Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 12 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 also andere Mittel herhalten. Die Brodyer Wähler sollen nun dafür bestraft werden, dass sie sich in so „schnöder Weise“ gegen den Willen des Polenklubs aufgelehnt haben. •Die Handelskammer, die der einst blühenden Handelsstadt aus besseren Zeiten geblieben ist, soll fort. Zwar ist der Beschluss schon -25 Jahre alt, aber den Bemühungen des Polenklubobmannes Jaworski gelang es ■stets, die Ausführung zu vereiteln. Jetzt aber scheint den Polen die Gelegenheit günstig zu sein, um den Beschluss auch auszuführen und die Handelskammer von •Brody nach Tarnopol zu verlegen. Ueber diese Aushungerungstaktik der Polen wird noch im Parlamente und in den Versammlungen ein Wörtchen zu reden sein. Oka. Eine „Heldentat“. Prossnitz. Die hiesigen deutsch-jüdischen Studenten haben in dem Verzweiflungskampfe, den sie gegen die Jüdisch-nationalen führen, zu einem Akte der Brutalität gegriffen, in dem sich der ganze Hass und die ohnmächtige Wut der jungen Herren ■deutlich äussert. Bei Nacht und Nebel sind Mitglieder des „Ferialklubs der Hochschüler ■in Prossnitz“, der bekanntlich ausschliesslich aus Juden besteht, in das Vereinslokal der •zionistischen Ferialverbindung „Giskalak“ •eingebrochen, haben den Bibliotheks- und Archivkasten gewaltsam geöffnet, die Bücher und Zeitschriften besudelt1 alle Briefschaften vernichtet und den Kasten sowie alle nicht niet- und nagelfesten Gegenstände zertrümmert. All dies geschah ohne jede äussere Veranlassung. Die Mitglieder der verachteten Assimilationsblase glauben auf diese brutale Weise den Kampf gegen die „Giskala“ führen zu können, da sie ihn mit geistigen Waffen nicht zu führen vermögen. Die Büberei, die vor Gericht als boshafte Beschädigung fremden Eigentums qualifiziert und entsprechend geahndet werden wird, wird vielleicht von den Urhebern und ihren Gesinnungsverwandten als geistreicher Studentenulk aufgefasst werden. Es könnte in der Volltrunkenheit der Täter ein Milderungsgrund erblickt werden, wenn sie nicht selbst erklärt hätten, dass der Einbruch seit längex-er Zeit geplant und wohlvorbereitet ■war. Es ist traurig, wenn akademische Bürger in einem ernsten politischen Kampfe zu solchen Mitteln greifen, aber es kennzeichnet den Geist, in dem die politische Erziehung dieser Studenten geleitet wird. Hier hat sich die politische Unreife in Brutalität entladen. Einige Wochen vorher feierte sie bei einem Kommers ihre Orgien, sodass sogar der Abg. Dr. R e d 1 i c h die Prossrfitzer Studentenkorona wegen der Absingung der „Wacht am Rhein“ rüffelte. Man lernt begreifen, warum ehrliche, arische Studenten aller Lager, sich mit Händen und Füssen gegen die Anbiederungsversuche der Assimililantenkreise sträuben, eine Volksgemeinschaft mit solchen Assimilationsjuden von sich weisen. Wenn die Assimilationsblasen zu verbrecherischen Verzweiflungsschritten wie in Prossnitz ihre Zuflucht nehmen, dann werden auch die jüdisch-nationalen Studenten gut tun, jeden Verkehr mit solchen Elementen aufzugeben. -Die Agitation für die Landtagswahlreform. Strusow (Galizien). Die Dringlichkeit einer regen Agitation für die galizisehe Landtagswahlreform wird nun seit mehreren Wochen in der jüdischen Presse eifrig diskutiert, und es wird jetzt wohl die praktische Propaganda in der Form von Versammlungen und Resolutionen begännen. Die Wahlreform ist an sich sehr wesentlich, aber nicht das einzig Wesentliche. Nicht minder wichtig ist auch positive Arbeit in ökonomisch-kultureller Beziehung, wenn diese Agitation von dauerndem und wertvollem Erfolg sein soll. Wer den realen Sinn der galizischen Juden kennt, wird wissen, dass der Verkünder alles Abstrakten, Fernen, Idealen in ihnen zwar jederzeit Verständnis- und gefühlvolle Zuhörer finden wird, dauernden Erfolg aber nur derjenige haben kann, der ihnen ein Detailverständnis für ihre konkreten Interessen entgegenbringt und zugleich klare, praktische Wege zur dauernden Abhilfe ihrer Notlage weist. Die Erfahrungen aus der Reichsratswahlzeit lehren, dass die Juden in Galizien nur eine Realpolitik wollen, und zwar real in dem Sinne, dass die Arbeit für ihre ökonomische Besserung sofort praktisch sichtbar wird. Nicht Versprechungen, sondern Taten, die nicht enttäuschen, wollen sie. Und diese Taten können meiner Ansicht nach, nur in der unverzüglichen Organisation zur Selbsthilfe bestehen. Alle anderen Agitationsmittel haben sich bei den Reichsratswahlen als wirkungslos gezeigt. Es hat offenbar nichts genützt, dass man hier Vorschusskassen, neue Industrien etc. versprochen hat. Wir haben vorübergehend Wahlerfolge erzielt, nachhaltige Wirkung konnte die Wahlagitation nicht üben. Hätte man aber damals anstatt der Versprechen, die man nicht sofort einlösen kann, die Selbsthilfe propagiert und jedem Berufe entsprechende Organisationen zu schaffen begonnen, so wäre dabei gewiss mehr als ein Wahlerfolg herausgekommen. Wahlerfolge allein sind für den ökonomisch gedrückten Juden Galiziens ein Luxus, den er sich oft beim besten Willen nicht gönnen kann. Nur eine Agitation, die das konkrete ökonomische Interesse mit dem propagierten politischen Ziel in praktische, günstige Beziehung zu bringen versteht, kann darum wirklichen, dauernden Erfolg haben. Die Agitation für die Landtagswahlreform muss darum gleichzeitig die Ägition für die Organisation der Selbsthilfe sein. Jakob Ziering. Der Zionismus in Kroatien-Slawonien. Esseg. Das Mitglied des grossen Aktionskomitees, Herr Advokat Dr. Hugo Spitzer, wird nach den jüdischen Feiertagen eine Agitationsreise antreten, um über den achten Zionistenkongress Bericht zu erstatten. Herr Dr. Spitzer wird auf dieser Reise mehrere grössere Orte Kroatien-Slawoniens berühren. Der achte Zionistenkongress bedeutet also allem Anscheine nach eine gesteigerte zionistische Tätigkeit in Kroatien-Slawonien. Samstag, den 21. September, abends, veranstaltete der hiesige zionistische Verein „Theodor Herzl“ im Saale der israelitischen Kultusgemeinde eine äusserst gutbesuchte jüdische Bürgerversammlung, in welcher die Herren I. N. Schulhof und Dr. Hugo Spitzer Bericht über ihre Tätigkeit am achten Zionistenkongress im Haag und den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung erstatteten. Der grosse Gemeindesaal erwies sich als zu klein für derartige Veranstaltungen und es mussten leider viele Gesinnungsgenossen wieder abziehen. Das Publikum rekrutierte sich aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Essegs und insbesondere waren diesmal auch die reichen und vornehmsten Schichten sehr gut vertreten, wieder ein Beweis, dass das Interesse für den Zionismus allmählich auch in den oberen Zehntausend der Judenheit festen Fuss fasst. Nach einer kurzen Ansprache seitens des Präsidenten des zionistischen Vereines „Theodor Herzl“, Herrn I. N. Schulhof, verbreitete sich Herr Dr. Hugo Spitzer, Präsident der Kultusgemeinde, in einer anderthalbstündigen Rede über die Resultate des letzten Kongresses und schilderte sodann die gegenwärtige Tätigkeit der Zionisten in Palästina. Ausserdem referierte Herr Dr. Hugo Spitzer über seine Tätigkeit als Mitglied des Permanenzausschusses des Kongresses und als Mitglied des grossen Aktionskomitees. Nach diesem mit nicht endenwollendem Beifall aufgenommenen Referate sprach noch Herr Schulhof über seine Tätigkeit am Kongresse. Nach Schluss der beiden Reden dankte Herr Dr. Aladar Klein den beiden Delegierten namens der Schekelzahler für ihre selbstlose Tätigkeit, worauf die Versammlung mit Absingung der jüdischen Hymne ihr Ende nahm. Für den Nationalfonds wurden K 20.— gesammelt. Die Juden und die Sonntagsruhe. München. Hier ist ein interessanter Streit um die Sonntagsruhe jüdischer Geschäftsleute ausgebrochen. Das Ortsstatut für München vom 16. Mai 1907 hat denjenigen jüdischen Geschäftsinhabern, weiche ihren Geschäftsbetrieb am Sabbat und an jüdischen Feiertagen nachweisbar ruhen lassen, gestattet, ihre jüdischen Angestellten an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr vormittags zu beschäftigen. Doch müssen die Geschäftslokale für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben und es dürfen keinerlei lärm- und ärgerniserregende Arbeiten dort ausgeführt werden. Diese Entscheidung des Münchener Magistrates ist auf eine bayrische Ministerialentscheidung vom 14. Dezember 1906 zurückzuführen, welche den Gemeinden empfiehlt, auf die Wünsche der Juden tunlichst Rücksicht zu nehmen. Die „Deutsche Handelswacht“, das Organ des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, wendet sich sehr erregt gegen diese Neueinführung. Wieso diese '„eine Durchlöcherung des nationalen Staatsgedankens“ bedeuten kann, ist freilich ein Rätsel. Auch „eine Spaltung der deutschen, einheitlichen, nationalen Wirtschaftsordnung in konfessionelle Wirtschaftsparteien“ wird das kleine Zugeständnis an jüdische Prinzipale genannt. Das Sonntagsruhegesetz wird wohl nicht verletzt oder umgestossen, wenn jüdische Geschäftsleute ihre jüdischen Angestellten bei Ausschluss jeden Parteiverkehres zwei Stunden am Sonntag beschäftigen, um keine empfindliche Stockung im Geschäfte infolge zweitägiger Feiertagsruhe eintreten zu lassen. Die Nichtbestätigung Reb Meirs. Jerusalem. Noch immer hat sich die Erbitterung der hiesigen Judenschaft über die Nichtbestätigung des Reb M e i r nicht gelegt. Die Nachrichten, dass dieser verehrte Mann von der türkischen Regierung gemassregelt wurde, brachte seine Anhänger in der sephardischen Gemeinde so in Harnisch, dass einige junge Leute denVersuch machten, den Chacham Baschi Reb Ponigl, dem sie die Schuld daran geben, dass Meir bei der Regierung denunziert wurde, zu überfallen und zu prügeln. Dieser Vorfall ist ein neuer Beweis, wie stark es in der Judenschaft Jerusalems gärt. Der Abscheu vor Denunziantentum, Ketzerriecherei und dergleichen ist heute schon so stark, dass die junge Generation selbst durch die Ehrfurcht vor dem geistlichen Oberhaupte nicht von Demonstrationen abgebalten wird. Parteinachrichten. Zionistischer Zentralverein. Infolge Uebernahme anderer Funktionen in der zionistischen Organisation haben Gg. Dr. Isidor Margulies und Adolf Böhm ihre Steilen als Obmann, respektive Schriftführer niedergelegt. Bei Neukonstituierung des Ausschusses wurden Gg. Ing. Robert Stricker zum Obmann und Gg. EmU Stein zum Schriftführer gewählt Nationalfondskommission lür Oesterreich. Das österreichische Landeskomitee hat die Herren Ben Hug, Heinrich Lederer, Emil Stein und Dr. E. M. Z w e i g als Nationalfondskommission für Oesterreich ernannt. Die Herren sind bereits mit der Sichtung des Materiales beschäftigt und werden sich demnächst konstituieren. Innerösterreichisches Dislriktskomilee. Gg. Doktor Isidor Margulies hat wegen seiner Berufüng in das politische Exekutiv- und das zionistische Landeskomitee die Obmannschaft niedergelegt, verbleibt aber vorläufig noch im Distriktskomitee. Bis zur Wahl eines neuen Obmannes auf einem demnächst einzuberufenden Distriktstag leiten die Vizepräsidenten Gg. Adolf Böhm und Dr Paul Weisengrün die Geschäfte. Gg. Leopold Sitzmann übernimmt die Kassaführung.