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Jüdische Zeitung · 1907-10-25 · 15 (25.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
15 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 inöglichkcit, utopische Schwärmerei und wirklichkeitfr'enide Romantik sein, wenn es sieh bei numerisch viel schwächeren, kulturell tiefersteliendereu Nationen, wie der Fall der Griechen zeigt, infolge Anspannung der nationalen Kräfte als durchführbar und von sehr realer Natur erweist. Die Not der" ans Russland, Rumänien, Galizien flüchtenden Juden — aus Marokko dürfen sie gar nicht hinaus! — ist nicht geringer als bei den griechischen Emigranten, ihr Bedürfnis nach einer Heimstätte, nach ruhiger, friedlicher Entwicklung zweifellos viel grösser und brennender. Nur die Konnationalen auf beiden .Seiten verfolgen bei ihrem Hilfswerk andere Tendenzen, wählen eine andere Taktik. Der halben Almosenpolitik der Juden setzen die Griechen zielbewusste und grosszügige nationale Politik entgegen, sind geeint in ihrem nationalen AVillen, scheren sich nicht um kleine fremdnationale Schmerzen. Wären sie wie die .luden in ihrer Mehrheit Skeptiker des nationalen Wüllens, dann würden sie wohl kaum den Versuch jener Städtegründungen wagen. Weil sie w o 11 e n, ist cs kein Märchen . . . Jahresbericht des Odessaer Komitees. Das Komitee der Gesellschaft zur l nterstiitzung jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina, dessen Präsident M. I ssischkiu ist, versendet folgenden Tätigkeitsbericht: Kin Jahr ist vorüber, seitdem das von der letzten Generalversammlung unserer Gesellschaft gewählte Komitee seine Tätigkeit begonnen hat. Das Komitee sieht sich nun verpflichtet, seinen Mitarbeitern über seine Tätigkeit in grossen Linien Bericht zu erstatten. Das Komitee suchte vor allen Dingen die verschiedenen Schichten der jüdischen Bevölkerung Russlands mit den Aufgaben und Zielen der Gesellschaft, mit der gegenwärtigen Lage des Kolonisationswerkes in Palästina und den sich uns dort ersehliessenden Perspektiven vertraut zu machen. Eine solche Vertrautheit müsste nach der Ueberzeugung des Komitees einerseits zur Heranziehung der Privatinitiative in Sachen der ökonomischen und kulturellen Wiedergeburt unserer alten Heimat erheblich beitragen, anderseits aber auch Interesse für die Tätigkeit unserer Gesellschaft wachrufen und die Vermehrung ihrer Mittel zur Folge haben. Zu diesem Zwecke berief das Komitee speziell für Agitationsreisen und Organisation vier Mitarbeiter, die Herren Barnholz, Borgt r, l)r. Mossinsohn und Nissenbaum, die im Laufe des Jahres das gesamte Ansiedlungsrayon bereisten, daneben auch einige Punkte des inneren Russlands und des Kaukasus besuchten. Die Ergebnisse ihrer Reisen sieht das Komitee als durchaus positive an. Einer weiteren Forderung der Generalversammlung — der Forderung, Nachrichten über Palästina, das Leben dortselbst und die dort bevorstehende Arbeit in der Presse reichlich zu verbreiten — entsprechend, schreckte das Komitee vor keinen bedeutenden Ausgaben zurück. So förderte es tatkräftig den vom Komiteemitglied Herrn Dr. -J. Sapir gegründeten B ü c h e r v e r 1 a g „P a I ä s t i n a", welcher im Laufe des Jahres acht Broschüren publizierte, ebenso wurde der Wochenschrift „J e wreiskaja M y s 1 j“, deren „Palästina“- Kubrik vom Komitee geleitet und mit Artikeln und Informationen versehen wurde, eine Subvention zugewiesen. Der sog. ,,K o peken- Bibliothek" stehen für Publikationen, die Palästinafragen betreffen, seitens des Komitees Rodaktionskräfte und Geldmittel zur Verfügung, Das Komitee unterstützt ferner die von Professor Dr. Wa rburg licrausgegebene Zeitschrift ,,P a l ii s t i n a", indem es für nützlich erachtet, das wissenschaftliche Material derselben im Manuskript zur Verfügung zu haben. Was unsere unmittelbare Arbeit in Palästina anbotrifft. so hat sich das Komitee in erster Reihe die Atifgalie gestellt, das Inforinationswoson, als unmittelbare Grundlage aller weiteren Tätigkeit, auf breiter Basis zu organisieren. Es ist dies eine höchst schwierige und komplizierte Sache, die beträchtliche Ausgaben erfordert. Während aber das Komitee die Organisation und Leitung des Informarionswesons auf sieh nahm, war es doch nicht in der Lage, auch sämtliche damit verbundenen Unkosten allein zu bestreiten. -Indes, es gelang dem Komitee, die tatkräftige Mitwirkung des Hilfsvereins der deutschen Juden und des Herrn Prof. Dr. Wartung, dem eine liest im mto Summe speziell für Emigrationszwecke zur Verfügung steht, zu gewinnen. Gegenwärtig funktioniert in Odessa ein Bureau, welches auf die zahlreichen schriftlichen und mündlichen Anfragen in allen Angelegenheiten, die das Ansiedlungswesen in Syrien und Palästina angelten, unentgeltlich Auskunft erteilt. Das Bureau versieht die nach Palästina Reisenden mit Fahrkarten der „Russischen Gesellschaft für Schifffahrt und Handel" hoi einer Hrmiissigung von 40 Prozent für die dritte und 40 Prozent für die erste und zweite Klasse, ferner mit Landungsscheinen für Jaffa nach einem festgesetzter. Preise. Das Bureau ist ferner bemüht, den Reisenden die Erledigung all der Formalitäten und Geschäfte beim Erlangen und Visieren der Auslandspässe u. dergl. zu erleichtern. Ein zweites Bureau funktioniert in Konstantinopcl. Seine Aufgabe ist, den Passagieren die Erlangung eines türkischen „Teskere" (Aufenilialtsbewilligung). das Entsteigen auf einen anderen Dampfer lv.'i gegebenem Falle, den Geldwechsel, die Landung nsw. zu erleichtern. Tn Syrien und Palästina sind in Beirut. C'haifa. -Jaffa und Jerusalem Bureaus. in Aieppo und Damaskus Agenturen eingerichtet. All diese Bureaus und Agenturen stehen den angekommenen Emigranten zu Diensten, indem sie sie unentgeltlich mit anleitenden Informationen zwecks Niederlassung im Lande versehen. Von nicht geringerer Bedeutung ist es, dass all diese Bureaus damit beschäftigt sind, allerlei auf die juridische, ökonomische, kulturelle und andere Seiten des L.bens im Lande sich beziehendes Material /.u sammeln. Dies-,- Material wird sorgfältig 'geprüft, systematisier: und nach Massgabe der Anhäufung zur Veröffentlichung vorhu'eitet. Wir beton m nochmals: das Informationswerk ist sehr schwierig und verwickelt und erfordert ivjche Mittel, wie auch Leute mit spezieller Vorbereitung: nichtsdestoweniger ergab die Erfahrung im Laufe des Jahres bereits manch positives Ergebnis. Indem das Komitee von der enormen Bedeutung der „Geiilath-lloorez” (des Auskaufs des palästinensischen Grund und Bodens) ausging, beschloss es, aus seinem bescheidenen Budget zu diesem Zwecke nach Kräften heizutragen und gewährte einer Gruppe von Arbeitern und einer solchen von kaukasischen Bergjuden eine langfristige Anleihe (ca. 50.000 Eres.) behufs gemeinsamer Erwerbung des Landstriches B e c r - S e h a 1 o m in der Nähe von Ramleli. wo eine neue Kolonie gegründet werden soll. Das Komitee ist sich dessen wohl bewusst, dass der Auskauf des Bodens eine Sache weitgehender Privatinitiative, ferner der anderen, grösseren und reicheren Organisationen sein muss, bei alledem erachtet es aus prinzipeilen Gründen für seine Pflicht, alljährlich auch sein Sclicrflein für diese heilige Saelie beizutragen. Das Komitee beschäftigte schon lange Zeit die Frage der Schaffung von billigem „Kleinkind it". welcher dem palästinensischen Handwerker und kleinen Uowcrbsmann die Möglichkeit geben würde, sieh ökonomisch zu behaupten und den Druck des Wucherers zu vermeiden. Im Berichtsjahre ist dies endlich gelungen. Das Komitee hat gemeinsam mir der Angln Palest ine Company in Jaffa eine Gesellschaft für billigen Kredit gegründet, zu deren Grundkapital das Komitee Fres. äO.ooO beigetragen hat. Die schwierigen Bedingungen, auf die die neuen Ansiedler der Städte und Dörfer Palästinas ..«rossen, führen oft dazu, dass man ihnen neben Anleitung und Informationen auch noch Geldunterstützung gewähren muss. Während aber das Komitee irgend welch:- derartige Unterstützung einzelne r P e r s o n e n als unzweekmässig unwiderruflich abgelelmt hat. entschloss es sieh für das System der Unterstützung von Organisationen und Institutionen, welchen dadurch die Möglichkeit geboten wird, sich zu befestigen und zu entwickeln. Im verflossenen Jahre bezog die jüdische Bevölkerung der Städte Jaffa und Ramleh und der Kolonien Chcderah, Kastinieh und Artuf vom Komitee Subsidion für verschiedene gemeinnützige Zwecke, so z. B. für die Besoldung und Unterhaltung eines Arztes, eines Arztgehilfen, ei ihn Krankenhauses, von „Schochtim“, einer Volksküche. ferner für Grenzschutz. Entrichtung von Steuern. Führung eines Gerichtsprozesses wegen Grenzstreitig'kcitcn mit Arabern u. dergl. m. Der Organisation der jüdischen Arbeiter kam das Komitee du reit Assignierung von Fies. (Mio zwecks Errichtung billiger Wohnungen zu Hilfe. Gegenwärtig wird bereits in den Kolonien Wad-el-Chanin und Rcchohoth an den Bau dieser Wohnhäuser geschritten. Seine besondere Aufmerksamkeit wandte das Komitee der Erziehung des heranwaohsendeii Geschlechtes in Palästina zu. ln der zuversichtlichen Hoffnung, in nächster Zukunft auf palästinensischem Boden ein neues, junges, physisch und moralisch gesunde« Element vor sieh zu haben, welches seinem Volke, seinem Lande und seiner Sprache ergehen ist. die Arbeit und Unabhängigkeit liebt und mit allgemeinen Kenntnissen in genügendem Masse ausgestattet ist. um den Kampf um das unabhängige Dasein mit Würde und Erfolg führen zu können — widmete das Komitee einen beträchtlichen Teil sei ihn Budgets dem Schul- und Erziehungswesen. Die sieheiikiassigc Mädchenschule in Jaffa, die von ca.«i!00 Schülerinnen besucht wird, war Gegenstand der besonderen Fürsorge des Komitees. Diese Schule kam dem Komitee im Berichtsjahre auf lieinahe Fres. 1)00 zu stellen, ln demselben-.Jahre ging das Komitee an die Errichtung eines eigenen G,- biiudes für die Schule: das Gobiiude wird, abgesehen vom Bauplätze (ca. 5000 Quadratmeter im Zentrum der Stadt) einen Ko.-tenaufwand von Eres. 50.000 erfordern, dessen grösseren 'Peil das Ehrenmitglied unserer Gesellschaft, Herr J. Feinberg. gespendet hat. Auf diesem Gebiete erhielten noch vom Komitee in grösserem oder geringerem Umfange Unterstützungen die folgenden Institute: ln Jaffa: Schule für die Kmigrauteiikinder, Kurse für arabische Sprache, hebräisches Gymnasium. Bibliothek. Kindergarten: in Jerusalem: Xationalhihliothek. Kindergarten, Bezalel (das Komitee übernahm die Besoldung und Erhaltung einer Werkstätte für Steinmetze) : in Saffed — Kindergarten: in Beirut — Schule: in den Kolonien Gederali. Uhederali. Artuf. Rechoborli. Mezza. Wald-el- (Mm n i n und Kastinieh: Kindergärten und Schulen. In der Kolonie Wad-el-Chanin errichtet gegenwärtig das Komitee ein Schulgebäude, das den Namen Losinskys tragen wird: den grü.-scren Teil der Baukosten spendeten die Mutter und Freunde des Verewigten. Wenn wir zu all diesem noch die Assignierung von Ruliel LOdO für eine gemeinsam mit Professor Dr. Wärburg heraiiszugcbende hebräische Wandkarte Palästinas, ferner die moralische und materielle Förderung junger, aber viel versprechender Organisationen. wie des „Lehrcrvcrband" und des „Palüsrinanil" liinzufiigen. so ist damit die Arbeit unseres Komitees im verflossenen Jahre erschöpft. Klein und bescheiden ist unsere Arbeit im Verhältnis zur Grösse der Aufgabe — „der Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande seiner Vorfahren", und mehr als irgend jemand erkennt das Komitee ,-elbst das Unzureichende des Geleisteten an. Eins aU-r dürfen wir mit ruhigem Gewissen sagen: Wir taten alles, was wir bei il e u Mitteln vermochten, die uns unsere Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter zur Verfügung stellten. Indem nun das Komitee in das zweite Jahr seiner Tätigkeit eintritt. darf es seinen Mitarbeitern ruhig erklären, dass seine Statuon. in Programm, schliesslich seine Erfahrung

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