Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 11 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. IÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7. nicht ausgenützt werden, weil es den einen an freien Kapitalien und anderen an Unternehmungsgeist fehlt. Die bucharischen Juden in Palästina. Wie uns von vertrauenswürdiger Weise mit- ■geteilt wird, gründen die bucharischen Juden in Palästina ein Syndikat mit einem Kapital von mehreren hunderttausend Rubeln, um Baumwolle in grossem Masstabe anzubauen, wozu Palästina sich nach den bisherigen Versuchen bekanntlich sehr wohl eignet. Die hucharischen Juden zeigen ein wachsendes ■Interesse für Palästina, welches, da viele von ihnen sehr wohlhabend sind, für das Land von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung werden kann. Alljährlich kommt vor Pessach eine Anzahl reicher bucharischer Juden zum Besuche nach Palästina. Die angesehensten unter ihnen hauen sich Häuser in ihrem besonders schönen 'Viertel. In den letzten zwei Jahren gab es •hunderte bucharischer Gäste. Nunmehr scheint es, dass bei vielen von ihnen der Wunsch rege Ist, sich dauernd in Palästina anzusiedeln. Palästinareise im Herbst 1907. Am 15. Oktober veranstaltet das Reisehureau Tabor A. Grajewsky & Co. in Jerusalem -eine grosse, 28 Tage dauernde Gesellschaftsreise •nach Palästina zum Teilnahmspreise von 525 Mark und aufwärts; es wird in Konstantinopel, ■Smyrna, Rhodos, Beiruth, Jaffa, Jerusalem, Damaskus, Baalbeck, Haiffa, Nablus, Aegypten üffd im Piräus Aufenthalt genommen, alle Sehenswürdigkeiten werden besichtigt und •grössere Ausflüge veranstaltet. Herr Grajewsky, welcher sich durch die Leitung der bisherigen Reisen ausgezeichnet hat, leitet auch diesmal die ganze Reise von Budapest bis Budapest. Nähere Auskünfte erteilt A. Grajewsky, derzeit Budapest, „Hotel Royal“. Die neue Parteisteuer. Der VIII. Kongress hat'bekanntlich über Antrag des Präsidenten Wolffsohn die •Schaffung eines Parteifondes beschlossen, zu welchem jeder organisierte Zionist einen •einmaligen Beitrag von 5 Frc. beizusteuern 3iat. Das zionistische Zentralbureau veröffentlicht hiezu folgenden Aufruf: „ Zionisten 1 Gesinnungsgenossen! Einstimmig. unter dem lebhaften Beifall der Delegierten, hat der Kongress die Errichtung •eines Parteifonds durch Einführung einer Parteisteuer beschlossen. Jeder Zionist soll "Verpflichtet sein, in diesem Jahre eine Partei- Steuer von mindestens 5 Frc. zu entrichten. Uber die Bedeutung dieses Beschlusses, ’über den Wert dieser Einrichtung ein Wort weiter zu verlieren, wäre überflüssig, Jeder Sionist weiss die Schwierigkeiten zu ermessen, •die der zionistischen Organisation bisher aus •dem vollständigen Mangel eines Parteifonds -erwachsen sind, jeder Gesinnungsgenosse ist ■sich klar über den grossen Nutzen, den ein ■solcher Ponds der Organisation bringen muss. Darum kann kein Zweifel darüber bestehen, dass es sich jeder von uns zur Ehrenpflicht ■anrechnen wird, den Beitrag zum Parteifonds au leisten. Aber nicht nur darauf kommt es an, dass gegeben werde, sondern auch, dass schnell vmd viel gegeben werde. Wenn das Fehlen •des Parteifonds schon lange schmerzlich -empfunden wurde, so ist die Notwendigkeit «einer Errichtung gerade in diesem Augenblicke ganz besonders dringend. D i e s o f o rtige Schaffung des Parteifonds «teilt diewiehtigsteAufgabedar, •die die Zionisten aller Welt jetzt zu erfüllen tiaben. Darum fordern wir alle auf, unverzüglich die Parteisteuer zu entrichten und mit allen Kräften in eine Agitation dafür einzutreten. Keine Mühe darf zu gross sein, als dass man sich ihr nicht im Interesse der Sammlung des Parteifonds unterzöge; kein Mittel darf •zu gering erscheinen, als dass es nicht zugunsten der Parteisteuer angewendet würde. Niemand soll sich von der Arbeit für die Schaffung eines Parteifonds zurückziehen dürfen. Die Höhe der Steuer ist mit Absicht so bemessen, dass sie im Laufe des Jahres auch von dem Unbemittelten leicht geleistet werden kann; der Wohlhabendere aber möge sich sagen, dass der Satz von 5 Fcs. nur das Mindestmass dessen darstellt, was entrichtet werden soll, und dass es die Pflicht jedes Zionisten ist, nach Massgabe seines Könnens zu der Parteisteuer beizutragen. Und wer die Steuer entrichtet hat, sorge auch dafür, dass sie von dem andern gegeben werde. Die „Sammlung für den Parteifonds* muss so lange das Losungswort der zionistischen Vereinsarbeit bilden, bis der Fonds die erforderliche Höhe erreicht hat. Die Landsmannschaften haben die Pflicht, sofort mit allen Mitteln dafür einzutreten, dass überall für die Pardeisteuer agitiert werde, sie haben ihre ganze Kraft auf diese Arbeit zu konzentrieren. Die Vereine und die einzelnen Gesinnungsgenossen haben die Laudesorganisationen in dieser Aufgabe in jeder Weise zu unterstützen, Anregung für die Agitation zu geben nnd selbst die Propaganda auszuführen. Die eingelaufenen Beträge werden in der „Welt“ namentlich ausgewiesen werden, und wir erwarten zuversichtlich, dass diese Liste zugleich die Liste der Zionisten in der ganzen Welt darstellen wird.“ Zeitungsschau. Die „Preussischen Jahrbücher' veröffentiichen einen Artikel des bekannten zionistischen Rabbiners Cohn über die „Probleme im Judentum-*: .Es müsste ein jüdisches Ideal gefunden werden, das sich nicht bloss an das geringe jüdische Interesse wendete, das das Jahrhundert der Assimilation in ihm übrig gelassen hat, sondern an seinen ganzen inneren Menschen. Ein Ideal, das fähig wäre, all’ seine irdischen Sehnsüchten zu befriedigen, den Künstler in ihm, den Dichter, den Philosophen, den Volkswirtschaftler und nicht zum mindesten den Ehrgeiz des’Politikers. Ein Judentum müsste es sein, in dem er aufgehen könnte mit Leib und Leben, in dessen voller Herrlichkeit zu versinken seine stolzeste Freude wäre, sei er nun ein moderne Jude oder ein altmodischer. Wenn es möglich ist etwas derartiges zu schaffen — und es dürfte nichts aus der Luft Gegriffenes sein, sondern müsste erwachsen sein aus den alten, starken Traditionen der Jüdis’chen Geschichte — ich sage, wenn es möglich ist, dann ist die Judenfrage gelöst, die wirtschaftliche wie die kulturell historische. Denn wieder sei es gesagt: die Judenfrage ist im letzten Grunde nichts anderes als die Frage nach dem neuen J[u d en: dem neuen Juden, der ein reines, harmonisches Wesen sein muss, ein edler Typus einer veredelten Menschheit, ein endlicher Akkord nach hundert Jahren voll seelischer Dissonanzen. Ich glaube, dass es möglich ist. Ich glaube es schon deshalb, weil es bereits eine Bewegung im Judentume gibt, die, was man immer gegen sie Vorbringen mag, in der Fragestellung, der Fassung des Problems, unzweifelhaft richtig ging, indem sie die Lösung des allgemein jüdischen Problems auf dem Wege über das Individualitätsproplem gesucht hat. Ich meine den Zionismus. Er hat zum ersten Male wieder das Judentum ins Zentrum der Persönlichkeit gerückt, es zur Atmosphäre gemacht, in der Tausende atmen und leben. Zum ersten Male haben wir wieder eine jüdische Welt- und Lebensanschauung, die auf den ganzen Menschen geht, ein Endziel, das die volle Persönlichkeit mit ihrer Tatkraft und Begeisterung, ihrer Liebe und Hingebung verlangt, ein Ideal schliesslich, das nicht bloss fordert, sondern auch gewährt, indem es alle Wünsche zu befriedigen sucht. Das neue, die ganze zersplitterte Judenheit einende Lebensprinzip, das er wieder erweckt hat, ist der jüdische Stammesgedanke, oder um mich der modernen Nomenklatur zu bedienen, die „nationale Idee’, auf deren Boden eir.st die stolzeste Kultur zu erblühen vermochte, auf deren Boden sie sich später erhalten hat und auf deren Boden sie auch in Zukunft bleiben wird, wenn anders sie noch einmal eine Renaissance erleben will. Was man mit solch einem starken Lebensprinzip anfangen kann, mag man aus den moralischen Erfolgen erkennen, die der Zionismus gezeitigt hat: Er hat im höchsten Sinne erzieherisch gewirkt. Er hat tausend verborgene und verschüttete Kräfte freigemacht, hat Politiker grossen Stils, Dichter eigener Art, Künstler mit spezifischer Note geschaffen. Das ist etwas. Das hat sonst das ganze letzte Jahrhundert bei den Juden nicht fertig gebracht. Und das ist das, was uns Juden fehlt. Eins lehrt uns diese Bewegung jedenfalls: Dass es möglich ist, das jüdische Problem allseitig zu lösen. Denn das, was dazu nötig ist, ist vorhanden: Das rudimentäre jüdische Gefühl, das unbewusste Judentum, das allen Assimilationen zum Trotz besteht. Der Instinkt ist gross. Die schlummerde Kraft ist gewaltig. Virtuell ist alles da. Es fehlt nur der Schöpfungsruf, der den schlafenden Keim zum Leben erweckt, dass er die Herzen durchbreche und aufspriesse zur edelsten Blüte eines immer reineren und gesitteteren Menschentums-“ Die „Närodni llsty“, das leitende Tschechenorgan, bringt am 24. d. M. ein Feuilleton des bekannten tschechischen Dichters Jaroslav Vrchlicky über Morris Rosenfeld, dessen Gedichte Vrchlicky ins Tschechische übersetzt hat. Das Feuilleton heisst „Not und Genius“ und bringt einige freie Glossen zur dementierten Todesnachricht. Vrchlicky, der zu den eifrigsten Förderern und begeisterten Verehrern Rosenfelds gehört, sieht die Ursachen seines materiellen Nichterfolges in seinem Judentum und in der starken Betonung des Zionismus, den er ideal schön, aber wenig praktisch und gewinnbringend nennt. Der tschechische Dichter nennt den Zionismus im Rahmen eines kleinen Feuilletons und in echt feuilletonistischer Manier eine Utopie, einen unerfüllbaren Traum. Das ist wohl poetische Licenz! Aber ein Vrchlicky sollte es sich doch überlegen, eine so grosse Bewegung so mir nichts, dir nichts in paar Zeilen abzutun. Er schreibt dann weiter: „Und wieder drängt sich eine Frage auf. Auch der Zionismus hat heute zahlreiche Anhänger und Apostel. Die sollen doch das Rosenfeld drohende Schicksal kennen und könnten sich auch um ihren Propheten und Sänger kümmern. Warum geschah es nicht? Wo waren sie im entscneidenden und letzten Momente? Ich weiss, dass man Abende veranstaltet hat und Feierlichkeiten arrangierte, hier und in Deutschland, was aber alles zusammen so wenig brachte, dass der grösste Lyriker der neuen Literatur Not leiden und Hungers sterben muss?" Mit Verlaub, das ist etwas übertrieben. Abgesehen davon, dass die Nachrichten über Rosenfelds Not und trostloses Elend einer starken Korrektur bedürfen und seine Freunde allzugerne in wohlfeiler Sentimentalität und Mitleid schwelgen, haben die Zionisten aller Länder schon vor Monaten mit Sammlungen, Aufrufen, Veranstaltungen für den kranken Dichter begonnen. * * * In einem Feuilleton der „Hamburger Nachrichten* über „Reiseeindrücke in Rumänien“, dessen Verfasser — nebenbei gesagt — den Juden nicht sehr freundlich gesinnt zu sein scheint, lesen wir über eine rumänische Judenstadt: Auch die flüchtigste Skizze von der Moldau, zumal der nördlichen Moldau, würde einen empfindlichen Mangel aufweisen, wenn wir nicht wenigstens in aller Kürze auf das stark hervortretende jüdische Bevölkerungselement hinwiesen. Wenn auch für ganz Rumänien der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung nur 4 5 Prozent beträgt (die Zahlen entstammen dem Jahre 1899), während zur gleichen Zeit in Ungarn 4-6 Prozent, Preussen 1-2 Prozent ausweist, so steigt das Verhältnis für die Moldau allein doch schon auf 10 7 Prozent und wird noch stärker, je weiter wir nach Norden kommen. Schon auf den Bahnhöfen macht sich die Zunahme dieses Elements bemerkbar, ln Botoschani gar ist es fast dominierend; Handel und Gewerbe ist beinahe gänzlich in jüdischen Händen und drückt dem Verkehr auf den Strassen und dem Markte sein Gepräge auf. Ja, die aus der Bukowine, Galizien und Russisch-Polen im Laufe des vorigen Jahrhunderts eingewanderte jüdische Bevölkerung hat sich in den nördlichsten Distrikten so dicht zusammengedrängt, dass ganze Städte und Flecken fast ausschliesslich von Juden bewohnt sind. Eine solche jüdische Landstadt oder Flecken, deren es im Distrikt Botoschani allein noch vier gibt, besuchte ich mit dem Präfekten; dieses Mal waren wir nicht angemeldet, da wir ein natürliches Bild der Stadt im Werktagsgetriebe zu erhalten wünschten. Am Eingänge der Stadt verliessen wir unseren Wagen und sandten unseren Kutscher voraus, um die Pferde zu tränken und zu füttern. Das hatte zur Folge, dass das Inkognito meines Begleiters nicht lange gewahrt blieb, bald sammelte sich ein Haufen jüdischen Volkes um uns, der Primär (Gemeindevorsteher) erschien und übernahm die Führung. Der Flecken besteht aus einer breiten Strasse mit nur wenigen schwach angebauten Nebenstrassen, und der ganze Verkehr spielt sich auf dieser Hauptstrasse ab. Haus liegt an Haus, ohne Garten, ohne Grün; jedes der einstöckigen Häuser ist nach demselben Typ gebaut; nach der Strasse liegt der Laden oder die Werkstätte, dahinter kommt ein Wohnzimmer, ein Kalb erhielt seine Abendmahlzeit in demselben Raume, andere Felle lagen im Mittelgemach, und als wir die Frau fragten, wo sie denn mit ihrer Familie schliefe, wies sie auf Lagerstätten inmitten dieses Chaos, die wir in der Dunkelheit noch nicht entdeckt hatten. Und ähnlich war es überall. Haus neben Haus war von Gewerbetreibenden und Handwerkern besetzt, denn auch Handwerke treiben die Juden in Rumänien : Schuhmacher, Schneider, Böttcher, Riemenschneider und andere mehr waren vertreten, wenn im allgemeinen auch hier die Juden den Handel bevorzugen. Die Ladenschilder wiesen meist die bekannten deutschen Namen auf. Die gesamte Bevölkerung lebt im Zustande der grössten Armut; von den Bauern der Umgebung, die selbst nicht viel besitzen und nicht kaufkräftig sind, können sie nicht reich werden; es sind ihrer zu viele dazu, und es gehört schon emsige Arbeit und pfiffiges Umschauen dazu, wenn das geringe Kapital von wenigen hundert Franken, das sie in ihrem Geschäfte angelegt haben, die meist sehr zahlreiche Familie ernähren soll. Wie oft muss das Geld rollen, um die Kosten selbst des