Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 13 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Landes sind, sondern dass sie nichts sehnlicher ■wünschen, als in Eintracht mit den Polen und Ruthenen für das Wohl des Landes zu arbeiten. In seiner Antwort bemerkte der Landmarschall Graf Stanislaus Badeni. dass die jüdische Bevölkerung ein unzweifelbares Recht besitze, ihre Postulate unld Forderungen vorzübrmgen, weswegen er auch das Recht der Deputation, die Ansichten der jüdischen Bevölkerung in der Frage der Landtagswalilrefonn zum''Ausdruck zu bringen, gerne anerkenne. Insofern aber die Deputation durch den Mund ihres Sprechers sieh nicht nur an den Landtag, sondern auch an ihn persönlich gewendet habe, müsse er in Bezug auf das Postulat des allgemeinen Wahlrechtes für den Landtag bemerken, dass nicht nur er persönlich, sondern alle Parteien des Landtages dieses Postulat anerkennen. Sie’anerkennen das Wahlrecht eines jeden Bürgers ohne Rücksicht darauf, ob er Steuern zahlt und beim Militär dient. Was das zweite von der Deputation vorgehrachte Postulat, den nationalen Kataster, betrifft, müsse er offen er- . klären, dass er dieses Postulat nicht nur nicht . unterstützen könne, sondern bekämpfen müsse, j Sein Lehen lang habe er eine ^Versöhnung der i nationalen Gegensätze angestrebt, dem natioj nalen Kataster aber wohne die Tendenz einer ■ weiteren nationalen Differenzierung inne. Er anerkenne übrigens das volle Recht der jüdischen Bevölkerung auf Vertreter ihrer Interessen und Bedürfnisse und zweifle nicht, dass der Landtag dieses Recht anerkennen weide. Der Landmarschall bemerkte? nochmals, dass seine Antwort nur der Ausdruck seiner persönlichen! Ansichten sei, und erklärte, dass er die von der Deputation vorgebracliten Forderungen zur Kenntnis nehme. * * * Die eingelaufenen Telegramme an den Statthalter und den Landmarsehall lauten: „Die am 1. Oktober 1907 abgehaltene Yer- Sammlung jüdischer Bürger erklärt sieh für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht auf Grundlage des nationalen polnischen, r athenischen und jüdischen Katasters und fordert den Landtag auf, bei Annahme der Landtagswalilrefonn die Rechte der jüdischen Bevölkerung voll und ganz zu berücksichtigen.“ Solche Telegramme liefen ein aus Lemberg, Krakau. Tarnosv, Droliobyez, T.uflka, Halioz, Rohatyn, Radziehow, Tamobrzeg, Kreehowiee, Zaleszezvki, Jaroslau, Skole, Zablotow, Monasterzyska. Keu-Sandez, 2ydaczow, Tlumaez, Kolomea. Zloezow, Tarnopol, Jaslo, Weldzicz, Rvmanow. Brodv, Kalusz, Szezerzee, Ulaszkowee, Skalat, Sokal, Öswieczim, Kopyezvnee, Pödhajee, Stanisiau und Ilorodenka. dass er Fürsten und Herrscher in die Schranken fordert. Fast fürchtet man, dass er sieh zu weit vorwagt, dass er zu viel auf sein Glück vertrant, und man fühlt sieh versucht, ihm zuzurufen: Hör auf! Wir haben schon alles gesellen! Es ist genug! Er aber stürmt immer vorwärts, unbändig, unbezwingbar, über Stock und Stein, jedes Hindernis überwältigend, von jedem Hindernis tausendfach entflammt, von unsichtbaren Kräften gejagt, und bleibt vor irgend einem Schlosse, in dem gerade eine Tafelrunde mächtiger Bitter tagt, stehen. Und er schwingt sein Riesensehwert und erhebt seine Donnerstimme und ruft der ganzen Sippe Worte des Zornes, des Ingrimmes und der Gerechtigkeit zu . . . Und ohne es zu sagen, lässt er es merken: Sehetihr, diese Kraft habe ich von euch. Ohne es zu sagen, lässt er es ahnen: Was midi belebt und lieglüc-kt, ist euer : was mir die Macht verleiht, mich durdizusetzen, alles ans dem Wege zu räumen, der Frechheit ins Gesicht zu sdilagen, einer Welt von Feinden zu trotzen, keine Furcht zu kennen, Gefahren nidit zu scheuen, alles zu wagen — das ist mein, euer Ideal; der Unterschied zwischen uns liegt im Glauben nur: liei euch ist er eingesclilunimert, hei mir ist er wach geblieben: ich trage mein Judentum wie eine Kokarde; ihr liesitzt gerade nur, was ihr euch seihst gehet. Die Quelle der Madit liegt in euch, ihr habei nicht, wie ich, aus ihr ge¬ Die Juden und der Liberalismus.*) Von X. S o k o 1 o w. Man verspottetoft die orthodoxen Juden, die vermittels einer Gematria**) das „Ende“, das Erscheinen des Messias herausklügeln. Eines der letzten solcher „Enden“ war das Jahr 5600 (nach jüdischer Zeitrechnung). Ich hörte viele Greise sagen, dass es dämals eine beträchtliche Schar von Männern gab, die fest daran glaubte, dass die Ankunft des Messias in das Jahr 5600 fallen würde. Als aber der erwartete Messias nicht kam. begannen die einen, sieh nach einer neuen Gematria umzusehen, die anderen — zu zweifeln. Die Reaktion infolge Nichterscheinen des Erlösers. Aber nicht alle wissen es, dass an solche „Enden“ — nicht vermittels einer Buchstaben- und Zahlenspielerei, sondern vermittels politischer Kombinationen — auch die „aufgeklärten“ Juden glaubten. Ein solches „Ende“ war das Jahr — 1848. Den Messias, durch dessen Ankunft man die „Erlösung“ der Juden erwartete, nannte man — Liberalismus, die Juden, die daran glaubten — „Achtundvierziger“. „Achtundvierziger“ war ein Typus. Ich selbst kannte seine Träger: Kura n da und Fi seli ho f in Wien, Mako wer und Kri- | s t e 11 e r in Berlin. Hervorragende Juden und assimiliert. Zur Hälfte idealistisch, zur Hälfte revolutionär. Manche unter ihnen waren begeisterte Anhänger Voltaires. Börne zogen sie Heine vor. Der grösste Idealist, unter ihnen war Bertold Aucrbacli; hervorragend in der erzählenden Dichtung — Kompert; in der jüdischen Publizistik — P h i 1 i p p s oh n; Schriftsteller im allgemeinen — Airon Berns te i n. Wieviel die Juden zum Siege des 1848er Liberalismus beigetragen haben, darüber wurde noc-h keine Geschichte geschrieben. Sie trugen dazu nicht weniger bei, als jetzt zur russischen Revolution. Sie waren das treibende Element, das pulsierende Blut, die Vermittler und-Verbreiter des Gedankens:^Brachten die Anschauungen der Franzosen nach Deutschland — kein Deutschen erfasste so das Wesen der Franzosen wie Heine und Börne — und in Deutschland seihst von Provinz zu Provinz. Sassen in allen liberalen Klubs, auch in den gemässigten. S i ms o n aus Königsberg, der sich später taufte, ‘ *) Aus dem Hebräischen übersetzt von Iwri (Czemowitz). 1 **) Unter Gematria versteht man die Art der jüdischen Mystiker, die Wörter der heiligen Schrift und namentlich des allerheiligsten Gottesnamens in Buchstaben zu zerlegen und sie als Zahlen zu behandeln, um dann daraus bestimmte Zeiten zu konstruieren. schöpft .... Und das alles lässt er ahnen den ganzen Kongress. Er suggeriert es ihm. Er lässt seine Worte wie Peitschenknall ertönen, bald rechts, bald links. Er beherrscht den Kongress und der Kongress lässt willig seine Gewalt über sich ergehen, denn er anerkennt seinen Willen zur Macht. Aber selbst der Müssende, der die Wirkungen auf ihre Ursachen zr prüfen vermag, kann sieh dem Banne dieser eigenartigen Beredsamkeit nicht entziehen. Nordau ist kein Demosthenes, dem der Demos, wenn er seine flammende Philippika geschlossen, aus tausend Kehlen zudonnert: Auf! Wir ziehen gegen Makedonien! Das heisst: leb glaube nicht, dass seine Suada jene Kraft besitzt, die aus Ungläubigen Gläubige macht, die wie eine Offenbarung wirkt und Erleuchtung in die Herzen ziehen lässt. Er ist aber auch kein Cicero, der das höchste Ziel im architektonisch vollendeten Satz, in der äusserliehen Pracht einer Verbalfassade oder im alliterierenden Wortspiel erblickt und dessen orationes der populus Romanus wie Leckerbissen besehnalzt. Das heisst: Ich glaube nicht, dass die Form seiner Rede letzte Wahrheit ist, seine Rhetorik Schauspiel, die Pause Knnist und'der Ton vorbedachter Zweck. Obwohl es von seinen Feinden mit Beharrlichkeit behauptet wird. Er ist vielmehr dem Alkibiades in der Kunstzu reden vergleichbar. Von dem die Römer mit spielte in den liberalen Klubs, die in vielem den heutigen Semstwos glichen, eine ähnliche Rolle wie Petrunkiewiez und Miljökow zusammengenommen. Mehr zur konstitutionell-demokratischen Linken neigte der früher erwähnte Bernstein, der täglich Leitartikel für die „Volkszeitung“ schrieb. Jakobi war der Struwe unserer Zeit und auf der äussersten Linken sah man Strauss, Heimann u. a. Viele von ihnen wurden in den Kerker geworfen, viele verbannt. Und es blieb der „Achtundvierziger“ als Typus, wie in Polen der „Vierundseehziger“: der Jude, der zusammen mit den Polen demonstrierte und Koehajmy sie schrie. Manche historische Augenblicke lassen bestimmten Personen ihr Gepräge zurück, ohne dass man imstande wäre, dieses Gepräge wegzuwisehen oder zu vernichten. Ein „Achtundvierziger“ blieb eben ein „Achtundvierziger“, wie ein „Vierundseehziger“ ein „Vierundseehziger“ bis zu seinem Tode. „Verfallen“, wie man im Jüdischen zu sagen pflegt. Zwar ist diesem Typus eine angenehme Seite nicht abzusprechen. Es ist etwas Schönes um einen Mann, der bei einer Idee verharrt, die er bei einem plötzlichen Ereignisse, an dem er zufällig teiinahm, gefasst hat. Etwas Schönes, von der ästhetischen Seite betrachtet, aber von der historischen und ganz besonders von der jüdisch-historischen — — wehe, dreimal wehe über solche „Enden“, solche „Erlösungen“! Dass der Liberalismus ein falscher Messias für die Juden war, das wissen heute alle vernünftigen Juden. Dies musste — wenn auch gebrochenen Herzens — ein Mann, wie Bertold Auerbach zugeben; dies sahen auch Kuranda und Fischhof in den letzten Tagen ihres Lebens ein. Selbstdie stärkste Phantasie konnte keine furchtbarere Tragödie aussinnen als das Ende Eduard Laskers. (Sein Tod im fernen Amerika und das Verhalten des deutschen Parlamentes diesem grossen Toten gegenüber, der als Erster die Fahne des liberalen Gedankens und der Einigung der Deutschen gehisst hat.) So lange der Gedanke der Einigung der Deutschen noch Idee war, waren die Juden seine gern gesehenen Vermittler und Verbreiter;. kaum wurde er zur Tat, hiess es: Juden Taus! In Oesterreich opferten die „grossen“ Juden ihre Psyche auf dem Altäre des liberalen Gedankens. Und weil sie mit ganzer Seele der deutschen Kultur ergeben waren, wurden sie zentralistisch. Uebertrieben nach Muster aller Assimilanten, waren mehr „deutsch“ als die echten „Deutschen“ und deswegen auch sehr gehasst in Galizien und Böhmen. Wegen des „deutschen“ Juden in Wien wurde der Jude in Galizien verfolgt, oft geschlagen unld gemartert. Die „grossen“ Juden gingen förmlich auf in Bewunderung erzählen, dass er selten gesprochen, wenn er es aber getan, seine Zuhörer wie ein Orkan hinriss und sie momentan betäubte — durch diie Macht seiner Persönlichkeit. Das ist’s: Die Macht der Persönlichkeit. Schon die Gestalt: Untersetzt, massiv und gedrungen. Man hat die Empfindung, dass der festauf seinen Füssen steht, wenn er sieh erhebt. Ein jugendfrisches, mit viel Liebe gepflegtes, trotziges Gesicht, von zwei klugen, kalten, ausdrucksvollen Äugen beleuchtet. Und von einem runden Silberbart umrahmt. Auf den des Gesichtes Blässe wie „der Schatten einer weissen Lilie auf einen silbernen Spiegel“ fällt. Es ist nicht denkbar, an ihm vorüber zu blicken. Das grosse Geheimnis seiner Persönlichkeit aber ist das Selbstbewusstsein. Auf all5 den zahlreichen Gebieten, wo er geistig tätig war, hat er es mit Betonung zur Schau getragen. Hat sieh mit einer ganzen Welt in Widerspruch gesetzt, deren Heilige verspottet, deren Götzen enttcont. Er hat, um ins Volle nur zu greifen, Auguste Rodin das Ende prophezeit, Mäupassant in den Staub gezerrt, Maeterlink belächelt und Ibsen als Patienten behandelt. Er hat es nicht .gescheut, ein ganzes Jahrhundert > krank zu sprechen und die konventionellen Lü-~^ gen der Kulturmenschen aufzudecken.- Man kann von ihm wie von Ismael sagen: Seine Hand war an allen und die Hand aller an ihm.