Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 16 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438158--0173-2439669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 -allgemeinen demokratischen Vereinigung gewiss mitwirken, wenn — was nicht zu bezweifeln ist — die jüdische Nationalität von ihr anerkannt werden wird. Den jüdischen Aesimilanten mag es überlassen bleiben, unter dem fälschlich geführten Titel ..dentsehdemdkratisch“ deutsche Maehtpolitik zu betreiben. Ein Legat von Frs. 50.000 für den Jüdischen Nationatfonds. Wien. Gesinnungsgenosse Bä ruck Cahane aus Plojesti (Bumäniieii), Gründer des zionistischen Zentralvereins, gab in der letzteji Plenarversammlung bekannt, dass er dem Jüdischen Nationalfonds 5 0.0 0 0 Fres. testiert habe. Das Testament ■wurde seinerzeit vom verstorbenen Dr. Kokeseh errichtet. Gg. Cahäne, der auch zu anderen ’ zionistischen ZAveeken Namhaftes gespendet hat, hofft, dass sein Beispiel Nachahmung finden werde. „Selbstwehr“ in Galizien. Sanok. Vorige Woche hat vor dem hiesigen Kreisgerichte der Prozess gegen 31 Juden aus Litwinsk begonnen. Am 10. März d. J. versuchten Bauern von der ungarisch-rumänischen Grenze, welche in der Litwinsker Holzsäge als Arbeiter beschäftigt waren, einen Pogrom zu veranstalten. Die Juden begaben sieh sofort zur Gendarmerie, die aber dem Bauemhaufen nicht gewachsen war und den Juden riet, zur Selbstwehr zu greifen. Die Juden organisierten sich rasch und in den darauf folgenden Gassensehlägercien wurd/t ein-. Bauer getötet, zwei schwer und 15 leicht verletzt. Die Juden trugen bloss geringfügige Verletzungen davon. Alle Juden wurden verhaftet und befinden sieb bereits seit März in Untersuchungshaft. Die Verhandlung gegen sie ist für 10 Tage anbenaumt; 153 Zeugen sind vorgeladen. Ueber den Ausgang der Verhandlung werden wir uoeh berichten. Eine hebräische Schule. Luzan. Durch die äusserst rührige Agitation unseres Gg. Josef Tübinger wurde hier eine hebräische Schule begründet, die zugleich die Volksschule ersetzt. Die jüdischen Kinder — 70 an der Zahl — wurden aus deröf feilt liehen ruthenisclien Volksschule ausgeschrieben und traten in die-hebräische Schule ein. Das Budget der Schule beträgt 4000 K jährlich. Drei Lehrer wurden aufgenommen, einer für Hebräisch nac-h der Methode „Jwrith b'iwritli“. ein zweiter für Volksseliülgegenstände und ein dritter, der die Aufsicht über die unbeschäftigten Kinder zu führen hat. Turnen und Gesang wurden eingeführt und Ausflüge werden veranstaltet werden. Delegierte der Safa-brurah aus Czernowitz und ein. Lehrer der Baron Hirsch-Schule aus Zablotow sindi mit der Inspektion der Schule betraut. Grosse Zionistenversammlung in Budapest. Budapest. Im Festsaale des neuen Stadthauses fand am 13. d. M. eine von den Budapester Zionisten einberufene grosse Versammlung statt, welche den grossen Saal und die Galerie sowie alle Gänge dicht füllte. Nahezu 1000 Personen, unter diesen etwa 300 Damen, waren auwesend. Das vornehme Publikum lauschte mit grossem luteresse und sichtlicher Teilnahme den Ausführungen der offiziellen Bedner. Als erster sprach Herr Ingenieur B er e g i und riss das Publikum zu stürmischem Beifall hin. Als zweiter Bedner sprach der Advokat.-Cand. Herr S. Alt in deutscher Sprache mit nicht geringerem Erfolge. In überzeugender Weise wusste er naehzuweisen, dass die Lösung der Judenfrage und die Behebung der Judennot nur durch die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina möglich ist. In sarkastischer Weise behandelte Bedner jene jüdischen Gegner des Zionismus in Ungarn, die unter der heuchlerischen Maske des Patriotismus diese Bewegung als antipatriotiseh denunzieren, obwohl sie ganz gut wissen, dass der Zionismus gar nicht anstrebt, alle Juden nach Palästina zu bringen, sondern nur jene, die-von ihrer Scholle vertrieben werden oder denen man die Existenz- ■mögliebkeit raubtöder endlich solche, die sieh in irgend einem 'J/ande nicht assimilieren können oder wollen. Herr Advokat Dr. Deinen}' Lajos besprach:die vorhandenen Einrichtungen der zionistischen Organisation, wie Anglo- Paläst-ina-Bank, Nationalfonds, Schekel usw. und fand ebenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit.. Die Presse war mehrfach vertreten. Zum Schlüsse wurde das bekannte Lied „Aud lau owdu Tikwosenu“ gesungen, worauf zahlreiche Personen ihren Beitritt anmeldeten. Der Verlauf der Vorträge war ein überaus würdiger und dürften dem Zionismus neue Freunde bringen. Zum erstenmal bemerkte man Mitglieder des Vorstandes der grossen Gemeinde. Auch zahlreiche Mitglieder der orthodoxen Gemeinde hatten sieh eingefunden. D:e Zahl der Juden in Russland. Petersburg. Die „P e t e r s b u r g o r Z e itung“ stellt in einer Iteilie von Artikeln Untersuchungen über die Zahl der Juden in Bussland an und gelangt zu dem exorbitanten Besultat einer jüdischen Bevölkerung von zirka neun Millionen. Selbstverständlich haben diese Untersuchungen nicht die Tendenz, durch die grosse Zahl der Juden die Grösse des Unrechtes zu illustrieren, das man an ihnen begeht, indem man sie im Zustande der Beehtlosigkeit belässt un'd in den engen Ansiedlnngsvayon znsammenpresst, sondern dienen lediglich dem Zweck, die „jüdisc-lie Geiahte recht grell erscheinen zu lassen. Schon aus diesem Grunde ist der Statistik der „Petersburger Zeitung“ von vornherein mit Misstrauen zu begegnen. Dieses zeigt sich bei näherer Prüfung vollkommen begründet. Nac-h dem amtlichen Zensus vom Jahre 1897 wurde damals (und auch diese Ziffer war eher zu hoch gegriffen) die Zahl der Juden mit etwas über fünf Millionen angesetzt. Bedenkt man nun, dass die Auswanderung der Juden aus Bussland gerade in den letzten Jahren ungeheure Dimensionen angenommen hat, so ist heute die Zahl der russischen Juden wahrscheinlich kleiner, keinesfalls aber grösser, als sie im Jahre 189V war und daher keinesfalls über fünf Millionen. Worauf stützt nun die „Petersburger Zeitung“ ihre Schätzung? Hauptsächlich auf das prozentuale Verhältnis der ausgehobenen jüdischen Bekruten zu deren Gesamtzahl. Aber wenn so viel jüdische Bekruten ausgehoben wurden, wie es einer jüdischen Bevölkerung von 9 Millionen entsprechen würde, so folgt daraus nur die den Kennern der russischen Verhältnisse übrigens nicht unbekannte Tatsache, dass die Juden in Russland fast in doppelt so star k e m Masse zur B1 u t s t e u e r herangezogen werden, wie die andere Bevölkerung. Pikdieses bemerkenswerte Ergebnis ihrer Untersuchungen muss man der „Petersburger Zeitung“ dankbar sein. Von den russischen Hochschulen. St. Petersburg. Bekanntlich wurden die Beschränkungen für die Aufnahme jüdischer Studenten an den russischen Hochschulen wie-' der eingeführt. Trotz des Verbotes wurden aber vom Professorenkollegium der Kiewer Technik 99 Hörer über die gesetzlich erlaubte Anzahl aufgenommen. Der Handelsminister, dem in Bussland die Verwaltung der technischen Schulen -untersteht, beauftragte nun seinen Gehilfen, namens Stoff, dem Proi'essorenkollegium anzüordnen, die überschüssigen jüdischen Hörer aus den Katalogen zu streichen. Stoff scheint nun diesen Auftrag nicht mit der dem Minister erwünschten Brutalität und Rücksichtslosigkeitdurchgeführt za haben und das Professorenkollegium behielt die jüdischen Hörer. : Der Ministerpräsident forderte nun den Ministergehilfen Stoff auf, den Bestimmungen des Gesetzes Geltung zu verschaffen. Stoff weigerte sieh ater entschieden, die Autonomie der Hochschule zu verletzen und eine einmal von ihr getroffene Entscheidung umzustossen. Stolypin gah nun Stoff telephonisch einen sehr scharfen Verweis, den Stoff durch ein in ziemlich heftigen Ausdrücken geschriebenes Demissionsgesuch erwiderte. Dem Gesuche wurde trotz der Abwesenheit des ■ unmittelbaren Vorgesetzten Stoffs, des Handc-lsmmistcrs, stattgegeben und dem Professorenkollegium in Kiew aufgetragen, die jüdischen Hörer aus der Liste der ordentlichen zu streichen, ihnen jedoch die Erlaubnis zu gehen, die Vorlesungen weiterhin zu besuchen. Doch ist den jüdischen Hörern untersagt, in den Laboratorien zu arbeiten, die Instrumente der Anstalt zu benützen und Prüfungen zu machen. Eine Versammlung jüdischer Lehrer. Kischinew. In Kischinew hat in der letzten Woche eine Konferenz von jüdischen Lehrern des bessarabisc-hen Gouvernements getagt. Die Konferenz wurde von der vor kurzem begründeten Organisation der jüdischen Lehrer einberufen. - Bis jetzt hatte sieh die Tätigkeit auf die O rga n i sa t ionsarbeiten beschränkt, jetzt befasstsich die Leitung mit der Herausgabe einer Statistik über die materielle Lage und geistigen Zustände des jüdischen Lehrerstandes. Zu dem Zwecke wurde vor einem Monat ein Arbeitsbureau begründet, für dessen Erhaltung die Konferenz die nötige Summe votiert hat. Zugleich wurde ein Schiedsgericht eingesetzt. Ausserdem wurde eine pädagogische Kommission gewählt, die sich mit der Inspizierung 'der Schulen zu befassen haben wird. Erwähnenswert ist auch die Errichtung einer Organisationskrankenkasse, für welche bereits elf Aerzte akquiriertwurden. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Wien (Verein jüdisch --jugendlicher Arbeiter.) Die Organisation entwickelt im heurigen Vereinsjahre eine lebhafte Tätigkeit. Am 13. Oktober fand im Kongressbureau eine öffentliche Vereinsversammlung statt, bei der Genosse N. Gross über die Notwendigkeit der Organisation jüd.-jugendl. Arbeiter referierte. Die Versammlung erfreute sich eines sehr starken Besuches. In der anschliessenden Diskussion kam es zu heftigen Debatten mit den anwesenden Sozialdemokraten, die wieder die bekannte Taktik einschlugen, unsere Argumente niederzubrüllen. Ihre Versuche blieben aber fruchtlos. Zahlreiche Kollegen meldeten ihren Beitritt zu unserer Organisation. Sonntag den 27. Oktober fand im Vereinslokale, Grünetorgasse 33, ein Vortrag des Herrn Dr. Ka disch statt. Der Referent schilderte vortrefflich die verschiedenen Strömungen in der jüd.-proletarischen Bewegung und begründete die Wichtigkeit jüdischer Jugendorganisationen. Unser Rechtsschutzkomitee funktioniert vortrefflich und hat im heurigen Vereinsjahre schon eine Reihe von Rechtsfällen günstig durchgeführt. Jeden Sonntag Nachmittag finden Vorträge im VereinslokaJe statt. Jüdische Lehrlinge und Praktikanten, tretet zahlreich unserer Organisation bei! — Sonntag den 3. November findet im Vereinslokale, IX., Grünetorgasse 33, ein Vor-, trag des Genossen M. Waldmann statt! Kollegen erscheint zahlreich! — Voranzeige Am 7. Dezember 1907 veranstaltet der Verein eine Makkabäerfeier. Das Festkomitee hat bereits' mit den Vorarbeiten begonnen. Wien. (.Theodor Eerzi*, Verein zion. Hochschüler, IX,, Grünetorgasse 33.) Zionistisches Seminar. Dienstag, 5. November: „Bar Kochba* von Vrchlicky.J Referent: Th. Ries. Freitag, 8. November : »Die zionistischen Institutionen“, Referent S. Schmitz. Samstag, 9. November: „Die Poale-Zion am VHI. Kongress“, Referent L. Goidhaxnmer. Beginn der Vorträge */a8 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. Wien. („Lese und Redehalle jüd. Hochschüler in Wien.“) Die Ausschusswahlen, die in der Generalversammlung, vom 19. Oktober 1907 für das Wintersemester 1907/8 stattfänden, hatte folgendes Ergebnis: Präses: med. Albert Baum. I. Vizepräses: cand. jur. Felix Winter st ein. II. Vizepräses: phil. Hermann Rosenberg. I. Schriftführer: phil. Karl Teller. II. Schriftführer: Jos. Körner. I. Kassier: jur. Robert Beer. IL Kassier: cand. mech. Alfred LampL Bibliothekar: phil. Hugo Stern. Zeitungsverweser: techn. Alfred Sander. Hausverweser: techn. Ignaz Garfein. — Am 4. November findet im Vereinslokale, IX., Grünetorgasse 34, um. */*8 Uhr abends, ein Vortrag des Kollegen M. Waldmann über den „VIII. Kongress“ statt, zu welchem alle Kollegen und Freunde des Vereines hiermit eingeläden werden, Wien. (Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar-