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Jüdische Zeitung · 1907-10-04 · 12 (4.10.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
12 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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beschickt war. unter Führung des Abg. Adolf Stand vom Landmarschall empfangen wurde. Abg. Stand verdolmetschte die Forderungen der jüdisehnatiomilen Wählerschaft. Der ungarische Ausgleich und die Juden. Die Neuregelung de» Verhältnisses zwischen Westösterreicli imd Ungarn, welche nun fast seit einem Jahrzehnt vergebens versucht wird, harrt noch immer der Erledigung; sie ist die wichtigste Aufgabe der im Oktober in Budapest und Wien zusammentretenden Volksvertretungen. Bei Erörterung der Ausgleichsfrage muss man sich vor zwei Extremen hüten: einem allzu grossen Optimismus und allzu grossen Pessimismus, in den insbesondere die jüdischen Politiker oft verfallen.. Die Annahme des Ausgleiches in den beiden Parlamenten ist noch nicht identisch mit der Lösung der ungarischen Fiage und das Sc-heitem des Ausgleiches bedeutet anderseits noch lange nicht die Trennung des Zollgebietes oder gar eine selbständige ungarische Armee, Phantome, für die sich ganz besonders die ungarischen Juden bisher erhitzten. Das selbständige Zollgebiet wird sogar von einem demokratischen Blatte in Budapest als „halber Selbstmord" bezeichnet, weil „Ungarn für seine Agrarprodukte den österreichischen Markt nicht entbehren kann,“ „mit der selbstständigen Nationalbank würde sich das finanziell schwache Ungarn ins eigene Fleisch schneiden,“ „die nationale selbständige Armee würde Ungarn eine unterträglielie Erhöhung der Lasten aufbürden.“ Diese Tatsachen beginnen endlich immer weitere Volkskreise jenseits der Leitha zu begreifen. Die „Los von Oesterreichs- Bewegung, das Werk der chauvinistischen magyarischen Oldgarehenpartei. macht allmählich einer anderen Strömung Platz, deren Devise ..Los von der magyarischen Adelsherrschaft“ lautet. Nicht nur unter den Nicht magyaren, sondern auch in den Keilten der magyarischen Demokratie gewinnt letztere Bewegung immer mehr Boden. Immer sichtbarer wird es, dass die hüben von den Christlichsozialen und Deutschradikalen oder drüben von den Volksparteilem und Kossuthisten ausgegebene Trennnngsparole eben pure Demagogie war, der die Massen und insbesondere aber die politisch ungeselrulten Juden in beiden Reichshälften samt ihren assimilatorischen Führern anfgesessen sind. Da aber die Chxistliehsozialen die stärkste Partei im österreichischen ßeichsrat geworden sind und die Volkspartei im ungarischen Reichstage das Zünglein an der Wage bildet, verstummt das alberne Trennungsgesehrei im klerikalen Lager und auf beiden Seiten der Leitha wird der Ausgleich mit Hilfe der klerikalen Stimmen gemacht werden auf Kosten der Juden. Der Ausgleich zwischen den beiden Reiehshälften muss eben schon mit Rücksicht auf die bis 1VHJT währenden internationalen Handelsverträge geschlossen werden, da im entgegengesetzten Falle auch ohne formalen Ausgleich für weitere 10 Jahre nach aussen hin de facto ein einheitliches Zollgebiet gesichelt ist. Uebrigens ist ja auch vom westösterreichischen Standpunkte und speziell von dem der jüdischen Industriellen die Forderung nach Trennung des Zollgebietes heller Wahnsinn, da diese den Verlust ihres ungarischen Absatzgebietes zur Folge hätte. Ein Interesse an. der albernen „Los von Ungarns-Bewegung mag ja der österreichische Grossgnundbesitz, in erster Linie Herr Ritter von Hoheubluin haben, der die Einfuhr ungarischen Getreides in Zisleithanien verhindern möchte, damit die* Herren Grossgruirdbesitzer gute Geschäfte machen und den Brotkorb den ohnediesausgebeuteten Massen höher hängen können. Es wäre gewiss für jüdische Sozialpolitiker ein Grund mehr, deren besitzlose Volksgenossen sich infolge der unerhörten Lebensmittelteuerung ohnedies kaum mehr entsprechend nähren können, gegen jede Trennung des Zollgebietes entschieden Stellung zu nehmen. Eine andere Frage allerdings ist es, ob nicht im Falle des Seheiterns des Ausgleiches oder selbst im Falle einer nochmaligen Perfektionierung es doch zu einer akuten Verfassungskrise kommen wird, die ja bereits lange latent ist. Der Dualismus lmt weder in Zisnoch in Transleithanien viele Freunde. Er wiederspricht eben gleiehmässig den Existenzbedingungen der Monarchie, ihrer historischen Entwicklung als Föderativstaat sowie ihrer Zusammensetzung. Die 12 Völker, die mit Ausnahme der Polen und Magyaren, beide Keiciisliälften bewohnen, erstreben alle (mit Ausnahme der Magyaren) ihre nationale Autonomie im Rahmen eines einheitlichen, föderativ gestalteten Reiches. Darum sagt der serbische Schriftsteller Alexander Petrovic in seinem Buche „Die magyarischen Sonderbestrelmngen im Reiche der Habsburger“ mit vollem Rechte: „Immerhin bleibt es fraglich, db das Herrscherhaus in der Lage sein und bleiben wird, in einem Reiche, welches von nicht weniger als 12 national entwickelten, selbstbewussten A7ölkern bewohnt erscheint, deren nationale Bestrebungen mitunter auf das heikle Gebiet der auswärtigen Politik hinüberspielen, den magyarischen Sonderinteressen auch dann die ersehnte Beachtung zu schenken, wenn diese, wie dies ja auch heute der Fall ist, mit den nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen dieser Völker mehr oder minder in Widerspruch geraten.“ Vorschlag, auf die Einfuhr der Esrogim eine «besondere Maut“ zu legen. Diese besondere Maut werde „dem höchsten Aerario“ ein ,sicheres Quantum abwerfen“ und es in die Lage setzen, dem Antragsteller eine Gratifikation von 2000 Dukaten auszuzahlen. Der Vorschlag kam erst acht Jahre später zur Behandlung. In einem Hofdekret an die böhmische Hofkanzlei und an das königliche Amt in Brünn wurde mitgeteilt, dass der Antrag »wohl zu akzeptieren wäre, dass man es den Juden aber auch weiterhin freistellen wolle, die Esrogim zu kaufen, wo und wie es ihnen beliebt Für diese gnädigst gewährte Freiheit sollte aber die Judenschaft von Böhmen, Mähren und Schlesien jährlich den Betrag von 40.000 fL an die Aerarialkasse in Wien abfübren. Für das Jahr 1744 sei der Betrag sogleich zu erlegen, widrigenfalls die Juden vom 1. Jänner 1745 an gezwungen sein werden, ■ hre Esrogim um festgesetzte Preise und in •‘inem bestimmten Ausmasse nach Weisung de.r Regierung zu beziehen. Die verlangten 40 000 fl. waren so aufizuteilen, dass die Juden m Böhmen sieben Zwölftel,' die mährischen vier Zwölftel und die schlesischen Juden ein Zwölftel der Summe erlegen sollten. Die Juden hatten unter den langjährigen Kriegswirren sehr gelitten und konnten kaum ihr jährliches „Kontributionale“ aufbringen. Die neue Steuer war für 6ie unerschwinglich. Doch darum bekümmerte sich die Behörde nicht und der mährische Landesrabbiner erhielt für Mähren den Auftrag, die Steuersumme auf die mährischen Judengemeinden zu repartieren. Es kamen laut der Repartitionstabelle des Landesrabbiners Berend Gabriel Eskeles 44 Judengemeinden in Betracht Der reichste Kreis war der Brünner Kreis mit der Nikolsburger Gemeinde. Eine ausführliche Protesterngabe der mährischen Juden, in welcher diese ihre grossen Steuerlasten ausführlich behandelten, hatte keinen Erfolg. Die Erledigung lautete kurz: „Man könne auf diese Remonstration keine Reflexion machen und die diesfällige Quote sei ehestens abzuführen.“ Aber die Einhebung der neuen Steuer stiess überall auf grosse Schwierigkeiten. Nur im Hradischer Kreise, wo der Kreishauptmann sie mit drakonischer Strenge eintrieb, wurden kleine Beträge hereingebracht Auf Grund eines Gutachtens der Kreishauptleute wurde die Steuer in Mähren im Jahre 1847 auf 4000 fl. ermässigt und diesmal auch hereingebracht. Der Projektant Lehmann erhielt als Remuneration 1000 Dukaten! Im Jahre 1748 erfolgte die Konvertierung sämtlicher Judensteuern in Mähren. Aber der spekulative Erfinder der Esrogimsteuer reichte noch im Jahre 1771, 82 Jahre alt, ein Majestätsgesuch um Auszahlung der ihm noch gebührenden 1000 Dukaten ein. Ob das Majestätsgesucb Erfolg hatte, ist nicht bekannt. Jüdische Kunstausstellung in Berlin. Im November, findet-in Schultes Sälen eine grosse Kunstausstellung jüdischer Meister statt, an deren Spitze Dr. Alfred Nossig und Herr Tschudy steht. ,Hatikwah“ als Glockenspiel. Wie man uns aus dem Haag berichtet, ist zur Erinnerung an den achten Zionistenkongress 'die Melodie von .Hatikwah“ in das Glockenspiel der Hauptkirche im Haag eingeführt worden. Die politische Lage Europas und der Habsburger Monarchie, welche im Jahre ISO? zum Dualismus führte, ist eben heute den magyarischen Hegemonie^ und Selbständigkeitsbestrehungen nicht mehr so günstig und wird für sie umso ungünstiger werden, je mehr die Deutschen, Rumänen und Slawen in Ungarn, Kroatien und in den Balkanländern zum nationalen Bewusstsein gelangen. All dies haben die österreichischen Alt- und Neuklerikalen sehr wohl durchschaut und halben sieh der zukunftsreichen, national-föderativen grossösterreiehiseheu Idee bemächtigt, um sie mit Erfolg gegen die Juden ausspielen zu können, da ein Teil der jüdiseli-assimilatorisehen Wortführer und die sogenannte „Judenpressc“ für den Kossuthismus gegen die nichtmagyarischen Völker jenseits der Leitha und gegen eine national-föderative Gestaltung des Reiches Stellung nahm. Die ungarischen Juden wieder, welche in den vordersten Reihen der magyarischen Chauvinisten und Separatisten standen, haben nicht nur die nichtmagvari sollen Völker gegen sich erbittert, sondern auch durch Förderung der von der magyarischen Koalition betriebenen Politik der klerikal - christlichsozialen Volkspartei in Unfgam den Weg zur Macht geebnet. So hat also gerade die assimilatorische Politik auf beiden Seiten der Leitha trotz ihres steten Kampfgesdircies gegen die Reaktion nur dieser genützt und hat das Reich, seine Völker und in allererster Linie das verleugnete jüdische Volk empfindlich geschädigt. Eine zielbewusste jüdische Volkspolitik muss also in der ungarischen Frage eine ganz entgegengesetzte Richtung einsehlägen: sie muss gegen jede weitere wirtschaftliche und politische Trennung der beiden Reiehshälften entschieden Stellung nehmen und, gestützt auf ihr nationäl-autonomistisehes Programm, mit Rücksicht auf die Lebensbed ingungen der Juden wie der übrigen Völker und der Monarchie, für eine national-föderative Umgestaltung des Gesamtreiehes eintreten. Y e r u s. Ein deutscher Redakteurtag Von der liberalen Presse totgeschwiegen, hat jüngst in Wien eine Versammlung deutscharischer Redakteure getagt, die auch die politische Situation. im deutschen Lager grell beleuchtet. Es war eine Koalition der antisemitischen Redakteure, ein fast lückenloser antisemitischer Journalisteuring. Der erste deutsche Riedükteurtag, der zu einer alljährlich wiederkehreixlen Einrichtung gemacht werden soll, bedeutet deutsche G emei nbürgsehaft im Journalistenstande, Ausschluss der Juden und Separierung der Fortschrittlichen. Die Zeitungen, die vertreten waren, zahlen wohl kleinere Dividenden und schreiben ein schlechteres Deutsch als die liberale lvonkordiapresse, aber sie repräsentieren die derzeit stärksten und einflussreichsten Parteien und die Mehrheit der deutschösterreichischen Bevölkerung hat an der Wahlurne im Mai dieses Jahres in ihrem Sinne enrschieden. Der jüdische Leser der sog. „grossen“ Blätter glaubt noch immer an ihre Allmacht, die längst ein Märchen ist und in den Wahl Ziffern, in dem Stärkeverhältnis der deutscheu Parteien, im bevorstehenden Ministcrwecllisel ihre deutlichste Widerlegung findet. Der Redakteurtag und sein ganzer Verlauf deckt die künstliche und raffinierte Fiktion, mit der die liberale Presse die Assimilationsjuden täuscht und in ihrem Banne hält, schonungslos auf. Diese Leser werden seit Jahrzehnten mit der klerikalen Gefahr geködert und glauben, dass der Antiklerikalismus den Antisemitismus überwinden könnte und eine dauernde Ralliieruhg der antisemitischen deutschen Parteien verhindern werde. Aber trotz aller politischen Differenzierungen unter den deutschantisemitisehcn Fraktionen hat sieh der Judenpunkt als hinreichend kräftiges. Moment der Einigung gezeigt und hat auf dem Redakteurtag Alldeutsche, Yolksparteiler, Christlichsoziale, Deutschkonservative zusammengefülm. Die Fortschrittlichen blieben ausgesperrt. Der

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