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Jüdische Zeitung · 1907-10-04 · 12 (4.10.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
12 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 und eine Uciberschätzimg dieser Faktoren müsste ihn — heute mehr als je, denn „wenn eine Eiche fällt, wächst nur Gestrüpp nach“ — in gefährliche Bahnen lenken. Nur der organisierte Yolkswille und die potenzielle nationale Kraft werden uns befreien, nicht die Gunst und der Wille einzelner allein, mögen sie noch so hoc-li stehen. Es ist das Um und Auf. förmlich das Axiom einer demokratischen, einer Volksbewegung, die die Regeneration eines ganzen Volkes will. Aber gleichwohl müssen wir Zionisten dem in hohem Greisenalter verschiedenen Grossherzog von Baden als einem ehrlichen Freund und aufrichtigen Förderer unserer Bewegung ein treues Andenken bewahren und müssen uns seiner stets dankbar erinnern. Zionistischer Distriktstag der Bukowina (abgehoben am 25. und 26. September in Czernowitz). Am 25. und 26. September fand im festlich geschmückten Volksküchensaale in Czernowitz der Distriktstag der Bukowinaer Zionisten statt. Der Einladung waren Delegierte aller Bukowinaer Vereine und Vertrauensmänner gefolgt. Diese Tagung bot ein fesselndes und erhebendes Bild. Bei der Eröffnung war der Landesrabbiner Dr. Josef Rosenfeld und der k. k. Inspektor, Kultus- und Gemeinderat Dr. Neumann -Wender anwesend. Die Verhandlungen standen auf einem hohen Niveau und trugen den Stempel einer selbstbewussten Würde an sich; jeder Delegierte schien mit dem ganzen Komplexe von Problemen, die der Zionismus einsdhliesst, innig vertraut zu' sein. Nachstehend der Bericht der Verhandlungen: Herr Sigmlund Weissglas eröffnet um halb 11 Ullir den D.-T. und führt in seiner Begriissungsansprache aus, dass der Zionismus in das Stadium der Wirklichkeit getreten sei. Der letzte Kongress sei eigentlich der erste gewesen, der seine Aufgabe voll und ganz erfasst bat. Die Bukowinaer Zionisten leisten hiermit den Treusekwur, bei der Fahne des Zionismus zu verkarreu. (Lebhafter Beifall.) In dem Rechenschaftsbericht erwähnt er, dass die Bukowina als das an Russland und Rumänien grenzende Land von den Erschütterungen, die diese Länder erlebten, am fühlbarsten ebtroffen wurde. Richtete sieh doch der ganze Strom dar vertriebenen und fliehenden Juden Bessaraibiens und Rumäniens nach der Bukowina. Die Hilfeleistungen, die Organisierung der Hilfskomitees und Beherbergung der Flüchtlinge oblag zumeist den Bukowinaer Juden, an deren Spitze initiativgebend und vereinigend die zionistische Organisation stand. Auf ihr Betreiben wurde seitens der österreichischen Behörden den rumänischen Juden eine freundliche Aufnahme zuteil. Dr. Strauch er hat ülier Veranlassung des D.-K mehrmals beim Landespräsidenten zugunsten der flüchtenden rumänischen Juden interveniert. Dann seien die Waiden gekommen. Die Bukowinaer Zionisten haben in jeder Beziehung ihr Möglichstes geleistet und ihre Redner seien überall aufgetreten. Besonders verdient gemacht haben sieh die beiden Brüder Doetores Kinsbrnnner, die Wochen hindurch die ganze Bukowina und Ostgalizien durchreist hüben. Bei den rumänischen Exzessen haben sich liesonders Herr jur. P e r e t z und der Mädehenverein Ruth, dessen Mitglieder sieh der Flüchtlinge auf das liebevollste annabmen, ausgezeichnet. Im verflossenen Jahre wurden in der Bukowina 1036 Schekel verkauft (die poale-zionistischen nicht raitgereehnet), 2931 K 28 h für dien Nationalfonds gesammelt, 100 Odlbäume gespendet. Der Betrag für diese wird gemleinsam aibgesehiekt, damit die Bukowina im Herzlwald einen eigenen Hain besitze. An Vereinten bestellen in der Bukowina: 14 bürgerliche: 4 Frauenunld Mädfehenvereine und 5 akademische. Die Yereinistätigkeit war in allen Vereinen eine rege. Besondere Anerkennung wurde dem bürgerlichen Vereine in Eadaatz, der das „Muster eines Zionvereines in jeder Beziehung“ darstellt, und den akademischen gezollt. Erwähnung fanden auch die Bestrebungen der „E m u n a h“, ein jüdisches Schülerheini zu gründen, der „Hasmonäa“, am Theodor Herzl-Platz in Czernowitz ein Herzl-Denkmal zu errichten, der „Z e p h irah“, eine jüdische Ausstellung in Czernowitz zu veranstalten. Kurz, auf jedem Gebiete des nationalen und! zionistischen Lebens hat die zionistische Organisation, die Judenheit des Landes vereinigend und überall führend, den lebhaftesten Anteil genommen. Die Reiehsratsw'ahlen in der Bukowina haben im Zeichen dtes Zionismus stattgefunden. Weil eben die Juden in diesem Lande national sind, leben sie mit fast allen Parteien im Einvernehmen und bilden eine Macht, die von jedem anerkannt wird und den Juden selbst grosse Vorteile verschafft. An den Bericht des Obmannes schloss sich eine lebhafte Debatte. Dem abtretenden D.-K. wurde das Absolutorium erteilt, dem Vize- OSwnanne Herrn Löbl Taubes der „besondere“ Dank votiert.' •’ Am Nachmittag um 3 Uhr erstattete Herr Löbl Taubes sein Referat über Organisation und Agitation. Seine Thesen enthalten u. a. auch die Resolution: Der am 17. und 18. Tisehri in Czernowitz tagende D.-T. spricht sich für die Beibehaltung der bisherigen Organisation (D.-K, L.-K und A.-K.) ohne. Vermittlung eines Zentralkomitees aus. Sollten jedoch die Anregungen der Bielitzer Landeskonferenz auf Errichtung eines Z.-K. in Galizien zur Durchführung gelangen, besehliesst der D.-T.: In Erwägung des Umstandes, dass die Unterstellung der Bukowina unter ein galizisehes Z.-K. für den Bestand und die gedeihliche Entwicklung des Zionismus in der Bukowina nur nachteilig sein kann, da die Agitations¬ und Organisation»!ormen in der Bukowina sowohl sprachlich als auch dem ganzen Wbsen nach ganz verschieden sind von jenen in Galizien, ist gleichzeitig ein Z.-K. in der Bukowina mit dem Sitze in Czernowitz zu errichten. An der Debatte über das Referat beteiligten sieh Holdengräber (Suezawa), Frl. Wetzl er (Deborah, Czernowitz), Retter (Bojan), Ra^ehmuth (NowoSielitza), Dr. Kinsbrnnner (Czernowitz), Doktor Schauer, Kasiran (Radäutz). Herzberg (Zepliirah, Czernowitz) legt als Korreferent folgende Anträge vor: I. Der D.-T. besehliesse: Aus der Mitte des neu zu wählenden D.-K werde eine Agitationskommission, bestehend ans 5 Mitgliedern, zusammengesetzt, der unter anderen folgende Aufgaben zufallen sollen: a) Wiederbelebung Irestehender, aber untätiger Vereine; b) Gründung von Vereinen in Ortschaften (Städten, Marktflecken und grösseren Dörfern), in dienen noch keine Organisationen bestellen; e) Abhaltung von periodisch wiederkehrenden Agitationsvergammlungen; d) Veranstaltung von Vortragsabenden, an denen jüdisch-kulturelle Themata besprochen weiden sollen. II. Der D.-T. besehliesse: a) Das D.-K wild beauftragt, sieh mit S o s k i n, dem Leiter der Pa]ästina.-Hoekschnlkurse, in Verbindtung zu setzen und ihn zu veranlassen, die genannten Kurse im Laufe dieses Winters in Czernowitz abzuhalten; b) das D.-K beauftragt, im Laufe des Winters in allen Städten und Marktflecken des Landes Vortragsabende über Palästinakunde zu veranstalten. III. Der D.-T. besehliesse: Alle diejenigen Vereine, die die Aufträge, Zirkulare und Briefe des D.-K. trotz mehrmaliger Aufforderung unbeantwortet lassen, sind; ans der Organisation zu streichen. Nach vierstündiger Debatte weiden sowohl die Vorschläge des Referenten wie auch die Anträge des Herrn Herzberg mit erheblicher Majorität angenommen. Abtrag Holdengräber auf Gründung von Share-Klnbs wird als Anregung angenommen, Antrag Dr. Schauers auf Gründung eines B e zal e 1 - Vereines in Czernowitz nach Vorschlägen des Prof. Schatz wild; per acela» mationem angenommen. Hierauf gelangt nach einigen einleitenden Worten Dr. Kinsbrunners, wonach die beiden Gesinnungsgenossen Prof. Engel und Prof. Lieben wegen ihrer national-jüdischen Betätigung in Radautz strafweise nach Böhmen resp. Mähren versetzt wunden, folgende Resolution unter stürmischem Beifall zur Annahme: „Der D.-T. drückt den zwei wackeren Zionisten Prof. Dr. Engel unld Prof. L i eb e n für die intensive Betätigung ihrer zionistischen und national-jüdischen Gesinnung seine vollste Anerkennung aus und erwartet von den jüdischen Abgeordneten des österreichischen Parlamentes, dass sie dahin wirken weiden, dass die staatSgrundgesetzlich gewährleistete Freiheit der Meinjungsäusserung auch für jüdische Staatsbeamte gelte und dass sie diesen Vorfall zum Gegenstände einer Interpellation an den Minister machen, weiden.“ Hierauf wuide die Sitzung geschlossen; die Mitglieder des D.-T. begaben sich in das jüdische Waisenliatus, das festlich beleuchtet war. Der Direktor dter Anstalt, Herr Feuerberg, führte die Gäste durch alle Räumte dieser mustergültigen Anstalt, welche dank den Bestrebungen des Abgeordneten Dr. Straueher gegründet wurde. Um 9 Uhr versammelte die Teilnehmer ein Festkommers, welcher von der „Emunah“ veranstaltet wurde. Auf diesem hielten stucL phil. Rim (Czernowitz) und Moses Waldmann (Wien) begeisterte Ansprachen, die von den Teilnehmern lebhaft akklamiert wurden. . Korrespondenzen. Palästinapioniere. Wien. Vor einigen Tagen passierten Wien auf ihrer Durchreise nach Palästina zwei Juden, die gewiss das wünschenswerteste Einwanderermaterial für Palästina darstellen. Der Eine ist ein Bauer aus dem Kaukasus mit der charakteristischen Tracht der Bergjuden. Er begibt sich nach Palästina, um den Ackerbau, den er schon in seiner Heimat betrieben hat, auszuüben. Er spricht nur russisch und hebräisch. Der Andere ist ein Eisengiesser, aus Russland stammend, der bereits zwei Jahre in Palästina gearbeitet hat, sich dann nach Amerika begab, um sich ein Jahr lang in seinem Fache zu vervollkommnen. Nachdem er sich in seiner Branche umfassende Spezialkenntnisse angeeignet hat, ist er von der Maschinenfabrik J. Stein in Jaffa berufen worden, wo er gegen sehr gute Bezahlung dauernde Arbeit finden wird. Wie er mitteilte, rüsten in den amerikanischen poalezionistischen Organisationen zahlreiche gut qualifizierte Arbeiter zur Auswanderung nach Palästina. Aushungerungspolitik, Brody. Der Ausfall der letzten Reichsratswahlen, die unverhoffte, im Sturmlaufe vollzogene Abkehr der jüdischen Massen von den Polen bereitet diesen schwere Sorgen. Sie sinnen fortwährend nach neuen Mitteln, um die Juden von der Nutzlosigkeit und Gefährlichkeit ihrer nationalen Bestrebungen zu überzeugen. Dass Rechtsbeugungen, offenkundige Verletzungen der Staatsgrundgesetze, materielle Schädigungen, Drohungen usw., nur Kleinigkeiten sind, mit denen die Herrschaften ihren Bestrebungen den gehörigen Nachdruck verleihen wollen, ist bei der Schlachta selbstverständlich. In letzter Zeit wandten die chauvinistischen Blätter eine andere Taktik an: sie griffen in perfider Weise unsere Abgeordneten an, um sie in der Oeffentlichkeit, hauptsächlich aber vor ihren Wählern, zu diskreditieren. Hauptsächlich gegen die Abgeordneten Gabel und Stand richten sich ihre vergifteten Pfeile. Da aber diese Kampagne zu durchsichtig war, blieb ihre Wirkung aus. Es müssen

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