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Jüdische Zeitung · 1907-09-27 · 11 (27.9.1907) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
11 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11. anspruchlosesten Haushaltes zu bestreiten! Und wenn dann noch gar solch ein Unglück dazu kommt wie die Bauernunruhen im' März, dann geht oft die Arbeit von Jahren an einem Tage verloren. Was hörten wir für bewegliche Klagen, als wir einen Böttcher fragten, warum die Fenster seines Hauses mit Brettern verschlagen waren; ihm waren, als die Haufen der Bauern herangekommen waren, die Fenster eingeworfen worden, und trotzdem schon über ein Vierteljahr ins Land gegangen war, hatte er doch noch nicht Geld genug beisammen, um den Schaden wieder hersteilen zu lassen. Noch mehrfach sahen wir die Spuren der Verwüstungen, welche die wütenden Bauern angerichtet hatten. Die Frauen waren immer am gesprächigsten und jammerten beweglich im Andenken an die schlimmen Stunden, die sie erlebt hatten. „Hier sind sie eingebrochen, die Möbel haben sie hiriausgeschleppt auf die Strasse, zerbrochen haben sie den schönen Spiegel! Schauen Sie, Herr, dies Stück haben sie uns gelassen,“ so klagte die eine und zeigte uns beim Scheine einer schnell entzündeten Kerze einen elenden Scherben, der verlassen noch im grossen Rahmen des Spiegels steckte. Einem jüdischen Wirt hatten sie die Fässer Wein auf die Strasse gerollt und zertrümmert, noch grösseren Schaden aber hatte derselbe in seinem Geschäft in Botoschani erlitten; denn auch dort haben die Bauern schlimm gehaust, ehe das Militär einschritt, auch dort fällt der Blick auf Fenster, die noch mit Brettern vernagelt sind. Und doch ist hervorzuheben, dass bei all dem Unglück ein Menschenleben in dem Städtchen Sulitza nicht zu beklagen war. Es waren Eindrücke des tiefsten Elends und der bittersten Armut, die ich beim Durchwandern der Geschäftsstrasse erhalten hatte. Ein jüdisches Witzblatt in Wien. Der 17. September 1907 ist in den Annalen der Wiener jüdischen Presse ein denkwürdiges Datum: er hat uns ein jüdisches Witzblatt beschert, das eine unerschöpfliche Fundgrube von Judenwitz und -Humor zu werden verspricht Es heisst »Jerusalem,“ nennt sich „Zeitschrift für die Interessen des Judentums“ und verkündet mit fetten Lettern „ Antizionistische Tendenz.“ Die Herausgeber, ein Herr L. Buxbaum und 6. Deutsch, schreibende Komiker von Gottes Gnaden, haben offenbar geglaubt, dass ihr antizionistischer Humor im Hauptblatte sich zu wenig ausleben könne, und so werden sie denn — leider, leider nur 2 mal monatlich — auch mit einem Beiblatte lachlustige Leser beglücken. Das Beiblatt führt den vielsagenden Titel: Der Berichtigungsparagraph (§ 19). Welcher Witz dahintersteckt? Das Vorwort gibt weniger scharfsinnigen Lesern den Kommentar: „Der Titel des Beiblattes, geehrter Leser, hat Sie wohl sofort erraten lassen, dass wir dort dem Antisemitismus entgegentreten werden.“ Einige Stichproben aus dem jüngsten Pressprodukte jüdischen Humors werden unseren aufrichtigen Wunsch, dass das Blättchen recht lange bestehen und erheiternd wirken möge, begreiflich machen. Der Leitartikel beginnt: „Zionismus und jüdischer Nationalismus werden uns Juden in absehbarer Zeit gefährlicher werden als der „christlich-soziale“ und der „rassen-nationale“ Antisemitismus zusammen.Denn das zweiköpfigeGespenst drückt uns Juden das Stigma der Vaterlandslosigkeit und des Antipatriotismus, der zwei beliebten Schlagwörter der Antisemiten, auf die Stirne und liefert damit unseren Feinden auf dem ganzen Erdenrunde die ihnen so erwünschte zweischneidige Waffe, welche gegen uns zu gebrauchen sie seit 2000 Jahren sich vergeblich abgemüht haben!“ Und er schliesst: „Auch wir rufen Euch zu: Jeder, der zu unserem Gotte, dem Gotte unserer Patriarchen treu hält, und sich und seine Familie nicht ins Verderben stürzen mag, wende sich uns zu! Er unterstütze unser Organ, das zur Ehre unseres Gottes gegründet wurde und unerschrocken dieser „alt-neuen Sekte“, der Sekte des „zelotischen Zionismus und Nationalismus“ entgegentritt!“ Der Artikel enthält auch die Mitteilung, dass die „Moravia“. Hufnagel-Fabrik in Olmütz, den Mogen-Dovid als Schutzmarke führt. Ergo : Er ist kein jüdisches Symbol. Oder: „Dass aber Herzls Zionismus eine krasse Gotteslästerung ist. da er ,.gegen Gott und Seinen Gesalbten“ (Messias) ist, das sieht jeder ein, und die „jungen“ Zionisten geben es „offen und ehrlich“ zu! Herzl machte die heisse Liebe für sein National-Volk blind und überdies wurde er von gewissenlosen Hebräisten, den gottlosen „Maskilim“ in schmählicher Weise beraten.“ „Dass Herzls konfessionsloser „Nationalzionismus“ dem Judentum, unserer heiligen Religion, den Sarg zimmert, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Was wir aber beweisen werden, ist, dass er auch der Judenheit, dem jüdischen Volke, das gemeinsame Grab schaufelt! Dieses wird Euch, teuere Glaubens- und Stammesgenossen, „Jerusalem“ beweisen! „Jerusalem“ wird Euch beweisen, dass es keine „Judenfrage“ gibt, dass es eine „Judenfrage“ nicht geben darf!“ „Damit will aber nicht gesagt sein, dass wir Israeliten oder Juden kein besonderes Volk bilden, o nein! Wir bilden ein besonderes „Religions- Stammvolk“ oder ein besonderes „Stamm- Religionsvolk“. Das Moto für "das famose Beiblatt lautet: „Wahrheit oder Lüge ist die Frage, Freiheit oder Knechtschaft ist die Folge! Weh’ dem, der die Wahrheit spricht! Weh’ mir, dass ich ein Jude bin! So spricht „OJO-LI WEH-MIR, dass ich ein Jude bin: Ihr Feinde der Wahrheit und Freiheit, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, o hasset uns!“ Eine Rubrik „Jerusalems Wunschzettel“ enthält den Satz: „Di e Reichen werden um Subvention ersucht“. Aphorismen: „Traditionelles oder nationales Judentum ist die Frage, Freiheit und Gleichheit oder Aechtung und Knechtung ist die Folge“. „So spricht der Einig-Einzige: Umsonst (unentgeltlich) habe ich Euch verkauft (unter den Völkern zerstreut) und so werdet Ihr auch nicht durch Geld, durch einen „Nationalfond“ erlöst werden“. Auch wir bitten die Reichen, mit Subventionen für „Jerusalem“ nicht zu kargen. Wenn sie Sinn für Humor haben und zweimal im Monat sich selbst und. den anderen Juden ausgiebigste Gelegenheit zu gründlicher Heiterkeit geben wollen, dann müssen sie die .für uns Zionisten kostbare Zeitung nach Kräften fördern. Vielleicht ist dann die baldigste Ausgestaltung zu einem wöchentlicb erscheinenden Witzblatte möglich. Auf jeden Fall: Wir beglückwünschen die Herausgeber zu ihrer originellen Idee und wünschen ihrem Blatte recht lange Lebensdauer! Korrespondenzen. Kultuswahlen. Kremsier. Am 12. September fand in Kremsier zum zweitenmale die Wahl in die Repräsentanz der Kultusgemeinde statt, nachdem die erste Wahl infolge eines Wahlprotestes annulliert worden war. Wie nicht anders zu erwarten war, brachte auch diese Wahl trotz regster und heftigster Agitation der Oppositionellen der herrschenden Partei den Sieg. In Kremsier haben sich nämiich ganz eigentümliche Verhältnisse entwickelt. Während man in anderen Städten gegen das ganze System der Verwaltung ankämpft, weil es nichts taugt und den Juden nur moralischen und nationalen Schaden bringt, stemmte sich bei uns die Opposition „aus unbefriedigtem Ehrgeiz und aus persönlicher Eitelkeit“ nur gegen Personen, nicht gegen ein System. Ohne inneren Zusammenhang mit den kleinen Steuerzahlern, mit deren Hilfe sie auf Grund nichtssagender Schlagworte den Sieg auf ihre Seite zu bringen trachtete, losgelösst von all denen, die durch ihre Persönlichkeit ein gewichtiges Wort in der Gemeinde mitzureden hatten, ohne Programm und unter einander rivalisierend bot diese Opposition in allem ihrenTun und Lassen einen kläglichen Anblick und nahm das Ende, welches man ihr allgemein prophezeit hatte. Eigentlich ist es verfrüht, von einem Ende zu reden. Hiess es doch in einem Zeitpunkte, in dem die Wahl noch nicht recht im Gange war, dass die Opposition schon wieder an dem Proteste arbeite. Und man weiss vom Amtsschimmel, wie langsam der zieht. Acht Monats dauerte es, ehe der erste Protest nur teilweise den Instanzenzug durchlief, wiederum acht Monate, wenn nicht länger, dürfte es dauern* wenn ein zweitesmal Protest gegen die Wahl eingelegt wird. Hoffentlich werden die besseren Elemente in der Opposition jetzt nicht mehr blindlings „ihrem Führer“ durch dick und dünn folgen und ihre Hände nicht einem zwecklosen- Werke leihen, das sie selbst in den Augen ihrer Mitbürger herabsetzt, die Gemeinde als. solche aber schwer schädigt. Das einzig Gute, das diese schliesslich doch so harmlose Opposition zeitigte,, war der Umstand, dass sich das regste Interesse für die Angelegenheiten der Kultusgemeinde geltend machte. So hörten wir in der letzten Wählerversammlung — jung und alt war erschienen — den Rechenschaftsbericht unseres Kultusvorstehers. Die Gemeinde wirtschaftet mit dem* was sie hat, sie erspart nichts, sie macht jedoch auch keine Schulden. Der Tempelbaufond vergrössert sich zusehends und dürfte in absehbarer Zeit seiner Bestimmung zugeführtt werden. Eine Unzahl von Stiftungen wurdedurchgeführt, jedoch nur solche wurden angenommen, welche der Gemeinde entsprechend den Pflichten, die sie auf sich nahm, Entschädigungen finanzieller Natur bot.en, so dass, man jetzt nicht mehr gezwungen ist, die Verwaltungskosten dieser Stiftungen aus Gemeindemitteln zu bestreiten. Das Haus, in dem sich der Sitzungssaal der Gemeinde befindet, wurderenoviert und auf eine viel rentablere Basis gestellt. Die Pensionsversicherung der Angestellten wurde durcbgeführt, und wenn siediesen auch nur Kleines und Weniges bietet* so dürfte sie doch in einem gewissen Grade die Gemeinde entlasten, wenn sie diese auch nicht ganz ihren Verpflichtungen jenen gegenüber enthebt. So hörten wir noch vieles andere und freuten uns darüber. Nur eines vermissten wir: Eine bewusstere und konsequente Anerkennung und Förderung der nationaljüdischen*, modernen Bestrebungen. W. V*. Ein auffallendes Erreignis. Konstantinopel. Die Bestätigung der- Wahl des B. Jacob Meir zum Chacham Baschi von. Saloniki ist nunmehr endgiltig* u. zw., wie verlautet, auf direkte Anordnung des Sultans selbst, versagt worden. Wie z. Zt. berichtet wurde, hatte die hohe Pforte die Wahl kassiert, weil der General- Gouverneurvon Mazedonien, Hilmi Pascha, nach Befragung des Paschas von Jerusalem den B. Meir „wegen seiner Beziehungen zur Alliance Jsraelite universelle und zu anderen auswärtigen Organisationen“ für das Amt als ungeeignet bezeichnet hatte. Daraufhin ist eine- Anordnung der Saloniker Gemeinde wegen. Änderung dieser Entscheidung bei Hilmi Pascha vorstellig geworden, der sich zur Übermittelung eines von der gesamten Gemeinde Unterzeichneten Gesuches an den Gross-Yezier bereit erklärte. Der Chaham-Baschi von Konstantinopel, B. Moise Levy, befurwortetedieses Gesuch beim Gross-Yezier und erhielt von demselben die Zusage, dass die Angelegenheit nochmals erwogen werden würde. Man zweifelte nun nicht mehr an der Bestätigung, derer man so sicher sein zu dürfen glaubte, dass in Saloniki bereits eine grossartige Empfangsfeierlichkeit für den neuen- Chacham-Baschi vorbereitet wurde. Umso lebhafter und peinlicher war desshalb die Überraschung, als B. Moise Levy am 4. d. M. unmittelbar aus dem Serail den offiziellen Bescheid erhielt, dass das Gesuch abgelehnt worden sei, dass B. Jacob Meis weder dievakante Stellung in Saloniki, noch irgend einen anderen Babbinats-Posten im türkischen Beichebekleiden dürfe. Zugleich wurde, wie Jewish- Chronicle mitteilt, B. Moise Levy beauftragt* dem hier weilenden Jacob Meir die strenge Weisung zu erteilen, unverzüglich die Hauptstadt zu verlassen, nach Palästina zurüekzukehren und dort in völliger Zurückgezogenheit zu leben. Tatsache ist, dass B. Jacob- Meir noch in derselben Nacht das erste ab][ gehende französische Schiff benutzt und dia-

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