Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 16 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438158--0170-2439666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Präsidiums. Zum Präsidenten wurde gewählt Dr. A. S a 1 z, zu Vizepräsidenten Dr. Pachtm a n n, Dr. W e i ni b e r g, T artako w e Jj und Seclenfreun d. Nach der - Wahl des Bureaus erfolgten, noch die Waiden in den Verifikation«- und Permanenzaussehuss. Da Dr. M a 1 z wegen Unpässlichkeit auf der Konferenz nicht anwesend war, konnte das Referat iiher die allgemeine Lage des Zionismus nicht abgehalten weiden. Es folgte dann das Referat Di-. S.'Bappaport's „Leber die Palästinaarbeit". ■ Der Referent weist darauf hin, dass die Palästinaarbeit noch in den ersten Anfängen der Bewegung als Grundpostulat aufgestellt wurde. Die ersten palästinensischen Kolonien konnten aber deshalb nicht gedeihen, weil sie erstens nicht auf wirklicher ökonomischer, sondern auf philanthropischer Basis gegründet wurden; zweitens, weil man ohne genügende Ortskenntnis zu Werke ging, und drittens, weil wir keine richtigen Ackerbauern erzogen haben. Der politische Zionismus, der die Palästinaarbeit ausschliesst, ist eine direkte Folge der schlechten Palästinaarbeit. Die Tatsache jedoch, dass die Idee der Palästinaarbeit so grossen Anklang beim Volke gefunden hat, beweist, das sie als der Kern des Zionismus zu betrachten sei. Wir müssen daher alle Mittel ergreifen, um die Palästinaarbeit zu fördern. Wir haben nicht bloss die Idee zu propagieren, dass Palästina unserei Heimat sei, sondern wir müssen die Aufmerksamkeit der jüdischen Massen auf Palästina lenken, als auf ein Land, in welchem man lebe n kann, gleich Amerika z. B. Nur auf diese Weise werden wir das Volk für Palästina gewinnen können. Es muss die Industrie Palästinas gehörig unterstützt werden. Die bereits dort existierenden Industriezweige, wie Oelfabrikation, Seifenprodnktion und dergl., können noch durch manche andere, wie z. B. Gründung von Talleswebereien vennehrt werden. Die Palästinaprodukte müssten jedoc-li einen gehörigen Absatz in Galizien finden, wofür eine entsprechende Agitation einzuleiten wäre. .. Referent stellt einige Anträge, unter anderen, dass man in Galizien ein Informationsbureau für Palästinaangelegenheiten gründen sollte, dass man 3 Prozent der N.-F.-Spenden für Palästinapropaganda verwenden soll und dass eine neue Zeitschrift für Palästina gegründet werde. In der Diskussion klagt Del. Kahan über die reichen Zionisten Galiziens, die den X.-F. nicht gehörig unterstützen. Del. Horowitz ist gegen das Abziehen von 3 Prozent vom X.-F. für Palästinapropaganda. Am schärfsten ist die Polemik des Del. Frostig, er, ohne dass sein Herr eine Ahnung davon hatte, in die eigenen Taschen, um die Situation möglichst zu retten. So wunderten nach und nach die im Schankgcwerbe gemachten; Ersparnisse seiner Frau, ja sogar die Mitgift seiner beiden verheirateten Töchter in die unersättliche Brieftasche des herrschaftlichen Lebemannes. Als aber alle Mittel erschöpft waren, als das morsc-he Gebäude nicht mehr zu halten war, da knickte auch ‘Mayorko, tödlich getroffen, hoffnungslos zusammen. Der wuchtige Schlag, der seinen Herrn nur vorübergehend traf, da er unter dem Decknamen eines Strohmannes seinen Gutshof weiter bewirtschaftete, vernichtete Mayorko total. Diejenigen Gläubiger, welche von dein Erlös des öffentlich versteigerten Gutshofes und des darin sich befindenden beweglichen Vermögens nicht mehr befriedigt werden konnten und denen Mayorko gehaftet, hatte, Hessen ihren ganzen Zorn gegen dieses arme Werkzeug aus und verfolgten ihn unerbittlich mit allen ihnen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln. Aber nicht nur der Hass enttäuschter Gläubiger entlud sich gegen Mayorko, auch der „Puriz“, für den er mit beispielloser Selbstverleugnung seine und seiner Familie Existenz geopfert hatte, glaubte seinem inneren Groll dadurch Luft machen zu müssen, dass er seinen Hausjuden als schlechten Berater von sieh wies und ihm mit Erschiessen der dem Referenten vorhält, dass er mit seinen Behauptungen der ausschliesslichen Industrialisierung Palästinas sich zu den Ausführungen des 8. Kongresses in Gegensatz stellt, der beschlossen hat, mit der nach dem Oppenheimersehen Projekte auf genossenschaftlicher Basis stehenden Kolonisation zu beginnen und vermittels des X.-F. möglichst viel Boden in jüdischen Händen zu konzentrieren. Man solle auch statt neuer Zeitschriften lielxudie bereits existierenden gehörig unterstützen und von Zeit zu Zeit Broschüren in jüdische r Sprache herausgeben. Del. Tieg e r spricht für das Referat, .Del. Zinn kontra. Wenn die Landeskonferenz. die Thesen des Referenten annehmen sollte, so würde sie einen grossen Kampf von seiten, der Poalei-Zion herauf beschwören, welche das 0>ppcnheimersche Prinzip aus deniKjongress durcligesetzt haben. Redner berichtet, dass sich in Del. C h. T artako w e r unterzieht die Leitung der Partei einer sehr scharfen Kritik. Sie müsse mehr zionistisch werden, sonst könnte sieh im Innern der Partei eine sehr unliebsame Opposition herausbilden. Dr. Brande antwortet in einer längeren heftigen Rede. Er beantragt eine Resolution, dass die Konferenz in Bezug auf die Palästinaarbeit sich mit dem diesbezüglichen Kongressbeschluss einverstanden erklärt. Er ist auch finden Antrag Frostig, für die Einführung eines speziellen Palästinaschekels und für die Herausgabe von niehtperiodisehen j ii d i s c h e n Broschüren. Nach dem Schlussworte des Referenten und nach einem kleinen Intermezzo, das heraufbeschworen wurde, weil der Verifikationsanssehuss einige poalei-zionistischc Mandate nicht anerkennen wollte, was aber durch das energische Auftreten des Dr. Zipper unterblieb, werden die Anträge Dr. ßappaports mit allen Zusatzanträgen angenommen. X a e h ni i 11 a g s s i t z u n g. Auf der Tagesordnung stand die Organisationsi'rage. Es liegen einige Projekte vor. Referent Dr. L a u f e r (Stauislau). Das Lein- ■berger D.-K. beantragt ein Zentralkomitee in Lemberg mit einigen Distrikten. Das Stanislauer D.-K. will eine Zentralstelle der Distriktskomitees haben, die aus 6 Mitgliedern — je - aus jedem Distrikt — bestehen solle. Der Referent unterstützt das Stanislaner Projekt. In der Diskussion weiden die einzelnen D.-K. einer scharfen Kritik unterzogen und besonders das Krakauer. Nach einer längeren Debatte, an welcher unter anderen Doktor drohte, wenn er es jemals wagen sollte, die Schwelle seines Hofes zu betreten. So brachen schlechte Zeiten für Mayorko heran. Vom Gutshofe vertrieben und seiner Existenz beraubt, wurde er, anstatt bemitleidet zu werden, wegen der Leichtfertigkeit, mit welcher er bedeutende, schwer erworbene Ersparnisse dein unersättlichen Moloch geopfert hatte, allgemein verachtet und als Verräter an seiner Familie verschrien. Auch iin Kreise dieser fand er keine Ruhe. Er musste immer wieder die bittersten Vorwürfe hören, dass er es war, der sie in selbstmörderischer Weise ins grösste Elend gestürzt hatte. So grämte sieh der Aerrtiste Tag und Nacht und beschloss frühzeitig sein Leben in Kummer und Vergessenheit, von vielen gehasst, von niemandem bemitleidet und vom eigenen Gewissen geplagt: „W em habe ich eigentlich gedient?..." Joachim Neiger. Allerlei. Schalom Ascb, der gegenwärtig in Berlin weilt, hat ein fünfaktiges Drama »Sabbatai Zewi“ vollendet. Antisemitische Studenten. Im antisemitischen „Kyffhäuserbund* sind jetzt 27 „Vereine deutscher Studenten* vereinigt, die etwa 1200 aktive Mitglieder und 2800 alte Herren zählen. Brande und Dr. Reich teilnehmen, werden als Generalredner Dr. G a b e 1 pro, Dr. Israel W a 1 d m a n n (Tarnopol) kontra gewählt. Bei der Abstimmung wird der Antrag angenommen, ein Zentralkomitee in Lemberg zu wählen, bestehend aus ö Lemberger Gesinnungsgenossen und je Mitgliedern der übrigen Distrikte. Die Zahl der Distrikte kann vermehrt werden. In Anbetracht, dessen, dass Tarnopol sowohl von Lemberg, als auch von Stanislau zu weit entfernt ist und eine sehr arbeitsfreudige zionistische Gruppe besitzt, wird ein Teil des Lemberger und Stanislauer D.-K. ausgesehiedeu und ein neuer Distrikt in Tarnopol gebildet. An der Spitze der neuen Parteileitung steht Gg. Dr. Markus Brande. Die Sitzung wurde hierauf auf Dienstag vertagt. In der Dienstagsitzung wurde nach längerer Debatte von der Gründung einer selbst¬ Beric-ht folgt.) Die Konferenz begab sieh ins Restaurant „Bristol", wo am Abend die ..Emunah" zu Ehren des gegenwärtig hier weilenden Rubin Brainin ein Bankett veranstaltete. Der Jungliberalismus und die Judenfrage. Von Dr. Paul Weisen g r ii n. Die österreichische Politik hat bisher nur wenige Theoretiker hervorgebracht, obwohl der komplexe Charakter der Probleme und die interessante Fülle des Stoffes doch wahrlieh Anlass genug' zur wissenschaftlichen Vertiefung geboten hätte. Zu diesen wenigen gehört auch Richard C’harniatz, der sich durch eine kleine Schrift und eine grosse Anzahl von Aufsätzen in den geaehtetsten Revuen und politischen Tageszeitungen einen Namen als politischer Schriftsteller erworben hat. In seinem letzten grossen Werke*) geht er freilich nicht auf das Gänze der österreichischen Frage los, sondern behandelt nur zwei grosse Ausschnitte: den Zusammenbruch des alten Liberalismus und die Chance der Gründung einer neuen demokratischen bürgerlichen Partei, dann die äussere Politik des Gesamtreiches. Die Schrift würde ihren Wert nicht verlieren, wenn sie eine theoretisch vollständig schiefe Auffassung der österreichischen Frage enthielte. Wer keine abstrakten Untersuchungen liebt und das Historisch-deskriptive allen anderen Behandlungsarten vorzieht, würde bei Lektüre dieses Buches schon auf seine Kosten kommen. Ein ungeheures Material, grossenteils innerlich verarbeitet, fast bis in die kleinsten Details klar gesichtet und geordnet, tritt uns entgegen. Nach einer kurzen Geschichte des Kurienparlaments bekommen wir eine sehr interessante Charakteristik Schmerlings und eine knappgehaltene Wertung des Taaffesehon Regimes zu hören, wir erfahren, wenn auc-h nicht in vollkommen einwandfreier, so doch zum grossen. Teil richtiger Darstellung die wirklichen Ursachen des Zusammenbruches der deutschliberalen Partei: die Programmlosigkeit der sieh stets häutenden und nie wirklich umformenden Partei wird mit grosser Schärfe erkannt, ihre nationale Einseitigkeit einerseits sowie die vollkommene Unkenntnis des nationalen Gefüges Gesamtösterreichs anderseits wird richtig analysiert. 'Leber den Zusammenhang des deutschen Liberalismus mit den extremen nationalen Gruppen, über die Klassenpolitik der Sozialdemokratie und ihre grosse Bedeutung für die Erneuerung Oesterreichs, über die wirtschaftlichen Triebkräfte dieses Staates erfahren wir viel Neues oder bekommen wenigstens recht viele interessant gruppierte Daten zu Gesicht. Auf das Kleinbürgertum und die Fünfguldenmännerpolitik, auf das Agrariertum und die soziale Funktion des *) Richard Charmatz: Deutsch-österreichische Politik, Leipzig, Drucker und Humbold 1907. Tarnopol eine Gruppe von Hoehschülern mit einigen 40 Arbeitern vorbereite, nach Beendigung ihrer Studien nach Palästina zu gehen. ständigen gal-izischen Organisation abgesehen, so dass die politische Organisation der gal irischen Zionisten der allgemeinen politischen Organisation angegliedert werden wird. (Näherer