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Jüdische Zeitung · 1907-10-11 · 13 (11.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
13 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 der Germanisierang und im Liberalismus. und die christlichen Liberalen reichten ihnen die Bruderhand — solange sie ihre Hilfe brauchten. Aber kaum wurde der Liberalismus lebensfähig, stiess er die Juden in einer hässlichen Weise von sich. Die Geschickte von „Josef“ und dem „neuen König“, der zur Herrschaft in Aegypten gelangte, ist symptomatisch. In der Revolution, im Liberalismus, im Pangennanismus, kurz in jeder politischen und' kulturellen Bewegung gibt es eine erste Epoche, die Epoche der aufgehenden Sonne, in der man die Juden an sich zieht und sie fest hält. Die Juden aber opfern sich mit der ihnen eigenen morgenländischen Begeisterung, der ihnen angeborenen Eilfertigkeit und mit dem im Teile herausgebildeten Aufgeben des eigenen „Ich“ für jeden Gedanken, jede Idee. Alles, was sie besitzen, werfen sie von sieh, verachten und besudeln ihre eigene Kultur unld Geschichte und schreien laut hinaus: Juchhe, der Messias ist da, die allgemeine Erlösung — und somit auch die unsere — ist gekommen. Sie hüpfen und tanzen wie die Seraphim — während die „anderen“ ihre Emsigkeit anstaunen und sich vor Freude die Hände reiben. Lassen sieh diese noch herab, den Tanzenden die Wange zu streicheln, dann geraten sie gar in einen wahnsinnigen Taumel, trotzdem sie oft beteuern, dass sie keiner Zustimmung bedürfen, dass sie „freie“ Männer eeien, keine Gunst suchen unld dergl. mehr. Immer ist dies die erste Epoche und immer hält sie eine Zeit lang an. AbeT immer folgt ihr eine zweite nach, die beweist,dass das „Ende“ von 1848 Oder 1864 nichts mehr bedeute als das von 5600 jüdischer Zeitrechnung. Denn ein Volk kann nicht durch ein anderes, sondern nur durch sich selbst erlöst werden. Wer .aber so naiv ist, an „anderer“ Hilfe zu glauben und sieh auf diese zu verlassen, bleibt zuletzt ein Tor. 8rief aus Mähren. Brünn, 6. Oktober 1907. 'Mähren galt bisher als Asylland des Deutsehliberalismns, als so eine Art politisches Ausgedinge. Mit dem Gemeinplätze vom ,liberalen Bollwerk“' wurde nirgends so viel Sehindluder getrieben. Die Liberalen hatten wirklich politischen Einfluss und beherrschten viele Positionen. In den gemischtsprachigen Bezirken waren und sind die Gemeindevertretungen ihre unbestrittene Domäne, eiserner Bestandteil ihres politischen Besitzstandes; denn die ausschlaggebende Stellung der Juden und die nationale Gefährdung durch die Tschechen schloss eine andere deutsche Partei im voraus aus. Die Reichsrats- und Landtagsmandate fielen fast kampflos den Liberalen zu, sie hatten im deutj sehen Landtagsklub die Majorität und hatten j — als sichtbarsten Ausdruck ihrer politischen Macht im Lande — beide Landesaussehussman-! date inne. In den letzten Jahren sind sie schrittweise zuruekgewichen und es war interj essant, wie die antisemitischen Parteien unter teilweiser und zeitweiliger Zurückstellung des ( Judenpunktes alle Vorteile der deutschen Ge- meinbürgschaft einheimsten und ohne viel Lärm ' die Liberalen aus ihrer so sicher scheinenden Position verdrängten. Die Kosten der Gemeinbürgsebaft, die unter den Deutschen selbst die scharfen Parteigegensätze allmählich milderte und den Radikalen in den Sattel half, trugen die Juden, welche auch sonst ihren alten Einfluss einlbüssten. Das allgemeine Wahlrecht und mehr noch die Einführung nationaler Kataster hat ihren politischen Einfluss wesentlich herabgemindert. Im nationalen Kampf zwischen Deutschen und Tschechen bilden sie bei Wahlen nicht mehr wie früher das Zünglein an der Wage und in der deutschen Bevölkerung werj den sie in den meisten Bezirken von der Masse; erdrückt. Sb war es möglich, dass bei den letzi ten Lanldtagswahleu in Wahlbezirken, in denen ' die Juden wirtschaftlich und politisch ein . Machtfaktor ersten Ranges waren, Deutsche extremnationaler und radikalantisemitischer Richtung kandidiert und gewählt werden konnten. Die Kandidaturen wurden von der deutschfortsehrittliehen Parteileitung offiziell unterstützt und die betreffenden Kandidaten von den deutsehfortschrittlichen Parteigängern offen gewählt. Ein solcher Kandidat, der den Juden einfach aufgedrängt wurde, war in der allgemeinen Kurie des Neutitsehein-Ostrauer Wahlkreises der Alldeutsche Dr. Freissler, der in der letzten Sitzung des mährischen Landtages zum Landesaussehussbeisitzer als Nachfolger des verstorbenen Deutschliheralen Doktor Hugo Fux gewählt wurde. Nach den Altliberalen Promber und Fux ein Alldeutscher im Landesausschusse — die Wahl kennzeichnet aufs treffendste den rapiden Niedergang der Liberalen in Mähren, in einem Luide also, wo! die nationälantisemitisehen Tendenzen unter den Deutschen angeblich keine Wurzeln fassen konnten. Opportunistische Rücksichten haben sie — das wusste und sali man ja — stark gedämpft. Der Liberalismus schien in Mähren, wenn auch nicht echt, so doch einigermassen widerstandsfähig und standhaft. Die Juden liessen sieh von der zahmen, aber klugen Haltung der Radikalen täuschen und opferten dem Parteifrieden politische Klugheit und Macht. Die Majorität des deutsehen Lamdtagskluibs, die antisemitisch ist, hat mit der Wahl Dr. Freisslers, eines enragierten Judenfeindes, zum' wichtigen Amte eines Lindesausschussbeisitzers jede Rücksicht auf die jüdischen Wähler fallen lassen. Dr. Freissler hat wohl in seiner Dankrede nach vollzogener Wahl erklärt, dass er sich im neuen Amte nicht als Vertrauensmann einer einzelnen Partei betätigen werde. Aber selbst wenn diese wohlfeile Behauptung zur Wahrheit werden wird, bleibt die Tatsache aufrecht, dass ein Alldeutscher, der die Juden nach rassenantisemitischen Gesichtspunkten beurteilt nud in der Politik, im gesellschaftlichen und geschäftlichen Verkehr bekämpft, in der obersten Verwaltung des Landes sitzt und sich mit ileutschliberaler Hilfe einer so wichtigen Position bemächtigen konnte. Der antisemitischen Mehrheit der deutschen Lmdtagsabgeoidneten ist es nicht zu verargen, wenn sie ihre numerische Stärke ausmitzt und aus der politischen Gesinnung der deutscharischen Bevölkerung bei Besetzung solcher einflussreicher und gufcdotierter Stellen die praktischen Konsequenzen zieht. Aber auf die mährischen Juden sollte die Wahl nicht ohne Eindruck bleiben. Sie wirft ein scharfes Schlaglicht auf den falschen politischen Weg, den sie wie Blinde wandeln. Vor wenigen Jahren hätte mim einesolche Wahl für ein Ding der Unmöglichkeit, für Narretei gehalten. Sie ist das Produkt der unaufrichtigen liberalen, der klugen antisemitischen und der läppischnaiven jüdischen Politik. Die Juden Mährens wollen nicht begreifen, dass ihre deutschen Landsleute sie nur „respektieren“ und den Schein der nationalen Vollwertigkeit wahren, so lange man sie braucht und! für nationale Zwecke ausnützen kann, dass sie sich aber aller Rücksichten und Scheu entledigen, sobald die Juden ungefährlich und unentbehrlich sind. Die Wahl eines alldeutschen Antisemiten in den Landesaussehuss ist symptomatisch und müsste die mährischen Juden zu ernstem Nachdenken darüber bringen, wie sie von den Deutschen von langer Hand vorbereitet und von Juden unbewusst gefördert werden konnte. Fragmente. Zweihundert Schüsse knallten. Der Maschinist lag kalt auf der Strecke. Der Zug schrillte auf und die roten Signale, die ihn zum Stehen gebracht hatten, verloschen. Zwei Waggons, mit Petroleum übergossen, flammten auf. Die Mordbuben sprangen von C'oupe zn Coupe, sclienkten das Leben und nahmen da« Geld- Als Herr Dr. Kraniaf diesseits der schwarzgelben Grenzpfähle war, säh er blass und erschöpft aus. Er konnte sich absolut nicht daran erinnern, dass er nach den blutrauchenden Tagen von Kisclienew die Henker vom Newskv- Prospekt verteidigt hatte. Nun hat er den Und wenn man ihm mit dem Auge zuhört, wenn er spricht, kann man aus jedem Worte dieses Selbstbewusstsein leuchten sehen. Nicht das Wort, das er spricht, und nicht, wie er es spricht, zeugt die Wirkung, sondern das Wort, wie er es entstehen lässt, Es tritt so in die Erscheinung, als wenn es die objektive Wahrheit wäre, an der nicht zu rütteln ist. Das markiert er mit einer einzigen Hanldbewegimg, mit einem Ton, oft nur mit einem Blick. Und man fühlt in ihm den starken Mann, dem man sieh gerne willenlos ergibt .... Und deshalb ist seine Eloquenz das Ereignis jedes Kongresses. Nicht weil er immer ein „geflügeltes Wort“ schafft (Nationale Liquidation!), ein „bühnenmässiges r“ besitzt und schliesslich ein „Rhetor“ ist, sondern weil seine Willensstärke Potenz sich den Zuhörern mitteilt, von ihnen originären Besitz ergreift und sie hält. Und weil man sich dann sagt: der Zionismus hat eine wunderbare Kraft, wenn er diesen Mann zu sich gelockt und ihn nun so durehdringt. Zu sieh gelockt — denn wir haben den Weg zu ihm nicht gesucht, er hat ihn zu uns gefunden. Und dies war ein weiter Weg von den konventionellen Lügen zum Baseler Programm. An einem einzigen Worte kann man diesen Wieg ermessen: In Mene Tekel Upharsin, wo er Europas politische und soziale Konstellation bespricht, sagt er von Russlands Holigans, dass sie „Krug und Synagoge des Hebräers der Erde gleich machen“. Des Hebräers. Das klingt so fremd, "so kalt . . . nicht kalter und nicht wärmer als etwa: des Armeniers, des Basken. Und dann das Zitat Krug und Synagoge . . . wie konventionell. In diesen Attributen des Judentums liegt sein ganzes Verhältnis zu ihm ansgedrückt . . . Das Judentum war aber in ihm latent und kam, nein, brac-h beim ersten Sonnenstrahl hervor. Und nun er unser ist, wollen wir uns seiner freuen und auf ihn stolz sein. Denn von ihm gilt das berühmte Wort der französischen Akademie: Wir hätten seinem Ruhme nicht gefehlt, er aber doch vielleicht dem unseren . . . Dr. Rb. Allerlei. Tolstoi Ober die Assimilationsjuden. Tolstoi äusserte sich jüngst einem Journalisten Gorodetzki gegenüber, wie folgt: »Ich liebe jene Judsn nicht, die sich bemühen der Welt zu beweisen,dass sie keine Juden sind. Denn erstensglaube ich ihnen nicht, und zweitens kann ich sie deshalb nicht leiden, weil sie das ableugnen,, was ihnen nahe und teuer sein sollte.“ Wie sah dar Pharao aus, der im Roten Maer ertrank? ,Er war“, so beantwortet die »Tägliche Rundschau“ diese Frage, »ein etwas beleibter alter Mann, von mehr als Durchschnittsgrösse, (1.74 Meter), last vollständig kahl, nur mit einem schmalen Strich weissen Haares, mit verkalkten Adern, verknöcherten Rippenknochen und sehr wenig Zähnen.“ Diese Angaben stammen von Prof. Elliot Smith, der im Aufträge Masperos, des Leiters der ägyptischen Ausgrabungen, die Mumie Menephtahs ausgewickelt und gründlüch untersucht hat Allem Anscheine nach ist Masperos Vermutung, dass es wirklich die Mumie Menephtahs sei, richtig. Man kann dies aus der Inschrift der Leichentücher, der Art des Einbalsamierens und besonders au3 der Aehnlichkeit mit Ramses IL, Men ephtahs Vater, und mit Seti dem Grossen, dessen Vater schliessen. Leider hat die Mumie sehr durch Räuber gelitten. Dio Einwanderung in England. Die englische Regierung veröffentlicht neuerdings in Zwischenräumen von einigen Monaten offizielle Berichte über Einwanderungsverhältnisse des jeweils vergangenen Jahres. Diese Berichte geben allerdings keine ein abschliessendes Urteil gewährende Daten; aber sie lassen doch erkennen, in welchen Tendenzen sich die Fluktuation der Fremdenbevölkerung ergeht Die neuesten Zahlen, die in der jüngsten Veröffentlichung der Regierung über dieses Thema enthalten sind, zeigen, dass die fremdländische Bevölkerung nicht nnr zu, sondern sogar abgenommen hat Der Zufluss an Einwanderern betrug während des vergangenen Jahres höchstens etwa 300. Dem steht, da die Jahl der in England wohnenden Ausländer sich im ganzen auf ungefähr

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