Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 16 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUKG Seite 5 Aus dem Paschalik Stern. Die am 2. Dezember 190G erfolgten Wahlen aus der sogenannten „allgemeinen“ Kurie in den Wiener Kültusvorstand sind wohl noch in aller Erinnerung. Kur mit Ach und Ivraeh konnte die offizielle Liste, zum Teil erst in der Stichwahl am 9. Dezember durchgebraeht werden und selbst der Allgewaltige Herr Präsident Dr. Stern entging nur mit einem Plus von einigen 30 Stimmen der Repetierprüfung. Auch dies schäbige Resultat war nur durch schäbige Mittel, wie durc-li widerrechtliche Abänderung der Wählerliste nach Ablauf der Reklamationsfrist, durch einseitige Beteilung der „offiziellen“ Partei mit amtlichen Stimmzetteln und durch sonstige Amtsmissbräuehe seitens des Kultuspräsidenten, durch agitatorische Parteinahme der Kultusangestellten für die „Offiziellen“, durch Wahlbestechungen ete. etc. erreicht worden. Deswegen haben das zionistische und oppor sixionelle Wahlkomitee sowie eine Anzahl Wähler sogleich nach den Wahlen gegen deren Gültigkeit Einwendungen an den nach dem famosen Kultusstatut zuständigen — Kultusvorstand ergriffen. Dieser hat, wie nicht zu zweifeln war, nach einem witzigen Referat Dr. Kurandas itnd unter Mithilfe auch jener Vorsteher, deren Wahl ange fochten war, die Einwendungen niedergestimmt. Trotzdem der „objektive“' Präsident durch Verweigerung der Einsicht in die „Erhebungsakten“ einen Rekurs an die Statthalterei zu hintertreiben suchte, wurde dieser rechtzeitig überreicht. Die .Statthalterei hat sich nun durch dreiviertel Jahre, ohne Zuziehung der Rekurrenten, mit dem Kultusvorstand, der insgesamt zirka einen Halbzentner Akten vorlegte, unterhalten. Endlich am 25. September 1907 erfloss die Statthaltereientselieidung, welche zwar den Rekurs ab wies, aber in ihrer Begründung eine'vernichtende Kritik des Kultusvorstandes und seines Palladiums, des derzeit geltenden Kultusstatnts, enliält. Fast alle vorgebraehten Beschuldigungen sind nämlich stillschweigend ragegeben, doch fehle es der Aufsichtsbehörde zufolge der Mangelhaftigkeit der Statuten' an einer Handhabe zum Eingreifen. Da in Wahrheit diese Handhabe schon in den . Straf- und anderen staatlichen Gesetzen gegeben ist, hat sieh die Statthalterei wohl von dem in Kultussachen altbeliebten Grundsatz quieta non movere leiten lassen. Die Zionisten aber, denen alles daran liegen muss, dass mit dem alten Schlendrian endlich mal gründlich aufgeräumt werde, haben sich unverdrossen an die Ausarbeitung des Ministerialrekurses gemacht. Datei braucht kaum hervorgehoben zu werden, dass die zur Rekursabfassung nötige Einsicht in die Akten, welche an den Kultusvorstand als an die Behörde erster Instanz von der Statthalterei zurückgeleitet worden waren, den Beschwerdeführern von dem liebenswürdigen Herrn Präsidenten, unbekümmert um Gesetz und Recht, abermals verweigert wurde. Trotzdem ist das Ministerium für Kultus und Unterricht bereits im Besitze unseres Rekurses. In diesem wird wohl dem sclunerzlichen Bedauern Ausdruck gegeben, dass selbstbewusste Juden in einer jüdischen Angelegenheit — mangels einer autonomen Oberinstanz — beim Staate Rechtsschutz suchen müssen, im übrigen jedoch rücksichtslos in den Kahalsumpf hineingeleuchtet und insbesondere das vorgeschobene Kultussteueramt überführt, der Statthalterei einen bewusst erlogenen Bericht vorgelegt zu haben. — Herr Präsident, es wackelt! Yederemo! Dr. Z. Zum Falte Donato Taussig. Die Tatsache, dass Herr Donato Taussig in ein besseres Jenseits abberufen wurde, wäre kaum hinreichend gewesen, die; Spalten der Blätter zu füllen, wenn er nicht ein hochoriginelles Testament hinterlassen hätte. Dass er darin den Konvent der barmherzigen Brüder zum Universalerben eingesetzt hat, ist wohl unsinnig — kein Christ hätte jemals eine jüdische Institution zur Vollstreckerin seiner wohltätigen Absehteu gemacht — ater noch begreiflich. Was aber zum Ueberlegen reizt und ein Gefühl von Entrüstung aufsteigen lässt, sind einzelne Verklausulierungen mehrerer Legate, die der4 Verstorbene einigen Stiftungen überwiesen hat. Er machte durch sie den Genuss der Legatserträge von der Bedingung abhängig, dass man weder ein nach Galizien zuständiger, noc-h dort geborener Jude sei, und offenbarte auf diese Weise einen Hass, der ungemein tief sein musste, weil er noch über das Grab hinaus Betätigung sucht. Oder wenn es auch kein Hass gewesen ist, war es doch augenscheinlich ein starker Abscheu vor den galizischen Juden, der den Verstorbenen solch engherzige Bestimmungen treffen liess, dass der Erblasser dafür sorgen zu müssen glaubte, dass niemals ein galizisolier Jude zu seiner Person oder auch nur zu seinem Kamen irgend welche Beziehungen haben könne. Ater auch dies wäre nicht genügend Anregung zu einer längeren Betrachtung, wenn der Verstorbene ein exzentrischer Sonderling und nicht der Vertreter einer ganzen Gruppe, ein Typus gewesen wäre. Denn es muss festgestellt werden: der Fall Donato Taussig ist symptomatisch und hat gleich der im vorigen Jahre vorgefallenen Affäre David die gemeinsame Ursache in der grenzenlosen Abneigung des westlichen, zivilisationslüstemen Assimilanten gegen den Stammes- und Glaubensbruder aus dem Osten. Und eben dies macht das Testament Taussig einer gründlichen Besprechung wert, weil es nicht nur für die Person des Testators, sondern auc-h für das Seelenleben jener Juden charakteristisch ist, welche noch immer im Banne der Assimilationslüge des vorigen Jahrhunderts stehen. Aus dem Testamente spricht nicht allein der Hass und die Denkart einer Einzelperson, sondern aller derjenigen, die sich assimilieren wollten, ohne die Assimilation-an die anderen Völker vollständig durchführen zu können, so dass sie sozusagen zwischen „Tür und Ärmel“ eingekeilt blieben. Die Quelle, aus welcher dieser krankhafte Hass strömt, ist die ohnmächtige Wut trotz äusserer Anpassung an die fremduationalen Gewohnheiten doch nicht als vollwertig anerkannt zu werden, nicht vollständig unjüdisch geworden zu sein. Anstatt nun die Ursache für dieses Sieh-niclit-assimilieren-können in sieh zusuehen, entdecken sie plötzlich den Störenfried im galizischen Juden. „Also der ist es. der uns immer blossstellt und sieh als unseren Bruder gerieri!“ Und sie fliehen ihn wie die Pest, sie schämen sieh seiner wie Parvenüs, die in Grafengesellschaft verkehren, sich ihrer armen Verwandten schämen. Der Hass und die Unzufriedenheit entladet sich dem physikalischen Gesetze gemäss in der Richtung des geringsten Widerstandes. Den Widerstand kann der galizische Jude, der arme Verwandte ans dem Osten nicht leisten. Also den kann man hänseln, hassen und verachten! Und doch ist die Abneigung der westlichen Assimilationsjuden gegen d e n galizischen Juden, den er zu Gesichte bekommt, einigermassen berechtigt. Ater nur gegen denjenigen, den er im Westen als Schnorrer trifft! Es liegt uns ganz ferne, Verteidiger jener .berufsmässigen Schnorrer zu sein, die sieh aus Galizien nach Wien durchbetteln; diese sind wohl nicht dazu geeignet, Achtung vor den galizischen Juden einzuflössen. Ater Unrecht ist es, nach ihnen alle Juden Galiziens zu verdächtigen, zu begeifern und mit verächtlichem Misstrauen zu behandeln. Denn Galizien besitzt ausser den Schnorrern, die den Wiener Assimilanten so unliebsam an sein Judentum erinnern, Massen von fleissigen Menschen, Tausende von Handwerkern und Arbeitern, die, wenn nicht tesser, so gewiss nicht ärger sind als ihre Standesgenossen aus dem Westen. Und nicht nur Unrecht, sondern Anmassung ist es, über so viele Menschen den Stab zu brechen. Als Persönlichkeit gewertet, ist der Östliche Jude etwas Vollwertiges, Ganzes, fest in seinem Volkstum Wurzelndes, ' der westliche Assimilant hingegen etwas Halbes, Schwankendes und innerlich Haltloses, ohne festen Untergrund unter den Füssen, gleichsam zwischen Himmel und Erde schwebend. Und kann gezweifelt werden, dass der westjüdische Börsenjobber dem jüdischen Volke mehr Hass einbringt als der polnische Jude? Wer das feine Gefühl für Massenpsyehologie besitzt, wird es leicht herausfinden — wie es Bahr erkannt hat — dass die lialbassimilierten Juden des Westens geradezu eine Gefahr für die Kultur bedeuten, weil sie mit ihrer Dekadenz die ganze Gesellschaft des Westens ansteeken. Anders verhält es sich mit den westlichen Kationaljuden. Auch diesen ist das Wesen des östlichen Juden fremd. *Es besteht eben zwischen ihnen nur jener Unterschied, den Mathias Ac-her so treffend charakterisiert hat: „Der Westjude hat Zivilisation, der Ostjude Kultur.“ Sie müssen, um sich zu vereinigen, einander auf haltern Wege begegnen, der Ostjude sich zivilisieren und der Westjude Kultur auf nehmen. Und ein grosses Verdienst der jungjiidisehen Bewegung ist es, dieses herausgefühlt zu haben. Ein grösseres, die Spreu vom Weizen gesondert zu haben: die Halten unter den Westjuden hat sie endgültig abgeschüttelt, die individuell Wertvollen aber ralliiert. Kic-ht die Juden des Ostens, die geschmähten Galiziaucr zu verteidigen, ist der Zweck dieser Zeilen. Sie sollten nur darauf hinweisen, dass die Kluft zwischen dem westlichen Assimilationsisraeliten und denn östlichen Stammesjuden klaffend, dass das ganze Getue der literalen Jmlenassimilauten, die von Humanität triefen, unwahr und konventionell erlogen ist. Sie sollten aber auch zeigen, dass sich schon die Spuren der künftigen Vereinigung sehen lassen, in der nicht der östliche Schnorrer und der westliche Banause sieh die Hände reichen, sondern die jungen aufstrebenden Elemente westlicher Verfeinerung und östlicher Urwüchsigkeit — die J unirjuden aus Ost und West! M. W a I d m a n n. Korrespondenzen. Der demokratische Zentralerem. Wien. Der Veteran der Wiener Demokraten, der ehemalige Abgeordnete Dr. Ferdinand K r o n a w e 11 e r, hat seine Stelle als Obmann des demokratischen Zentralvereins niedergelegt und sich dem „deutschdemokratischen“ Verein angeschlossen. Die Freunde einer ehrlichen und wahren Demokratie werden von dem Frontwechsel mit grossem Bedauern vernehmen. Der demokratische Zentralverein hat elue rühmliche Tradition und das kleine Häuflein seiner Getreuen ist trotz der Ungunst der Zeiten den Idealen einer wahren Demokratie: Gleichberechtigung der Kationen, Selbstbestimmungsreelit der Völker, Gleichheit der Individuen nie untreu geworden. Dass Dr. Kronauretter nun zu einem Verein, der trotz seines Titels ein deutschnationaler Kampfverein ist, übergeht, ist gewiss beklagenswert. Trotzdem scheint ater die Zeit gekommen, wo eine demokratische Vereinigung aller Kationen nötig und wünschenswert ist. Die Lösung des nationalen Streites durch die nationale Autonomie, die heute als einziger Ausweg erscheint, ist nichts anderes als die Verwirklichung des alten Programms Fisehhofs und des demokratischen Zentralvereins, der in den Zeiten nationaler und konfessioneller Kämpfe mir ein wenig beachtetes Dasein fristen konnte. Erfreulicherweise harren die wenigen Getreuen bei der Fahne aus und es ist sicher, dass ihre Zeit wieder kommen wird. Das Programm der nationalen Autonomie, der lokalen Selbstverwaltung, des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes für alle Vertretungskörper und einer modernen Gewerbe- und Sozialpolitik, welche der demokratische Zentralverein vertritt, ist geeignet, die wahrhaft freisinnigen Elemente aller Kationen auf seinem Boden zu einigen. Die jüdischdemokratische Partei, deren Programm all diese Forderungen enthält, wird bei einer solchen