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Jüdische Zeitung · 1907-10-18 · 14 (18.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
14 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG nachweis für den Handel erbracht zu haben glaubt, eröffnet sieh mit seiner 1000 oder 2000 Kronen hohen Mitgift aufs Geratewohl ein Geschäft. Die Branche ist Nebensache, da er in allen gleich Laie ist. Die Einrichtung des Geschäftes und der Einkauf des ersten Warenvorrates, der ohne jede gesehäftsmännisehe Ueberlegung erfolgt, weshalb das darin investierte Kapital für den Betrieb des Geschäftes nur zum Teil noch in Betracht kommt, erfordern in der Regel schon das Doppelte seines Barvermögens. Mit dein ersten gewährten Warenkreddt wird der Grosshändler absoluter Herr des Anfängers und der arme, unter diesem Joche schwer seufzende Provinz-Kleinhändler kann sieh aus dieser Knechtschaft zeitlebens nicht mehr befreien. Wenn es gut geht, vegetiert er in dem nie austroaknemden Sumpfe von Zahlungsterminen und Prolongationen ein paar Jahre hindurch; geht es aber schlecht, ist er unrettbar an den Bettelstab gebracht. Der Vorsichtige und Kluge rettet höchstens. noch rechtzeitig Reisespesen nach Amerika, um wenigstens, an Erfahrung reicher, in dieses gelobte Land auszuwandern zu können. Geradezu mitledderregend ist die Lage des galizischen Detail-Kaufmannes in seinem Kampfe um den Absatz. Neun. Zehntel der Kunden sind Bauern des Ortes oder der Umgebung und auf dieses einzige Konsumentenmaterial sind sowohl die jüdischen Krämer als auch die nunmehr fast in jeder Gemeinde vorhandenen Geschäfte der sogenannten „Kolka rolnieze“ angewiesen. Eine Konkurrenz mit diesen ist aussichtslos, meist im voraus ausgeschlossen. Ihnen steht die Kanzel als nie versagende Stätte geschäftlicher Reklame zur Verfügung. Der wirtschaftliche Boykott gegen die Juden, den die Geistlichen täglich predigen, führt die besten und barzahlenden Kunden scharenweise diesen Konsumvereinen zu. Auch die Sabbatruhe der Juden kommt den christlichen Geschäften zustatten, welche die strenge Religiosität der jüdischen Konkurrenz sie an diesem Tage zu Alleinbeherrsehem des Marktes macht. Wenn nun noch ein Bruchteil der Bauerabundsehaft den jüdischen Krämern übrig bleibt, ist er das Objekt steten und erbitterten Kampfes zwischen diesen selbst. Konkurrenz — das ist der Inbegriff einer ganzen Reihe von Mitteln, deren sich der Kaufmann bedient, um im wirtschaftlichen Wettbewerbe den Plate zu behaupten und den Gegner niederzuringen. Der moderne Handel kennt deren viele: Reklame, auffallende Auslagefenster, entgegenkommendes Benehmen, kulante Bedienung etc. Auch auf Verfeinerung und Verschönerung der zu verkaufenden Gegenstände wird grosses Gewicht gelegt. Sämtliche hier angeführten Konkurrenzmittel sind aber nicht dazu geschaffen worden, um die Preise zu drücken, sie zwingen im Gegenteil zu einer beträchtlichen Preissteigerung. Davon kann beim galizischen Kleinhändler nie die Rede sein. Er muss leider mit einem Kundenkreise rechnen, der kulturell noch sehr niedrig steht, daher ist für ihn nur eine Möglichkeit vorhanden, wirksam zu konkurrieren, nämlich durch Preiskonkurrenz. Natürlich leidet die Qualität der feilgebotenen Waren viel darunter, aber der Kaufmann muss sich seinen Kunden anpassen und für den Bauern gibt es nur einen Gradmesser, den Heller. Mit dieser zweischneidigen Waffe solcher Preiskonkurrenz zerfleischen sich die um ihre Existenz ringenden Kleinhändler, indem sie sehr oft ihre Waren zum Selbstkostenpreise, ja sogar unter diesem verkaufen, um dem Nachbarn einen Kunden zu entreissen. Dasselbe wirtschaftliche Harikiri vollziehen an sieh auch die Zwischenhändler mit Landesprodukten. So wie die konkurrierenden Krämer den zum Einkauf kommenden Bauer mit Offerten, die einander unterbieten, bestürmen, ebenso wird er von Käufern förmlich belagert, wenn er Bodenprodukte öder Vieh zum Markt bringt, nur mit dem Unterschied, dass sich in diesem Falle die Anbote überbieten. So versorgt der arme Jude, dessen „Pfiffigkeit“ sprichwörtlich ist, um den Preis seiner eigenen Existenz den als „dumm“ bemitleideten Bauer mit dem billigsten Ein- und dem vorteilhaftesten Verkauf. Allerdings hindert dies die polnisch-antisemitische Presse nicht, gegen die jüdischen „Ausbeuter“ unaufhörlich Zeter und Mordio zu schreien. Diesem Elend muss ein Ende gemacht werden. Die Situation ist einfach unhaltbar und wenn nicht eine hilfreiche Hand zugreift, so lange es noch Zeit ist, droht einem ganzen Stande vollständige wirtschaftliche Vernichtung. In erster Reihe muss das Kleinhändlertum organisiert werden, denn in der Organisation liegt auch seine Macht. Der Grundsatz des galizischen Kaufmannes darf nicht mehr wie bisher „Was verlier’ ich!“ heissen, sondern „Was verdien’ ich!“ Es müssten Einkaufsgenossenschaften gegründet werden, welche die Aufgabe haben, die Kleinhändler vor Uebervorteilnng beim Einkauf zu schützen. Im Wege einer solchen Genossenschaft könnte sich auch der kleine Krämer seinen Bedarf direkt bei der Fabrik decken, ohne eine Ausbeutung von „oben“ befürchten zu müssen. Aber auch die Konkurrenz nach „unten“ müsste anders werden. Das sogenannte „Schleudern“ und Herabdrüeken jedes Gewinnes bis auf den Nullpunkt muss aufhören. Durch solide Kartelle, die grössere Gebiete zu umfassen haben, könnte dem sicheren Ruin des Kleinhändlerstandes gesteuert werden. Der Rahmen eines Zeitungsartikels ist natürlich zu enge, um detaillierte Pläne ausführlich behandeln zu können. Doch die eine unumstössliche Wahrheit muss ausgesprochen) werden): Dem galizischen Kleinhandel wie dem Judentum dieses Landes überhaupt fehlt es an jeder Organisation. Ohne Organisation aber ist eine Sanierung undenkbar. Daher rufe ich allen denen, die den galizischen Juden helfen wollen, zu: Organisiert sie! Verhelfet ihnen zur Selbsthilfe, je früher, desto besser, denn: Bis dat, qui cito dat! Kozlow (Galizien), im Oktober 1907. Joachim Neiger. Grabinschriften. i. Hier ruhet Siegmund Josef Beer, Ein Mensch und Jud und Redakteur; Als Mensch besass er viele Ehren, Als Redakteur etwelche Scheren; Als Jude war er — jeden freut’s — Der Sekretär vom „Weissen Krenz“. II. 0 Wandrer, tritt mit Erschauern näher: Hier schlummert ein polnischer Haus- Ihn liebte jeglicher Schlachziz [j u d ä e r; Als wie den Schmelke von Horowitz. Nim ist er oben beim himmlischen Vater Und führt den Namen: Sanct Propinater. III. In dieser Gruft liegt windelweich Der Liberalismus von Oesterreich. Er lebt jetzt fort in Sorge und Mythus Und wurde begraben nach jüdischem Ritus. Die Kinder ähneln sehr dem Taten: Sie heissen Deutsche Demokraten. Beda. Korrespondenzen. Versammlung des Zionistischen Zentralvereine«. Wien. In einer sehr stark besuchten, von Gg. Stricker präsidierten Versammlung, welche der Zionistische Zentralverein am 10. d. in seinem Lokal abhielt, referierte Gg. Adolf Böhm über den VIII. Kongress. Den grossen Fortschritt könne man nur konstatieren, wenn man die Situation mit jener des VII. Kongresses vergleiche, auf welchem infolge des Todes Herzls und der Aufregung über das Ugandaprojekt chaotische Zustände herrschten. Der Territorialismus hat sieh inzwischen als Seifenblase erwiesen, die zionistische Bewegung, namentlich ihr palästinensischer Grundcharakter, ist wesentlich gestärkt und die seinerzeit als Provisorium eingesetzte Leitung erwies sieh als so gefestigt, dass sie mit der grossen russischen Landsmannschaft einten Kampf bestehen konnte. Die üsterr. Föderation setzte sieh übrigens für die Vertretung der Russen im engeren A.-C. ein, da sie der Ansicht war, dass unsere Leitung keine Administrativbehörde sei, sondern tatsächlich zu leiten und grosse Aktionen durchzoführen habe. Redner bespricht die Arbeiten des- Kongresses, besonders die auf Palästina bezüglichen. Die Einsetzung eines Palästinaamtes im Lande selbst, die einer von ihm stets erhobenen Forderung entspreche, begrüsst Redner aufs wärmste und bemerkt, dasä dies, symbolisch, den ersten Schritt der „Landnahme“ bedeute. Er wendet sieb gegen eine Bemerkung, welche in einer Versammlung der Poale Zion gefallen ist, dass die „Bürgerlichen“ in der Frage der Siedlungsgenossenschaft „umgefallen" wären. Er schildert eingehend die Situation am Kongress und legt dar, dass nur durch das Eingreifen der österr. Landsmannschaft ein Kongressbeschluss in dieser Sache herbeigeführt wurde. Bezüglich der nationalen Erziehung in Palästina habe Dr. Lewin Redners Ansichten bestätigt und dem Kongress die grosse Bedeutung der Kulturarbeit zum Bewusstsein gebracht. Bezüglich der Organisation sei eine Verschleehterung beschlossen worden. Anstatt festzulegen, dass jeder Zionist seiner Landesorganisation angehören müsse, was das einzig Richtige sei, wurde sogar die Bildung interterritorialer Föderationen gestattet. Redner sch i liiert noch das glanzvolle äussere Bild, das der Kongress bot, und den Verlauf der Verhandlungen, wäche trotz der leider sehr mangelhaften Vorbereitung des Kongresses stellenweise ein hohes Niveau hatten. Insbesondere die Palästinadebatte hielt durch den Kampf der besten Redner den Kongress in atemloser Spannung. Wieder erwies sieh, dass bei all seiner schlichten Einfachheit Prof Warburg mit seiner ruhigen Klarheit und sachlichen Entschiedenheit der — nicht „ruhende“', aber — feste Pol inmitten der sich bekämpfenden Richtungen war. Den Höhepunkt der Debatte bildete die Rede Weizinanns. Gegen die Warnungen, nur keine „Experimente“ zu machen, hat er sieh scharf ausgesprochen. In der Tat sei eine solche Ansicht sentimental und mit Sentimentalität einigt man kein Volk. Wollen wir unser Ziel erreichen, so müssen wir grosse Opfer bringen und heroische Anstrengungen machen, das sollten wir nie vergessen! An das Referat schloss sich eine lange und interessante Diskussion. Gg. Gross plädierte für die Schaffung besoldeter Sekretariate bei den Ressorts der Leitung, um die Kontinuität zu erhalten. Er legte die ausserordentliche Wichtigkeit des sozialökonomisehen Problems im Zionismus dar. Das Land gehört auf die Dauer nicht dem, der es öffentlich oder privatrechtlich besitzt, sondern dem, der es bebaut. Die Landarbeiterfrage ist für uns die wichtigste. Nie können wir aber unser städtisches Proletariat zu palästinensischen Landarbeitern machen, wenn sie dadurch auf eine tiefere Kulturstufe herabsteigen würden. Daher müsse durch Siedlungsgenossenschaften und anderen Vorkehrungen die soziale Stufe des Landbebauers erhöht werden. Es sprach noch Dr. K ad i s eh, der vor Einseitigkeit warnte und die Wichtigkeit betonte, welche eine sofortige Hilfe für die emigrierenden Massen hat, ferner Dr. Wei3engrün, der die Siedlungsgenossensehaft nur als eines der nötigen Mittel betrachtet und angesichts der in Palästina betriebenen intensiven Kulturen auf die Produzentengenossenschaften hinwies, ferner die marxistischen russischen P. Z. angriff und schließlich bemerkte, dass eist am VIII. Kongress der Zionismus eigentlich al3 Volksbewegung sich dokumentiert hahe, gegenüber der früheren Kabinettsdiplomatie. Nachdem noch einige Redner — darunter ein Genosse ans Rischon le Zion hebräisch — gesprochen hatten, forderte Gg. Böhm die An-;' V HUK

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