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Jüdische Zeitung · 1907-10-25 · 15 (25.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
15 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seile 3 r> :: •'/•" ’ . Bevölkerung, aus deren Mitte sich die Kunden der Kleinhändler auf dem flachen Lande rekrutieren, verfügt nur einmal im Jahre über die Mittel, bar zu bezahlen, das ist im Herbst nach dem Einheimsen des Ertrages der Ernte. Schon zu Beginn des 'Winters wird dem Bauern sein Bedarf an Waren.auf die künftige Ernte liin kreditiert. Kommt aber eine Missernte oder, wie es auch oft geschieht, erreicht im Budget des Bauern die Bedeckung nicht die Höhe der Erfordernisse, dann muss der Jude den Zahlungstermin seines fülligen Guthabens auf ein weiteres ganzes Jahr erstrecken, denn Zwisehentennine, an denen er zur Zahlung angehalten werden könnte, gibt es für den Landwirt nicht. Mit diesen Zahlungsverhältnissen muss der mitten unter Bauern lebende Kaufmann rechnen. Ja, nicht nur diese Kundenkreise, selbst die jüdischen zahlen gewöhnlich erst im Spätherbst, da sie ihrerseits ebenfalls von der Bauernbevölkerung abhängig sind. Unter solchen Umständen ist der Kleinhändler auch seinerseits gezwungen, während des Jahres wiederholt Kredit in Anspruch zu nehmen. Er bekommt ihn aber bei weitem nicht zu so günstigen Bedingungen, wie er ihn seinen Kunden bereitwilligst gewährt, denn in der Bügel muss der Kaufmann seine Schulden mit drei-, höchstens viermonatlichen Wechseln decken, welche jedoch pünktlich eingelöst werden müssen, o h n e R ii c k s i c h t a u f J a h - r e s z e i t und S a i s o n. ln dieser nichts weniger ais beneidenswerten Situation, zwischen Hammer und Ambos, oder mit anderen Worten, zwischen streng zugemessenen Zahlungsfristen und ziellosen, an keinen Termin gebundenen Aussenständen, gerät der gedrückte Provinzhiidler fast unbewusst in die Hände von Wucherern. Dies ist die zweite Etappe auf seinem sicheren Wege zum Niedergänge. Seine momentane Not wird zur gefährlichsten Waffe in der Hand des Wucherers, der sie, des Zieles sicher, meisterhaft zu führen weiss. Es ist vielleicht unglaublich, aber leider wahr, dass in den Städtchen und Marktflecken Galiziens ein Zinsfuss von 12—IS Prozent gang und gäbe ist, und dass ein solcher Zinsfuss nicht etwa von Kaufleuten, die an der Schwelle des Bankrottes stehen, sondern in der Begel von den sogenannten gutsituierten gezahlt wird. Denn einmal in die Enge getrieben, greift der anno Kleinhändler nach dem Kettungsanker, wo er ihn nur erreichen kann, koste er. was er koste; er ist froh, wenn er sich so durchwursteln kann. Ist aber ein solches System auf die Dauer haltbar? Kann denn ei n g a n z e r S t a n d, ohne festen Boden unter d e n E ii s s e n z u li a b e n, n u r s o i n d e r L u f t s c h w e b e n d erhalten werden? Auf diese nüchterne Frage ist die Antwort e i n g r o s s e s h erzz e r r e i s s e n d e s N ein! Ist aber die Existenz eines ganzen Standes innerhalb des Judentums gefährdet, dann darf das jüdische Volk nicht mit verschränkten Armen dastehen und dem wirtschaftlichen Untergänge dieses Staates nicht untätig Zusehen. In erster Reihe muss ein billiger Kredifstroin in das unglückselige Land geleitet weiden, damit des armen Kleinhändlers letzter Weg nicht über die Schwelle des Wucherers führe und damit diesen giftigen Pilzen das Handwerk einmal gelegt werde. Dann müsste der Kredit den Verhältnissen des Landes angepasst weiden. Die Zahlungstermine der Kleinhändler sollten möglichst mit jenen s iner Kunden zusammenfallen. Es sollten jüdische Y orschusskassen gegründet werden, die offene Buchf orderungen der Krämer eskomp-! rieren und ihr Inkasso bei den biiu-rliehen Kunden übernehmen könnten. Durch eine solche Prozedur würden die Kleinhändler ein bedeutendes erweitertes Respiro gewinnen, aber auch die Eintreibung ihrer Auss ■nstiinde könnten sich viel leichter und pünktlicher gestalten. Auch für Hypothekarkredit müsste vorgesorgt werden. Denn während der Bauer auf sein unlieweglic-hes Vermögen hei den Landesinstituten zu jeder Zeit mühelos eine Anleihe liekommt. b 1 e i h t d i e s e H i 1 f s q u e 11 e d e n .T u d e n in kleinen St ii d t e n u n d Marktf 1 c c k e n g ii n z 1 i e h verschloss e n. Aber auch in grösseren Ort-chaften. wo solche Anleihen auch Juden gewährt werden, m ii s s e n s i e erst d u r c h p o 1 i t i s e h e O p f e r e r k a u f t w e r d n. In berufenen Fachkreisen sollte auch die Frage erwogen werden, ob es nicht möglich wäre, für den Handelsstand eine Art von Hilfskassen zu gründen, wie sie die Landwirtschaft in den sogenannten „Baiffeisen”-Kassen hat. Ich will mich nicht in Details ergehen, sondern nur die Möglichkeit einer gedeihlichen Lösung andeuten. Man greife aller tatkräftig zu. ohne Achselzucken und zweifelndes Kopfschütteln, denn Hilfe ist notwendig und Hilfe ist möglich, nur der Wille, die Energie fehlt. Gelänge es durch diese Zeilen, den jüdischen Willen in Bewegung zu setzen, so wäre ihr Zweck vollends erreicht. X o c h e i n W ort ü b e r d i e H i r s c h’schcn S c h u 1 eil. Der Artikel des Herrn Schulleiters Willner in Nr. 13 der „Jiid. Ztg." zwingt mich, auf das traurige Kapitel des jüdischen Erziehungswesens in Galizien nochmals zuriickzukonnnen. Würde sich der erwähnte Artikel nicht direkt auf meine Briefe beziehen und fände ich mich darin nicht mehrmals apostrophiert, so hätte ich es gar nicht ahnen können, dass diese Ausführungen als Erwiderung auf meinen zweiten ..Brief”* ) gedacht waren. Denn auf die eigentlichen Vorwürfe, die ich dem Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung gemacht habe, reagiert Herr Willner überhaupt nicht, sondern übergeht wohlweislich mit Stillschweigen meine gerechtfertigt. n Anschuldigungen. Ich habe doch die Wirksamkeit der Hirselfschen Schulen nicht vom Standpunkte des Lehrers und Fachmannes einer Kritik unterzogen, sondern einzig und allein vom Standpunkte des J u d e n. Die Tatsache also, dass die Baron Hirsch-Schulen genug leisten, tangiert die durch mich aufgeworfene Frage gar nicht. Ein Lehrer vom Fache könnte vielleicht mit den Leistungen ganz zufrieden sein, k e i n e s w e g s a b e r ein nationaler J tide. und als solcher habe ich doch mir gesprochen. Herr Willner möchte die nicht mehr liinwegzuicuguemleii Mängel dem angeblichen Geldmangel zuschreiben. Warum aber fragt1 ich. muss gerade der hehr. Unterricht darunter leiden? Warum muss gerade dies e r planlos und mangels jeder Kontrolle bis zur Karikatur entstellt werden? ln den ersten Jahren ihrer Existenz standen die Dinge lxd der Stiftung allerdings ganz anders. Damals versah den hispektionsdieiist in den Schulen zwar nur eine einzige Kraft, der verstorbene Herr N. Landes. Allein er war des Hebräischen kundig und konnte somit auch diesen Unterricht cinigcrmasscn beaufsichtigen. Nach seinem Tode wurden mit einem Male drei Inspektoren allgestellt, aber für Hebräisch kein einziger. Ist es denn wirklich so schwer, bei einem Jahresbudget von ca. einer Million Kronen den Posten von 3—1000 Kronen zur Erhaltung eines hehr. Inspektors einzuschh Km? Leb will es dahingestellt sein lassen, oh die B. H.-Schulen als Ersatz für die .,Flieders” oder nur als Musterschulcn gedacht waren. Ich bleibe natürlich konsequent bei der ersten Behauptung. Aber zugegeben, das letztere wäre der Fall: wie kann man sielt dann eine Schule denken, die als Muster dienen soll, aber zugleich mit solchen Mängeln behaftet ist? Wenn die Mittel zur Erhaltung von öd Schulen nicht ausreichen, so wäre der Sache mit einer entsprechenden Reduzierung dieser Zahl besser gedient als durch Verpfuschung des Unterrichtes. Wenn die Fülle des Material» in den vorgesehriebenen Unterrichtsstunden nicht bewältigt werden kann, so soll mit Abendkursen nachgeliollen werden,alterMustcrsehiilen sollen es sein, M u s t e r im wahrsten Sinne des Wortes. Denn hei einem Muster ist nicht die Quantität die Hauptsache, sondern <1 iw Qualität. Noch einen Vorwurf lese ich in dem crwälnuai Artikel, dass nämlich die Juden für die Suftmigsschulen *) Nr. io der „Jüd. Zeitung". denfum braucht nur Ohren zu haben, um zu hören. Zuvörderst auf die Westjuden müsste das Buch wie eine Offenbarung wirken. Da ist einmal etwas anderes als die übliche Judenliteratur, durch die ihnen das Judentum noch mehr entstellt, verleidet wird, etwas anderes als alle die lächerlichen Verteidigungsschriften, die sozusagen Erbauungsbüc-lier, die sentimentalen Geschichten. Da hören sie von einer grossen, ursprünglichen geistigen Bewegung im Judentum, die noch gar nicht so lange zurückliegt, der eliassidisehen Geistesrevolution, da sehen sie ein jüdisches Volk vor sieh, das noch seinen innigen starken Zusammenhang mit der Natur hat.und noch im gewaltigen Scelenglauben sieh läutert oder verzehrt. Da gibt es ein ureigenes Wesen und Leben, das noch entarten konnte. Und vielleicht steigt in manchen ein leiser, sehamivoller Wunsch auf: 0 wäre auch in'uns noch Stoff zum Entarten oder wären wir auch entartet, aber noch ganz geblieben in der Entartung und damit noch fähig der Erholung, der inneren Wiederaufrichtung! Wie jene da droben im Norden und Osten, die Vielverhöhnten und Vielverkannten, die noch grosse jüdische Möglichkeiten in sieh tragen! Wie gern opferten wir unseren Vorsprung an all dem nichtigen und wichtigen Zeug der Zivilisation — wie bald werden sie uns übrigens eingeholt haben! — Für eine Stunde der kräftigen Einheit und Geschlossenheit des ostjüdischen Wesens . . . Und die nicht so kühn zu denken und wünschen wagen, werden vielleicht in ihrem Dunkel und Dünkel etwas erschüttert. Und auch das ist gut . . . Für das Ostjudentuin hat das Buch eine ganz besondere Bedeutung, weil cs ein Buch des Chassidismus ist, das auf die geistigen Wurzeln dieser Bewegung zurückgeht und sich weder durch alte ungerechtfertigte Vorurteile noc-h durch neues gerechtfertigtes, aber wohlfeiles und unfruchtbares Entsetztsciu über die Wunde rrabhis bestimmen lässt. Wohl bietet es damit nichts ganz Neues, Buber seihst führt in seinem Vorworte S. D u b n o w an. „den Historiker des Chassidismus"', und M. J. B e r d y c z e w s k y, „den Erforscher der eliassidisehen Seele” und hätte noch andere, auch wenn er ihnen keine unmittelbaren. Anregungen verdankte, erwähnen können, so in erster Linie, den Dichter J. L. Perez, den Meister in der Apotheose des Chassidismus. Aber ein würdiger Fortsetzer ist er. Zusammen mit den nacherzähiten Gesehicfiteii, sind seiue Darlegungen von einer bisher nicht erreichten Eindringlichkeit der Wirkung. Nicht an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, zumindest nicht au den schlimmen! Nicht daran ist der Chassidismus zu messen. was meist von ihm unabhängige Voraussetzungen .und l nistände aus ihm gemacht haben ich will auch übrigens über die Ursachen des grossen Misserfolges in keinen Disput mit dem \ erlasset1 cinlassen — sondern an dem geistigen und sittlichen Kapital, das er als eigenes in das jüdische Lebm mitbrachte und das im Lehen seihst günstig fortzuwirken noch nicht ganz aufgchört hat. Nicht \\ umlcrrahhinentum ist der Uhassidisnius von Haus aus. sondern die Lehre von der Läuterung der gesetzbefreitcu Seele durch die Freude in Gott. Er ist der Aufstand des lebendigen Volkes, seines innigen Sehnens, seine.- einfältigen Sinnens, seiner starken Sinne gegen das kalte, kluge, malte Buchstabenerbe ins Grab gesunkener Geschlechter. Er ist der wundervolle Versuch eines kriechend n Volkes, sich in die höchsten Höhen emporzusehwingen. Und auch nicht ganz vergeblich ward der Flug getan. Wenn cs auch leider wahr ist, dass der Chassidismus selbst wieder ins Formelhafte und Dogmatische verfiel, so ist es nicht minder wahr, dass <-r etwas von seiner ursprünglichen Glut und Färbtvon seiner stürmenden, läuternden verschönenden Kraft überallhin, auch auf seine Gegner, verteilt hat. Es gibt wohl nur wenige Ostjuden, auch wenn sie ausserhalb des ehassidischen Lagers stehen, denen sich nicht zumindest ein Funke aus der eliassidisehen Sonn ins Merz gesenkt härte. Und wenn wir erst jüngst

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