Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 16 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG - :i Nr. 16 {Trossen und kleine” Grundbesitzes fallen viele •Trolle Strciflieluei und mit grosser Ausführlichkeit werden all die Entwietlungsmöglichkeiten aufgezähll, die einem neuen, gesunden, sozial wachsamen und regen, zur nationalen Autonomie liinsteuernden Jungliberalismus zum Siege verhelfen müssen. Wer eine gewisse Anzahl politischer Problcjine und alle Venvaltungsfragen aus d|nn Bereiche nationaler "Wirksamkeit und streng nationaler Bewertung ausseheiden will und somit die Beibungsfliielien entfernt oder doch vermindern hilft, ist ein moderner Politiker und im gewissen Sinne ein Anhänger des Prinzips der nationalen Autonomie. Von hier aus aber gelten die Wege auseinander. Während sich die einen für das reine Person al-itätsprinz i ]> als Basis jeder politischer Organisation in Oesterreich ausspreehen, möchten sich andere für einen Dualismus oder Parallelismus zwischen Territorialismus und Personalitätsprinzip entscheiden. Ich will mit Charmatz nicht rechten, wenn er sich der letzteren Richtung anschliesst, und verkenne keineswegs, dass für die lange, überaus lange U e b e r g a n g s - p o r i o d e das halbe Territorialprinzip gewisse praktische Torteile zu bieten scheint. Aber worüber ich mich mit ihm hei aller Kürze, die ich diesen Ausführungen zu gehen gezwungen bin. auseinandersetzen muss, ist seine Stellung zur zukünftigen grossen liberalen Partei. Man kann es dem Theoretiker nicht verargen, wenn er üJjer praktische Probleme stolpert. Aber so viel historischen Sinn hätte Cliarmatz doch aufbringen müssen, um hier wenigstens Schwierigkeiten zu sehen und nicht in einen Enthusiasmus zu verfallen, der zu seiner pessimistischen Behandlung des deutschen Bürgertums bis 1906 im grellsten Gegensätze steht. Charmatz sieht diese Schwierigkeiten eben nicht. Er will sie nicht sehen, weil sieh der verdienstvolle Historiker und theoretische Anhänger der nationalen Autonomie in einen Deutschdemokraten Hockscher Couleur verwandelt. Psychologie ist nie die starke Seite der Demokraten gewesen. Wie es scheint, auch der, Jnngdemokinten nicht. Charmatz setzt sehr richtig und mit vielem Geschick auseinander, wie der Umformung Oesterreichs eine Industrialisierung des alten Donaustaates vorangehen müsse. Entweder — oder: entweder diese Industrialisierung geht mit rein mechanischer Stosskraft, gleichsam von selbst vorwärts, es vollzieht sieh ein rein wirtschaftlicher Prozess, dann ist die Rolle des liberalen Bürgertums von vornherein eine untergeordnete, oder aber — und dies ist die zweite Möglichkeit — die wirtschaftlichen Ansätze genügen nicht,dann muss dem Industrialisierungsprozesse ein rein politischer Umgestaltungsprozess vorangelien, damit das deutsehliberale Bürgertum zu einem positiveren Faktor im österreichischen Staatslehen werde. Dann aber ist das ganze Problem eine Frage des Mensche nin a ter i a 1 s! Ist es denn nicht dasselbe Bürgertum, das uns bis zur Walikeform als so morsch, national ungerecht fühlend, hyperdmtseh und kapitalistisek-oligareliiseh geschildert wurde? Es soll mit einem Schlage ein parteibildendcr Faktor erster G-üte werden? Man braucht kein Skeptiker von Beruf zu sein, um liier leise Zweifel zu hegen. Natürlich gilbt es auch in diesem Geltungsbereich ernste E r - ziehungsmöglichkeiten, aber man muss sie uns wenigstens aufzeigen und aiufdeeken, man muss wenigstens üJber sie diskutieren können. In dieser Beziehung keine Schwierigkeiten zu sehen, heisst einem politischen Ideal zuliehe alle politische Taktik über Bord zu werfen, ln diesen Sehlussabsehnitten spricht eben nicht mehr der Theoretiker Oliarmatz, der alle Chancen prüfende Anhänger der nationalen Autonomie, sondern der Dentschdemofcrat, der glaubt, man könne mit der Wahrung des „nationalen Besitzstandes“, wie die Herren um Hock verkünden, moderne und, nationalautonomisehc Politik treiben. Eine.solche Verkleisterung und Ueberidebung nationaler Gegensätze führt zwar zu Erfolgen hei den politisch und national gleich verwahrlosten mittleren Schichten, des westlichen Judentums, aber Deutsehösterreich kann mau damit nicht erobern. Ic-h muss es mir hier versagen, über die interessanten Aeusserungen Charmatz' zur äusseren Politik Oesterreichs zu sprechen. Seine Stellung zur Judenfrage muss ich aber, wenn auch mit ein paar Worten, berühren. Dass die Juden ein gleichberechtigtes Volk in Oesterreich sind, davon steht in diesem grossen, dicken Buche kein Sterbenswörtchen zu lesen. Uns wundert das nicht. . Woher soll Charmatz, der selbst Jude von Geburt ist, die Objektivität eines Masaryk, eines Romanezuk, Lewieki usw., wie all die übrigen nichtjüdischen Vertreter der nationalen Autonomie heissen, nehmen? Oder glaubt Herr Charmatz wirklich, dass die Vorkämpfer für Hock, die Ofner, Neustadt! und Sehwarz-lliller, Germauen sind? Ich traue selbst einem Theoretiker und Vorstandsmitglied des deutsehdemokratisehen Vereines diese Naivität nicht zu. Wie entfremdet seinem Volke ein so begabter Schriftsteller weiden kann, beweist auch folgende Stelle, pag. 244: „Die Juden, die dem göttlichen Liebte folgend, durch die Wüste zogen, haben später die religiöse Härte der Makkabäer hervorgebracht.“ Hier hätte auch der das Judentum noch so einseitig wertende Historiker statt der Worte „religiöse Härte"' nationale Strammheit der Makkabäer setzen müssen. Diese Einseitigkeiten und Gebrechen, die schiefe und dürftige Auffassung der Judenfrage hat Charmatz mit vielen assimilatorischen Juden gemeinsam. Aber durch seine grosse Belesenheit, durch seinen historisch geschulten Sinn, durch sein Bekenntnis zur nationalen Autonomie, durch seine tiefe Einsicht in den Zei'bröekelungsprozess des Liberalismus und last not least durch seinen klaren, lebhaften Stil übertrifft er. doch die meisten der zeitgenössischen Publizisten. Parlament und Politik. Einen Tag nac-li dem Empfang der jüdischnationalen Abgeordneten durch den Ministerpräsidenten konnte man in der Wiener und. polnischen Presse ein gleichlautendes •Communique lesen, worin die Mitteilung enthalten war, dass die Abgeordneten Koliseher und Löwenstein gleichfalls beim Ministerpräsidenten erschienen, tim seine Aufmerksamkeit auf die Not der galraschen Juden zu lenken und ein Programm zu entwickeln, wie dieser Not abgeholfen werden könnte. Es geschehen also noch Zeichen und Wunder. Herr Koliseher, eines der beredtesten Mitglieder des Polenklubs, hat während seiner zwölfjährigen Parlamentstätigkeit niemals Anlass genommen, auf die antisemitischen Ergüsse der diversen Schneiders zu reagieren, geschweige denn mit Ministern über die Abhilfe der galizisehen Judennot Rücksprache zu nehmen. Nicht einmal in einem Zwischenruf machte er seinem gekränkten jüdischen Ehrgefühl Luft. Ebensowenig tat es Dr. Löwen stein im galizisehen Landtag, wo er doch auch das grosse Wort führte. Und er hätte ja so häufig Gelegenheit gehabt! Aber er tat es beharrlich nicht und — schwieg. Erst als er sieh eine Plattform für die Wahlen schaffen wollte, ging er hin und hielt eine Rede. Nach so vielen Jahren die erste Rede, worin die Not und das Elend der galizisehen Juden geschildert wird. Wir konstatieren nur eine Tatsache, wenn wir behaupten, dass er diese Rede nur der Not gehorchend gehalten hat. Die Jüdiselmationalen wurden ihm immer gefährlicher und so musste er diese Konzession machen und sein konzentriertes Polentum. mit etwas Jüdischkeit verdünnen. Auch diesmal folgten die beiden Herren den jüdisehnationalen Abgeordneten auf den Fersen, um nicht ganz im Schatten zu bleiben. Immerhin ist das ein Erfolg. Ein jiidisehnationaler Erfolg! * * * Abg. Dr. G a 1) e I hat an den Unterriohtsminister folgende Interpellation über das israelitisch-theologische Lehrinstitut in Lemberg eingebracht: Der galizische 'Landesausschuss wurde durch einen Landtagsbeschluss beauftragt, ein jüdischtheologisches Seminar ins Leben zu rufen, dessen Budget durch Landessubventionen, durch Beiträge der Kuitusgemeinden dies Landes "und Privater sowie durch staatliche Subventionierung gedeckt werden sollte. Da somit alle jüdischen Steuerträger zur Errichtung und Erhaltung der zu gründenden Anstalt beitragen sollen, wäre es recht und billig, dass die Anstalt den Juden ohne Unterschied ihres politischen Bekenntnisses und ihrer nationalen Gesinnung zur Verfügung stehe. Der Initiator dieser Anstalt, der zugleich im galizisehen Landesschulrat das Referat über. jüdische Schulaiigelegenheiten führt, Professor Dr. Stembach, hat aber in einem Interview, das in der Wochenschrift „Jednosc“ vom 18. Oktober d. J. erschien, sowohl die Tendenzen der Anstalt als auch die ganze, bei der Anstellung der Lehrkräfte und bei der Aufnahme der Hörer beabsichtigte Taktik der Schulleitung und der Gründer in einer Weise dargelegt, die allen Prinzipien der Lern- und Lehrfreiheit widerspricht und die Ziele der Anstalt von Grund aus verändert. Nach seiner Behauptung dient die Anstalt der Bekämpfung des Zionismus und wird so geleitet werden, dass Zionisten weder als Lehrer aufgenqmmen noch als Hörer die Anstalt besuchen werden. Es werde von beiden beim Eintritt in die Anstalt ein ofienes Bekenntnis zur polnischen Nationalität gefordert werden. Auch sei auf Jahre hinaus dafür gesorgt, dass die Majorität des Kuratoriums antizionistische und nationalpolnische Politik mit und in der Anstalt treibe. Die Anstalt die der Heranbildung geeigneter jüdischer Lehrkräfte dienen und einem seit Jahren fühlbaren Mangel an jüdischen Lehrern abhelfen soll, bekommt durch die von Professor Sternbach angekiindigte und propagierte Tendenz ein ganz anderes politisches Gepräge, das eine gedeihliche J Entwicklung und die Erfüllung der in Aussicht ge- ) nommenen ernsten Aufgaben nahezu ausschliesst. . Die Gefertigten stellen daher an Se. Exzellenz i die Anfrage: „Ist der Herr Minister bereit , dahin zu wirken, dass das jüdisch-theologische Seminar nur seine ursprüngliche Bestimmung und keine politischen Aufgaben erfülle und dass alle politischen Anschauungen sowohl im Lehrkörper als auch in der Hörerschaft in gleicher Weise behandelt und nicht zum Gegenstände grundsätzlicher Ausschliessung und Bekämpfung gemacht werden?“ Interpellationen haben ferner überreicht: Abg. Dr. M a li 1 e r an den Landesverteidigungsminister über die Befreiung jüdischer Soldaten vom Dienst an hohen Feiertagen; die Interpellation befasst sich mit der Angelegenheit, die Gg. Joachim Neiger in Nr. 13 der „Jiid. Ztg.“ ausführlich behandelt1 hat; Abg. Dr. G a b e 1 an den Minister des Innern über die Sonntagsruhe kn Fleisehergewerbe in den Bezirken Krakau und Podgorze; Abg. Stand an den Minister des Innern wegen Amtsmissbräuehe des Regierungskommissärs in Ottynia: Abg. Dr. Gabel an den Minister des Innern über Verfolgungen des Arztes Doktor Frostig in Beiz durch die A’dministrativbehörden. * * * Abg. Dr. Gabel ist für den sozialpolitischen Ausschuss des Parlaments, der demnächst gewählt werden wird, als Vertreter des Jüdischen Klubs in Aussicht genommen. * * * Der Jüdische Klub hat anlässlich des Ablebens des gewesenen Abg. Dr. Emanuel Engel an die jungtsökeekisehe Parteileitung ein Kondolenzschreiben gerichtet. Trias. Applaus durehdonnerte den Saal, Als Herr K u r a n d a klärte: „Die neue Zeit ist sozial, Wir, folgen dieser Fährte. So werden wir allmählich de- Mokratisch am Franz Josephs-Kai —“ Nebbich! Herr Ofner blickte himmelwärts Und sagte: „Meine Herren! Ich lasse mir mein deutsches Heiz Nicht aus dem Busen zerren. Deutsch bin ich bis zum letzten Hauch Und meine Wähler sind es auch!“ Nebbich! Der Hofrat Hock ruft wutentbrannt: „Auf! Schmiedet, eure Waffen! Wir machen frei das Vaterland Vom schwarzen Joch der Pfaffen. Und wenn dereinst die Freiheit tagt, Dann ruft: Der Hutten liat’s gewagt!“ Nebbich! Beda.