Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 14 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sichten für die Wahlen zu den Delegationen und damit viel von seinem Werte für die Begierung verliert. Nie war weniger Grund vorhanden, den Mut sinken zu lassen, nie mehr Grund, das Volk zum Ausharren aufzufordem. Man hat in den letzten Wochen hie und da von einer Müdigkeit der galizischen Juden sprechen gehört, von dem Itüekstoss, der nach dem Vorstoss der Maiwahlen nun unfehlbar eintreten musste, von einem Zurückweichen vor den furchtbaren Schikanen, die die Bache- und Erpressungspolitik galizischer Paschas für sie ersinnt. Davon wird ja wohl das meiste schwarzseherische, oft auch von Verrätern tückisch in Umlauf gesetzte Uebertreibnng, doch mag manches für manche Orte auch wahr sein. Dann gibt es aber nur zwei Mittel: das eine ist ruhige, ernste, gewissenhafte Organisation des Widerstandes — einerseits in wirtschaftlicher Bjchtunig, anderseits als Bietchtssdhutz gegen die fortgesetzten Beehtsbrüehe und Beehtsbeugungen beamteter Personen. Mit der wirtschaftlichen Abwehr soll ja nun begonnen werden. Die juristische wurde leider trotz genügender Anregungen bisher fast gar nicht angewendet. Man liess sich durch Erholungsbedürfnis und anderweitige Pflichten hindern. Das war ein schwerer Fehler. Doch wird sieh viellejieht Manches noch gut mac-ihen lassen. Man muss nur wollen und auch immer die Massgebenden und sich selber rechtzeitig und energisch daran erinnern, dass die Gesetze des österreichischen Staates u. a. auch gegen die Gewaltakte der aal izi sehen Machthaber geschaffen sind. Das zweite Mittel ist politischer Natur. Es heisst: Niemals die Waffen strecken und stets auch das Volk lehren, es nicht zu tum Es gibt kein Kompromiss zwischen unseren nationalen undwirtschaftlichenBedürfnissemund jenem wahnwitzigen galizischen Schreekensrejghnent, dessen Sinn unser nationaler und wirtschaftlicher Tod ist. Wehe uns, wenn wir Lust nach solchem Kompromiss verspüren, ihr naehgeben, sie verbreiten, uns etwa gar einbilden, sie sei ein Symptom politischer Weisheit! Dann wäre es besser, dass wir gar nicht gekoimnen wären, das Volk aufzuklären und zu befreien. Dann hat es keinen Sinn gehabt, mit grossen Worten gegen den inneren und äusseren Feind zu Felde zu ziehen. Dann war es ein frevles Spiel, dass wir den Mut und die Hingebung des Volkes aus allen seinen Seeleneeken aufstöberten. Wofür taten wir denn die Arbeit, wenn nicht dafür, dass es für den langen Kampf gerüstet sei? Dass es die Notwendigkeit, die Unvermeidlichkeit, die Heilsamkeit des Kampfes, die Freude an der Selbständigkeit, an dem aufrechten Gegenüberstehen kennen lerne? Und jetzt sollten wir umsatteln, sacht und sanft zum Büekzug blasen, dem Volke die Waffe des Trotzes selbst aus den Händen winden, den in Tücken ergrauten, lauernden Feinden wieder zu glauben anfangen, ihren falschen und erheuchelten Standpunkt — als hätten sie ein besonderes, ausnahmsweises, geheiligtes Beeht auf das Land der drei Nationen, als sei das Gravitieren zum Beiehe so eine Art Hochverrat an dem „Landesgedanken“, als gäbe es einen galizisehen Patriotismus in dem von ihnen für alle, nur nicht für sie seihst vorgesehriebenen Sinne — halb und halb wieder zu dem unseren machen? Damit sie. sieh über unsere Dummheit ins Fäustchen lachen. Damit sie uns wieder einfangen und mit unserer Hilfe und auf unserem Kücken wieder politische Geschäftchen machen können . . . Und gerade jetzt sollten wir es tun, wo ihre Herrlichkeit ins Wanken und Wackeln geraten ist? Wo ein neues Oesterreich und unter seinem Schutze ein neues Galizien sich vorbereitet? Beden wir uns nicht auf das Volk aus, wenn wir stumpf und schwachmütig werden, wenn unser politischer Instinkt versagt. Gewiss, es leidet! So sprechen wir ihm Trost zu, trachten wir ihm wirklich Linderung zu schaffen. Alber führen wir es vorwärts, nicht zurück! Befreien wir es, wie uns selbst, von der Furcht der Herren — ganz rücksichtslos, rastlos! Dr. Nathan Birnbaum. Wer den Ausgleich schuf. „Das habt ihr gar so fein getan, als stünd’ ein Jude hinter euch!“ Calderon. Hallelujah! Freude und Sonnenglanz. Diesseits und jenseits. Am fünften Oktober des Jahres neuuzehnhundertunclsieben war es. Im Ofener Ministerpräsidium zwischen sechs und sieben Uhr.; ..Der Freiherr von. Beck hatte Tränen der Freude in den Augen; die Mitglieder der Kabinette reichten einander die Hände. BMlelujah! Die Kurse kriechen wie die Laubfrösche vor wolkenloser Zeit die Leiter hinauf. Der österreichische Kredit hat schon neun Sprossen, der ungarische gar dreizehn hinter sieh. Die Schlote rauchen leibhafter. Orden glitzern am Horizont. Wir bleiben Grossstaat. Unsere vielstimmige Harfe klingt weiter mit im europäischen Konzert. Die Krone Habsb urg-Loth ringen s bleibt im Leuchten. Die Nöten vom Ballplatz werden nach wie vor zwei waffenstarrende Heere durehkräftigen. Oesterreicli-Ungarn: der Bindestrich ist kein Minus mehr. Schreiten wir: Oesterreich-)-Ungarn. * * * War eigentlich wie ein kommuner Handel. „Ich gebe, ich nehme!“ Feilschen, Schwören, Droh’n, falsche Abgänge. Wie in der Judengasse. Nur mit dröhnendem Wiederhall in Mülionen Druckzeilen. Die politischen Kannegiesser seufzten über Wiedeigekäu und Belanglosigkeit. Müssen Blut fliessen seh'n, sonst heisst’s nichts. Die Bitter vom schwachen Geiste verwechseln eben Ursache und Wirkung; die Affäre war grösser, als Sie ahnen, Herr Bürgerlich. Viel grösser. Wäre der Kahn umgekippt, Sie wären vielleicht mit — ersoffen. Allerdings: Sie hätten nur gejammert, das Geschäft geht schlecht, die Schuldner fallen wie faule Birnen, kein Bargeld ist da. Wie der Pfahlbürger über das Impfen sieh erbost und dann ein Wehgesehrei über die Blattern erhebt. * * * Gott sei Dank! War ein gut Stück Arbeit. Viel Geduld ist gesponnen, viel Geistverwoben worden. Wer ein Ohr hat für die Tausendfalt der Unter- und Obertöne, die hier in Harmonie gebracht wurden, wird die Kunst des Kontrapunktisten erfassen. Gedankt sei euch: Freiherr von Beek, Doktor Wekerle! Und auch euch, Uir anderen Exzellenzen im Ministerfraek und Attila! Haben Opfer des Temperaments gebracht, die edlen Herrn. Der alte Frondeur Apponvi, die kühle Beehenseele Korytowsky.- * * Nun aber seien wir aufrichtig, hoehmögende Herren! Ganz im Geheimen: wer hat alles „gemenagert“? Wer hat die staatsrechtlichen, volkswirtschaftlichen, finanziellen Knoten anseinandergefingert, als ihr wie zehn Alexandri mit dem wuchtigen Schwert ihn durchschlagen wolltet? Wie, Exzellenz Beek? Sieghart, sagen Sie? Und Sie, Doktor Wekerle, flüstern: Sztereny? Hm, die Namen sind gut, ater neu. Waren wohl ehedem anders. Sing e r und Stern! Pfui Teufel, wie am Franz Josephs-Kai! Sind Sie nur nicht so empört. Wlar schon da, dass der Jude am Schnürchen zog. Kennen Sie vielleicht Abarbanell, Loid Beakonöfield, Luzzato, Sonnino, Eehegaray —? Und nicht gar so hoch und weit: Glaser, Unger, Steinbaeh. * * * Hallelujah! Freuet euch, Völker Oesterreichs, Männer Ungarns! Der Friede ist. gekommen. Zwei Juden haben ihn gebracht. Sieghardt wird die Baronie bekommen, Sztereny einen ganz grossen Orden. Spieler entwickeln sich durch das Drama. Das Drama schafft bestimmte Charaktere und bedingt damit die Entwicklung der Schauspieler. Wir kommen nun zum zweiten Punkt: Man sagt uns. dass Juden im Drama, eine eigene Nuance besitzen, ich aber sage, dass Juden bis in die letzte Zeit auf dem Gebiete des jüdischen Dramas nichts Wesentliches geleistet haben. Das Drama entsprach ihrer Art nicht, sie sind Lyriker, subjektiv und dies hinderte die Entwicklung des Dramas, das sieb mehr in objektiver Linie bewegt. Das Drama, das Juden in letzter Zeit geschaffen haben, ist eine Pflanze, die aus fremdem Boden in die jüdische Gasse getragen wurde. Das jüdische Drama gebt seiner Entwicklung erst entgegen, ater nicht in Amerika, wo nur ein kleiner Teil des jüdischen Volkes lebt. Der Schwerpunkt liegt in Russland und Galizien. Galizien steht derzeit leider noch auf einer niedrigen Stufe. Das jüdische Publikum liebt dort das Theater, begeistert sieb dafür, aber die Stücke werden leider schlecht gespielt. Nicht einmal für ein Stück wie „Alexander, Kronprinz von Jerusalem“' sind die Schauspieler reif genug. In Bussland? Hier ist die schöne jüdische Literatur doch so entwickelt. Die Presse steht auf einer bedeutenden Höhe, die Kritik ist ehrlich und aufrichtig; die besten jüdischen Schriftsteller hat Bnssland hervorgebracht und — trotzdem ist hier kein Drama geschaffen worden! Es ist wohl eine jüdische Biiline vorhanden, aber das ist es nicht allein, wonach .wir uns sehnen. Es fehlt noch das Drama, das eine grosse Bühne mitsehaffen helfen, müsste. Gegenwärtig spielt man dort Stücke wie „Chinke-Pinke“. Den Jesc-hiba-Bochur eskamotiert man dem Verfasser Zolatorowski weg und macht Jakob Gordin zum Verfasser. „Mirale Efros“ wird derart, verunstaltet, dass es dem Verfasser schwer wird, es wieder zu erkennen. Dafür schreiben sie auch: „Uebersetzt von A. Sabsa“, als ob ich das Stück in türkischer und nicht in jüdischer Sprache geschrieben hätte .... Das jüdische Publikum in Amerika versteht jetzt leichter ein Stück zu würdigen als vor 15 Jahren. Das jüdische Theater stand, lange verwaist da. Die Intelligenz schämte sieh seiner. Die „Assimilierten“ verirrten sieh manchmal ins Theater, tun blaue Wunder anzustaunen. Das jüdische Publikum spendet Adler sein Lob, weil er so geschickt in der „Zerstörung Jerusalems“' vom Baum herabzufallen versteht und Kessler wegen seines „starken Löwengebrülls“, das von der Houstonhis zur Bowereygasse vernehmbar ist. Solche Kenner und Schätzer hatten die jüdischen Schauspieler. Jetzt ist auch für Amerika eine andere Zeit gekommen. Wir haben es so weit gebracht, dass die Assimilierten sich der Schauspieler nicht mehr schämen, jüdische Theaterplakate werden in den vornehmsten Stadtteilen affiehiert, sogar Lifc-ins Porträt in einem Theater in Washington, gegenüber dem „weissen Hause“ wird ausgestellt. Die vornehmsten englischen Theater werden den jüdischen Truppen überlassen und wir erlebten es schon, dass christliche Direktoren die jüdischen Theater aufsuchten, um neue Kräfte für ihre Bühnen zu entdecken. Das letztere bietet aber keinen Anlass zur Freude. Warum verlassen unsere Schauspieler die jüdische Biiline? Ich kenne zwei Gründe. Erstens: Das Theater ist eine Privatsache, ein gutes Geschäft für Theaterdirektoren, die sich den Teufel um die künstlerische Ausgestaltung und Entwicklung des Theaters kümmern. Wenn sie nur ihr Geschäft machen! Alles andere ist ihnen gleichgültig. Diese Haltung der Theaterunternehmer hat auch die Schauspieler angesteekt, die Kunst ist ihnen zur „melkenden Kuh“' geworden. Wo grösserer Verdienst winkt, dorthin gehen sie. Der zweite Grund liegt in. der Haltung der jüdischen Presse. Hätten die Schauspieler die Ueberzeugung, dass hinter ihnen die Presse steht, die sie zu schätzen und nach ihren Fähigkeiten zu beurteilen weiss, dann würden sie nicht davonlaufen. Kessler hat jahrelang auf der jüdischen Bühne gespielt und sieh beim