Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1907-10-18 · 14 (18.10.1907) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
14 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438142-2438156--0142-2439636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdische Zeitnn Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., (fäF^ensteasse $£f. 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 (Jhr vormittags. □ □ Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. 1 Abo nnementspreise: In Oesterreich-Ungarn: ' Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.— In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. vierteljähr. Mk. 3.- Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—, Vertretungen in der Provinz: In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 14. *'■' Wien, Freitag, den 18. Oktober 1907. I. Jahrgang. Wir ersuchen um gefällige Einsendung des Abonnomentbetrages, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete, und erlauben uns höfliehst darauf aufmerksam zu machen, dass mit Nr. 14 des Blattes die Zusendung an jene Leser, die ihr Abonnoment noch nicht aufgegeben haben, unterbleibt. Oie Administration. Weg mit der Furcht der Herren! Ein Mahmvort <un Beginn der politischen Saison in Galizien und im Reiche. Die galizischen Machthaber haben sich ausgerechnet, dass sie mit den nationalen Kurien für den Landtag, auf die sie einen Augenblick lang verfielen, kein gutes Geschäft machen werden. So kam es, dass der Landmarsehall Graf Badeni der jüdisch-nationalen Deputation, die ihn jüngst auf suchte, erklären konnte, er persönlich sei nicht für die Einführung der nationalen Kurien. Und damit scheint die. Gefahr einer der Sachlage nach zwangsweisen Einreihung der jüdischen LandtagswäMer unter die Polen (öder Rutlienen) vorderhand beseitigt. Aber nur, um einer anderen, nicht geringeren Gefahr Platz zu machen, dass die edlen Sehlaehzizen und Allpolen es verstehen werden, alle möglichen jüdischen Wahlkreise aus der neuen Wahlkreiseinteilung hinaus zu konstruieren. In dieser Hinsicht hat Herr Badeni keinerlei beruhigende Erklärung abgegeben und, aufrichtig gestanden, hätte er es getan, sie wäre auch nicht viel wert gewesen. Die erste Bedingung für einen jüdisch-nationalen Politiker gegenüber den galizischen Machthabern ist: nichts von ihnen erwarten. Die zweite: Fühlung mit den ehrlieh-demokratisehen Elementen des Landes gewinnen. Die dritte und noch auf lange Zeit hinaus positivste: sich die Rechte dort zu erkämpfen, wo sie vorläufig noch am leichtesten zu erkämpfen sind, im Reiche. Mit Recht heben jüdisch-nationale Blätter hervor, dass der Landmarsehall noch vor Jahresfrist gewiss nicht gen'pig gewesen wäijc, einejiMKcb.-.uatioaale..DppiÄyon, die .niif. jüdischen Ansprüchen zu ihm kommt, zu empfangen. Doch zufälligerweise verweilt keines bei der Frage, was diesen 'Umschwung eigentlich begünstigt hat. Gewiss, die jüdisch-nationale Volkserhebung, die von den Juden plötzlich eingenommene und an ihnen so ungewohnte Kampfpositur haben ihn bewirkt. Aber wer hat die Waffen für die Erhebung geschmiedet, wer die Gelegenheiten für die Kämpferstellung herbeigeführt? Wer anders als das Reich. Das österreichische Parlament, nicht das galizisehe, hat das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und damit die Möglichkeit einer Erweckung der jüdischen Massen geschaffen. Das österreichisch.- Parlament, nicht das galizisehe, hat Wahlgesetze beschlossen, die selbst in Galizien insofern noch eine heilsame Wirkung ausüben konnten, als sie auch dort wenigstens das Wort wesentlich befreiten. Das österreichische Parlament, und wahrlieh nicht das galizisehe, trägt Schuld daran, wenn sich dieses jetzt endlich verdrossen und auf die gewohnt eil Gegemnitteleheii bedacht, anschickt, auch etwas für die Demokratisierung seines Wahlrechtes zu tun. Vnd schliesslich, wir alle wissen, um wie viel stärker der Rückhalt sein könnte, den wir Juden an diesem Zentralparlament, am Reiche überhaupt haben, wenn eben nicht in beiden der Klubpole noch Macht besässe. Xocli! . . . Wiederholen wir uns dieses. Wort bei Tag und Xacht. Wiederholen wir es so oft, bis es sieh unserem politischen Bewusstsein, unserer politischen Logik unverwüstlich einprägi. Erinnern wir uns, wenn uns Schwäche anwaudejn will» wie schwer eigentlich die Einbussen waren, die die polnischen Rückschrittler bei den letzten Reic-hsratswahlen erlitten. Und schöpfen wir aus einem Ereignisse der jüngsten Tage frischen Mut! Vier bäuerliche Reichsratsabgeordnete sind aus dem Polenklub aus- und der polnischen Volkspartei beigetreten . . . Wahrlich — man mag die Volkspartei so eintaxieren und die Folgen dieses politischen Domizilwechsels bald oder erst nach längerer Zeit erwarten — jedenfalls konnte die neue Tagung des Reichsrates mit keinem besseren Omen beginnen als mit dieser neuerlichen Abbröckelung, durch die der Polenklnb seine Mehrheit innerhalb der galizischen Abgeordnetengruppe, die Sicherheit seiner Aus- FEV1ILLETON. Das jüdische Drama und die jüdische Bühne. Von Jakob Gordin.*) Die jüdische Bühne in Amerika hat in letzter Zeit eine grosse Einbusse dadurch erlitten, dass einige hervorragende Schauspieler ihr den Rücken gekehrt und sich der englischen Buhne zugewendet haben. Jeder von uns, dem die jüdische Bühne und die jüdische Kunst am Herzen liegt, wird diesen Verlust empfinden und viele unter uns hegen ernste Befürchtungen für die Zukunft des jüdischen Theaters. Wer trägt die Schuld daran, dass unsere besten *) Jakob G o r d i n, einer der hervorragendsten und erfolgreichsten Dramatiker der jüdischen Bühne in Amerika, dessen Drama das .Geld* auch ins Deutscheübertragen wurde, berührt in diesem Aufsatze eines der wundesten Kapitel im jüdisch-literarischen Leben. Das jüdische Theater, das namentlich in Amerika eine hohe Entwicklungsstufe erreicht hat und auch in Galizien eine grosse kulturelle Mission zu erfüllen berufen ist, findet leider nicht jene Beachtung, die ihm zukommen würde. Wir wollen auf dieses Thema noch zurückkommen. (Anm. d. Redaktion.) Kräfte uns verlassen? Ist das jüdische Publikum schuld, indem es seine Künstler nicht zu schätzen weiss? Xein! Das kann niemand behaupten, obwohl ich weit davon entfernt bin, dem Publikum Weihrauch zu streuen und zu schmeicheln. Das jüdische Volk hat ein feines Empfinden für gediegene Kunst und weiss ' einen guten Schauspieler oder ein gutes Drama zu schätzen. Trägt vielleicht das jüdische i Drama die Schuld, indem es dem Schauspieler j nicht die Möglichkeit bietet, sein ganzes Talent zu entfalten und ihn veranlasst, hinzugehen, wo er ein grösseres und breiteres Feld für seine künstlerische Entwicklung findet? Auch dieses Argument trifft nicht ganz zu. Der wahre Grund liegt anderswo und wir wollen uns bestreben, ihm auf die Spur zu kommen. Vorerst aber eine Frage: Schafft die Bühne eine Literatur oder schafft die Literatur eine Bühne? Die Antwort darauf kann nur lauten, dass die Bühne das Resultat der Literaturentwieklung darstellt, Die Erscheinungen des Lebens spiegeln sich naturgemäss im Drama ab und spielen somit in der Literatur eine grosse, wenn nicht die grösste Rolle. Dieses dramatisierte Leben auf der Bühne aufzuführen sind! dann die Künstler berufen. Die Schauspieler sind aber in jedem Lande verschieden. Jedes Volk hat seine Schule. Das deutsche Schauspiel z. B. ist gegenwärtig realistisch. Das Drama hat dort im realen Leben seine Wurzeln. Als die Deutschen die Wege der Romantik gingen, konnten sie kein Drama in des Wortes richtiger Bedeutung schaffen. Die französische Schule ist nicht mehr realistisch. Ein französischer Schauspieler — die Sarah Bernhard z. B. — verfügt über schöne klassische Bewegungen, aber realistisch ist er auf keinen Fall. Morris Morrisson, der in Xew York bekannte jüdische Schauspieler, gehört gleichfalls der französischen Schule an. Die Rolle eines Fuhrmannes wird er schwerlich darstellen können. Dasselbe gilt auch für die englischen Schauspieler, die sieh, wie der verstorbene Henry Ivring, im klassischen Genre auszeiehnen. Die russische Schule ist schon eher realistisch, obwohl das Drama, verschiedener Hindernisse wegen, sieh nicht entwickeln konnte. Der jüdische Schauspieler zeichnet sieh nur durch realistische Darstellung aus. Klassisch können sie nicht spielen. Kessler erzielt seine grössten: Wirkungen in solchen realistischen Stücken, in denen er die Möglichkeit hat, seine Härte hervorznkehren. Weichheir. romantische Gefühle liegen in ihm nicht. Das wahre Drama ist Spiegelung iles wirklichen Lebens und die Schau-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.