden Galiziens trotz ihrer grossen Zahl und obwohl der ganze Handel und die geringe Industrie des Landes in ihren Händen liegt und ein grosser Teil der sonstigen Intelligenz sieh aus ihrer Mitte rekrutiert, verurteilt sind, ist wohl darin zu suchen, dass sic sieh bisnun der ihnen innewohnenden Kraft nicht bewusst wurden. Von ihren Führern dazu erzogen, im Polen den Herrn über Leben und Tod zu sehen, wagten sie nicht, für sieh selbst Forderungen zu erheben und fanden für alles Elend, für jede Kränkung den eineu fatalistischen Seufzer: „Wir sind .ja im Golus“. Diejenigen aber, die in ihrem Namen ihre Stimme hätten erheben sollen, waren nur gering an Zahl und dazu noch.'.Kreaturen jener Polen, die das. grösste Interesse daran hatten, den Juden nicht aus dem Kerker politischer Sklaverei zu entlassen. Viele Jahre zionistischer Arbeit, der Not und des Elends mussten verstreichen, bis der Jude Galiziens zur Einsicht gelangte, dass Kräfte in ihm vorhanden sind, die er für sich, für sein Volk nutzbar verwenden kann. Wahre Wuuderkräfte waren es, die elementar, wie von einem unterirdischen Eener getrieben, sich auf einmal loslösten und der Welt das Bild eines aus tiefer Ohnmacht und langer Sklaverei zu freiem Lehen erwachten Volkes boten. Dieses plötzliche Erwachen kam selbst jenen Juden überraschend vor, die seit Jahren in des Volkes Witte wirken. Viel überraschender wirkte es auf die Polen, die, von ihren .Hausjuden über cn^eliiuscbk^il lesen Kraft und Energie zum .Knnfp&nfidfw ihre ..Herren“ nicht zutrauten. Und schlimmstenfalls — dachten sie — werden Bezirkspaschas und Korruption für das übrige sorgen. Alier das Wunder geschah: Zum erstenmal versagten in Galizien selbst diese Wundermittel. Für die Dauer aber ist damit nicht zu rechnen, dass ein hungerndes Volk sich jedesmal wieder zu einer solchen heroischen Tat auf raffen und abermaligen Verfolgungen aussetzen werde. Im Gegenteil: es ist zu befürchten, dass das Volk, von der Wirkungslosigkeit seiner Erhebung überzeugt, in die frühere Apathie zu rück fä! Ir. Im übrigen war sich ja die jüdischnationale Partei dessen bewusst, dass parallel mit der moralischen Erweckung auch eine Wirtschaft liehe Stärkung und politische Ausnützung der schon heute vorhandenen Kräft^ Zusammengehen muss. Täuschen wir uns nüK^egeder die Polen, noch die Legierung werden durch noch so schöne Beden von ihrem bisherigen Verhalten gegen die Juden abgelenkt werden, wenn wir nicht selbst Kräfte genug Indien, uni sic dazu zu zwingen. Alle Forderungen, die im Namen von Ethik und Moral erhoben werden, haben nur dann einen Wert, wenn materiell wirksame Kräfte sie durchführen helfen. Die Juden Galiziens befinden sich eben in der Lage, dass sie über zwei nicht zu unterschätzende politische Machtcpicllen verfügen, die, gut angewendet, mit einem Schlage das Verhältnis der Juden zu den anderen Nationen des Landes in günstiger Weise zu beeinflussen geeignet wären. Sie sind einerseits zwischen zwei rivalisierende und sieh bekämpfende! Nationen eingckt(i!t und ver¬ FEUILLETON. Butter. Von David Frischmann. Aus dem Jüdischen übersetzt von L. T. Ich selbst bin aus C h e 1 m.*) Chelm. hat nach der letzten Volkszählung 5595 Einwohner, unter welchen es bekanntlich 5594 Narren und nur einen Vernünftigen gibt. (Meine Bescheidenheit erlaubt es mir nicht, den Namen dieses einen näher anzugeben.) So oft ihr einem Chelmer begegnet und an ihn die übliche Frage richtet: »Woher seid Ihr denn?“ begreift er sofort und Ihr bekommt immer die gleiche Antwort: »Nun, so sind S i e der Vernünftige 1“ Ich hingegen, der eine Gescheidte in der Stadt, bekleide dort selbstverständlich alle Ehrenstellen. Ich bin der Stadtvorstand, Kultusvorstand, Präses aller Vereine, kurz alles in allem. Allein, nicht dies ist der Zweck meines Erzählens. Ich wollte hier eigentlich von unserem berühmten Butter handel erzählen. *) Das jüdische Schilda. Die Sache ist ganz einfach. Da bekanntlich Chelm viel Vieh besitzt (ich meine hier tatsächliches Vieh, und zwar Kühe, Ziegen und dergleichen; ich will sonst auf nichts angespielt haben), so betreiben alle Butterhandel. Von Frühmorgens bis spät in die Nacht hinein ist nichts zu hören, nichts zu sehen — als Butter. Alt und jung, gross und klein, alles, alles befasst sich mit dem Butterhandel. Schulden werden mit Butter getilgt, Gefälligkeitsdarlehen in Butter gewährt. Die Mitgift für die ausgeheiratete Tochter besteht aus Butter, Almosen — Butter. Es gibt solche Massen von Butter, dass man gar nicht weiss, was damit beginnen. Bei jedem unglücklichen Vorfälle nur Butter. Erkältung kuriert man mit Butter; bei Ohrensausen gebraucht man Butter, und kommt es einmal zu einer allgemeinen Frage, so ist das Resultat selbstverständlich — Butter. Doch nicht das war der Hauptzweck meines Erzählens. Ich wollte hier von der fürchterlichen Kälte und den hochgradigen Frösten, von denen unsere Stadt im vermögen infolge ihrer bedeutenden Zahl demjenigen den Sieg zuztisehanzen. auf dessen Seite sie sieh stellen. Anderseits könnten si>- dadurch, dass sie ihre numerische Stärke lind das ökonomische IVhergewicht in den Städten wirksam ausniitzen. einen Hebel gewinnen, um von hier aus alle Revanch gelüste der Polen zu paralysieren und unschädlich zu machen. Wenn die ostgaliziselien Städte heute einen polnischen Charakter tragen, trotzdem die autochthone Bevölkerung ruthemsch ist. dann ist es dem Umstande zttzttsehreiheii. dass die Juden sich auf die Seite der polnischen .Minorität geschlagen haben. Die Juden aber sind in den meisten Städten (Istgaliziens in der a bs o I u t e n. in vielen in der r o 1 a t i v r n Majorität. Stanisluu. Kolonien, Bttezaez. Taniopol. Brodv, Zloczow. um nur die grösseren Städte aufzuzählen, haben über 50 Prozent jüdischer Bevölkerung in ihren Mauern und in vielen kleineren Städten ist mi prozentuelles Verhältnis ein noch grösseres. Fis ist ja wahr, dass sie tatsächlich in vielen Städten die Macht an sieh gebracht halten. Aber nicht minder wahr ist es, dass diese Nimhins. Golds. Sterns. Feuersteins. Blutreich? und wie die jüdischen Bürgermeister lu issen. ihre Würden wenn nicht als Privatgeschäft, so doch niemals oder äusserst selten zum Wolde des jüdischen Volkes verwenden. Von hier aus ging die Fäulnis aus und zumeist waren es die Städte, die einen Hertl politischer Korruption und politischen Schachers bildeten. Diese Bürgermeister und ihr Gefolge waren und sind die Handlanger der Polen, die auf andere Weise Macht und kulturellen Einfluss in den Städten nicht erhalflossenen Winter heimgesucht wurde, berichten. Was die Kälte und besonders den Frost anlangt, gibts wohl keine Meinungsdifferenzen. Philosophen sowohl wie Ungläubige, ja sogar die üblichen Skeptiker, die gewohnt sind, alles Geschehene zu bezweifeln und stets das Gegenteil vom Vorgefallenen zu behaupten, müssten darüber einig werden und zugestehen, dass Kälte und Frost — Kälte und Frost sind . . . Wohl könnte man nach tieferen Forschungen nachweisen, dass die Kälte eigentlich bloss eine gewöhnliche Naturerscheinung ist, welche mit der Luft und den vier Grundelementen zusammenhängt. Ebenso würde es nicht schwer fallen, philosophisch nachzuweisen, dass die Kälte, im Grunde genommen, nur auf die verschiedenen Körperteile wirkt, nichts weiter. Bei starkem Willen aber kann man diese Wirkung wenigstens im Stillen ganz negieren, als ob es überhaupt gar nicht kalt wäre. Pilpulistisch könnte leicht herausgeklügelt werden, dass Kälte überhaupt nicht schlimmer ist als irgend ein anderes Uebel, sagen wir Zahnschmerzen. Man müsste nur die erforderliche Geduld bewahren.