Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 11 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11. erledigt und vergessea. Letzthin ist der Parteitag der Freisinnigen Volkspartei programmgemäss für die „baldigste“ Verwirklichung der jüdischen Gleichberechtigung eingetreten. Diese Liberalen sind doch überall gleich. Sie weiden nicht müde, den Staat und die Behörden antisemitischer Praxis anzuklagen und in ihrem eigenen Wirkungskreise, wenn sie innerhalb der Partei bei der Aufstellung von Kandidaten oder in Gemeinden, die sie beherrschen, bei Anstellung von Beamten die schönen Phrasen von Gleichberechtigung in die Tat umsetzen sollen, befolgen sie mit Vorliebe das System des bureaukratischen Antisemitismus, verhindern mit allen Schlichen und Ränken die Erfüllung jüdischer Wünsche. In der Theorie und auf Parteitagen sind sie doktrinäre Gleichberechtigungsschwärmer, in der Praxis und im Ernstfall huldigen sie einem verkappten Antisemitismus, der durch die heuchlerische philosemitische Maske, unter der er versteckt ist, doppelt widerwärtig wirkt. lädischen Bürgersöhnen das Lsutnantsportopee zu erobern, dünkt deutschen Freisinnsmännern das erstrebenswerte Ziel liberaler Idealpolitiker. Sonst fehlt fast nichts zur Gleichberechtigung deutscher Juden. Unsere österreichischen Liberalen haben doch nicht so schwere Sorgen. Des Kampfes um das jüdische Leutnantsportopee sind sie — wir Oesterreicher [sind doch freiere Leute! — enthoben. Was übrig bleibt an Vorenthaltung staatsbücherlicher Gleichberechtigung, ist nicht der Rede wert. Deutschlands und Oesterreichs Liberalen geht die Kleinigkeit blutwenig nahe. Ein Resolutiönchen hie und da genügt, um die so bescheidenen jüdischen Schäfchen im Parteipferch hübsch beisammenzuhalten. Reformbestrebungen in England und Frankreich. Die Londoner »reformierte“ Judenschaft verfolgt mit grossem Interesse die soeben sich vollziehende Bildung einer neuen jüdischen Sekte in Frankreich, welche von einem jungen Rabbi in Dijon, namens Louis Levy, gegründet worden ist und voraussichtlich auch zur Aktivierung einer englischen Gruppe vorgeschrittener jüdischer Reformisten führen dürfte. Der genannte Rabbiner entwickelte seinen Plan auf dem internationalen Kongresse für fortschrittliche Religion zu Genua und machte für sein Gründungsprojekt seither in Wort und Schrift eine höchst eindringliche und wirksame Propaganda. Einige hervorragende Mitglieder der Pariser jüdischen Gemeinde, wie Reinach etc., wurden vom jungen Priester für seine Absicht der Einführung eines vereinfachten, modernen jüdischen Gottesdienstes gewonnen, und es wurden ihm die Mittel zur Errichtung einer neuen Synagoge in der Rne Copernic in Paris zur Verfügung gestellt, welche ihrer Vollendung entgegengeht und in Bälde eröffnet werden soll. Das Bemerkenswerteste an der neuen jüdischen Reformkirche ist, dass daselbst der Gottesdienst nicht bloss am Samstag, sondern auch am Sonntag abgehalten werden soll, weil an diesem allgemeinen Ruhetag viele Leute freie Zeit haben, die sie zu einem sonst unmöglichen Synagogenbesueh verwenden können. Im Tempel selbst werden die Gläubigen, entgegen der sonstigen Sitte in jüdischen Gebethäusern, die Kopfbedeckung abzunelimen haben, wie in den christlichen Bärchen. Auch die ansonst streng eingehaltene Trennung der Geschlechter in den Tempeln wird hier aufgehoben sein. Die Zahl der Gebete und Gesänge in hebräischer Sprache wird im reformierten Gottesdienste wesentlich vermindert sein und es wird sowohl in den Predigten wie in der Auslegung der heiligen Schrift der Versuch gemacht werden, mit der modernen Wissenschaft »in Übereinstimmung“ zu bleiben. Das Vorhaben, so radikale äusserliche und innere Modifikationen an einer Glaubensübung vorzunehmen, die in jeder Hinsicht einen so starren Konservatismus zeigt, wie die jüdische, erweckt in den Kreisen der französischen und englischen Orthodoxen wenig Sympathien, Louis Levy, ein energischer Mann von fünfunddreissig Jahren, gab einem Mitarbeiter des „Temps“, der ihn beim Einräumen des neuen Vereinshauses überraschte, folgende Auskunft: Seit etwa dreissig Jahren wenden sich die gebildeten Juden immer mehr vom Synagogenbesuch ab, ohne deshalb dem Judentum zu entsagen oder eine andere Religion anzunehmen. Die Reformatoren hoffen solche Leute wieder zum Kultus der Väter zurükzuführen, indem sie allen veralteten Wunderglauben und Formelkram ablegen. Bereits hat man den Reformern als eine Verleugnung der wichtigsten religiösen Vorschriften die Abschaffung des Sabbats vorgeworfen. Das ist nicht richtig. Sie behalten den Gottesdienst am Freitag Abend und Sonnabend Morgen bei, fügen dem aber allerdings am Sonntag, wo die Leute mehr Zeit haben, eine dritte Versammlung in der Synagoge hinzu. Der Rabbiner, dessen Rolle im Kultus zu beschränkt war, wird hier Gelegenheit finden, regelmässig als Prediger aufzutreten. Die wichtigsten hebräischen Gebete und Gesänge werdenbeibehalten, aber mit französischen vermischt. Die Hauptsachen werden die gleichen bleiben, doch wird man sie auf den Vorabend und den Festtag eia-, schränken. Die Männer werden wie in den christlichen Kirchen, in der Synagoge den Hut abnehmen. Im Religionsunterricht werden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bibelkritik berücksichtigt' und alles Sagenhafte als Sage behandelt. Louis Levy sagte dagegen nichts über die Sehächtung und den Genuss des Schweinefleisches. Es scheint also, dass es hierin bei den alten Vorschriften bleiben soll. Palästina. Landerwerb und Bautätigkeit von Davis T r i e s c h. Ein Beispiel für die Rentabilität von Bodenerwerb auf dem flachen Lande wurde schon unter dem Kapitel Landwirtschaft gegeben. Die dort an einem einzelnen Falle gezeigte Wertsteigerung ist aber auch in Palästina eine allgemeine Erscheinung — derart sogar, dass alle Missgriffe in der bisherigen Kolonisation, soweit sie in Geld abgeschätzt werden können, wahrscheinlich jetzt schon durch den inzwischen entstandenen Mehrwert des Landes allein ausgeglichen sein dürften. — Hier noch einige Beispiele: In Petach Tikwah ist in 28 Jahren der durchschnittliche Landpreis auf das Zwanzigfache gestiegen, in Rischon ähnlich, in dem ziemlich abgelegenen Kafr-Saba, wo eben jetzt eine Kolonie erst angelegt werden soll, innerhalb weniger Jahre auf das Vierfache. Die ganze Strecke zwischen Jaffa und Mikweh-Israel wurde im Jahre 1870 für 3000 Piaster (ca. 500 Franks) angeboten, ohne einen Käufer zu finden. Drei Jahre nachher wurden 3000 Franks verlangt — mit demselben Resultat. Heule ist das Land mit Bojaren und Häusern bestanden und repräsentiert einen Wert von vielen Millionen! Ausserhalb der Mauern Jerusalems — da, wo jetzt die Jaffa-Vorstadt steht — konnte man vor 25 Jahren für einen Metallik (4J/2 Pfg.) den Quadratmeter Boden kaufen — jetzt ist dort das Hundertfache üblich. An die Entwicklung Kairos reicht das nicht heran, wo kürzlich der Khedive für 4 Millionen Mark ein Stück Land von ca. 4500 Quadratmeter zurückkaufle, das sein Vorgänger im Jahre (1869) dem damaligen deutschen Kronprinzen geschenkt hatte — aber dort haben wir nicht viel zu suchen, und bei einer solchen Entwicklungsstufe ist mit geringen Mitteln nichts zu machen und der Preissturz droht ebenfalls. Palästina aber steht gerade jetzt so günstig zwischen Vergessenheit und Erwachen, dass es wenig andere so günstige Gebiete geben mag — d. h. für solche, denen Kenntnis und Erfahrung gerade in diesem Lande unklarer Verhältnisse so ausreichend zur Verfügung stehen, wie es in unserem Falle — dank der letzten Entwicklung der jüdischen Institute in Palästina — zutrifft. Nur so war es z. B. möglich, dass die Gesellschaft „Geulah“ in der kurzen Zeit ihres Bestehens an sechs verschiedenen Punkten an-r nähernd 10.000 Dunam Boden kaufen und wieder verkaufen konnte. Wenn diese Gesellschaft aber — ihrem Charakter entsprechend — nur solche Ländereien kaufte, für die sich bald Käufer fanden, die Verbesserung und Bearbeitung selbst in die Hände nahmen, wie gross sind dann — bei solcher Sicherheit des Kaufes — die Chancen einer Gesellschaft abzuschätzen, die sich mehr Zeit lassen und in grösserem und einheitlicherem Masse diejenigen Verbesserungen des Bodens usw. vornehmen kann, die seinen Wert völlig umgestalten! Die Wertsteigerung von Land durch planmässig hierauf gerichtete Arbeit ist doch selbstverständlich — abgesehen von zufälligen besonderen Entwicklungen — eine wesentlich grössere als die sozusagen von selbst kommende. — In Amerika erwarben Eisenbahngesellschaften Ländereien, um Zweigbahnen hineinzubauen und an günstigen Stellen ganze Städte anzulegen. Aber auch näher zu Palästina gibt es derlei systematische Arbeit. Bis vor wenigen Jahren war die Stadt Alexandria das östlichste Stück „Kultur“-Land im Norden Aegyptens — unmittelbar östlich grenzt daran die Lybische Wüste. Da nahm der jetzige Khedive ein Interesse an diesem völlig wüsten Landstrich, er baute eine Bahn hinein, ermutigte die nomadischen Beduinen des Distrikts zum systematischen Feldbau und zu sesshafter Niederlassung, und innerhalb weniger Jahre hat sich ein solcher Umschwung vollzogen, dass heute schon die „Wüste von gestern“ das fruchtbare Aegypten mit Getreide versorgen hilft! — Der Nordrand der Ly bischen Wüste war zwar altes Kulturland und ist schon im Altertum eine der Korn^ kammern des Mittelmeergebietes gewesen, aber auf welchen Teil Palästinas, der heute noch wenig entwickelt daliegt, träfe das nicht zu! — Wir wandeln hier überall in den Fusstapfen unserer Vorväter und ihrer Nachbarn, und fruchtbares Gebiet des Altertums wird fast ausnahmslos auch heute noch Elemente der Fruchtbarkeit besitzen — wir müssen nur nicht blind daran vorübergehen. -- - - Der Khedive, der auch ein weitblickender Geschäftsmann ist, wird aus seiner Umwandlung der Mareotiswüste enorme Gewinne ziehen und gleichzeitig als einer der grössten „Mehrer seines Reiches“ mit friedlichen Waffen gelten. Auch wir können wüstes oder in der Entwicklung zurückgebliebenes Land erschliessen und damit neben der moralischen Leistung sehr greifbare Gewinne erzielen. Eine Gesellschaft oder eine kleine Gruppe von unternehmenden Leuten kann heute an manchem Platze in der Nähe von Städten billiges Land erwerben und durch Anlegung von ordentlichen Strassen mit Wasserleitung und Kanalisation den Wert des Bodens innerhalb weniger Monate auf ein Vielfaches steigern. In der Nähe von Kolonien finden sich zahlreiche Ländereien, auf denen einheitliche Ameliorationsarbeiten sich vorzüglich rentieren würden, und in den von der jüdischen Kolonisation bisher noch unberührten Gebieten (also in neun Zehnteln des Landes — der jüdische Koloniebesitz beträgt nur wenig mehr als ein Hundertstel des Gesamtgebietes Palästinas) sind diese Chancen noch viel höher, da gerade im Distrikt der jüdischen Kolonien eine beträchtliche Preissteigerung bereits eingetreten ist. Aber auch in der Erwerbung bereits entwickelten Bodens in Stadt und Land liegt ein gesundes und vielfach risikoloses Geschäft. In Jaffa z. B. bringen zurzeit Häuser eine Miete von 8—12%. in Haifa sucht man vergeblich nach besseren Wohnungen, man zahlt selbst für ungeeignete sehr hohe Mieten, und in allen namhafteren Städten des Landes könnte manches mit elenden Baracken bebaute Stadtquartier mit grossem Nutzen abgerissen und neuaufgebaut werden. Daneben gibt es auch recht gut gehaltene Besitztümer, die aus irgendwelchen Gründen zum Verkauf stehen und bei besserer Verwaltung usw. guten Nutzen abwerfen können. Wer nur an der rechten Stelle fragen wollte, dem können eine ganze Anzahl von vorteilhaften Kapitalsanlagen für Landerwerb und Häuserbau nachgewiesen werden — Chancen, die nur deshalb von den Landesansässigen