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Jüdische Zeitung · 1907-10-04 · 12 (4.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
12 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 .TODISC II E ZEI T U X G Seite 3 den Knaben immer wieder aut“ die Lichtung zieht, wo er den wunderschönen Schmetterling gefangen, so folgen die guten Leute blind dem Kufe, der im Morgenrot erklang. Aber die Schmetterlinge sind fort geflogen. Das Morgenrot ist verdämmert, der starke Mittag verglommen und die schwere Xaeht hüllt um Oesterreich ihre dunkeln Falten. Wer nicht fallen will, miuss dem Dichte folgen. Dem grossen Lichte der W a h r h e i t, das den Juden zur Selbst-wehr ruft. Von dem Freisinn der anderen ist für uns kein Heil zu erhoffen. Die betreiben ihre Geschäfte. Die schönen Versammlungen, in denen Juden vor Juden ihren Freisinn in den vollsten Tönen beteuern, sind: ein Schauspiel grimmiger Lächerlichkeit geworden. Öder gibt es einen kläglicheren Anblick als den Bettler, der dem Bettler ein Almosen gibt? Delschönen Reden sind genug. Wer sich unter uns noch einen Funken Ehrgefühl und •Selbstachtung bewahrt hat, muss sich mit tiefem Aerger von der Freisinnskarikatur schlapper Ehrgeizlinge abwenden. Mit de-’- durchdringenden Kraft der Wahrheit ringt sieh in Oesterreichs Judenschaft der Gedanke der national 1,'du S e 1 U s t b e f r e i u n. g durch. Die abgetakelten Mummelgreise werden bald ihr Riinzel schnüren. Beda. Lemberger Brief. Die Wahlreferm für den Landtag steht gegenwärtig bei allen Parteien Galiziens im Mittelpunkte des politischen Trachtens und Sinnens. Dass sie eine Xotwendigkeit, eine unnbweisliehe Konsequenz des allgemeinen Wahlrechts für den Reichsrat ist, wird von allen Parteien des Landes schlechthin anerkannt. Doch möchte jede Partei den grössimöglichen Vorteil für sich herausschlagen. Der galizische Landtag, bisnun eine Domäne des sc lila ehz i z i s e h - g a 1 i z i s e h e n Konservativismus, war dien jener Zufluchtsort, wo die staut lieb gültigen Gesetze für die Bedürfnisse der galizischen Schlachta präpariert und umgemodelt wurden. Extremes Hervorkehren der Interessen eines einzigen Standes — der Schlachta — war sein Kwimzeiehen, brutales Ignorieren, aller anderen Interessen seine Gewohnheit. Dass die Juden — wollige merkt, nicht die paar Stanezykemlakaien. sondern die grosse, üOft.OOOköpfige jüdische Masse — am schlechtesten wegkamen. ist so selbstverständlich, dass man es nicht erst betonen muss. Tod die Regierung, ihr guter Wille vorausgesetzt, konnte hier ebenso wenig ausriehten. wie . . . hei den erst kürzlich clurehgefiihrten Parlamentswahlen. Die Macht der Regierung hört eben nicht nur vor den Pforten des Klosters, sondern auch vor den Grenzen Galiziens auf, namentlich wenn es sich um Juden handelt. Doch wir hatten ja auch im Landtage unsere Vertreter, vier an der Zahl bei 5)00.000 Juden! Drei \ ertreter der Handelskammern und ein einziger aus der Städt/ekurie. Diese vier Herren fanden niemals ein abfälliges oder kritisches Wörtchen, um die Ansprüche der Julien dem Lande und der Schlachta gegenüber zu vertreten-; dafür gestattete ihnen aber auch die Schlachta, nicht nur Geschäfte mit ihr zu machen, sondern sie übertrug ihnen auch wichtige Referate des Landes. Inbezug auf die Juden fanden sie alles in bester Onhiung. Juden bekommen keine Anstellung im Lande: mein Gott, wir sind ja im Golus. (Wer jüdische Lehrer und Lehrerinnen werden nicht angestellt: wir sind es ja gewöhnt. Pas Salz wird zu einem Umdesmonopol uni.1 tausende jüdische Existenzen werden mit einem Schlage vernichtet: es lässt sich nichts tun. man muss es, so schmerzlich es für die Betroffenen ist, als einen Schieksalsschlag hinnelrmen. Wollen sie auftretVn und als Ankläger für die Steuerlasten der Juden im Landesbivdget auch gleiche Rechte verla. ngen. antwortet man ihnen: Ja, wollt ihr denn mit Gewalt den Antisemitismus auch in die galizische Landesstulie verpflanzen? Soll es der Dank dafür sein, dass man den Juden in Polen zu Zeiten allgemeiner Judenverfolgungen Gastfreundschaft gewährt hat? Doch wir wollen gerecht sein. War es doch Herr Doktor Löwenstein, der in einer grossen, ausschliesslich der galizisehen Judenfrage gewidmet; n Rede im Landtage das galizische Judenelend . . . . entdeckte. Daran ist nichts Lächerliches und wer’s nicht glaubt, möge einfach die Rede naeltlesen. Dass eine jahrzehntelange zionistiseho Aufklärung.-- und Organisationsarbeit vorangehen und das Volk sich von seinen Führern abwenden ntnsst.,-. bis Heilr Dr. Löwi-nstmin das Jiulciicknd entdeckte, soll hier nicht erörtert werden. Ks ist ja auch nur ein böser Zufall, dass die grosse' Rede Dr. Löwensteins mit der Ausschreibung der Parlamentswahlen zusammenfiel. Immerhin können wir froh sein, dass er die Rede überhaupt gehalten hatte, sonst wäre die Welt um eine grosse Entdeckung ärmer. X-ach dem Gesagten ist es begreiflich, dass die galizisehen Juden sowohl mit dem Landtag, als auch mit ihren Landtagsvertretern zufrieden zu sein keinen besonderen Anlass hatten. Fnd jetzt soll diese ungetrübte Idylle durch die Lamhagswaldreform gestört weiden. Die undankbaren lluthenen und die noch undankbareren Juden verlangen eine ihrer prozentualen Stärke und ihrer Steuerkraft entsprechende Vertretung im Landtage. Dagegen wehren sieh wieder die herrschenden polnischen Parteien und die demokratischen Parteien, welche zwar gering vertreten sind, aber doch befürchten müssen, dass durch ein allgemeines Wahlrecht die alleinige Herrschaftder Polen im Lande gefährdet sein könnte. Die einzelnen Parteien sind nun auf der Suche nach Mitteln, wie sie die Landesstuhe vor unerwünschten. Eindringlingen sichern könnten. Am weitgehendsten und interessantesten ist das Walilveformprojekt der Allpolen. Diese gehen in der Allgemeinheit der Wahlrcchtsbcstinnmingen so weit, dass sie sogar einen Fntersehied zwischen Stadt und Land nicht zulassen. Die Juden wohnen eben zu!><) Prozenit! in den Städten und da sind sie nicht, wie die letzten Wahlen gezeigt haben, besonders polensieiier. Gemeinsam mit der Landbevölkerung sind sie vollständig unschädlich. Reichsralsabgeordneter Prof. Buzok. efne unpolitische Koryphäe, schwärmt, für den nationalen Kataster, um den gefährdeten polnischen Besitzstand in Ostgalizien zu retten. Xatiirlieh ist von der Anerkennung der Juden als sellistätuHge Nation keine Bede und der geniale Erfinder der berühmten gnlizischen .Minoritätswahlkreise rechnet damit, dass die Juden hei der Wald zwischen polnischem unü ruthtfrii schein Kataster sich lieber für die Polen entscheiden werden. Die Antwort auf diese ungeheuerliche Zumutung wird Herr Btizek und seine Partei am ’l. Oktober von dem jüdischen Volke zu hören bekommen. für welchen Tag in ganz Galizien Volksversammlungen in dieser Frage von der jüdisch politischen Organisation ..Tehiath Zion" einberufen wurden. Es ist nur bedauerlich, dass die Antwort nicht schon früher erfolgte. Oskar Ke s s 1 e r. :js Zur Wahlreformbcwegung in Galizien erhalten wir während der Drucklegung des Blattes folgende Xnc-hrichten: Mittwoch abends fand in L.-ntberg unter Vorsitz Dr. Zippers eine von der Jüdischen Xationulpartei einberufene Versammlung statt, auf deren Tagesordnung die galizische Landtagswahlreform stand. Die Versammlung nahm eine Resolution an. in der sie sich für (las allgemeine, gleiche Landtag-Wahlrecht auf Grund eines nationalen Katasters für das polnische, ritt In irische und jüdische Volk ausspricht. Zur selben Zeit fanden in etwa. ÖO galizisehen Städten grosse Versammlungen statt, die gleichlautende Resolutionen annahmen und telegraphisch dem Landmarsehall Graf Stanislaus Ba(leni ü Irenni ttelten. Wir erhalten die telegraphische Mitteilung, dass Donnerstag mittags eine, grosse zionistische Deputation, die aus allen galizisehen Städten Brunnen Palmen und Bliitenbänmo stehen, füllt das Stück Himmel, das sieh däriiber wölbt, mit immer erhabener Ruhe. Zwischen den schlanken Strebepfeilern der Galerie ranken sieh zierlich geschnitzte Bogen, aus deren buntem Holzwerk vielversehhmgene Arabesken eine altkluge Sprache reden, und von den Wänden strahlen die glänzenden Azulejos das helle Tageslicht milder zurück. Eine tiefe Feierlichkeit, eine stete Sabatstimmung gebt von diesem Patio aus in alle Räume, die sieh auf ihn hin öffnen. In einem solchen Hause war ich zu einem Fest geladen. Den Hausbesitzern, einem jungen Paar, war der erste Sohn geboren worden und man feierte tyfc-h altem Brauch die Aufnahme des Ivnäbleins in den ..Bund Israels“. Im Vorhof sassen arabische Musikanten und plärrten zum hastigen Quietschen ihrer Streichinstrumente unaufhörlich die gleiche eintönige Melodie. Xur ein jüdischer Jüngling befand sieh j unter ihnen, der wild das Tamburin schlug und I mit näselnder Stimme die Textworte sang, wo- I hei er, wie ein Sc-hiff auf sturmbewogter See, | beständig in schaukelnder Bewegung war. In den Räumen, die an die obere Galerie ansehliessen, hatten sieh die Gäste zahlreich versammelt. Manche in europäischer EleuTung; Damen, deren helle Roben und Herren, deren Gesellsehaftsröcke den neuesten Schnitt aufwiesen. Aber ebensoviele in der Judentraeht. Etliche, die mit den kostbaren Stoffen ihres Kaftans oder den schweren Seidentüchern die reiche Verwandtschaft repräsentierten, und andere, denen man ansah, dass sie zur „armen VettiTschaft" gehörten. Oie iiusserlichen Klassenunterschiede gingen, jecloelv unter in der lauten Herzlichkeit, mit der die Unterhaltung geführt wurde. Endlich brachte eine korpulente Matrone den Gegenstand des festlichen Aktes herein und legte die kleine Hauptperson einem dic-ken Manne, der behaglich schmunzelnd auf einem holten Sessel thronte, auf die Knie und die Zeremonie nahm unter Geixten und Segensprüc-hcn ihren rituellen Verlauf. Als aber das winzige Kerlchen energisch zu schreien anfing, da ging ein vergnügtes Lachen durch die Reihen der Festgenossen, und alle sagten, das sei ein gutes, ein sehr gutes Vorzeichen. Dann traten wir. einer nach dem anderen, nebenan in das Sehlafgemac-h an das reichverzierte, spitzenbehangene Bett, wo die jugendlich schöne Mutter lag und den Erstgeborenen in den Armen hielt. Wir sagten unseren Glückwunsch und sahen dabei in ein Augenpaar, aus dem unendliche Seligkeiten jauchzten. („Frankfurter Zeitung".) Allerlei. Ein jüdischer Turnlehrer für Palästina. Tn Ausführung des seinerzeit vom Aktionskomitee gefassten Beschlusses wird ein jüdischer Turnlehrer nach Palästina zwecks Einführung de- Turnunterrichtes in den jüdischen Zentren entsandt werden. Im Einvernehmen mit der Jüdischen Turnersehaft ist es gelungen, eine ausgezeichnete Kraft in der Person des Geriehtsreferendars J u 1 i u s H e i l!> r u n n zu gewinnen. Herr Heilbrunn steht schon lange in der jüdischen Turnbewegung und hat sich als Schriftführer der Jüdischen Turnersehaft um die Ausbreitung des Turnens unter den Juden -ehr verdient gemacht. Er verfügt über eine sehr gute theoretische und praktische turnerische Vorbildung und dürfte in jeder Beziehung der richtige Mann für die ihm gestellte Aufgabe sein. Seine Abreise wird voraussichtlich in den ersten Tagen des Oktober erfolgen. Eins Esrogimsteuar im XVIII. Jahrhundert W.® sehr die Jaden ein Gegenstand fiskalischer Ha bgier und rücksichtslosester Ausbeutung waren, zeigt die Geschichte einer Esrogimsteuer aus der Zeit Maria Theresias. Im Jahre 1736 machte ein Prager Kaufmann David Heinrich Lehmann der böhmischen Hofkanzlei den

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