Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 12 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Zeitun □= Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^ürU^»stpasse 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. =□ Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien : Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heiler. ij Abonnementspreise: ij In Oesterreich-Ungarn: I Ganzjähr. K 10.— j hälbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. : In Deutschland: i Ganzjähr. Mk. 10.—, j hälbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. Q-— -=- Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdiuaudgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchst ab. Buchhändler Ische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 12. An die verehrten Abonnenten der „Neuen Zeitung“. Ich beehre mich bekanntzugeben, dass die „Neue Zeitung“ und die „Jüdische Zeitung-1 vereinigt wurden und von heute ab unter dem letzteren Titel erscheinen. Ich sehe mich wegen grösserer Arbeiten und längerer Studienreisen, die ich demnächst unternehmen will, veranlasst, von der Herausgabe und Redaktion des Blattes zurückzutreten. Es freut mich aber, mitteilen zu können, dass ich durch rege und regelmässige externe Mitarbeit — namentlich in aktuellen politischen und kulturellen Fragen des Judentums sowie auf dem Gebiete des Feuilletons — mit meinen Lesern in fortgesetzter Fühlung bleiben werde. Wien, am 4. Oktober 1907 Dr. Nathan Birnbaum. * * * Mitteilung. Wir erlauben uns bekanntzugeben, dass, nachdem Herr Dr. Nathan Birnbaum von der Herausgabe und Re- FEUILLETON. Die Juden von Tanger. Fritz W a h 1. Warn es nur die verzwickten Krümmungen und Windungen wären, die dem Fremden das Zurec-htfinden in dem Gassen lalivrinth der Maurenstadt so sehr erschweren; aber da sieht man sich plötzlich obendrein noch in einem Saekgässchen gefangen! Will man dann zur Seite einbiegen, steckt man schon in einer neuen Falle und schliesslich weiss man kaum noch ein und aus. Darum warnt wohl bin und wieder auch ein freundlicher Zuruf den Ortsunkundigen noch rechtzeitig au der Strassenecke: -„Freund, nicht dorthin! Da gibt es keinen Durchgang/'' Einmal liiess es jedoch in anderem Tone: „Senor, gehen Sie nicht weiter!-'*' Das war an den Grenzen des älteren Stadtteiles, in dem ausschliesslich Araber wohnen. Anderen Tags, da mich ein Araber begleitet, hält mich dort niemand an. Wir steigen auf holprigen Wdnkelwegen den Hügel hinein: Die hellfarbenen Häuser türmen sich am steilen Abhang wie Wien, Freitag, den 4. Oktober 1907. daktion der „Neuen Zeitung“ zurückgetreten ist, diese und die „Jüdische Zeitung“ vereinigt wurden und von heute ab unter dem letzteren Titel erscheinen. Wir freuen uns, dass unserem Blatte die rege Mitarbeit Dr. Birnbaums, der seit Jahrzehnten im geistigen und politischen Leben des jüdischen Volkes eine hervorragende Stellung innehat, gesichert ist» Wir hoffen und erwarten, dass die dadurch gewährleistete inhaltliche Ausgestaltung des Blattes diesem das Vertrauen und Wohlwollen aller Abonnenten und Leser bewahren wird. Die „Jüdische Zeitung“ Antisemitische Minister. Es gibt Juden, die nicht ohne .Schaudern daran denken, dass Oesterreich schon in allernächster Zeit mit ehristlichsozialen Ministern gesegnet sein wild. Nun ist t-s sicherlich kein Vergnügen fiir uns, im Rate der Krone Männer zu wissen, die zumindest grundsätzlich unsere Gleichberechtigung verneinen. Indes zu so weitgehender Beunruhigung, wie sie von manchen empfunden wird, ist wahrlic-h kein Grund vorhanden. Vor allem: durften wir denn Anderes erwarten? Wenn wir sahen, wie der Liberalismus an innerem Wert und äusserer Geltung i. Jahrgang. von -Stufe zu Stufe sank, bis er zu dem heutigen Tiefpunkte unsterblicher Lächerlichkeit und tödlicher Schwäche gelangt ist, und auch nach der anderen Stute, wie sich die über mancherlei mit Recht, und Unrecht missvergnügten kleinbürgerlichen Massen immer dichter und dichter um die elu'istliehsoziale Fahne seilarten — konnten wir da auch nur zweifeln, dass es anders kommen könne? Die Entwicklung ist einfach dahin gediehen, wohin sie gedeihen musste. Worüber sich noch wundem? Weshalb sieh sonderlich ängstigen? Und dann: Parteien, die sieh bis zur Ministerherrlicthkeit durehgearbeitet Italien, sind im Grunde weit weniger gefährlich, als jene, die noch auf der Jagd nsteli den schönen Portefeuillen begriffen sind. Xicht nur. dass die .Streber, am Ziele angelangt, ihre gut gespielten sittlichen Entrüstungen nuturgomiiss nichtmehr mit der alten Frische weiterspielen. Auch die besseren, ehrlicheren, dogmatischeren Eiemente sehen sieh einer neuen Situation gegenüber, die sie zu veränderter Haltung zwingt. Die kecken Angreifer, die es bisher so leicht hatten, weil sie nur die Blossen der Gegner aufdecken mussten, die alles versprechen konnten, weil sie noch nichts zu halten brauchten, die alles wagen durften, weil sie nichts zu Verantworten hatten — sind über Nac-ht zu aller jener Unruhe gekommen, die der volle Besitz der Macht verschafft. Nun müssen sie um ihre Blossen besorgt sein, dass nicht von irgendwo ein Feind komme, der sie schadenfroh auf deckt. Nun müssen sie ihre Lust am Versprechen zügeln, denn jeden Morgen und jeden Abend gibrs Gläubiger, die früher nur Gläubige waren. Nun grosse Kalkwürfel schief und ohne Regel übereinander oder verschwinden unter wuchtigen, dunklen Bogengängen. Ein offenes Tor lässt den Blick in den bunten Raum des Innenhofes ein. In dem Bilde eines mit schlanken Säulen, zierlichen Ornamenten und schweren Teppichen geschmückten Patio steht eine junge Mutter und hält ein nacktes, braunes, zappelndes Knäblein auf dem Arm. Wie sie sielt von mir beobachtet sieht, bedeckt sie schnell ihr feingeschnittenes Antlitz mit dem Zipfel des faltigen weissen Gewandes. Aber sie ist neugieriger, als ich, der Fremde, es sein darf, denn ihre verhüllte Gestalt erscheint auch in der ,Tür und ein paar grosse tiefe Augen schauen uns nach. „Wie friedlich ist es doch in diesem Teil der Stadt," sage ich zu dem Araber, der neben mir geht. — „Ja,“ erklärt er, „es ist so still, weil hier keine Juden wohnen. Es gibt kaum einen Laden oder eine Werkstatt und keinen Arbeitslärm in diesem Viertel.“ Doch das Quartier der nioslemitischen Ruhe beherbergt nur einen kleineren Teil der arabischen Bevölkerung. Die übrigen leben mit den jüdischen Einwohnern in den gleichen Strassen, oft unter einem Dache und bisweilen in demselben Raum einträchtig beieinander. Beide treiben Handel oderein Handwerk, oft auch tremeinsam. Sie arbeiten unterschiedslos auf den Neubau wie in der Schmiede zusammen. Ihn Kramgeschäfte und Wechsk-rbuden auf den „Kleinen Socco” sind nicht verschieden an Ar und Zahl. Im Wandel und Wesen der beidei Elemente hillt eigentlich auch kein trennende Merkmal auf: sie scheinen zu einander zu ge hören. Die Bekenner des Islam wissen hie nichts von einer Feindschaft gegen die israeliti sehen Mitbürger, und es muss schon sehr lang, her sein, dass man die Synagogen aus Angs vor Verfolgungen in versteckte Hinterhöfe ein baute und die Zugänge zwischen winklige hob Mauern legte, damit sie liesser zu verteidiget wären. Sollte aber aus der glimmenden Gegenwar doch der „heilige Krieg" emporlodern, so wiri es manchen Juden in Tanger geben, der ii diesen Engpässen sein Leben nicht billig vei kauft. Denn es sind Makkabäergestalten unte ihnen. \ iele starke und stattliche Erseheimm gen. hocligewachsene kräftig.- Männer mit edle; Köpfen. Man sieht ihnen an. dass sie Nach kommen jenes Stammes sind, der einst gemein sam mit den besten Geschlechtern der Maure das katholische Spanien gross und glüc-klic gemacht hat. Sie tragen ihren Kaftan mit der breiten, farbigen Leibenrr und das sc-hwarz