Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 13 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 Es ist interessant, dass das Ministerium zur Beratung über diese Frage einen jüdischen Vertreter (Iea) einlud, obwohl sie es bei viel wichtigeren Fragen noch nie getan hat. Wie es scheint, werden die Juden viel eher das Recht aus Russland auszuwandem als die Gleichberechtigung in Russland erlangen. Der Polenklub und die jüdischen Soldaten. Wir erhalten von unserem Mitarbeiter, Gg. Joachim Neiger aus Kozlow, folgende Zuschrift: „Zu der in der vorletzten Nummer Ihres geschätzten Blattes veröffentlichten Korrespondenz aus Halicz, welche die „grosse Tat“ unserer jüdischen Polenklubler genügend illustriert, erlaube ich mir im folgenden noch einen kleinen Beitrag hinzuzufügen. Während der letzten Manöver stationierte in Kozlow vom 7. bis 18. September das 8. Ulanenregiment und auch der Sitz des Kavallerietruppendivisionskommandos war hier. Auf direktes Verlangen einiger jüdischer Soldaten begaben sich der Ortsrabbiner, Herr Dawid Horowitz, und Schreiber dieser Zeilen am Vorabende des Neujahrsfestes zum Kavallerietruppendivisionär GM. v. Kolossvary, um für die Befreiung der jüdischen Soldaten vom Dienste an den hohen Feiertagen zu bitten. Se. Exzellenz empfing uns sehr freundlich und 'informierte uns, dass diesbezüglich ein Erlass vom Korpskommando herabgelangt sei, erklärte jedoch zugleich, dass es ratsam wäre, auch beim Obersten des 8. Uhlanenregimentes vorzusprechen, da nur dieser in inneren Dienstsachen des Regimentes zu entscheiden hat. Selbstverständlich trugen wir auch dem Obersten .unsere Bitte vor, welcher sich gleichfalls auf den Erlass des Korpskommandos berief und versprach, „soweit es der Dienst gestattet“, den jüdischen Ulanen Teilnahme am Gottesdienste zu ermöglichen. Diese Einschränkung verhinderte natürlich diejenigen Soldaten, welche der Kanzlei zu- . geteilt waren, Wache- oder sonstigen Dienst zu versehen hatten, dem Neujahrsgottesdienste beizuwohnen. Aber noch viel ärger war es am Versöhnungstage. Als wir erfuhren, dass das Regiment am 18. September früh, also am Jom Kippur, nach Tarnopol abzumarschieren hat, begaben sich wiederum der Rabbiner und Schreiber dieser Zeilen zum Obersten, erklärten ihm die Bedeutung dieses Tages für die Juden und baten ihn, er möge den jüdischen Soldaten gestatten, bis zum Abend hier zu bleiben. Unsere Intervention war diesmal ohne Erfolg: denn der vielerwähnte Erlass, den uns der Oberst vorgelesen hat, gestattet den jüdischen Soldaten Dienstfreiheit nur innerhalb der jeweiligen Kantonierungsorte. Sollten aber diese an einem der jüdischen Feiertage gewechselt werden müssen, so sind die jüdischen Soldaten dem Train zuzuteilen, aber nicht vom Dienste zu befreien. Wir wandten uns noch telegraphisch mit bezahlter Antwort an das Korpskommando, aber es kam keine Antwort und die jüdischen Ulanen mussten am Jom Kippur 26 km „nur“ beim Train zurücklegen. Das war der Erfolg der „grossen“ Löwensteinschen Aktion. Es kreiste der Berg und gebar eine Maus! * * * Auch aus Tlumacz wird uns mitgeteilt, dass unter den 25.000 Soldaten, die am Jom Kipur in Tlumacz durchmarschierten, zirka 3000 Juden waren und dass sie, wie alle übrigen, die Manöver mitmachen mussten. Korrespondenzen. Das Begräbnis des Grossherzogs von Baden. Köln. Im Namen der zionistischen Organisation hat eine Deputation an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Karlsruhe teilgenommen. Die Deputation bestand aus den Herren David Wo lff s o hn, Präsident des zionistischen Aktionskomitees, Df. H. Katzeneisohn, Präsident der Jewish Colonial Trust, und N. S o ko 1 o w, Generalsekretär des zionistischen Zentralbureaus. Wien. Auf das Kondolenzschreiben, welches die akademische Verbindung „Kadimah*-Wien anlässlich des Todes des Grossherzogs von Baden an die Grossherzogliche Kabinettskanzlei richtete, erhielt sie am 1. Oktober folgendes Dankschreiben: Seine königliche Hoheit, der Grossherzog, lassen für den Ausdruck treuer Teilnahme hcrzlichst danken. Auf höchsten Befehl S e y b. Anerkennung der jüdischen Nationalität. Wien. An der technischen Hochschule in Wien ist heuer bei den Inskriptionen eine Neuerung eingeführt worden, die zweifellos auf die Aktion der jüdischnationalen Studenten zurückzuführen ist und durchaus keine Lösung der Frage bedeutet. Sie ist aber charakteristisch für die Verlegenheit, in der sich die kompetenten Behörden befinden. Auf den Nationalia, die der Hörer auszufüllen hat, hat es bisher eine Rubrik „Nationalität“ gegeben, die plötzlich verschwunden ist Nur die Rubrik „Muttersprache“ soll also für die Statistik nationale Daten liefern. Die jüdischnationale Studentenschaft in Wien, die gerade diese Art „nationaler“ Bekenntnisse und statistischer Erhebungen perhorresziert, hat also nichts erreicht Und es kann ihr der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass sie gerade den wichtigen Zeitpunkt der Inskriptionen unbenützt vorüberstreichen liess und ohne einheitliche Pärole, ohne überhaupt irgendwie organisiert oder vorbereitet zu sein, vorging. In zwölfter Stunde fast wurden Flugzettel verteilt,! die erstens viel zu spät kamen und auch1 zu wenig Verbreitung fanden. Sie lauteten: „Jüdische Ko mmilitonen! Der Kampf um die Anerkennung derjüdischen Nationalität hatte bisher nicht den gewünschten Erfolg. Aber er darf nicht zur Ruhe kommen! Zum Zeichen des Protestes und der Demonstration werden wir im Nationale nicht mehr „deutsch“, sondern eine andere Sprache als Muttersprache bezeichnen, ohne damit den „deutschen“ Charakter der Hochschulen antasten zu wollen.“ Es wird nötig sein, dass die Jüdischnationalen sich ihrer nationalen Anerkennung mit aller Energie annehmen. Es gibt kein Zurück mehr und die ganze Frage ist eine politische Ehrensache geworden. Die Furcht vor Zionisten. Lemberg. Die Ernennung der Lehrkräfte für die neue theologische Lehranstalt bereitet dem Kuratorium schwere Sorgen. Oberstes Prinzip scheint die möglichste Ausscheidung zionistisch gesinnter Personen zu sein. Wissenschaftliche Befähigung spielt bei dfer Gesinnungsriecherei, die da platzgreift eine minderwichtige Rolle. Anerkannt hervorragende Männer wie Dr. Guttmann und Prof. S c h o r r sind wegen ihres Zionismus abgelehnt worden. Für. das Rektorat war Dr. Poznanski in Warschau . ausersehen. Man hat von ihm offenbar erwartet, dass er seine national-jüdische Gesinnung der. Stelle zuliebe verleugnen werde. Er hat die Berufung als Zionist abgelehnt. Das Gleiche geschah durch Dr. Chajes in Florenz. Das Rektorat ist in der Not dem Rabbiner Dr. Taubeles in Tarnopol übertragen wurden, der zu den gehässigsten Antizionisten Galiziens gehört und Talaüd in p o 1 n i s c h e r Sprache unterrichten wird. Auch für Dr. Chajes muss man sich nun mit minderwertigem Ersatz begnügen, der die mangelnde Lehrbefähigung durch ausgiebiges Fehlen jeder zionistischen Gesinnung wettmacht. Der Edle von Horowitz hat der neuen Anstalt 40.000 Kronen gespendet. Aus der galizischen Verwaltungspraxis. Zaleszczyki. Der Bezirkshauptmann von Zaleszczyki V e 11 r e gehört zu den Schlimmsten seiner Art. Er amtiert bekanntlich, wie die in der Stadt herrschende Klique es braucht. Ende des vorigen Monates begann die strafgerichtliche Untersuchung wegen Vergehens gegen § 5 und 8 des Wahlgesetzes gegen den hiesigen Bürgermeister Dr. B1 u treich. Die Untersuchung führt ein von der Tarnopoler Staatsanwaltschaft delegierter Untersuchungsrichter, der über 60 Belastungszeugen einzuvernehmen hat. Die hiesigen Bürger haben ein Gesuch an die Bezirkshauptmannschaft gerichtet, in welchem die Suspendierung Dr. Blutreichs verlangt wird, da nach § 19 der Gemeindeordnung in gerichtlicher Untersuchung stehende Personen bis zur Beendigung dieser nicht an der Spitze einer Gemeinde stehen dürfen. Dieses Gesuch legte Herr Veltre ohne Weiteres ad acta. Das ganz gesetzwidrige Verhalten unseres Bezirkspaschas entspricht den Verwaltungsprinzipien, die er während der ganzen Wahlzeit skrupellos an den Tag gelegt hat. Ehrung eines jüdischen Bürgermeisters. Storozynetz. (Bukowina.) In der Gemeinderatssitzung vom 6. d. M. wurde der so beliebte Bürgermeister und Kultuspräsident Herr Dr. Isidor Katz in Anerkennung seiner verdienstvollen Tätigkeit einstimmig zum Ehrenbürger dieser Stadt ernannt. Die Nachricht von dieser Ehrung wurde in der Stadt freudig aufgenommen und veranstalteten die Bürger am Abend einen Fackelzug, andern zirka 1000 Personen teilnah m e n. Es hatteil sich alle Honoratioren der Stadt eingefunden, der neue Ehrenbürger war Gegenstand lebhafter Ovationen. Auch wir Jüdischnationale beglückwünschen unseren Bürgermeister zu dieser Ehrung. Jar-Schoischanem. Jewish Colonisation Trust. (Jüdische Kolonialbank) Limited. Es wild hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, dass ein Gesuch in Sachen dieser Gesellschaft am Dienstag den 7. April 1908 vor Mr. Justice Kekewicb in der Chancery Abteilung im High Court of Justice (Hohen Gericht) in den königlichen Gerichtsgebäuden, Strand, London, England, zur Verhandlung gebracht werden wird. ln diesem Gesuche wird, das Gericht um Genehmigung der vorgesehlagenen Abänderung der Zwecke der Gesellschaft ersucht (welche Zwecke Kolonisationsunternehmungen in Palästina, in Syrien und in irgend einem anderen Teile der Welt gestatten) und wird durch diese Abänderung beabsichtigt, die besagten Zwecke zu beschränken, damit die Gesellschaft daran verhindert wird, Kolonisationsuntemehmungem irgendwo anders als in Palästina, Syrien und irgend einem anderen Teile der asiatischen Türkei, der Halbinsel Sinai und der Insel Cyprus zu fördern. Das Gesuch wurde von dem Gerichte am 23. Juli 190? geprüft. Eine grosse Anzahl Aktionäre hatten gegen die Abänderung Eimvand erhoben, und der Herr Richter äusserte sich, dass seiner Meinung nach den entfernten Aktionären, welche in allen Teilen der Welt wohnten, die Gelegenheit geboten werden sollte, ihre Meinung auszuspreehen über eine Sache, welche für die jüdische Gemeinde eine sehr ernste Frage wäre; und er entschied daher, dass die Verhand- . lung bis' zum - ersten Dienstag im Monat April nächsten Jahres vertagt werde, und dass in'der