Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 15 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., <iföFl;eDsiFasse ßfr. 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10-12 Uhr vormittags. a -= ■= -= Zeitnn Wochenschrift. □= Abinnementspreis«: Erscheint jeden Freitag*. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. In Oesterreich-Ungarn: ßanzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. □ - - - Vertretungen in der Provinz: Iq Brünn : Zeitungsbnreau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitnngsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg:Karl Suchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 15. Wien, Freitag, den 25. Oktober 1907. t. Jahrgang. Samstag den 2. November findet in Wien, IX., Türkenstrasse 9, eine Sitzung des Landeskomitees statt. Für den 3. November wird eine Konferenz des Parteivorstandes der Jüdischen Nationalpartei einberufen, welche den Vorberatungen eines zu Weihnachten in Lemberg stattfindenden Parteitages gelten wird. Am 6. November (Mittwoch Abend) findet im Hotel Kontinental eine grosse Volksversammlung statt, in der die vier Abgeordneten des Jüdischen Klubs und Dr. Schabt referieren werden. Dis deuschdemokratischen Don Quichottes. Sie habeirs gewagt: die Wiedererobernng Wiens kann beginnen. Alles ist parat: der Geueralstabsebef gewählt, der Feldzugsplan entworfen, Baron Hoek ziuu obersten Führer anserkoren. Die Vorbereitungen haben etwas lang gedauert. War doch ein neuer Name ausfindig zu machen, ein altes Programm mit modernem Firniss zu bestreichen. Jetztist auch dies vollbracht und die politische Tragikomödie des Wiener Renaissance-Liberalismus kann losgehen. Fs ist trotz allem Aufputz, trotz allen Verkleisterungen, trotz Finnaun'd Personenwechsel die alte literale Politik mit ihren verbrauchten Schmieremittelndie gleiche Vereinsmeierei, die gleiche Phraseuscligkeit, die gleiche Naivität. Schon der Ti! 1 ist Köder. Als j deutsch-demokratischer Verein zieht das Häuf- I lein in den gewiss nicht leichten Kampf.! Deutsch? Nur eine kleine Minorität im Vor- I ein ist deutsch dem Stanymc und nationaler! Gesinnung nach. Die Mehrheit bildet das jüdische Element. Mit dem Wörtchen „deutsch" sucht man, wie Baron Lock offen zugab, Deutselinationale anzuloeten. Die Juden ködert, kalkuliert man, das Wort „demokratisch" und der Name des Führe s. Die Spekulation ist durchsichtig, wird aber kaum den erhofften Erfolg haben. Die Aufnahme, die der Verein in deutschen und jüdischen Kreisen fand, war kühl bis ans Herz hinan und die spaltenlangen Berichte der liberalen Tngesbläfcter täuschen über den jetzt schon knudatierbaren Misserfolg nichthinweg. Eine Organisation des nichtantisemitischen Wiener Bürgertums ist gewiss politisches und vielfach persönliches Bedürfnis, aber-,iie. müsste au^,'.;i:kl:eh freiheitlicher Gesinnung und ernstem Streben lierauswaehsen; zur Gründung des deutsch-demokratischen Vereines hat die Hoek-Knranda-Affäre Anlass gegeben und nur ein Klüngel ist daran beteiligt. Die Deutsehnationalen werden sieh fernhalten, weil jene Affäre ihren politischen Ansichten und nationalen Tendenzen durchaus entspricht. Die Juden verhalten sieh — das Bild der konstituierenden Versammlung hat es genügend bewiesen — zurückhaltend oder ablehnend. Die Beteiligung an der Versammlung aus jüdischen Kreisen beschränkte sieh auf die während der Wahl zeit zusammengetrommelten Tischgesellschaften. die in der Leopoklstadt für Dr. Ofner, auf dem Alsergrund für Baron Hoek, in der inneren Stadt für Ktmunla und Tayenthal die Wühlarbeit besorgten. Es ist lächerliche Auf- ~rh Hehlerei, wenn in den liberalen Blättern oder deutsch-demokratischen Reden von Massenkundgebungen, grösserem Anhang und tieferem Interesse in irgend welchen freisinnigen Kreisen gefaselt wird. Nicht einmal die Altliberalen halten mit. Tn der kleinlich-gehässigen Haltung gegen die Neugründung zeigt sieh .bei ihnen allerdings die Eitelkeit und Rückständigkeit des senilen „Kasinolibemlismsus“. Sie fürchten uni die letzten paar Mandate, die sie aus dem Zusammenbruch ihrer Partei gerettet haben. Der deutsch-demokratische Verein wird den Wiener Liberalismus nicht wieder erwecken. Er wird Versammlungen ablialten, wie der Donauklub es tut, er wird Resolutionen fassen zu allem und jedem, wie der freiheitlich-soziale Gschaftlhuber-Verein in der Leopoldstadt es tut, er wird Deputationen entsenden, Proteste fabrizieren, die .Spalten der i'teralen Presse füllen, kurz und gut: das Vegetieren der alten liberalen Bezirksvereine wird sieh in deutschdeumkratisehem Gewände wiederholen. Zu ernster, systematischer, durchgreifender politischer Aiifklärungs- und Organisationsarbeit haben die Deutsch-Demokraten weder die innere Kraft, noch genug starken, politischen Willen. Es fehlt ihnen aller auch jede Resonanz in der breiten Masse. Ihre Unaufrichtigkeit in der Judenfrage, ihre Halbheit im Deutschnationalen, ihr Lavieren im Sozialen, schliesst eine klare, wahrhafte Politik der Deutsch- Demokraten aus und wird ihren Verein an seiner inneren Unwahrheit zugrunde gehen FEUILLETON. Die Geschichten des Rabbi Nachman.*) „Rabbi Naehman von Bratz-law, der 1?72 geboren wurde und 1SU> starb, ist vielleicht der fetzte jüdische Mystiker.“ Er ist unter jenen Männern, die zur „Zeit der beginnenden Entartung des Chassidismus“ auf standen und den Verfall aufhalten wollten, „der Grösste, der Reinste, der Tragischste“'. Die Geschichten, die er seinen Schülern erzählte, gab er aus dem Gefühl" heraus, dass seine Lehren „keine Kleider haben"'. „Aber, ohne dass er es im Sinne hatte, gestaltete sich die Erzählung in seinem Munde, wuchs über den Zweck hinaus und trieb ihr Bliitengeranke, bis sie keine Lehre mehr war, sondern ein Märchen oder eine Legende.“ „Er ist der erste und bisher einzige wirkliche Märehendichter unter den. Juden.“ Die Geschichten Rabbi Naehmans wurden *) Ihm nacherzählt von Martin B u b e r. Literarische Anstalt Rütten und Loeniflg, Frankfurt a, M, 1906.' von seinen Schülern niedergesc-hrieben; dreizehn „sind fünf Jahre nach dein Tode des Meisters, 1815, gesammelt und in dem jüdischen Original mit hebräischer TJebersetzung veröffentlicht worden.“ Wie sie in dieser Sehülerniederselirift vorliegen, hält sie Buber für „verworren, weitschweifig und von unedler Form“. Daher verwahrt er sieh ausdrücklich dagegen, als hätte er die sechs, die er von den dreizehn auswählte, übersetzt. „Bemüht, alle Elemente der originalen Fabel, die sich ihm durch ihre Kraft und Farbigkeit als solche erwiesen, unberührt zu erhalten“, bezeichnet er sieh als Naeherzähler. Leider habe ich die erwähnte Sammlung von Rabbi Naehmairsehen Geschichten in jüdischer Sprache niemals zu Gesichte bekommen und ich kann daher nicht überprüfen, wie weit die BuberseheWiedergabe. wirklich nur als Nacherzählung gelten darf. Dass sie mehr als üebersetzung ist, das hätte er nicht erst sagen müssen. Das sieht man auf den ersten Blick. Aber ein anderer Verdacht ist unabweislich: dass der Nacherzähler unversehens ein Anderserzähler, ein Mehrerzähler geworden ist? Nicht als oh man an der Phantasie Rabbi Naehmans zweifeln müsste. Vielleicht hätten wir sie in ihrer ganzen Weite und Tiefe kennen gelernt, wenn wir selbst ein ganzes Leben lang dem Meister hätten lausehen können. Vielleicht lässt auch das, was von seinen Schülern überliefert ist, dieses angebliche Gestrüpp, durch das sie 11113 führen, eine Welt blühender Fabelkraft ahnen. Vielleicht! Aber Bubers Nacherzählung ruft eine ganz andere Empfindung in uns hervor. Da ist zu viel Gepflegtheit, zu viel Sichtung, zu viel verfeinerte Schönheit, als dass man so leicht an einen Urwald zuriic-kglauben könnte. Buber hat im besten Falle seine Sache zu gut gemacht. Immerhin aber geht eines in seiner Darstellung nicht verloren, ja wird vielleicht durch die eigene Art des Naeherzählers noch unterstrichen : das eigentümliche Wesen dieser Dichtungen. Sind es wirklich Märchen? Ich möchte es schlankweg bestreiten. Schon eher Legenden, aber auch das nicht. Denn die Legende ist nichts anderes als ein Märchen, in dessen Mittelpunkt eine durch die Religion geheiligte Person oder die Gottheit direkt steht. Also doch Märchen. Den Naehmausehen Geschichten fehlt aber das Märchenhafte. Und muss ihnen fehlen. Schon nac-h dem, was Buber in der schönen Einleitung seines Buches vom Pathos des Juden sagt. Vielleicht geht er zu weit, wenn er das Pathos als den Ersatz des den Juden mangeln-