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Jüdische Zeitung · 1907-10-04 · 12 (4.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
12 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 J ÜDISOHE Z E I T tT X G Nr. 12 müssen sie jeden Schritt dreimal überlegen, ehe sie ihn tun, weil sie ihn vor allen Faktoren des A'erfassungsstaates zu verantworten haben. Die Christlkhsozialen haben uns in den letzten Jahren ihrer wachsenden Geltung gerade deshalb, weil sie noch keine Minister hatten, vielleicht oft empfindlicher getroffen, als sie uns jemals durch ihre Miniser treffen' können. Solange sie von allen Bedenken und Rücksichten frei waren, solange sie die Machthaber wie die Drahtpuppen nach. ihren Wünschen in Bewegung setzten konnten, waren sie immer imstande, die volle Schale ihres Zornes über uns auszugiessen. Jetzt müssen sie sich selbst anstrengen, ihre Hände zittern hin und wieder, und manches von dem, was uns zugedacht war, wird vielleicht daneben fliessen. Dazu kommt noch, dass Parteien, die den Gipfel der Macht erklommen haben, damit auch eigentlich schon vor dem Abstieg stehen. Sie können sich ja unter Umständen ziemlich lange oben halten, aber unfehlbar kommt der Tag, da sie - unhöflich gebeten werden, sieh wieder hinab zu bemühen. Das ist ein politisches Naturgesetz, von dem sicherlich auch die Christlichsozialen keine Ausnahme machen. Mit alledem soll natürlich nicht die andauernde Schädlichkeit und Geiahrlic-liikeit des Antisemitismus weggedeutet, sollen auch nicht die Gefahren ehristlic-hsozialer Ministerseliaften -in gewissen einzelnen Punkten weggeleugnet werden. DSese Ausführungen' wollen gerade im Gegenteil nur verhüten, dass nicht wegen dieser Details die Au.-;!dicke auf das Ganze verloren gehen, dass wegen vorülrergehender Situationen und notwendiger, augenblicklc-her Vorkehrungen nicht die grossen und dauernden Aufgaben einer gesunden jüdischen Politik vernachlässigt werden. Xielit Herr Dr. Gessmann als Minister, sondern die Möglichkeit ist bedenklich, däss v.ir mit seinem Erseheinen die Besinnung und die Geistesgegenwart verlieren und entweder in Apathie versinken oder die alten verbrauchten Mittolclien des Abwehrgeschreis wieder henorholen. Gewiss sollen wir uns die verschiedenen Frechheiten der Antisemiten nicht weiter gefallen lassen. Und wenn sie sieh jetzt wirklich Minister leisten seilten, so müssten wir ihnen mit der nötigen Gegenportion ebenso entgegentreten. Aie etwa irgend einem antisemitischen sSustermeistcr, der sich zu sehr gelten lässt. Aber auch diese gesunde Politik, die weit von Abwehr ist. darf uns nicht genügen, darf uns ja überhaupt keine bloss formelle Politik befriedigen. So dringend politische Organisation ist. «-inen Sinn hat sie doch nur, wenn wirklich Yolkskraft hinter ihr steckt. Wir müssen positive Werte sehaffen: Ganz unbeirrt davon. runde Mützehen nicht wie ein Abzeic-hen der Entrechtung und Erniedrigung, sondern so selbstbewusst und stolz wie nur der vornehme Araber die prächtigste Gewandung. Und Frauen und Mädchen, die an üppigem Wuchs des Körpers und an »Anmut des Einhersehreitens den Schönen ihrer spanischen Heimat ebenbürtig sind, lassen ebenfalls ihre Judentracht nicht als gesellschaftliche Aeehtung gelten. Sie hüllen Brust und Schultern mit der Grazie der Andalusierin in den weichen Schal und wissen das bunte Seidentuch so kleidsam um das sc-hwarze Haar zu legen, dass es wie ein. kokettes Häubchen das Oval des Gesiebtes in weicheren Linien zeigt und den sinnlichen Glanz der unbesehatteton Glutaugen noch freier leuchten lässt* Wie lange alter wird es dauern, und die Kleidersitten sind vergessen öder haben ihren alten Wert nic-ht mehr. Xieht etwa, weil es in Tanger einige gar kecke Burschen unter den jungen Juden gibt, die seelenruhig mit einem roten Fez auf dem Kopfe herumstolzieren, obwohl ihnen mancher Araber ärgerlich zuruft: „Ungläubiger Hund, so dürftest du nicht bis Marakeseh reisen!“ Xein, es sind die Moden der Europäer, die mit ihrem Beispiel die Xaebeiferung wecken. Spielt die Senorita hebrea erst Klavier, so wird sie sieh nur noch im Strassen kostihn und Hut auf dem „Kleinen ob die Kurse des Antisemitismus auf der politischen Börse gerade steigen oder fallen, müssen wir an unserer Erstarkung arbeiten. Alle Gessleute der Monarchie können uns iin Grunde nichts anhaben. wenn wir wissen, was wir wollen, wenn wir unsere wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte heben und sammeln. Im übrigen haben wir in einer Richtung gerade von den christlichsozialen Ministern Bewegungsfreiheit zu erwarten: Wenn es wahr ist, dass es in der Weltgeschichte keine noch so verfehlte Bewegung gibt, die nicht wenigstens einen berechtigten Daseinsgrund hat — so ist es klar, dass diese Entschuldigung für den Antisemitismus in der Anerkennung der Existenz der jüdischen Nationalität liegt. Schwerfällig und umwegsiie-htig. wie die Menschen schon sind. Hessen sie die einfache Wahrheit des jüdischen Volkst-ums nur durch ein enges und garstige? Tor ein. Es ist unbestreitbar: Für einen grossen Teil der jüdischen und nichtjüdisehen Welt hat diese Wahrheit erst im Antisemitismus ihre Laufbahn begonnen, um erst jetzt allmählich in die reineren und höheren Bewegungen, in die nationalen sowohl, als in die politischen, sozialen und künstlerischen einzudringen. Unsere nationalen Kiilturliestrebungon werden also jedenfalls nicht gehindert sein. Und das ist wesentlich für uns. Wir werden an uns arbeiten, «lass wir wieder Yollmenseben werden, nicht schwank;' Gestalten, die halb dahin, halb dorthin neigen. Dadurch werden auch unsere wirtschaftlichen Kräfte und Leistungen gewinnen. Die Entwicklung vom Kastenliaften zur Berufsmannigfaltigkeit wird gefördert werden. Und ßitrams fluch wird wieder einmal als Segen enden . . . Darum nur nicht den Dr. Gessmann fürchten 1 Dr. X a t h a n B i r n b a u m. Die letzten Mohikaner. Der freiheitlich-soziale Verein veranstaltet bei jedem Anlass Versammlungen, in denen der Freisinn trieft und der Bürgerschaft von den baldigem Siege des Liberalismus erzählt wird. Ausser dem Kellner findet sich nie ein Arier bei diesen flammenden Protesten Es gibt Leute, «lie an Kaiser Barbarossa glauben. Wenn es in allen Fugen des heiligen römischen Reiches deutscher Xiation dröhnen wiitd, wenn die wäJschcn um! slawischen Feinde der Kinder Teuts in ungezählten Wogen sieb über die blutgetränkten Gaue ergiessen, dann wird sieh «las Felsentor des Kyffhäusev öffnen und eine hallende Stimme wird erschallen : Sam min roten Bart! Und der Tross der eisenklirrenden Recken wird die schwarzen Scharen der Soc-t-o“ zeigen. Die Eltern gönnen wohl den Ivindern diese „Zivilisation“, aber sie selbst halten dennoch treu zu Kaftan und. Schal, zum Mützehen und Kopftuch und sind nur traurig, dass ihr Kleid mehr und mehr das der Armut wird und von der jungen Generation nicht mehr mit dem gleichen Stolz getragen wird. „Es ist ein Unglück/" so klagte mir ein jüdischer Greis, „Sie glauben: es nicht, was für eine Gesellschaft uns hier auf den Hals kommt. Alles will nach Tanger; von der Küste und aus dem Innern kommen sie angerückt. Lauter Selmorrer, mit Weib und Kind. Meinen, liier liegt das Geld auf der Strasse. Geld — — Dreek liegt liier. Und wer muss bezahlen, dass sie nur das Leben haben? Wir hier, mit unserem Geld.“-In der Tat ist das proletarische Element unter den Juden Tangers an Zahl stark gewachsen. Viel hässliche, missgestaltete Mensehen sind darunter, schwächliches, verkümmertes und auch verkommenes Volk. Sie stellen die Bettler für die Strasse und die Dirnen für die öffentlichen Häuser. Wie sie in Schmutz und Dunst beisammen hausen, sah ic-h in einem seltsamen Quartier, einem weiten Hofe, der zwischen zwei Strassenreihen liegt. Bretterbuden und kleine Hütten aus Lehm bedecken diesen Platz. Man muss-sich bücken, will man durch die Tür eintreten. und im Innern kann man kaum aufrecht stehen. Für eine ganze Feinde vor sich hertreiben wie die Märzensonne Nebelqualin und WolkcnMzen. Ks gibt Leute, d|ie das glauben). Sind eigenartige Käuze, die niemand weh tim. Böse Zungen sagen: die glauben das gar nicht. Sie wollen nur schöne Gedichte machen. Es gibt aber auch Leute, die keine Gedichte machen, die aber an einen anderen romantischen Spuk glauben. Inbrünstig und hoffnunigsselig. Sie sagen: der deutsche Freisinn ist nicht gestorben. Er ruht nur verborgen in dem goldguten Herzen des deutschen Ahlkes. Und wenn die schwarze Hochflut am grössten sein wird, wenn die letzten Dämme fallen werden, dann werden mit einem Male die treuen Knappen des freien Geistes erwachen und die leuchtenden Waffen des Jahres aehtundvierzig in «las jubelnde Land tragen. Seltsam ist nur, «lass diese sonderbaren Schwärmer dem klaren A'olke entstammen, das sieh von Jugend an mit Regula, die tri belasst und überhaupt in seiner Lebensauffassung sehr nüchtern und vermint tierisch tut. AAh die seiteneu Fähnlein des Freisinns aufgepflanzt sind, herrscht eine gut jüdische Atmosphäre. Ehrwürdige Herren, die im privaten Leben sich nie um ein Prozent verrechnen, zeigen in politicis eine so köstliche Naivität, «lass sieh der Denkende unwillkürlich eines gelinden Misstraiieus nicht erwehren kann. Und siehst du näher zu und tust einen Blick hinter die bunten Kulissen, wo die grossen Mimen ohne Schminke heriunlaufen und ihre Rollen memorieren, sc hast du in Bälde den Geschmack an der stolzen Komödie verloren. AYaruin regen sic-li denn diese gelahrten und bejahrten Herren so auf? Tut ihnen) etwa die Episkopokratio weh? Sie haben satte Bäuche und straffe Geklsäcke; sie tun sieh überall, wo es sonnig" und schön1 ist. herum. Auf-der K.- ’ß spazieren sie in vornehmen Kleidern, bei jedem künstlerischen Ereignis schöpfen sie den Rahm ab. Den konfessionellen Peitschenhieben weichen sie geschickt aus und sind1 die ersten auf der Freiung der Taufe. Die armseligen Hungerlinge, die unter dem pfäffisc-hen Joch Blut schwitzen, sind ihnen herzlic-h iinisyinpathisch und gleichgültig. AVozu also der Lärm? Es ist nic-ht schwer zu ergründen, was den Herren zu Diensten steht. Es gibt — Gott sei geloht — noch etwelche schöne Fleckchen, an denen der Jude Ehren und Würden zu vergehen hat. Der J ude! AVelches Wort könnte ihn höher begeistern, welche Phrase feiner gebräuchlich machen, als die silberhellen Schlachtrufe der glorreichen Revolutionszeit? Da fielen die Ghettomauern. Da stürzte das Konkordat. Da. wurden die neunzehn Thesen der Freiheit unkl Gleichheit an die Tore des A'ölksbauses geschlagen. Und wie es Familie ist immer nur eilt solcher Raum: nic-ht viel grösser als ein Ziegenstall -und auch nic-ht viel reinlicher. .Mies hockt an der Erde, die Kinder halbnackt und alte wie junge AVeiber «len Busen kaum verhüllt. Arbeit gibt's offenbar nicht viel. Höchstens dass hier einer Schuhe flickt oder dort ein paar Leute Lumpen sortieren. Auf dem schmalen Pfad, der zwischen diesen AA'olinlöchern hindurehiührt, liegt stinkender Unrat gehäuft. Ein Brutherd für alle Seuchen, stände nic-ht die grosse Desinfektionsmaschine „Sonne“ am heiteren Himmel und machte wieder gut, was hier gegen die Hygiene gesündigt wird. Es sind die letzten Reste der alten Judenstadt, des Melaeh, die all dies Elend und solche A'envahrlosung bergen, und auch sie werden bald den modernen Strassenziigen weichen müssen, deren erste Anfänge bereits über das einstige Ghettogebiet führen. Die Häuser reicher Israeliten, Bauten nac-h Grossstadtart, verdrängen die armseligen Hütten der Allcrärmsten. ATon diesem neuentstehenden Stadtteil aus wird sic-li die allmähliche Europäisierung Tangers vollziehen. ATiele der wohlhabenden Juden aber mögen ihre alten maurischen Häuser noch nicht gegen die neumodischen eintausc-lven. Denn diese Wohnungen sind bequem und farbenprächtig wie die niorgenländische Gewandung. Die weite Säulenhalle, wo um den blinkenden 1131

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