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Jüdische Zeitung · 1907-10-11 · 13 (11.10.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
13 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Acker gesehen, den seine grossfürstliehen Gönner besät lmibcn. Die keimende Frucht hat ihm wohl kaum gefallen. * * * Die Mühlen der Entwicklung mahlen langsam, aber sicher. Die galiziselie Sozialdemokratie hat im Prinzip die Existenz eines jüdischen Volkstums anerkannt. Neben den polnischen. ruthenischen 'und rumänischen Vertretern des arlwitenden Volkes werden nunmehr auch jüdische Delegierte auf der .politischen Arena erscheinen. Die Bedeutung dieses Sieges einer geschichtlichen Notwendigkeit ist eminent. Unsere ganze politische Konstellation zieht ihre Kräfte durch die Kürzeln, die sich tief durch die Erde des Volkes schlängeln. Bei einer hemmungslosen Fortentwicklung muss der grundlegende Gedanke der jüdischen Volkseigenart in den Katechismus der österreichischen Staatsarbeit auf genommen werden. Die Arbeiterführer jüdischer Nationalität, deren gleiehnislose Leistungen dem ganzen Proletariat Sieg auf Sieg gebracht haben, müssen deshalb keineswegs von der Tete verschwinden. Nur die Maske fällt. Mit freier Stirn und blanker Rückhaltlosigkeit werden sie die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Völker vertreten können. Es müsste denn sein, dass einzelne von ihnen, geblendet durch ihre Erfolge und korrupt durch eine jahrzehntelange Assimilationspolitik, die Witterung verloren haben. Dann allerdings werden sie die ganze Wucht der rücksichtslosen Konsequenz, die dem politisch geschulten Arbeiter eigen ist. zu fühlen haben. Mim wird sie in den grauen Sac-k der Abgetanen stecken. Fürst S. O. Erussow war unmittelbar nach den fürchterlichen Tagen des Blutrausehes Gouverneur zu Kischenew; seine jüngst erschienenen Memoiren weiden dereinst zu jenen ^Schriften gehören, aus denen die Geschichtsschreiber den Niedergang des Zarenreiches begründen werden. „Ich halte die Beschuldigung, dass die Regierung durch ihr Stillschweigen die Pogroms geduldet habe, für erwiesen.“ Welch' unerhörte Zustände müssen in den leitenden Kreisen einet Staates herrschen, in welchem ein hoherWürdenträger und Vollblutaristokrat die ersten Männer der Mittäterschaft und Beihilfe hei Mord und Brandlegung. Raub und Nozueht beschuldigt? Wie die geistige Beschaffenheit und die politische Erkenntnis in dieser schwärzesten 1 Zeit des Russentums hei den Räten des kleinen Nikolaus beschaffen war, beleuchtet ein Ausspruch des Kaisers, den die Urussowselien Memoiren berichten: Der kühne Fürst, der nur hinter einem 'sechsfachen Wall von Spionen und Gendarmen zähneklappernd seinen Eegierungsgeschäften obliegt, empfand den Angriff der 300.000 beläuft, ein Abgang durch Tod von etwa 4500 Ausländern gegenüber. Es muss nun betont* werden, dass dieser Status nicht etwa aus dem Fremdengesetz resultiert Denn dessen Bestimmungen würden, wenn sonst ein grösserer Auswandererzufluss sich nach England ergiessen wollte, doch nur einen geringen Teil zurückhalten können. Die Ursache liegt vielmehr darin, dass die aus dem Osten kommenden Emigranten jetzt noch mehr als früher von vornherein Amerika als Auswanderungsziel im Auge haben. jüdische Bankiers vor mehr als 2300 Jahren. Diese historische Feststellung ergibt sich aus unlängst entdeckten Urkunden, die der Zeitvon 471—411 v. Chr. angehören. Sie werden in einem Werk von Prof. A. H. S a y c e und A. E. C o wley „Aramaie Papyri discovcred at Assuan“ (Alexander Moring Lt., London) veröffentlicht. Hier wird die Lage der Juden in Aegypten im V. Jahrhundert v. Chr. interessant beleuchtet, lind aus jenen datierten, gut erhaltenen Urkunden geht hervor, dass im Süden Aegyptens hundert Jahre nach dem Tode Jeremias, der ihre Grosseitem in das Land geführt hatte, eine Siedelungsgenossenschaft von Juden als Bankiers tätig war. Sie bildeten eine besondere Gemeinde mit einem eigenen Gerichtshof und einem eigenen Heiligtum. In diesem verehrten sie den „Gott der Juden". Die Sitte, die später das Aussprechen seines Namens verbot, findet sich intimen noch nicht Sie wurden nicht für Bürger angesehen, doch befolgten sie wahrscheinlich das ägyptische Gesetz, in welchem die rechtmässige Nachfolge nach der Mütter rechnet. Im übrigen lebten sie unter persischem Gesetz. Japaner „wie einen Flohstieli“. Der „Petropawlowsk“ flog mit sechshundert Menschen in die Luft, die mandschurischen. Felder troffen von Blut und der Herrscher aller Reussen war „über den Aufgang des Krieges voUkoinimen ruhig“. Niemals in der Geschichte hat man. wohl den Zusammenhang zwischen Niedergang und Judenhass so blutigrot selten können, wie im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts im Reiche des Zaren. Beda. Stiefkinder der Sozialdemokratie. Die österreichische Sozialdemokratie zeichnete sich stets dadurch aus, dass ihr theoretisches Niveau, im Gegensatz zur deutschen und französischen, nicht besonders hoch war. Allerdings muss zugestanden werden, dass die Männer an ihrer Spitze, von den überstürzenden Lehenswellen gedrängt, im letzten Moment noch immer das Richtige getroffen haben. Aber nicht prinzipielle Momente, sondern lediglich taktische Erwägungen gaben auch damals den Ausschlag, als in Brünn, hauptsächlich auf Drängen der Tschechen, ohne tieferes Eindringen in die Sache, und ohne grössere Stürme, wie sic* anderwärts nicht ausgeblieben wären, das Programm der .nationalen Autonomie angenommen wurde. In Wirklichkeit war es keine nationale, sondern eine territoriale Autonomie, d. h. für jene A7ölker, die in irgend einem der nur zu vielen „historischen Kronländer“ geschlossen siedelten. Das galt natürlich für alle Nationen Oesterreichs, mit Ausnahme der Juden. Denn da diese nirgends auf einem historischen Territorium siedelten, konnte das Prinzip für sie ■keine Geltung haben. A7on unverfälschten Sozialdemokraten, wie es die jüdischen Sozialdemokraten sind, durfte man daher nichterwarten, dass sie etwas verlangen werden, was dem obigen Prinzip zuwiderläuft. Es war nur logisch, dass die in Galizien „Separatisten“' genannten jüdischen Sozialdemokraten, die den Mangel eines eigenen Territoriums nicht zu vermissen Vorgehen, zurzeit, als die Zionisten den Kampf um die nationale Autonomie auf nahmen, mit der polnischen und deutschen Sozialdemokratie gegen die nationale Gleichberechtigung der Juden im Staate auftraten. Was sie als gelreue, besciieklene Parteischiiflein forderten, war die Anerkennung als Nation innerhalb der sozialdemokratischen Organisationen. Aber merkwürdig: was die jüdischen Sozialdemokraten nicht zu fordern wagten, haben die Tschechen, an deren harten Schädeln sieh so mancher mächtige Herrscher blutig stress, erzwungen und ertrotzt. Sie haben die nationale Autonomie nicht nur innerhalb der sozialdemokratischen Organisation gefordert — nein, sie hüben sie auch direkt erzwungen, und zwar sowohl auf politischem, als auch auf gewerkschaftlichem Gebiete. Vorige Woehe fand dieser Prozess in Prag seinen Abschluss, wo die tschechische Sozialdemokratie endgültig festgesetzt hat. dass die tschechischen Arbeiter in ganz Oesterreich der Prager Exekutive Ijczw. Gewerkscliaftskomntission unterstehen. Aber auch vor einer weiteren Durchlochung des Brunner Programmes schrecken sie nicht zurück, indem sic sich mit dem historischen Territorium nicht begnügen, sondern die staatliche Autonomie für alle Tschechen des Staates, wo immer sie auch wohnen mögen, verlangen. (Pilsener Parteitag.) Dieser historische Rückblick war notwendig, um den bisherigen heftigen Widerstand der österreichischen Sozialdemokratie gegen die nationale Gleichberechtigung des territoriallosen jüdischen A'olkcs, wenn auch nicht zu entschuldigen, so doeli zum Teil begreiflich zu machen. Bekanntlich hat sich jedoch das jüdische A7olk, das schon grössere Widerstände in seiner uralten Geschichte überwunden hat, um diese taktisch opportunistischen Erwägungen der Sozialdemokratie wenig gekümmert. Es erhob sich mit einer unerhörten Wucht und Begeisterung, als die Zionisten die Fahne der nationalen Autonomie entrollten und so gross und revolutionierend war diese Bewegung, dass sie nicht nur die Berechnungen der polnischen Sc-hlachta, sondern auch die der sozialdemokratischen Strategen, die seit langem im jüdischen A7olfc ein willfähriges Stimmvieh erblickten, .über den Haufen warf. Nach ihrer Ernüchterung merkte die galiziselie Parteileitung sofort, dass etwas faul sei im sozialdemokratischen Dänemark. Man höre und staune: Derselbe Dr. Max Zetterbaum, der einst die Stint hatte, den Zionisten zuzurufen: „Ich spucke auf eure Ideale,“ erstattete vor einigen Tagen auf einer Konferenz der „jüdischen Sektion der polnischen Sozialdemokratie“ ein Referat über die „jüdische Nationalität und die kulturelle Autonomie“, also ein „Ideal“, das die Zionisten mit allen Kräften zu verwirklichen seit langem bemüht sind. Schon diese Sektion ist eine Folge jener Zionisten, die Herr Dr. Zetterbaum die „Todfeinde des Proletariats“ zu nennen beliebt. Und nun die Resolutionen, die auf diesem Parteitage zur Annahme gelangten: 1. DieKonierenz der jüdischen Sektion P. P. S. D. (Poln. Sozialdem.), erklärt, dass das jüdische Proletariat in Galizien, welches in der sozialdemokratischen Partei organisiert ist. sich zur jüdischen Nation bekennt und sich seiner Nationalität bewusst ist. 2. Die besonderen historischen Bedingungen des Kapitalismus, welcher die nicht vollständig besiegte feudale Ideologie als Waffe gegen den Befreiungskampf des Proletariats benützt, machen es in der jetzigen Phase dieses Kampfes unmöglich, sich für die Verwirklichung der kulturellen Autonomie des jüdischen Volkes zu erklären. Die Konferenz erklärt im besonderen: In Erwägung, dass bei den jetzt zwischen der jüdischen Nation (!) und anderen Nationen faktisch existierenden . konfessionellen und Rassenunterschieden die Verwirklichung der jüdischen Autonomie zur Verbreitung des religiösen und Rassenhasses in den breiten Massen, die noch weit von der Sozialdemokratie stehen, beitragen und überdies den Klassenkampf schädigen und stören würde; in weiterer Erwägung, dass bei der jetzigen ökonomischen Struktur der jüdischen Nation die kulturellen Interessen des der Zahl nach schwachen Proletariats zugunsten der klerikalen jüdischen Bourgeoisie gefährdet werden müssten; in Erwägung ferner, dass die historische Entwicklung die Frage der jüdisch nationalen Sprache noch nicht entschieden hat und dass die Unterstützung der jüdischen Autonomie im jetzigen Zeitpunkte das - ganze Proletariat-, in einen hoffnungslosen(’) Kampf mit verschiedenen Landesparteien und auch mit dem jüdischen Bürgertum, von dem sich ein Teil für die Landessprache und ein Teil für das Hebräische erklärt, stützen würde, in Erwägung also, dass die kulturelle Autonomie eher eine Erfüllung der Forderungen der klerikalen nationalistischen Parteien (!!) — der Todfeinde des Proletariats — als die Erfüllung von freiheitlichen Bestrebungen sein würde, kann die jüdische Konferenz in der jetzigen Phase des Befreiungskampfes des jüdischen Proletariats die Forderung nach einer kulturellen Autonomie nicht erheben“. Beginnen wir mit dem Schlüsse. Die jüdische Konferenz kann die Forderung der kulturellen Autonomie nicht erheben, weil infolge der faktisch existierenden konfessionellen un'd Rassemmtersehiede -die Verwirklichung der kulturellen Autonomie zur Entfachung des religiösen und Rassenhasses beitragen würde. In diesem einen Punkte zeigt sieh die ganze jesuitische A7eiiogenhcit der Argumentation. AVarum, verehrte Genossen, verweigert ihr schroff die mehr als bescheidenen Forderungen der armen Separatisten auf nationale Anerkennung sogar in eurem eigenen sozialdemokratischen Machtbereich, in eurer eigenen politischen Organisation? Oder sollte etwa der religiöse und Rassenhass auch in jenen breiten Massen eine Rolle spielen, welche innerhalb der Sozialdemokratie stehen? Seit wann nehmen denn Sozialdemokraten Rücksicht auf jüdische bürgerliche Parteien, die Todfeinde des jüdischen Proletariats? Die jüdische Autonomie würde angeblich die kulturellen Interessen des der Zahl nach schwachen Proletariats „zugunsten der klerikalen jüdischen Bourgeoisie gefährden“. Könnte man nicht mit demselben Recht auch gegen das von den Sozialdemokraten angestrebte gleiche Landtagswahlrecht in den klerikalen Ländern Oesterreichs ankämpfen? Es verlohnt sich wirklich nicht, auf die übrigen Scheinargumente cinzugehen, mit denen die wahren Gründe für die ablehnende Haltung gegen -die nationale Gleichberechtigung der Juden verhüllt werden sollen. Eine Frage sei noch gestattet. Würden, die

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