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Jüdische Zeitung · 1907-10-04 · 12 (4.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
12 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Seite 5 Tenor der Verhandlungen war: Zusammenschluss der Deutschen, Ignorierung und Beiseiteschiebung ihrer jüdischen Mitläufer. „Der nationale Einigungsgedanke,“ „die granitene Kuppel deutscher Solidarität" wurde in allen politischen Reden besungen. In allen möglichen Variationen und in überschwänglichen Worten. Der Satz „Die Klüfte im deutschen Lager beginnen sich allmählich zu schllessen" kennzeichnet treffend die Auffassung, die in deutschantisemitischen Journalistenkreisen über den antisemitischen Ring gang und. gäbe ist. Die kurze Sommersession des Reichsrates h-at für die Richtigkeit, des Satzes handgreifliche und zahlreiche Beweise geliefert und es ist sicher, dass in der Herbstsession diese Entwicklung ihren ungestörten Fortgang nehmen wird. Die Rekonstruktion des Kabinetts wird es am besten zeigen. Die politische und nationale Tendenz des Rödäkteurtages, der den Konkordiakreisen begreiflicherweise nicht in den Kram passt, kommt ganz unzweifelhaft in einem „Telegramm" zum Ausdruck, das an die Linke des Abgeordnetenhauses abging: „Deutsche Redakteure aller (?) deutschen Parteien in Oesterreich sind versammelt, national verbunden, sozial geeint, tuet desgleichenEs ist deutlich genug. Wer die Zusammensetzung des Redakteurtages kennt und weiss, dass K. II. Wolf, Yergani und die Schriftleiter der antisemitischen Provinzblätter das grosse Wort geführt haben, wird den tieferen Sinn ihres „Telegrammes“, das sehr harmlos aussieht, und die parteipolitische Begrenzung der Linken des Parlamentes begreifen. Herr Yergani hat im Laufe der Veihandlungen für das nationale Konkurrenzunternehmen der Konkoidiakongresse die Parole ausgegeben: „Unduldsam gegen den Feind, duldsam unter sieh.“ Die Parole ward viel bejubelt und wird getreulich befolgt werden — den Juden gegenüber. Rundschau. Dis Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen. Die Bestrebungen der jüdisch-nationalen Studentenschaft, die Anerkennung ihrer Nationalität und die Möglichkeit eines freien nationalen Bekenntnisses zu erlangen, haben bisher zu keinem Resultate geführt. Weder die Hoehsehulsenate noch die Untemehtsbehörde haben die Erledigung irgendwie beschleunigt. Mag auch diese Verzögerung vielleicht auf den Ministenvechsel zurückzuführen sein, der im Unterriehtsportefeuille bevorsteht, so ist dies für die jüdische Studentenschaft nicht stichhältiger Grund genug, ihre Forderung zuriiekznstellen nnid die ganze Frage auf die lange Bank zu schieben. Die beginnenden Inskriptionen inachein das neuerliche Aufrollen der Angelegenheit nötig und drängen zu festen Entschlüssen. Die Studenten sind bisher vergebens den Weg des Protestes, der Resolutionen und Memoranden gegangen, ihre Deputationen haben bei den Rektoren und beim Unterriehtsmindster ohne sichtbaren Erfolg vorgesprochen, eine ausführliche Interpellation des Abg. Dr. Gabel blieb unbeantwortet. Fast scheint es, als öb das gehässige Daaswisehentreten der Wiener Kultusgemeinde, die nie über eine Sohäehtfrage ihr „fachmännisches“ Urteil abgegeben hat, die Entscheidung im assimilatorischen Sinne beeinflusst hätte. Die Kompetenz dies Vorstandes bei rituellen Streitfragen in allen Ehren — in der Frage der jüdischen Nationalität sind die Herren Dr. Alfred Stern und Konsorten wirklich recht univeriässlielie Experten. Der jüdisch-nationalen Studentenschaft kann übrigens die ablehnende Haltung der Wiener Kahaljuden gleichgültig sein. Sie beharren trotzdem auf ihrem Recht und werden den Kampf mit der alten Energie und neuen Mitteln fortsetzen. In Czernowitz hat die jüdisch-nationale Studentenschaft durch die Drohung, dass sie die Rubrik „Muttersprache“ nicht mehr deutsch ausfüllen werde, den Czernowitz er Senat zu einem teilweisen Zu- J ÜDISC M E Z E I T LT X G gestiindnis genötigt, welches allerdings durch eine sistierertde Ministerialverordnnng auf das alte Nichts reduziert worden war. Wir glauben, die Wiener jüdisch-nationale Studentenschaft könnte auf diesem Wege ihre nationale Anerkennung erzwingen. Man zwingt sie, den Weg wirkungsvollerer Demonstration zu betreten und die deutschen Schulbehörden durch eine starke Verschiebung der nationalen Ziffern zur Eil Km und' Ueiechtiigkeit zu bringen. Die Koalition altlibetaler Hochschulbureaukraten und israelitischer Kultnspolitikeiwird die Frage für keinen Fall aus der Welt schaffen können. Das Ende der Liberalen in Wien. Die n iederösterreichiselie Landtagswahlrefonn wird die Liberalen aus dem Landtag liiniwegfegen und der Wiener Freisinn wird mit Ausnahme der pseudoliberalen. HandelskamiUervertreter im neuen Wiener Landtage ohne Vertretung bleiben. Sie haben sielt sehr wenig dagegen gewehrt und fast scheint es, dass sie, völlig kampfesmüde und mürbe gemacht, das Ende lierbeigeselmt haben. Vor einem Jahrzehnt noch hatten die Liberalen die Majorität im niederösterreichischen Landtage. Es ist sehr rasch abwärts gegangen und sie haben den Siegern die Sache sehr leicht gemacht. Die Einführung der Listenwahl bedeutet in den Wiener Bezirken die vollständige Erdrosselung noch vorhandener liberaler Minoritäten, auf dem Lande und in den Provinzstädten batten die Liberalen längst nichts mehr zu suchen. Die ganz<j Wahlkreiseinteilung und Mandutsverteilung ist natürlich nach dem Parteibediirfmis der Christlichsozialen zugeschtutten und nur der Sozialdemokratie werden die Bezirke Zufällen, die sie schon bei den Gemeinderatswahlen erobert hat und die von den christlichsozialen Gesetzesmachern trotz ihrer grossen Bevölkerungsziffern sehr stiefmütterlich behandelt worden sind. Eine Landtagswaldreform war seit Monaten in Sicht. Die Liberalen, welche über die skrupellose ehrist Lichsoziale Art, Gesetze vom Parteistandpunkte zu fabrizieren, im Klaren sein mussten, rührten sich nicht, Hessen die Dinge an sich herankommen und nur schandenhalber Hessen sie in zwölfter Stunde einen wertlosen und überflüssigen Protest vom Stapel — ut aliquid factum esse videatur. Diese Protestversammlungen, die kein Mensch mehr ernst nimmt, sind das letzte Requisit aus der Rüstkammer des Wiener Kampfliberalismüs. Die Rolle des Donauklubs und der liberalen Bezirksmeier haben in der Leopoldstadt der freiheitlich-soziale Verein und der unvermeidliche Bezirksrat Neusfcadtl übernommen. Es ist nur ein Personenwechsel, eine neue Firma mit modernem Firnis, aber das alte, abgewirtschaftete liberale System. An die Namen Ofner und Hock, die letzten Säulen dhs jüdischen Liberalismus, die nur durch ihre radikalere antiklerikale und sozialpolitische Drapierung von der Schablone abweiehen, klammern sieh heute die letzten „schäbigen Reste“ der liberalen Partei, die noch vor Monaten Aoske und Wrabetz als den liberalen Aposteln zugejubelt haben. Auch für diesen schmählichen Rest besitzen die beiden Herren als politische Führer zu wenig Tragkraft. Die Herrlichkeit der alten Liberalen in Wien ist endgültig dahin. Auf Nimmerwiedersehen! Graf Tolstoi Ober die Judenfrage. In Jassnaja-Poljana hat Graf Leo Tolstoi wie das delphische Orakel über die Judenfrage seine Ansicht kundgegeben. Die erste öffent- Hehe Aeussemng des greisen Dichterphilosophen über eine Frage, die seit Jahrzehnten sein Vaterland und die Juden aller Welt bewegt, bringt nicht viel Neues. Und sie wird auf die Herrschenden in Russland kaum nennenswerte Wirkung üben. Tolstoi sagt wörtlich: „Eine spezielle „jüdische Frage“ darf es gar nicht geben. Alle Menschen sind Brüder. Die Hetzereien un.d Aufreizungen der antisemitischen Presse werden auf anständige Leute keine wie immer geartete Wirkung haben. Was nun die Frage der Gleichberechtigung b e t r i f f t, - o d ü r f e n die J ud e n a 1 # Menschen von die s er G 1 e i c li b e r e e h t i g u n g n i c h t. n u 3geschlossen w e r d e n. S i e s i n d i n li u - m a n i t ä r e in Sinne Br ü d e r all e r a nd e re n N a tion a1itä t e u u u d kein e Eins cli r ä n k u n g i li r e r M e n s c li e u - r e c h t e d a r f g e duldet w e r d e n. Meiner Ansicht nach liegt auch keine Notwendigkeit vor. die Assimilation der Juden mit den christliehen Völkern anzustreben, denn über den Jiulen und Christen erhebt sich das allgemeine Menschheitsideal. Diesem Ideal müssen Juden und Christen in gleicher Weise zustreben und dann wird die Assimilation von selbst kommen." Die raube Wirkte hkeit wird sieh über das gar zu dezidierte Gebot des Einsiedlers von Jassnaja-Poljana, „es darf keine Judenfrage geben", zweifellos hinwegsetzen. Gerade aus Russland hört sieh eine Stimme, die eine speziell jüdische Frage ausschliesät, Brüderlichkeit aller Menschen predigt und den antisemitischen Wühlereien keine Wirkungsmöglichkeit auf „anständige" Leute zuspricht, sehr paradox an. Vielleicht gibt es Schwärmer, die sieh von den hyperidealistischen Aeusserungen Tolstois eine positive Wirkung auf die regierenden Kreise Russlands versprechen uml ihnen erzieherischen Wert allen Ernstes beimessen. Wir wagen es nicht zu hoffen. Die Kluft zwischen russischer Regierungsbarbarei und Tolstoischer Humanitätsduselei ist za gross und unüberbrückbar. Die kosmopolitischen Verbrüderungsphrasen haben die Juden lange genug in geduldiges Ausharren und stumpfsinnige Resignation eingelullt. Tolstoi wird mit seinen edlen Phantastereien Rufer in der Wüste bleiben: weder bei den Russen noch bei den Juden seines Heimatlandes können sie tiefere Wirkung üben. Die Tolstoi-Philosophie passt nicht in den Rahmen des rauhen Alltags, der solche Sphärenmusik und Philosophenweisheit täglich und stündlich Lügen straft. Der Grossherzog von Baden. In dem verstorbenen Grossherzog von Baden hat die zionistische Bewegung einen ihrer wärmsten Förderer und Freunde verloren. Es ist bekannt, dass der verstorbene Fürst Doktor Herzls diplomatische Pläne nach Kräften förderte und! ihm in reiner diplomatischzionistischen Arbeit hilfreich zur Seite stand. Der Empfang Herzls durch den deutschen Kaiser auf dessen Palästinareise im Jahre I8!)!> war das Werk des Grossherzogs, der die Entwicklung der zionistischen Bewegung mit lebhaftem Interesse verfolgte. Dr. Herzl war wiederholt beim Grossherzog in Karlruhe, dessen Aukl'ienzsaal auch sonst Zionisten in halbwegs offizieller Stellung stets offen stand. Wie grosses Interesse er dem Zionismus und seinen Instituten entgegenbrachte, geht auch daraus hervor, dass er aus eigener Initiative Sir Moses Monefiore ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragen liess. Herzls diplomatisches Genie und imponierende Persönlichkeit haben auch auf den Grossherzog von Baden grossen Eindruck gemacht und er gab wiederholt seiner Wertschätzung Herzls lebhaften Ausdruck. Eine Aeusserung des Grossherzogs, die er am 25. Juli 1S!J!) zum Dozenten Dr. A. Berliner machte, lautet: „Sie kennen doch gewiss die zionistische Bewegung wie auch deren Führer Dr. Herzl. Dr. Herzl ist ein edler Mann1, der ohne jede Selbstsucht aus den reinsten Motiven sich an die Spitze gestellt hat. Die Bewegung ist von Bedeutung und bedarf einer kräftigen Unterstützung. Leider haben die Regierungen noch nicht das ganz richtige Verständnis für die Sache, aber es muss mit der Zeit kommen.“ Auch diese Episode des Herzischen Zionismus, über die vielleicht im Laufe der Jahre manch interessantes Detail in die Oeffentiiehkeit dringen wird, gehört nunmehr der Geschichte an. Der Zionismus, der jetzt Herzls diplomatische Kunst entbehren und andere Wege wandeln muss, ist wohl durch Fürstengunst und Diplomatie allein nicht realisierbar

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