Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 15 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438157--0158-2439653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 keine Opfer bringen, ihnen keine Legate spenden usw. Den Vorwurf höre ieh wohl, suche aber vergebens nach der Aufzählung der Leistungen, für welche das Judentum Opfer schuldig wäre. Ieh kann mit Stolz behaupten, dass wir für diesen Zweck keine Spenden und Legate brauchen. AY i r w eisen j e des Almosen zurück, denn irir wollen die Erziehungskosten unserer Kinder selbst bestreite n. Mit den enormen Summen, die die „Gliedere“ verschlingen, könnten blühende Schulen erhalten werden, aber wie gesagt: gebet uns Ersatz für das „Cheder“, gebet nur unseren Kindern die zum nationalen Leben unentbehrliche geistige Nahrung, gebet ihnen die hebräische Sprache, die hebr. Wissenschaft, dann werdet ihr sicher keinen zugeknöpften Taschen begegnen! Kozlow (Gal.), im Oktober 1907. Joachim Neige r. Fragmente. In Prag lebt ein gewisser Simon Pollak. Zeitweilig werden seine seltsamen Kegungen im ..Deutschen Volkblatt“ abgedruckt. Ein eigenartiges Gemengsel: Sternbergsche Derbheit, draufgängerisch, jedes Wort ein Knüttel. Dazwischen sonore Brusttöne einer aufgedunsenen Ehrlichkeit, kahl getretene Gemeinplätze und heiseres Gekläff. Und doch raffiniert. Kaffiniert, weil die ganze urwüchsige Kernigkeit gleichsam fühlbar auf die barzahlende Sympathie judenl'resseriseher Kreise spekuliert. Wie wirkungsvoll: „Hört! So spricht ein Jude über Juden!“ Und die breitmäulige Ungeschlach-tlieit gibt der Ischaristie einen besonderen Geschmack. Erinnert sehr an einen anderen Simon, dieser Simon Pollak; den von Trient. * * * Ofner war mit dem lächerlichen Neustadtl — wie putzig das zornige Männchen ist! nie ein nervöses Eichkatzel — und dem Doktor Schwarz-IIiller beim Ministerpräsidenten. Das obligate Geraunz über die Wahlreform des Landtages. Exzellenz Beck muss ein ungemein scharfgeistiger Mann sein; augenblieks hatte er die vermummte Sehnsucht der Querulanten heraus. Ging gar nicht auf das Meritum ein. Lächelte nur ganz fein und meinte, die Herren dürften für die Freiheitlichen zwei Mandate in Wien erhalten. Die beiden in der Leopoldstadt. Die Ironie ist entzückend. Hätten die Herren etwas in sich, was man landläufig Empfindlichkeit nennt, sie müssten rot werden, wie ihre nculaekierten Gesinnungen. So aber werden sie Versammlungen abhalten und mit dem Ministerempfang, der ihrem Anhang eine ernste politische Tat zu sein dünkt, protzen. * A * Das hochoffiziüse „Fremdenblatt“ redigiert ein gewisser Mendl. Nachfolger des verstorbenen Hofrates Marcell Kitter von Frydmann. Auch ein Jud, derzeit aber bereits römischkatholisch. Man kann aber nicht gut schreiben: Chefredakteur Wilhelm Mendl (Christ). Und ohne diesen Beisatz könnten über den unbequemen Namen etwelche hochgeborene Leser der vornehmen Zeitung wegen der vermutlichen Nase die Nase rümpfen. Der Ausweg wurde entdeckt. Auf der letzten Seite jedes Fremdenblattes ist zu lesen: Verantwortlicher Redakteur : K e g i e r u u g s r a t Wilhelm Mendl. Und der obszöne Name verblasst unter der Strahlenwucht des Titels. Zu benennen wäre diese Angelegenheit: „Die gezwungene Eitelkeit“ oder „Wie werde ich salonfähig?“ Beda. Rundschau. Die Wiener Aerztekammer. Der Aorztestand galt bisher als für die Antisemiten unangreifbare Domäne der Liberalen oder Juden. Und die Aerztekammer hatte demgemäss eine ausnahmslos nicht antisemitische Leitung. Den Eingeweihten war es seit Jahren klar, dass im Sprengel der Wiener Aerztekammer eine Kräfte Verschiebung zugunsten der antisemitischen Aerzte verschiedener Couleur vor sich gehe. Die Separationsbc strebungen wuchsen mit dem Aufstieg des politischen Antisemitismus und nahmen durch die Gründung des Vereines deutscher Aerzte, der eingestandenermassen der Bekämpfung jüdischer Berufskollegen galt, ganz konkrete Formen an. Die koalierten Antisemiten führten den Kampf, wie ein in Salzburg abgehaltener Aerztetag neuerdings bewies, recht rücksichtslos und nur vom Parteistandpunkt aus. .Ihre Gegner sind dieser ■Kampfesweise und Intoleranz nicht mit gleicher Energie und Standhaftigkeit entgegengetreten. Sie haben für die kommenden Aerztekammerwalilen ein Kompromiss geschlossen, das weder den derzeitigen Kräfteverhältnissen beider Parteien entspricht, noch der illoyalen und unkollegialen Haltung der Antisemiten gegenüber am Platze und nötig war. Ob diese in umgekehrter Situation auch nur annähernd gleiches Entgegenkommen und gleiche Toleranz bewiesen hätten? Wir glauben nicht und die Zukunft wird, wenn die bisherige Minorität dank ihren agitatorischen Kunststückchen und ihrem jesuitischen Boykott gegen jüdische Aerzte etwa Majorität geworden sein wird, die Berechtigung unserer Zweifel bestätigen. Wenn die ■freisinnigen Aerzte den Kampf um fortschrittliche Prinzipien in der Aerztekammer. wirklich mit Ernst und Ausdauer führen wollten, daun durften sie nie und nimmer in ein Kompromiss einwilligen, das ihren enragiertesten und verbissensten politischen, nationalen, ja wirtschaftlichen Feinden die Aerztekammer halb ausliefert. Auf der Liste der künftigen antisemitischen Mitglieder des Kammeraiusschusscs befinden sich Namen, deren Träger noch vor kurzem den wirtschaftlichen Vemiehtumgskampf gegen jüdische Aerzte gepredigt und ihnen moralische Minderwertigkeit für den ärztlichen Beruf seit Jahren angedichtet haben. Es wird sich bald zeigen, ob die jetzige Kammermajorität sich nicht ins eigene Fleisch gesc-hnitteu hat und schadenbringendes Entgegenkommen einem Gegner erwies, der es weder würdigen wird, noch verdient hat. Griechische Städtegründungen. Die verfolgten Griechen Bulgariens, die vor der VerfoTgungswut plündernder Banden flüchten und sieh' auf griechischem Boden niederlassen müssen, nimmt ihr Heimatland als nationale Märtyrer und Blutzeugen nationaler Not jenseits der griechischen Grenzpfähle selbstverständlich mit allen Ehren und Freuden auf. Aber es hilft ihnen auch, sich eine neue Existenz zu zimmern und ohne Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes und sozialen Lebens im Lande anzusiedeln. Die Gründung neuer Städte für die griechischen Flüchtlinge, von der in der letzten Zeit vielfach zu lesen war, hat etwas Romantisches, im ersten Moment vielleicht auch Utopistisdies an sich. Sie zeigt, wie die nationale Gesamtheit bedrängten Volksgenossen zu Hilfe kommen und in Verbindung mit der Hilfsaktion die nationalen Kräfte sammeln, dem Lande und Volke bedeutende wirtschaftliche und politische Vorteile sichern kann. Die neuzeitlichen griechischen Städtegründungen sind besonders für uns Juden sehr lehrreich und müssten denkende Antizionisten, wenn sie in geschichtlichen Analogien und Parallelismen zu lesen verstehen, die Richtigkeit zionistischer Siedlungsversuche und die Möglichkeit der Schaffung eines nationalen Zentrums in Palästina dartun. Gewiss, die Griechen sind Herren über ihr Land und bilden eine geschlossene, auf einem grossen Territorium bodenständige, nationale Einheit. Aber gerade diesen Mangel wollen die Zionisten durch allmähliche wirtschaftliche und kulturelle Eroberung ihrer palästinensischen Heimat wettmaehen und den auf der Wanderung befindlichen östlichen Juden eine gesicherte Zufluchtsstätte schaffen. Warum soll ein natürliches nationales Streben bei Juden ein Ding der Unanlässlich gewisser politischer Ereignisse in Galizien vor einer urplötzlichen Erweckung der jüdischen Massen wie vor einem Rätsel standen, so verdanken wir Rätsel und Lösung nicht zum geringen Teil der Durchdringung des ganzen Volkes mit chassidiseher Ekstase. Ekstase . . . Das Leben spielt sich nicht in lauter Ekstasen ab. Gewiss! Aber wehe dem Leben, das nicht von Ekstasen genährt wird, wie der Boden von der Feuchtigkeit! Wehe dem Volke, das für Ekstasen schon zu alt und zu klug ist . . . Am Ende ist die ganze Judenfrage die Frage: AYie erhält und steigert man in Israel die Ekstase? Zu dieser Erkenntnis sehr viel beigetragen zu haben, ist ein Verdienst, das Buber für sich in Anspruch nehmen darf. Mathias Acher. Allerlei. Jüdiscb-türkische Kaulleute in Wien. Der Zusammenbruch des jüdisch-türkischen Grosshandlungshauses Finzi-Farchy in Wien, der auch weitere Häuser mit sich zu reissen droht, lenkt das Interesse der Allgemeinheit wieder auf einen eigenartigen Stand, der sich in Wien seit Jahrhunderten festgesetzt hat. Der „türkische Kaufmann“ war noch vor wenigen Jahrzehnten eine häufig gebrauchte Bezeichnung für alle jene Kaufleute, die nicht nur mit den Waren, die sie kauften und verkauften, in Beziehungen zum Orient standen, sondern auch im Aeussern, durch, das Tragen von Fez oder Turbans, kragenloser Böcke, jener Hosen, die der Wiener als solche mit „doppeltem Boden“ bezeichnet, kurzer Fuchspelzjacke und durch stetes Bauchen aus mächtigen Tschibuks sich äu6serlich als „Türken“ gehabten. Diese Figuren sind aus dem Treiben der Stadt heute verschwunden. Nur auf dem alten Fleischmarkt und dessen nächsten Seitengassen sieht man sie noch ab und zu, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit in jener Gegend beinahe in der Mehrzahl waren. „Haben S’ kan Türk’n g’seg’n?“ Diese Frage aus der lustigen Wiener Bedoutezeit wird man selbst im Griechengassei und auf dem Hafaersteig bald verneinen müssen. Die orientalischen Kaufleute in Wien haben ihr Aeusseres den westeuropäischen Anforderungen entspechend geändert—ihre Firmenschilder sind aber die altep geblieben. Schon seit dem Ausgange des Mittelalters gab es „türkische* Kaufleute in Wien. Die zwei Türkenbelagerungen anno 1529 und 1683 waren dem Handel mit dem Orient gewiss nicht günstig, doch konnte im Jahre 1730 der Syndikus Küchelbecker in seinem vielgelesenen Buche über Wien schreiben: .Seit dem anno 1719 geschlossenen Frieden mit denen Türken ist die Handlung nach dem Orient von neuem etabliert worden . . . seint einigen Jahren habee auch viel Griechen, Armenier und Wallachen ihre Gewölber meistenteils auf dem alten Fleischmarkt.“ Nahezu zwei Jahrhunderte also ist der „türkische Kaufmann“ ununterbrochen wieder in Wien tätig. Karl VI. hat zwar im Jahre 1718 eine „orientalische Handeiskompagnie“ gegründet, sie ging aber 1730 ein und der Handel mit dem Orient verblieb nach wie vor den Griechen, Türken und türkischen Juden, den sogenannten Spagniolen. Die griechischen und türkischen Grosshändler hiessen damals griechische und tolerierte jüdische Grosshändler. Vor zwanzig Jahren gab es alles in allem noch 120 „türkische Warenhändler“. Sieht man die Liste der Firmen durch, so findet man einzelne Namen besonders häufig: 10 Busso, 5 Adutt, 3 Eskanasy, 3 Farchi. Es war nämlich in den Kreisen der „türkischen“ Kaufleute üblich, in dem Geschäftszweige zu heiraten, und die Verwandtschaft.der einzelnen Familien war oft ebenso verwickelt als weitverzweigt Auch die kleinsten Firmen der türkischen Handelsleute sind zumeist insoferne Grosshändler, als sie sowohl das Warengeschäft als auch das Bankgeschäft betreiben, letzteres weniger in bezug auf Wechsel und Tratten als auf Münzen. Der kaiserliche österreichische Dukaten und der Maria Theresien-Taler, der sogennante „Levantetaler“, sind die gangbarsten Geldstücke für den Handel in der eigentlichen Türkei und in Kleinasien. Der Teppichweber, der Kosenölhändler, der Tabakbauer, die Besitzer der Zitronen-, Dattel- und Bosinenpflanzungen, die Fellhändler und Perlenfischer usw. wollen am liebsten mit Dukaten und Theresientalern bezahlt werden. Sowohl die dieser Tage bankrott gewordene Grosshandlung Finzi-Farchy (Isidor Leon) als die in grosse Zahlungsschwierigkeiten geratene Firma Haim de Majo sind Judentürken, sogenannte Spagniolen, das heisst Nachkömmlinge der aus Spanien ausgetriebenen Juden, die nach der Türkei auswanderten.