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Jüdische Zeitung · 1907-10-25 · 15 (25.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
15 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 . lassen. Die deutsch-demokratische Partei, wie sieh paar , wohlgesinnte, aber schwäch] iehe Bezirksmeier nenestens nennen, wird mir eine Eintagsfliege im Wiener politischen Leiten sein. Die Wiedereroberung Wiens hat mit dem deutsch-demokratischen Gründungssehwindel nichts gemein. Sie muss erst beginnen. Zur Landtagswahlreform in der Bukowina. Die letzten .Beiehsratswahlen haben die Juden in der Bukowina belehrt, dass sie Wahlbezirke mit gesicherter jüdischer Mehrheit der Wähler haben müssen, wenn sie in der Tat jüdische Vertreter haben wollen. Dass die Juden ihre Wünsche in nationaler, kultureller und wirtschaftlicher Beziehung und die volle, nicht papierne Gleichwertigkeit mit den anderen Nationen nur dann durchsetzen können, wenn ihre Vertreter Juden sind, liegt auf der Hand, wenn erwogen wird, dass ein Abgeordneter, der seine Wald nicht ausschliesslich oder zumindest in überwiegender Mehrheit jüdischen Wählern zu danken hat, für spezielle jüdische Interessen weder eintreten kann noch darf — ohne bei seinen anderen Wählern anzustossen — und dass ein jüdisches Herz dazu gehört, um eben diese Interessen mit Eifer und Wärme vertreten zu könuen. Die Juden mit anderen Nationalitäten (in Galizien mit den Polen und in der Bukowina mit den Deutschen) zusammenzukoppeln und diese Wahlbezirke als deutsche bezw. polnische auszugeben, hat sieh anlässlich derSchaffung der letzten Eeiehsratswahlordnung als Fehler erwiesen, der die Juden um die Vertretung, deren sie nicht entraten können und welche ihnen vermöge ihrer Kopfzahl und ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung und Steuerkraft gebührt, gebracht hat. Speziell bei uus in der Bukowina wurden den Juden und Deutschen vier Bezirke zugewiesen. In der Theorie haben die anderen Nationalitäten des Landes, die Deutschen voran, anerkannt, dass die Teilung, wenn sie gerecht sein soll, eine gleiche sein müsse. Die Umsetzung dieser Theorie in die Praxis aber hat ergeben, dass wir bei 14 Mandaten nur einen Juden durchgesetzt haben, während wir bei 11 Mandaten zwrei hatten. Gegen den Juden wrar eben Einmütigkeit vorhanden. Zu diesen Ausführungen und Erinnerungen veranlasst mich das Studium des von unserem Landtage bereits beschlossenen, von der Biegierung aber als noch nicht sanktionsreif erklärten Gesetzes betreffend die Beform der Landtagswahlordnung und Landesordnung. Es ist, gerade hcrausgesagt, für uns Juden ein Glück, dass dieser Entwurf nicht Gesetz geworden ist und die Juden des Landes müssen alles daransetzen, dass es bei der darin geschaffenen Wahlkreiseiuteilung nicht bleibe. Denn wenn man den Entwurf aus dem Gesichtswinkel der Sicherstellung jüdischer Interessen prüft, so findet man, dass für uns nicht ein einziges sicheres jüdisches Mandat geschaffen wurde. Selbst das Städtemandat Bojan-Storozvnetz-Sadagora, welches als speziell jüdisches ausgegeben wurde, hält der Statistik nicht Stand. Die unbarmherzige Sprache der Ziffern beweist, dass die Mehrheit nicht den Juden zukommt. Dass dies weder der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung, noch der Steuerleistung der Juden entspricht, braucht wohl kaum betont zu werden. Der Eimvand, dass wir in Ozeruowütz auf ein Mandat rechnen können und dass die Juden in der Handelskammer in der Majorität sind und dass das eine oder das andere Städtemandat den Juden zufallen könne, ist eine Ausrede, wenn bedacht wird, dass wir um die Städtemandate kämpfen müssen und die Aussichten eines solchen Kampfes stets unsicher sind, sowie dass die Zusammensetzung der Kammer nicht unabänderlich ist. Im übrigen haben die Juden ebenso Anspruch auf gesicherte Mandate, w'ie die anderen Nationalitäten des Landes. Es handelt sieh hier um ein Lebensinteresse der Juden. Denn ist schon die Kompetenz des Landtages weit genug, so drängt die politische Entwicklung in Oesterreich auf Erweiterung der Kompetenz der Landesvertretungen. Wir müssen also gerüstet sein. Der Landtag soll aus 55 Mitgliedern bestehen. Wenn ich nur die Kopfzahl der Bevölkerung in Betracht ziehe, so haben wir, da wir den siebenten Teil der Bevölkerung des Landes repräsentieren, Anspruch auf acht Mandate. Diese müssen uns gegeben und siehergestellt werden. An die jüdischen Vertreter im Landtage richte ieh diesen Appell. Vor allem ist es ihre Pflicht, ihre ganze Macht und ihren ganzen Einfluss aufzubieten, um unsere Vertretung im künftigen Landtage sicherzustellen. Ich fordere aber auch den Vertreter der Stadt Sereth im Landtage und Beiehsrate, der stets versichert hat, die Interessen seiner jüdischen Wähler mit Eifer vertreten zu wollen, zu einem einmütigen Vorgehen mit den jüdischen Abgeordneten in dieser Frage auf! Endlich ist es auch Sache aller Judengemeinden des Landes, diese Angelegenheit durch Abhaltung von Versammlungen und Ueberreichung von Petitionen an den Landtag zu fördern. Die Sache kann nicht früh genug in Angriff genommen werden; es könnte uns sonst leicht ein „zu spät“ passieren. Die Ansicht, dass der Bukowinaer Landtag die Frage der nationalen Kurien in bejahendem Sinne regeln und einen besonderen jüdischen Kataster gewähren werde, kann ich nicht teilen. Die autochthonen Nationalitäten (Ruthenen und [Rumänen) brauchen den nationalen Kataster nicht; ihre Wahlbezirke sind national und territorial so beschaffen, dass ihr Besitzstand vor jeder Anfechtung gesichert ist. Den Juden Gleiches zu versagen, wird wohl die Ausrede, dass die jüdische Nationalität staatsrechtlich noch nicht anerkannt ist, herhalten müssen. In Wahrheit aber möchten sich Rumänen und Buthenen an den jüdischen Stimmen eine gute Reserve schaffen. Möge meine Anregung auf fruchtbaren Boden gefallen sein! Seretli, 14. Oktober 1907. Dr. Isaak K o h n. Briefe aus Galizien. IV. K r e d i t w e s e n. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass ein gesunder und billiger Kredit die Conditio sine qua non eines gesunden Ilandolsstanj des ist. Da wir Juden in der Diaspora ein handeltreibendes Volk sind, ist es sehr naheliegend, dass der Kredit, d. h. sowohl das Erteilen als das E in pfangen des Kredites, zu einem mächtigen Faktor im jüdischen Leben geworden ist. Den ersten Teil, das Kreditgewähren in grösserem Masse, will ieh hier unerörtert lassen, denn der Zweck meiner Briefe ist doch nur, solche Fragen zu erörtern und zu ihrer Lösung beizutragen, die das jüdische Elend unmittelbar betreffen. Das kreditgebende Element alter unter den J uden Galiziens — obwohl auch hier eine Beform vonnöten wäre — gehört nicht zu den Notleidenden, für die Hilfe und sofortiges Eingreifen notwendig wäre. Ich knüpfe an meine Ausführungen im vorigen Briefe an und wende mich dem Kapitel „Kreditwesen“ zu, soweit es für den Kleinhandel in Betracht kommt, also grösstenteils in der Gestalt des empfangenen Kredites. Dass der galizisehe Kleinhändler sehr oft schon in seinen ersten Anfängen kreditbedürftig ist und auf diese Weise sofort in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Grossliändler tritt, wurde bereits im vorigen Briefe als eine grosse Kalamität hervorgehoben. Tritt aber auch das Kreditbedürfnis in den ersten Flitterwochen der Kaufmannschaft nicht ein, so ist ihm nach der ersten Saison nicht mehr auszuweichen. Die landwirtschaftliche den sicheren Buhen s in den Dingen, in der i Welt um ihn hinstellt, wenn er sagt, dass erst dieser Pathos der Seele des Juden einen Kern,- eine Sicherheit, eine Substanz gibt.“ Ich glaulie vielmehr, dass der Jude eben das Kunststück fertig bringt, einfach in seiner Seele, in seinen Beziehungen zu den Dingen, in seinem Glauben und Wollen so sicher zu ruhen und zu wurzeln, wie ein anderes Volk auf den sinnlichen Grundlagen seines Seins. Und ich halte das Pathos nur für die Ausstrahlung dieser seelischen, innerlichen Fundamente, für den Ausdruck der inneren Ueberlebendigkeit, namentlich für die Sprache des jüdischen Willens. Aber jedenfalls hat Buber insoferne recht, als das Pathos ein Wesenszug der jüdischen Seele ist, der nirgends fehlt, wo diese wirkend, gestaltend und schaffend auftritt. Pathos aber und Märchen sind unvereinbare Widersprüche. Ich spreche natürlich nicht vom Pathos im vulgären Sinne, sondern vom hohen, echten, von dem Pathos, das nicht hinter den Kulissen fabriziert wird, sondern das Brausen des wirklichen und wirklich hochgehenden Seelenineeres ist. Ich spreche von jenem Pathos, das bei den Juden die höchsten Wellen wirft, weil eben der Jude durch „das Wollen des Unmöglich e n“, wie Buber so schön sagt, sieh auszeiehnet. Wie sollte sich dieses Pathos mit dem Märchen vertragen, das seiner ganzen Anlage nach von dem spannenden „Wollen des Unmöglichen“ weit entfernt, ein beruhigendes, besänftigendes Lustwandeln im Unmöglichen ist? Nein, die Geschichten des Babbi Naebman sind keine Märchen. Der beste Beweis auch: sie sind nicht für Kinder. Es sind Geschichten für Erwachsene und nicht einmal für alle, sondern nur für diejenigen, die sieh heildürstend, offenbarungslüstern an den Erzähler herandrängen, die nicht unterhalten, nicht in eine schöne Traumwelt eingewiegt, sondern erlöst, in einer höheren Wirklichkeit eingeführt wurden wollen. Diese Märchen sind keine Märchen, wenn sie auch in Form und Methode einen deutlichen Zug ins Märchenhafte aufweisen; sie sind eher Parabeln, Allegorien, „Kleider“, die man ziemlich leicht von den Ideen des Meisters abstreifen kann. Oft ist dies gar nichtnötig, da ganze Stellen des Ideenkörpers ohnehin unbedeckt bleiheu. Besonders kennzeichnend für diesen allegorischen Zug der Nac-hinansehen Geschichten ist „die Geschichte von dem Meister des Gebetes“. Wahrlich, da ist genug Phantasie zusammengetragen, „Tausend und eine Nacht“ kann kaum mehr leisten. Aber es fehlt die Ziellosigkit der arabischen Märchen — jenes Häufen des Wunderbaren ohne inneres Gesetz, höclistens von dem dichterischen Bedürfnisse nach Steigerang geordnet. Hier sind alle Wunder Erfüllungen. Sie wickeln sieh eines nach I dem andern ab, in der Reihenfolge, in welcher die Ideen des Erzählers „eingekleidet“ wurden müssen. Eine gewisse notwendige Geradlinigkeit, eben die Geradlinigkeit des Pathos haftet ihnen an; das echte Märchen aber erzählt sieh in Arabesken, in wirren verschlungenen Linien. Auch im deutschen Märchen mag zuweilen eine lehrhafte Note, sagen wir z. B. gegen den Geldhunger der Mensehen mitklingen. Das ist aber nur ein kurzes Siehbesinnen des verträumten Märehenwundlers. Betrachten wir dagegen die Bolle, die die Entartung der Menschheit durch das Geld in der „Geseliiehte von dem Meister des Gebetes“ (auch in den anderen Erzählungen) spielt! AV\ie tief sie durchleuchtet, wie stark sie beklagt, wie sehr sie bekämpft wird. Nebenbei gesagt, ich habe noch nie eine heiligere Polemik gegen die Welt des Geldes, „das Land ( des Reichtums“ gelesen, als hier. Da sieht man erst, wie tief noch Tolstoi im Kriegerischen steckt. Doch ob Märchen öder nicht — die Erzählungen des Babbi Naebman sind jedenfalls etwas, was der Jndenheit viel zu denken geben kann. Und die einleitenden Ausführungen des Nacherzählers, die sieh durch ihre besonders schöne Sprache, durch fein ziselierte Gedanken und durch unaufdringliche Unterwuisnng anszeichnen-, erhöhen diese Möglichkeit. Das Ju-

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