Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 16 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sehe» Bewerbern um öffentlieheund Staats^ austelhingen aufgeriehtet sind! Sie werden dann die Smnihe des Unrechts und der tiefen Kränkung beurteilenkönnen, die wir erleiden, erleiden müssen, da' wir eine Minorität sind, kein Volk in Österreich für uns seine Stimme" erhebt, die Begierung aber sieh von künstlich erzeugter, verhetzender Agitation beeinflussen lässt und dem Gesetze keine Geltung verschafft. Wenn wir nicht schreien, keinen Spektakel machen. So' möchte ich Sie bei dieser Gelegenheit bitten, mir zu gestatten, Ihnen ein Gleichnis aus dem jüdischen Volksleben zu erzählen. Bei der jüdischen und namentlich sogenannten gesetzestreuen Bevölkerung ist es üblich, dass sie ihre .Streitigkeiten, auch geschäftlicher Natur, elienso wie ihre Faniilienzwistigkeiten vor dem Forum des Babbiners zur Austragung bringt. So kam es auch einmal, dass bei einer solchen Streitverhandlung vor dem Babbiner die Streitteile ihre Klagen und Begehren vorbraeliten. Der eine Streitteil schrie überlaut, polterte herum und lietäubte förmlich den Babbiner mit seinem Geschrei. Der andere Streitteil trug sein Anliegen bescheiden, ja demütig vor: zumeist schwieg er sogar. Als zum Schlüsse der judizierende Babbiner an die Streitparteien eine Frage zur Aufklärung der Sache richtete, sagte er zu jenem Teile, der immer so bescheiden geschwiegen hatte — gestatten Sie, meine Herren, dass ich Ihnen das so ziemlich im jüdisch-deutschen Jargon wiedergebe — „Dieser da durchlöchert mir die Ohren Y‘ das heisst, seine Klagen gellen mir in den Ohren. Weil dieser Streitteil so wenig gesehrien hatte, war seine Klage eindringlicher und lauter als die Klage jenes anderen, der so überlaut seine Angelegenheit verfochten hatte. So ist es auch bei uns Juden der Fall. Wir trägen unsere Klagen selten vor, wir schweigen, wir dulden viel! Und weil wir schweigen und dulden, vermeint man, man könne uns noch fernerhin ungestraft kränken und uns unsere Beeilte vorenthalten. Allein auch das jüdische Volk in Oesterreich fordert seine Beeilte, fordert Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Es ist aber die Schuld der anderen österreichischen Völker, dass sie uns nicht helfend beispringen. Jahre hindurch haben Sie es geduldet und untätig zugeselien, manche vielleicht mit stillem Behagen, solange es sieh bloss um die Verletzung der Beeilte, der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Juden gehandelt hatte. Als aber von dieser Durchlöcherung der staatsgrundgesetzHeh gewährleisteten Gleichberechtigung auch andere Völker beimgesucht wurden, schrie man laut auf. Wenn wir jederzeit dagegen aufireten werden, wo immer und wann immer und-bei welchem Volke immer ein Unrecht geschieht, dann weiden wir den Beweis erbracht haben, dass wir nicht eigensüchtigen Interessen zugänglich sind, dass wir vielmehr Herz und Sinn für Beeht und Gerechtigkeit haben, und dass wir reif für politische Freiheiten . sind. Ein solches Band der Solidarität soll alle Völker Oesterreichs umschlingen. Nicht: bei der Bedienung wollen; war ewig um unsere;Beeilte betteln — hier iin Volkshause ist der Platz, wo wir unsere Klagen Vorbringen, unser Beeilt verlangen, von Urnen, die Sie im Besitze der Macht sind, und die Sie durch das Gewicht Ihrer Stimmen und Ihrer Parteistärke darauf Einfluss nehmen können, damit endlich das Staatsgrundgesetz zur Wahrheit werde, und zwar .lauch gegenüber eleu Juden, den unterdrückten, verhöhnten' und: verfolgten Juden. Mit diesen Ausführungen sehliesse ich. (Beifalll.) Die Landeskonferenz der galizischen Zionisten. Hemberg, 28. Oktober. Im grossen Saale des Lemberger Handwenkervereines „Jad Charuzim“' wurde gestern die Landeskonferenz der galiziselien, Zionisten eröffnet. Anwesend sind 150 Delegierte aus allen Städten Galiziens; sogar die kleinsten Städtchen haben angesichts der Wichtigkeit dieser Konferenz Delegierte entsendet. Auf den Galerien befanden sich über 200 Giiste, die mit grossem Interesse die Debatten verfolgten’. Um 10 Uhr eröffnete im. Namen aller drei galiziselien Distriktskomitees Dr. G. Zipper die Konferenz und hegriisste die Delegierten und Gäste: „Diese Konferenz ist nicht die erste, die in Galizien stattfindet.. Schon lange vor dem Auftreten des sjel. Dr. Herzl haben wir in Lemberg mehrere g&tzischc Landeskonferenzen abgehalten, die..-die zionistischen Ideale im Lande verbreitet und eine entsprechende Organisation ausgebaut haben. Da wir jetzt vor. grossen und wichtigen Aufgaben stehen, die eine neue Organisationsfomi erfordern, haben wir uns gezwungen gesehen, eine Landeskonferenz zusammen zu rufen, welche über die Organisation entscheidensoll. Audi über die reale Arbeit in Palästina, (he jetzt der wichtigste Teil der zionistischen Arbeit, ist, müssen wir Beschluss fassen und zugleich die Möglichkeit schaffen, für die Idee im Lande ausgiebig tätig sein zu können. Die Gründung einer jüdischen Bank und die Präzisierung unserer politischen Arbeit wird von der ganzen jüdischen Bevölkerung in Galizien erwartet und ich hoffe, dass die Konferenz diese sehr wichtigen. Angelegenheiten ernst und ruhig erledigen wird. - Ich wünsche Ihnen, Genossen, zu dieser schweren, aber dankbaren Arbeit viel Glück.“ Iin Namen des zionistischen A.-G. begrüsst die Konferenz Dr. M. Br a ud e. , Br bespricht! die Situation, in welcher sieh jetzt der galizischd Zionismus befindet, und konstatiert, dass diqj innerpolitisehe Arbeit unserer Idee genützt ündj sie unter allen Schichten des Volkes verbreitet hat. Die nationaljüdisehe Politik ist für uns: ein Mittel zum Zweck, welchen nur die zio-' nistisclie Idee bietet. Da die Verhältnisse in Galizien grundverschieden sind von den Bedingungen, in welchen unsere westösterreichischen Genossen arbeiten, müssen wir eine besondere Organisation für Galizien schaffen. Das wird kein Akt einer Sezession aus der österreichischen Organisation sein. Mit Zustimmung der ganzen österreichischen Partei und des Bielitzer Parteitages werden wir die zionistische Organisation im Lande neu gestalten. Das neue Zentralkomitee, welches wahrscheinlich gebildet werden wird, muss sieh auch mit der Frage der, kulturellen und ökonomischen Hebung der jüd.; Masse befassen. Das Verhältnis der zionistischen Organisation zur politischen, müssen wir jetzt wieder regeln, damit weder die zionistische noch die politische Arbeit darunter leiden soll. Abg. Dr. H. Gabel sprach daun im Namen des „Jüdischen.Klubs“. „Der Jüdische Klub ist sich seiner Aufgabe als parlamentarischer Vertreter der jüdischen Masse voll bewusst und will seine Zwecke aufrichtig und ganz erfüllen, mögen die A'ssimilanten aus-dem Polenklub ihm noch so viel Hindernisse in den Weg legen wollen.“ Der Bedner hebt hervor, dass der Klub, welcher aus der zionistischen Partei hervorgegangen ist, ein zionistischer Klub sei, welcher sich nicht nur mit den politischen Fragen des galiziselien Judentums befasst, sondern die vollkommene Entwicklung des Volkes in jeder Hinsicht erstrebt. „Wiir fühlen die grosse Verantwortlichkeit dem ganzen jüdischen Volke gegenüber und fassen unsere Aufgabe sehr ernst auf. 'Wie mail in der zionistischen Organisation das politische Moment von der Palästina- und Kulturarbeit nicht trennen kann und darf, so wollen auch wir für alle Zwecke und Bedürfnisse des Volkes tätig sein. Wir betrachten uns als Repräsentanz des ganzen jüdischen Löbens und zusammen mit Ihnen, Genossen, erstreben wir unser erstes Ziel, die W'iederaufbauung unserer Heimat. (Stürmischer Beifall.) Nachdem die Geschäftsordnung angenommen worden war, schritt man zur Wald des seinen Vergnügungen. Im Nu war das dichteste Sorgengewölk verscheucht, weun er sich an seinen alter ego mit den Worten wandte: „Mavorko wird sieh schon einen Bat schaffen.“ Mayorko war sieh seiner Wichtigkeit bewusst und war auf die Missionen, die ihm üliertragen wurden, nicht wenig stolz. Seinen Glaubensgenossen gegenüber war er zwar immer herablassend und gutmütig, aber in dem Tone seiner Sprache lag etwas Selbstbewusstes, Ucberlegenes, was wie Ueberseliätzung seines eigenen Iclis klang. Denn was war ein gewöhnlicher Erdensolni im Vergleiche zu ihm, dan Einflussreichen, der zum Puriz stets freien Zutritt hatte, der selbst in dessen höchsteigenes Schlafzimmer gelangen und ihn sogar während der Mahlzeit sprechen konnte? Welcher andere Jude könnte es wagen, ohne mit Hunden und Peitschen aus den Hof gejagt zu werden? Er rühmte sieh dessen nicht wenig und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit suchte er seine Günst- Inigsstellung hervorzuheben. Er wusste jedes Gespräch derart zu lenken, dass er wenigstens hie und da eine Bemerkung einstreuen konnte, wie: „Her öfter zu Prizini kommt, wie ich, den wundert es nicht ....“' oder „Mein Puriz, soll leben, hat mir oftmals erzählt . . . “ usw. Intimen Freunden raunte er sogar manchmal geheimnisvoll ins Ohr, wie er im Hofe schon j Zeuge heftiger Auftritte zwischen dem Puriz : und der Prize gewesen und, dass er schon Gelegenheit gehabt habe, in solchen Familienstreitigkeiten eine Vermittlerrolle mit Erfolg zu spielen. Kam er an Winterabenden spät in die Klaus und fragte man ihn: AVaram so spät, Beb Mayer? da suchte er seine innere Zufriedenheit mit einer besorgt tuenden Pose zu verhüllen und sagte, indem er die Stirn runzelte: „Ihr wisst ja, wie beschäftigt ich im Hofe Tag und Nacht hin . .“ In der Tat verbrachte er dort den grössten Teil seines Lehens. Oh es nötig war oder nicht, er musste immer in der Küche warten und auf jeden Ruf sofort dienstbereit sein. Aber auch in diesen Müssestu-n'den verspürte er keine Langeweile. Er Beheizte-mit den Hofdienern, die über seine Witze lachten, spielte mit den Hunden, die in ihm auch den Günstling ihres Herrn achteten und ihn nicht anzubellen wagten. Manchmal konnte er sogar | die kleinen „Panic-ze“3) unterhalten, die ihn | schon kannten und vertrauensvoll am Bart ] zupften, oder er verbrachte die Zeit mit anderen ähnlichen Amüsements, bis ihn ein donnerndes „Mayorko“ seines Herrn . aus der animierten Küehengesell schüft herausriss. In eingeweih- ■ ten Kreisen wollte man allerdings wissen, dass j der „Liebling“ Mayorko im Hofe nicht immer so liebevoll behandelt wurde, wie er es glauben 3) Soviel wie junge Heirei. machen wollte. Man erzählte sich sogar, dass er von den Launen des übermütigen Schlaelizizen sehr viel auszustehen hatte. Einmal hätte er bei den Klängen des Grammophons zum Gaudium der ganzen hochgeborenen Familie tanzen, ein anderes Mal hätte er sieh, begleitet von stürmischen Lachsalven einer hohen Gesellseliaft, eine mit Mehl gefüllte „Jarmulka“4) auf den Kopf stülpen lassen müssen. Aber Mayorko entschuldigte ohne grosse Ueberwindung diese kleinen „Liebenswürdigkeiten“ und war nicht böse darüber, lachte höchstens mit. Ihn quälte nur die Sorge, dass diu Geldquelle für den Hof nie versiege und dass seine diesbezüglichen Kniffe immer gelängen. Das war keine leichte Sorge. Immer schwieriger wurde es ihm, das Gleichgewicht zu erhalten, denn der Leichtsinn des jungen Schlaelizizen machte die Gläubiger stutzig, sie zogen sieh allmählich zurück und wenn sie sich noch zu einer Anleihe entschlossen, taten sie es nur unter der Bedingung, wenn Mayorko, dessen persönlicher Charakter, obwohl er kein Vermögen hesass, noch einiges Vertrauen einflösste, seine Haftung hinzufügte. In ganz schlechten Zeiten, da ein unvermeidlicher Zusammenbruch zu befürchten war, griff 4) Eine von ortodoxen Juden getragere Sammtkappe, um beim Abnehmen der Kopfbedeckung nicht barhäuptig stehen zu müssen, was religiös nicht ges’at et ist.