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Jüdische Zeitung · 1907-10-18 · 14 (18.10.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
14 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 14 deckt. Das Proseminarium wird am 1. September 1908 eröffnet, das Seminar am 1. Oktober 1909. („Kurjer Lwowski.“) Mähr.-Ostrauer Brief. M.-Ostrau, 13. Oktober 1907. Troppau, Ostrau und Friedek nehmen in der grossen ßeilie der jüdischen Assimilationsbrutstätten Westösterreielis den allerersten Bang ein. Die Männer, welche dort — äusserlieli wenigstens und nach Inhalt des „Union“-Kalenders — Führer der Judensehaft sind, halben es, allerdings nicht ausnahmslos, schon vor einem Jahrzehnt in der Assimilationssucht geradezu zur Meisterschaft gebracht. Bei ihrem Bestreben, alles wirklich Jüdische zu meiden, war es immerhin bemerkenswert und erfreulich, dass sieh einige von ihnen zusammentaten, um den grossen Weltverband der isr. Hiumanitätsvereine B’nai B'rith durch die am 11. Oktober 1897 erfolgte Gründung der Loge „Silesia“ mit dem Sitze in Troppau zu vermehren. Selbst die wohlwollendste Beurteilung der Wirkung, welche die Zugehörigkeit zur „Silesia“ auf die Assimilationsjuden ausübte, kann eine Gesinnungsbesserung nicht verzeichnen, und auch der ausgezeichnete Vortrag, den Gg. Dr. Thon (Krakau) gelegentlich seiner hiesigen Anwesenheit bei der Feier des Stiftungsfestes über Einladung des Vereines „Jüdische Volksschule“ hielt, wird — das ist mehr Gewissheit als Befürchtung — die ersehnte Wirkung nicht hervorrufen. Unseren Gg. hat Dr. Thon „über die Zukunft des Judentums“ Neues nicht gesagt, das war auch offenbar nicht seine Absicht: aber auch die anderen Versammlungsteilnehmer, unter denen die „Brüder“ und deren Angehörige ein starkes Kontingent bildeten, haben diese Ideen und diesen Gedankengang, wenn auch nicht mit gleicher Meisterschaft und gleich überzeugend vertreten, schon früher hören und lesen können. Nur wollen sie nichts davon beherzigen! Sie Idatsc-hten Beifall ihm, der die Zeit herbeisehnt, „wo in dem grossen Konzert der Völkerkultur auch eine jüdische Eigennote gekannt werden wird“, ihm, der für das Judentum Volksrechte anstrebt, der es verpönt, dass sieh Juden von anderen Parteien ins Schlepptau nehmen lassen, aber sie haben vor kurzem ebenso gejubelt, als beim deutschen Trutzvolkstag in Witkowitz deutsehvölkische und antisemitische Abgeordnete ihre nationalen Tiraden losliessen, und sind überglücklich, wenn „ein Gemässigter“' den Juden die Anteilnahme an Volksrechten anderer einzuräumen gesonnen ist. Ja, am Tage des Stiftungsfestes versäumten M ist eker Herren die Festsitzung der „S i 1 e s i a“, einem dorfmässigen Betrieb. Als Morris’ Geschäft in Schwung gekommen war, schrieb er im Triumpf nach Hause, dass er jetzt schon wöchentlich 1800 Binder schlachte. Von dieser Nachricht erwartete er eine zündende Wirkung in seiner Heimat. Im Gegenteil aber erhielt er von seinem Vater einen Jammerbrief. Immer müsse er an die 1800 Binder denken, das wäre ja der sichere Buin, so viel könne man unmöglich verkaufen, oder wäre der arme Sohn vielleicht rappelig im Kopfe geworden? Schliesslich schlachtete Morris fast die gleiche Zahl pro Tag. Britische und ausländische Bibeljjessllschaft. Mit welchem Eifer die internationale Bibelgesellschaft ihre Propagandaarbeit betreibt, beweisen folgendeAngaben ihres kürzlich veröffentlichten 103. Jahresberichtes: Die Hailiige Schrift wurde in acht weitere Sprache übertragen, vornehmlich in Dialekte der indischen Provinzen Chinas, Afrikas, der neuen Hebriden und der Philippinen. Neunhundert Agenten arbeiten als Kolporteure in der ganzen Welt zerstreut, und sie allein haben im ganzen über zwei Millionen Exemplare verkauft. Erwähnenswert ist, dass sich der Absatz in Japan im letzten Jahre mehr als verdoppelt hat. Im ganzen wurden 842 052 vollständige Bibeln, 1 231 473 Neue Testamente und 3 342 044 sonstige Teile der lieilligen Schriften, insgesamt 5 416 569 Exemplare, herausgegeben. Die argentinischen Kolonien der „Ica“. Die „Ica“ veröfentlicht jetzt ihren Jahresbericht, in der über die argentinischen Kolonien folgende Angaben gemacht werden: Die fünf Kolonien zählen 12 000 Seelen. Der Bericht spricht sich im allgemeinen mit Befriedigung über den Stand der Kolonisation aus. Im einzelnen sind jedoch auch weil sie am Friedek er deutschen Trutztage t e i 1 n e li m e n „m u s s t e n“. Bei so viel politischer Blindheit, bei so verstockter AJfesimilationswut könnte es eigentlich gar nicht wundernehmen, wenn den Herren nicht zu Bewusstsein kommt, wie glänzend die scharfe Charakterisierung des ungarischen Judentums, die feine Ironie, mit der Dr. Thon die russischen Assimilantcn bedachte, auch auf das Verhalten dieser Assimilationsjuden passt, man muss nur „ungarisch“ und „russieh“ mit „deutsch“ ersetzen. „Die rassischen Assimilanten sagen, sie seien Idealisten, die Juden müssen Bussen werden, und dieser verkrüppelte Idealismus diktiert ihnen, das Bussentum zu lieben.“ „Man hat das Gefühl, dass die ungarischen Juden für absehbare Zeit fiir das Judentum verloren, sind. Sie haben sich zu schwärmerisch in dem schweren Tokayerlande magyarisiert und glauben, dass es ewig so bleiben könne.“ Machen es denn unsere „Judenführer“ anders? Ihre Abstammung aus den unterschiedlichen mährischen Khilles hält sie äusserlieli noch an dem Judentum fest, aber so oft als nur möglich „sperren sie ihr bischen Judentum in den Synagogenständer ein.“ Als sich vor kurzem unsere Studenten hier versammelten, um ihre Forderung nach Anerkennung ihrer Nationalität an den Hochschulen zu begründen, da erklärte ein Bat der Kultusgemeinde als offizieller Vertreter: die Ostrauer Judenschaft ist gut jüdisch-national. Aber mit Beeilt konnten sieh hierauf massgebende Persönlichkeiten „rahmen“, unter den Bäten der Gemeinde reichlich Auswahl zu halben; bei den Studenten erklärt X, die Judenschaft sei national, zu deutschen Versammlungen werden Y und Z delegiert. „Die Bic-htlinie führt in Galizien nach der grösseren, intensiven Bewusstheit des Judentums hin,“ sagte Dr. Thon. Wohin die Biehtlinie nach dem Wunsche der „Brüder“ und „Führer“ weist, hat er am Brüll ertag in Bielitz (03) aus dem von ihm übrigens scharf bekämpften Beferate „über Jugenderziehung“ erfahren können, dessen Thesen kondensierte Assimilation bedeuten. Man findet darin: Liebe zum Judentum einprägen, aber dabei mehr auf das konfessionelle als auf das nationale Moment Wert legen, auf die ruhmreiche Geschichte verweisen, aber die Betätigung des spezifisch jüdischen Nationalgefühles tunlichst vermeiden, die Erziehung in ausschliesslich jüdisch-nationalem Sinne sei den idealen Zielen der Jugenderziehung nicht förderlich usw., schliesslich sogar etwas verklausuliert „Spott mit Würde ertragen lehren“. Und für solche Erziehungsgrandsätze heimste man noch einen Glückwunsch ein „für den Mut, der Gefahr ins Auge zu sehen und rückhaltlos die Wahrheit zu sagen“. Nun. unsere Jugend mancherlei Misserfolge zu verzeichnen. Es ist Tatsache, dass die Ansiedler gern die Gelegenheit benutzen, ihre kolonisatorische Tätigkeit aufzugeben und in der Hauptstadt ein Geschäft zu eröffnen. Damit hängt es wohl zum Teil zusammen, wenn die Zahl der Kolonisten von Moisesville im vergangenen Jahr von 3491 auf 3175 zurückgegangen ist Die Kolonisten besitzen etwa 80 000 Stück Vieh, einschliesslich der Pferde. Sie konnten 56 000 Dollar der „Ica“ abbezahlen und sandten ungefähr 15 000 Dollar an Verwandte in Bussland. Einige haben auch ansehnliche Summen für Ameliorationszwecke aufgewendet. Ein Jude als Vertrauensmann des Sultans. In Konstantinopel starb kürzlich der Hofjuwelier des Sultans Avonacci Eilen di. Er genoss in hohem Masse das Vertrauen des Padischah, dessen Hausschatz er Vorstand. Obwohl er es bis zur Würde eines Geheimen Bates gebracht hatte, ist Avonacci Jude geblieben. Mr. Artur Sassonn, der jetzige Inhaber des berühmten Bankhauses, ist zum Kommandeur des Königlichen Victoria-Ordens ernannt worden. Mr. und Mrs. Sassoon haben wiederholt in Tulchan Lodge, ihrer Hochlandbesitzung, wiederholt den Besuch des englischen Königs erhalten. Englische Blätter bringen aus Anlass der erwähnten Auszeichnung die interessante Tatsache in Erinnerung, dass der letzte königliche Besuch zufällig gerade in die Jom Kippur-Woche fiel und dass der König und seine Umgebung den Versöhnungstag selbst auf einer benachbarten Besitzung verbrachten, um Herrn und Frau Sassoon nicht in ihrer Andacht zu stören: bedarf keines Schutzes mehr vor solchen Erziehungsgrandsätzen, sie wäre hierfür ein ganz untaugliches Objekt und in dieser beschämenden Fassung sind sie — das sei zur Ehre der „Silesia“ konstatiert — auch nicht beschlossen worden. Es ist durchaus nicht beabsichtigt, die segensreiche Tätigkeit und. die schönen Ziele der B?nai B'rith-Vereinigungen irgendwie herabsetzen zu wollen; es ist notorisch, dass sie zu den vornehmsten und achtenswertesten jüdischen Organisationen zählen, und nicht alle haben das Pech, dass sieh ein so grosser Teil ihrer Mitglieder aus einem Assimilationsherd rekrutiert. G'g. Thon erfreut sieh hei seinen' Brüdern aus der „Silesia“ ausserordentlicher Sympathien. Er wird Hekulesarbeitvollbringen müssen, um zu erreichen, dass sie alle „ihr Beeht fordern als Menschen, als Bürger und für ihr Volk“. Durch seinen Vortrag hat Gg. Thon auch die Sympathien weiterer Kreise der Ostrauer Judensehaft erworben. Sie wird ihm zu grossem Dank verpflichtet sein, wenn ihm diese Herkulesarbeit gelingt; es wäre eine Summe von Intelligenz und Arbeitskraft für 'das jüdische Volkstum zurüekgewonnen und in dem Kampfe, der der Ostrauer Judensehaft auf dem Schlachtfeld der Politik nicht erspart bleiben wird, braucht sie Führer von Intelligenz, Arbeitskraft und stark ausgeprägte m N a t i o n a 1 g e f ü h 1. J. Briefe aus Galizien. in. Die Lage des Kleinhandels. Die geehrten Leser aus dem Westen, die sieh für ihre armen Brüder in Galizien interessieren, werden bei der Uebersehrfft dieses Briefes vielleicht erleichtert aufatmen. Sie werden sieh sagen: Wenn vom Handel, dieser alten Domäne der Juden, gesprochen wird, bekommen wir ohne Zweifel zur Abwechslung nach den früheren galizisehen Jeremiaden auch einmal ein erfreuliches Bild. Jede derartige Illusion muss zerstört werden. Der Leser, der den galizisehen Kleinhandel etwa als ein Lebenskraft besitzendes Element ansieht, muss sieh auf eine bittere Enttäuschung gefasst machen. Denn es wird ein recht trauriges Bild galizisehen Elends aufgerollt, wenn man die trostlose Lage der jüdischen Kleinhändler Galiziens wie im Lichte eines Scheinwerfers näher betrachtet. Während der sogenannte Mittelstand, zu dem die Kleinhandel- und Kleingewerbetreibenden gezählt weiden, anderwärts, besonders in grossen Handelszentren, auf dem sicheren Wege zur Proletarisierung sich befindet, ist diese Entwicklung in Galizien schon längst vollzogen. Es ist überflüssig, hier den verzweifelten, aussichtslosen Kampf der armen Kleinhändler Galiziens in grellen Farben zu malen. Der Zweck dieser Zeilen ist nur, die Ursachen dieses namenlosen Elends zu ergründen und den massgebenden Kreisen die Anregung zu einer Hilfsaktion zu gehen, welche nicht rasch genug ins Werk gesetzt werden kann. Ein gesunder Handelsstand ist von drei Prämissen in erster Bedhe abhängig. Diese sind: 1. Gute, billige Bezugsquellen, 2. gesunder Absatz und 3. billiger Kredit. Ueber die Kreditverhältnisse in Galizien soll in einem besonderen Artikel eingehender gesprochen werden. Hier sollen nur Kauf und Verkauf im galizisehen Handel näher betrachtet werden. Da wir nur den Kleinhandel, und zwar hauptsächlich iu den kleinen Städtchen, im Auge haben, kommt hier als Bezugsquelle in der Begel nur der Grosshändler in Betracht. Gerade dies ist der wunde Punkt. Der galizisehe Kaufmann, der nicht mit •tüchtigen Faehken4tn,issen und mehrjähriger Erfahrung ausgestattet, sondern gewöhnlich berufsfremd und als Laie zu seinem Geschäfte " kommt, ist dem Grossisten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, der die Unwissenheit seiner Kunden zu seinem eigenen Vorteil auszunützen weiss. Ein kaum aus dem „Cheder“ entlassener Jüngling, ohne Fach- und Menschenkenntnis, der mit seiner Verheiratung den Befähigungs-

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