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Jüdische Zeitung · 1907-10-11 · 13 (11.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
13 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 Nr. 13 Interessen des jüdischen Proletariats vielmehr dadnxeli gefährdet werden; wenn jetzt bei Einführung, der nationalen Autonomie für alle national unterdrückten Völker, bei denen auch wir in unserem Kampfe Mitkämpfer und Bundesgenossen finden, das jüdische Proletariat abseits stünde, und wir dann einen vereinsamten und jedenfalls aussichtsloseren Kampf um unser gleiches Hecht führen müssten? Wir sind überzeugt, dass die wahren Beweggründe anderswo zu suchen sind. Die Sozialdemokraten zittern nur davor, dass, sobald das jüdische Proletariat sich emanzipiert, die polnische Sozialdemokratie in Galizien zu einer, ihrer numerischen Stärke entsprechenden Zahl zusammensehnunpft. Dann freilich könnte nicht mehr von Sozialdemokraten mit eiserner Stirn die assimilatorische Ungeheuerlichkeit verfochten werden, dass jüdische Proletarier, die unter Ruthenen siedeln und nicht einmal der polnischen Sprache mächtig sind, in die pblnisehe Sozialdemokratie eingezwän'gt werden. Nicht umsonst hat — nebenbei bemerkt — Herr Daszynski, allerdings erfolglos, gegen die nationalen Bestrebungen der tschechischen Sozialdemokratie gekämpft; die Bevanehe hierfür war die Unterstützung Daszynskis durch Viktor Adler gegen die Selbständigkeitsbestrebungen des jüdischen Proletariats. Trotz alledem sind die Herren wider ihren Willen gezwungen, jene Richtung weiter zu wandeln, die ihnen die Entwicklung des jüdischen Nationalgedankens diktiert. Dank den Zionisten musste es Herr Daszynski zu seinem grossen Schmerze mitansehen, wie ein Teil der jüdischen Sozialdemokraten, die Separatisten, von ihnen absplitterte; sie waren genötigt, eine jüdische Sektion der P. P. S. D. ins Leben zu rufen und sie werden gezwungen werden, die jüdische Autonomie voll zu vertreten — wenn sie vermeiden wollen, dass das jüdische Volk über sie zur Tagesordnung hinwegsebreitet. Oskar Kessler. Die Baron Hirsch - Schulen in Galizien. In den Briefen ans Galizien hebt Herr Neiger mit Eieeht die Mängel des jüdischen. Erziehungs- und Schulwesens hervor. Das jüdische Erziehungswesen ist ein sehr trauriges Kapitel und wird es noch .lange bleiben, wenigstens so lange, bis sich die Erkenntnis durehgerungen haben wird, dass das Cheder reformbedürftig und dass es hoch an der Zeit ist, es zu reformieren. Wir selbst müssen es vollbringen. Wir können weder warten, bis uns jemand zu Hilfe kommt, noch dürfen wir hoffen, etwas Erspriessliehes zu erhalten, wenn wir nicht selbst kräftig an diesem Pfeiler der Kultur rütteln und eigenhändig an dem Ausbau unserer Volksschulen arbeiten. Nur hat Herr Neiger zu viel von den Baron Hirsch-Schulen verlangt und ihre Leistungsfähigkeit überschätzt, hingegen ihren tatsächlichen Wert zu wenig hervorgehoben, weil er eben ein AussenstChender ist. Als gewesener Cheder junge und Gymnasialschüler und als Schulleiter der Baron Hirsch-Stiftung kenne ich dten Leidensweg, den ein jüdischer Knabe machen muss, wenn er etwas lernen soll! Hnd etwas lernen muss ein jeder junge Jude. So lange wir noch einen Staat im Staate bildeten, war das Cheder unsere Schule und recht oder schlecht — es genügte. Jetzt gehören wir uns selbst nicht mehr — Vogel Strauss-Politik können wir nicht treiben — und das Cheder ist zur Mumie eingeschrumpft. Es verschwindet nur deshalb nicht, weil wir nichts haben, um die Leere nach dem Cheder auszufüllen und weil das galizische Elend genug moralische und körperliche Krüppel übrig hat, welchen der „Kanezug“ als letzter Lebensanker zurücfcbleibt. Die Baron Hirsch-Schulen sind nicht als Ersatz für das Cheder gedacht worden. Dazu sind ihrer zu wenige. Sie sollten nur als Musterschulen der eigenen Initiative der galizischen Juden einen'Spielraum lassen. Es blieb aber nur heim .Sollen sowohl , seitens der Stiftung, wie auch der lebendigen Mithilfe der galizischen JÜDISCHE ZEITUNG Juden. Als die-Schulen ins Leben traten, war wohl Geld genug, es fehlte jedoch an Kräften und als das Chaos des Wollens nnd Niehtkönneus, des Suchens und des Findens vorüber war, als endlich die richtige Kraft am richtigen Platze war — da trat Geldmangel ein. Der allzufrühe Tod des edlen Stifterpaares hat die grossangelegten Pläne an der Wurzel getroffen. Die Baron Hirsch-Stiftung hat zu wenig Geld, Mustersehulen nur zu erhalten, desto weniger, sie zu schaffen. Es wurden ja fast so viele Lehrer aus der Stiftung hinausgedrängt, als jetzt noch tätig sind, und nicht immer waren es die ärgsten Elemente, welche fortzagen. Es war Oben kein anderer Ausweg. Noch jetzt, nach der grossen Fahnenflucht, sind die Geldverhältnisse traurig und die Lehrer keineswegs ihrer Ueberbliidung gemäss belohnt. Dann ist von Schöpferarbeit keine Bede, wenn sieh die Geister zur richtigen Stunde nicht melden. Was hat die galizische Intelligenz der Stiftung mitgeholfen? Wie viel hüben die reichen Juden der Stiftung, welche Legate anzunehmen berechtigt ist, geschenkt? Gar nichts. In solchen Verhältnissen konnte nichts Imposantes geschaffen werden. Die Schuld liegt nicht an der Stiftung, sondern am galizischen Elend, an unserem geistigen, materiellen und politischen Elend. Wohl fände man da und dort einen Mann von Geist und auch hie und da einen unabhängigen Mann, aber der materiell mächtige ist es nicht, geistig und umgekehrt. Wohl sehnt sieh so mancher aus seiner geistigen Einsamkeit heraus, aber die Brücke zur Verständigung ist nicht geschlagen, das gemeinsame Band noch nicht gebunden. Wir haben noch keine Presse, keine politischen Verbindungen, welche kräftig genug wären, auf unseren Lebensnerv zu fühlen und tatkräftig danach zu handeln. Wir sind noch nicht unser. Dazu lebeu wir in einer Ueberganigsperiode, wo ale Mann am Boi|d nötig sind. Eigene Schulen verlangt Herr Neiger, intensiveren Unterricht der hebräischen Sprache. Nehmen wir den Pall an, dass der Unterricht in den Baron Hirsch-Schulen diesem Verlangen entspräche, wäre es denn schon genügend? Wie viel Stiftungssehulen haben wir? Wie viel wären notwendig, das Cheder zu verdrängen? Unbedingt wenigstens so viel, als es Städte nnd Städtchen in Galizien gibt. Um diese zu schaffen, müssten die Juden die grossen Opfer, welche sie dem Cheder bringen, diesen Schulen zuführen wollen. Wo ist aber derjenige, welchem die Zauberformel bekannt ist, die imstande wäre, den Opferstrom ins neue Bett zu leiten? Wo ist der Gottbegnadete, welcher den rechten Weg für das neue Bett nur ahnt? Wie schwierig auf diesem Felde ein Fortschritt ist, ist daraus ersichtlich, dass das Modell der Hirsch-Schulen noch der alte Josef Perl vor hundert Jahren geschaffen. Die Baron Hirsch-Schulen folgen treu diesem Muster und tragen fast die gleichen Früchte. Wir , stehen, wo wir vor hundert Jahren standen, nur kommen die möglichen Wohltaten dieses Systems einer grösseren Kinderanzahl zustatten. Da jedoch die Mittel der Stiftung begrenzt sind, kann die grosse Masse der jüdischen Jugend auch dieses Glück nicht gemessen. Ob düs System, nach welchem in den Baron Hirsch-Sehulen unterrichtet wird, richtig ist oder nicht, davon soll einstweilen abgesehen weiden. Viel wichtiger wäre die Vorsorge für die Zehntausende, welche im Cheder sich, dem Judentum und dem Staate zugrunde gehen. Und hier gibt es nur zwei Wege. Entweder wir suchen im politischen Kampfe die öffentlichen Volksschulen auch unseren Zwecken dienstbar und den Kindern appetitlicher zu machen, wobei aber der Sieg fast ausgeschlossen ist, oder wir arbeiten einen allgemeinen Plan für jüdische Schulen aus, welche das Chefder ersetzen könnten, und sorgen für die Mittel zur Erhaltung dieser Schulen. Diese Schulen müssten jedoch nicht nur den nationalen und religiösen, sondern auch den praktischen Bedürfnissen der Juden als Mitglieder des Staates und der sozialen Schichtung entsprechen, wobei etwas mehr Rücksicht auf die Gesundheit der Kinder genommen weiden müsste, als bisnun geschah. Vor allem darf nicht ausseraeht gelassen werden, dass wir alle Stufen des Cheder unmöglich in den Rühmen der Volksschule auf nehmen können, dass eine Landessprache unbedingt unterrichtet werden muss. Die Baron HSrsch-Sebulen unterrichten Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren; die Muttersprache der Kinder ist Jargon. Diese Kinder lernen folgende Sprachen: Polnisch, Deutsch, Hfcbräiseh und oft auch Ruthenisc-h. Für eine Volksschule ist düs unbedingt zu viel. Kinder, welche so viel lernen müssen und in so elenden Verhältnissen, wie jene es sind, in welchen die Mehrheit der Juden lebt, lernen entweder gar nichts oder sie reiben sieh auf. Freie, stolze Völker unterrichten in der Volksschule nur eine, die Muttersprache, kleinere oder politisch unselbständige höchstens zwei Sprachen, wobei gewöhnlich die zweite Sprache, wenn sie keine verwandte ist, keine grossen Erfolge erzielt. Hier sollte Herr Neiger Antwort auf seine Frage suchen, warum die hebräische Sprache zu kurz kommt. Die Hirsch-Schulen tim des Guten zu viel. Es muss ernst erwogen werden, was uns mehr not tut und. danach vorgegangen werden. Kozlow, im Oktober 1907. Natan W i 11 n e r, Schulleiter. Nachrichten aus Russland. Schon seit längerer Zeit berichtet die Petersburger Telegraphenagentnr wiederholt, dass die grosse Mehrzahl der gewählten Wahlmänner zu den „mässigen“ oder „parteilosen“ Elementen gehört. Laut einer telegraphischen Meldung des Petersburger „Times“-Korresponden'ten weiss man in den Kreisen der Bureaukratie ganz genau, dass die Berichte der russischen Telegraphenagentur nicht der Wahrheit entsprechen. Laut Nachrichten, die dem Polizeidepartement vorliegen, rechnet man mit Sicherheit darauf, dass auch die dritte Duma oppositionell gesinnt sein wird. Derselbe Korrespondent meldet, dass das Ministerium bereits ein Programm für seine nächste Tätigkeit in der Duma ansgearbeitet habe. Nach diesem Berichte will das Ministerium einen Zusammenstoss mit der neuen Duma möglichst vermeiden un'd wird deswegen nur solche Vorlagen einbringen, die keinen Anlass zu Zerwürfnissen bieten. Die allernächste Aufgabe, die der Duma harrt, ist die Budget- und Agrarvorlage. Nachher gelangen zwei Gesetzesprojekte zur Beratung, von denen eines die persönliche Freiheit, das zweite die Reform der Dorfgeriehte behandelt. Erst nach Annahme dieser Vorlage durch die Duma gelangen Gesetzesprojekte wegen einer Reform der städtischen und ständischen Selbstverwaltung zur Beratung. Was das wichtige Gesetzesprojekt über Religionsfreiheit anlangt, hat das Ministerium beschlossen, dieses erst später vorzulegen. Die Ursache der Verschiebung liegt darin, dass das Ministerium zur Einsicht gelangt ist, dass es nicht angeht, ein Gesetz über Religionsfreiheit annehmen zu lassen, ohne vorerst die Beschränkungen der Juden aufznheben. In Wirklichkeit ist die Frage der Religionsfreiheit eng verbunden mit der jüdischen Frage; hier eine Scheidewand zu machen hiesse eine endlose Gärung in die Duma hineintragen. Es muss sieh auch vorerst das Verhältnis der Deputierten zur Judenfrage klären und dann erst wird das Ministerium die Vorlage wegen Religionsfreiheit mit Einschluss der Juden einbringen. Derweilen wird im Handelsministerium eia anderes, speziell die Juden berührendes Projekt ausgearbeitet. Es ist ein Gesetz über die freie Emigration. Nach rassischem Gesetz irf die Emigration streng verboten und die Agenten, die sich damit befassen, müssten von rechtswegen zu Festungsstrafen verurteilt werden. Das Leben rechnet aber nicht mit dem abgelebten Gesetz. Jedenfalls übt dieses Verbot eine schädigende Wirkung auf die Emigranten, da sie vielen qualvollen Chikanen ausgesetzt sind. Jetzt will man diese Beschränkungen abschaffen, damit die Emigranten, wie Juden, Polen und Finnländer, leichter den Weg ins Ausland finden. , Ä.. >■ "V V* >;

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