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Jüdische Zeitung · 1907-09-27 · 11 (27.9.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
11 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5. gesetzgebung, Verwirklichung der Arbeitslosenversicherung, der Alters-, Witwen-, Waisen- und Invalidenversorgung aller Staatsbürger, Beseitigung des Lebensmittel- und Wohnungswuchers, sowierationelle Steuerreform und Zugänglichmachung billigen Kredites sind derzeit die dringendsten ökonomischen Forderungen der österreichischen Juden. Nur muss man sich hüten, alles von der Staatshilfe, von der Regierung resp. vom Parlamente zu hoffen, sondern die jüdische Sozialpolitik wird manche der oben erwähnten Poslulate durch Selbsthilfe zu verwirklichen versuchen müssen. Die Majorität des österreichischen Parlamentes ist eben eine reaktionäre kapitalistische und antisemitische, deren sozialpolitische Gesetzgebung daher in Zukunft wie in der Vergangenheit auch diesen Stempel tragen wird. Es ist also schon unter diesem Gesichtspunkte — abgesehen von allen anderen Momenten — verkehrt, alles vom Staate zu fordern, anstatt mittels einer kraftvollen, auf Solidarität der produzierenden Stände basierenden wirtschaftlichen Organisation eine jüdische Sozialpolitik der teilweisen Selbsthilfe in Angriff zu nehmen. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Mitwirkung der Staatslenker und Gesetzgeber auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik, der Förderung der Industrie, des Gewerbes, der Landwirtschaft etc. eine überflüssige sei, sondern es soll nur jene allgemein und speziell auch in jüdischen Kreisen herrschende Illusion zerstört werden, welche vom gegenwärtigen Parlamentarismus und gar vom österreichischen Parlamente die Beseitigung des sozialen Elendes und die Erfüllung aller Wünsche der einzelnen Berufsstände hoffen. Wenn man die ganze Gewerbegesetzgebung unserer Volksvertreter betrachtet, insbesondere die §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung, und berücksichtigt, dass die geistigen Väter dieser Art von „Sozialreform* im Abgeordnetenhause derzeit die Mehrheit besitzen, dann kann man die obige Auffassung keine allzu pessimistische nenneü. "Unsere Geweirbetreibefiden und unsere’ jüdischen Proletarier — zu denen Hausierer, Agenten etc. ein sehr grosses Kontingent stellen — leiden eben nicht nur unter dem Drucke der kapitalistischen Grossmächte, sondern noch überdies unter dem antisemitischen Boykotte und unter einer reaktionären Gesetzgebung. Dazu kommt noch der Umstand, dass die ganze Zeitströmung auf Aufhebung desZwischenhandels, auf eine direkte Verbindung der Produzenten und Konsumenten gerichtet ist, ein Ziel, dessen Verwirklichung gerade ein Teil des jüdischen Proletariates mit aller Begeisterung erstrebt, während ein anderer Teil dieser Schichte durch ein tragisches Los an diesen traurigen Erwerb des Zwischenhandels gebunden und so durch seine Existenzbedingungen mit dem Schick¬ Alierlei. . Das alte Jericho. Dem Archäologen Sellin von der Wiener Universität, der von reichen Wiener Privatleuten unterstützt wurde, ist es gelungen, umfangreiche Ausgrabungen im alten Jericho mit recht befriedigendem Erfolge vorzunehmen. Die Arbeiten erfolgten an fünf Stellen des alten Ruinenfeldes. Schon in einer Tiefe von ein bis zwei Metern fand Professor Sellin interessante" Ueberreste alten, fast ausschliesslich kanaitischen Kulturlebens. Besonders wertvoll ist die Freilegung eines Gebäudes, dessen Bedeutung noch nicht aufgeklärt' und dessen Bauart bisher auf den palästinensischen Ruinenstätten noch nicht angetroffen worden ist Professor Sellin hat ferner in der Jezuel-Ebene ein arabisches Schloss, eine Zisterne und ein ganzes Archiv von Keilschrifttäfelchen entdeckt ' . Panik in einer Synagoge in Kairo. Die grosse Synagoge in der Maghrabistrasse war am Versöhnungstage der Schauplatz einer Panik. Eine zahlreiche Menge hatte sich zum Gottesdienste versammelt. Gleich nach Beginn des Gebetes brannte die Sicherung der elektrischen Leitung durch und die Synogoge war in Dunkelheit gehüllt. Jemand rief „Feuer!", und in wilder Flucht stürzten die erschreckten Besucher des Gotteshauses durch die Türen und Fenster ins Freie, ln dem Gedränge wurden viele Leute mehr oder minder stark verletzt, aber glücklicherweise ist kein Menschenleben zu beklagen. Die Auswandererbewegung der russischen Juden. Das jüdische Auswandererbureau veröffentlicht folgende Angaben. Nach den Vereinigten Staaten sale einer absterbenden Wirtschaftsform enge verquickt ist. Die Probleme der jüdischen Wirtschaftspolitik sind also äusserst komplizierte, sie sind dieFolge der eigenartigen sozialen Struktur des jüdischen Volkes, seiner Lebens- und Erwerbsbedingungen und können daher auch nach keinem der alten Progran me fremdnationaler Parteien im Sinne der traditionellen Klassenpolitik gelöst werden. Unser jüdisches Proletariat leidet ja nicht bloss, weil es der Klasse des Proletariates angehört, sondern anch darum, weil es dem jüdischen Stamme entsprossen; unsere Kleingewerbetreibenden brechen nicht nur im Konkurrenzkämpfe mit dem Grosskapitale zusammen, sondern auch infolge der antisemitischen Parole: Kauft nicht bei Juden; unsere Intellektuellen, die geistigen Arbeiter, finden ebenso wie ihre physisch arbeitenden Volksgenossen nicht nur keine Arbeit mit genügendem Arbeitseinkommen, sondern vielfach als Juden überhaupt keinen Erwerb. Es ist somit vollkommen am Platze, ausser von Problemen allgemeiner, auch von solchen jüdischer Sozialpolitik zu sprechen. Die Diskussion über diese einzuleiten, ist der Hauptzweck dieser sozial-politischen Fragmente. Verus. { Rundschau. Zu den Richterernennungen in Böhmen. Alljährlich, wenn Avancements im Richterstande Böhmens bevorstehen, geht der Rummel los und das grosse Feilschen um Richterstellen beginnt. Eine Ehrensache der Nation! Eine Kraftprobe der Politiker! Nationale Qualifikationstabellen der Gerichtspersonen werden mit peinlicher Genauigkeit angefertigt und die Statistik kommt zu hohen Ehren. Jede Nation sorgt — es ist begreiflicher und gesunder nationaler Egoismus, der nur allzuoft chauvinistische Färbung annimmt — für ihre Intelligenz und will nicht nur diese versorgen, sondern mehr noch durch Nationalisierung des Beamtenstandes ihre Position im Staate stärken, ihren Besitzstand erweitern. Die Juden sind aus diesem nationalen Wettbewerbe ausgeschaltet. Weder die deutschen, noch die tschechischen Liberalen kümmern sich um jüdische Petenten. Sie bleiben ausser Konkurrenz. Als der mährische Ausgleich perfekt wurde und auch über die perzentuelle Anstellung deutscher und tschechischer Beamten im Landesdienste einen gesetzlichen Schlüssel schuf, wurde das jüdische Element vollständig übersehen und in Mähren, das über 40.000 Juden hat, wurde seither kein Jude vom Landesausschusse aufgenommen. So geschieht es überall, wo unter dem Zeichen des deutschtschechischen Streites Beamtenernennungen erfolgen. Die Juden werden von keiner Seite wanderten 1899 24.275 Personen aus, 1900 39.011 und 1902 37.846. Dann kam 1903 das Blutbad von Kischinew und seidem ist die Zahl der Auswanderer rasch sehr stark gestiegen; sie betrug 1903 47.689, 1904 77.544, 1905 100.100 nnd im vorigen Jahre gar 200.000 Personen. Diese Daten des Bureaus sind aber schwerlich genau und zuverlässig. Die angeblichen 100.000 und 200 000 Auswanderer sind in den beiden letzten Jahren wohl kaum in Nordamerika eingetroffen, diese Ziffern scheinen jedenfalls stark abgerundet zu sein und sind mithin ziemlich wertlos. Da das Bureau 1899 noch nicht bestand und erst später gegründet wurde, so hat es seine Angaben für die ersten Jahre nicht selbst einziehen können. Die von ihm mitgeteilten Zahlen für 1899 und 1900 weichen aber von den Angaben der russischen Konsuln in Bremen und Hamburg recht bedeutend ab. 1819 passierten nämlich nach den Angaben der Konsuln fast 50.000 und 1900 66.835 russische Auswanderer die genannten Hafenstädte. Dass von jenen 50.000 aber weit mehr als die Hälfte Juden waren, unterliegt keinem Zweifel, denn die wenigen Russen, Polen, Litauer u. s. w., die nach Amerika auswanderten, machen nur wenige Tausend aus. Auch die Angabe des Bureaus für 1900 ist wohl zu gering, besonders wenn man berücksichtigt, dass ein Teil der Auswanderer über Odessa reist. Die Zahl der nach Südamerika, England, Kanada und Afrika ausgewanderten Juden wird vom Bureau nicht angegeben. Seine Angaben sind also unvollständig. Gerade nach Argentinien aber ergiesst sich schon seit vielen Jahren ein recht starker jüdischer Auswandererstrom. — Russische Statistiken sind fast stets mit grösster Vorsicht zu benutzen. als Konnationa’e betrachtet und während man ihnen im politischen und nationalen Leben alle materiellen Opfer zumutet und aufbürdet, schliesst man sie aus, sobald es sich um ein Recht und um praktische Aneikennung der nationalen Gleichberechtigung und Vollwertigkeit handelt. Die Liberalen beider Nationen üben da die gleiche Taktik und die Assimilanten beider nehmen die offenkundigeZurücksetzung und nationale Degradierung widerspruchslos hin. Speziell auf Seite der Deutsche n wird der Humbug ganz systematisch und ungeniert getrieben. Wenn es gilt, auf Grund einer höheren Steuerleistung die Bedeutung und wirtschaftliche Kraft des deutschen Volkselements zu demonstrieren, wenn es gilt, auf Grund einer höheren Schülerzahl Mittelschul¬ oder Hochschulforderungen zu begründen oder wenn auf Grund der Bevölkerungsziffer den Deutschen politische Vorteile gesichert werden sollen, dann werden die Juden ohne Bedenken zu Deutschen gestempelt und mitgezählt. Die Konsequenz dieser Einreihung und statistischen Inanspruchnahme ist dann, glauben naive Juden, faktisch nationale Zugehörigkeit und ihre konsequente Anerkennung. Doch sie irren. Sie haben im deutschen Lager seit jeher doppelte Pflichten und halbe Rechte. Die berühmte deutsche Treue hat sich das herrlich eingerichtet. Gegen die jüdischen Ärzte. DasKesseltreiben gegen die jüdischen Är2te wurde jüngst in Salzburg auf einer Versammlung des Zentralvereines deutscher Aerzte in Oesterreich munter fortgesetzt. Ein Witner Arzt unterzog sich unter Hintansetzung kollegialer Rücksichten der nationalen Arbeit, die Nichdeutschen des Aerztestandes und besonders die Juden zu verdonnern. Der antisemitische Statistiker staunt über die geringe Zahl deutscher Mediziner und sieht in der grossen Ziffer jüdischer Aerzte eine nationale Gefahr. Warum drängen sich so wenig deutsche und so viel jüdische Studenten zum medizinischen Studium? Antisemitischer Logik darf man die Erkenntnis der wahren Ursachen nicht Zutrauen. Es ist kein blosser Zufall, dass im Jahre 1891 an allen österreichischen Universitäten 6738 Hörer Medizin studierten, von denen 2097 Juden waren, und dass im Jahre 1902 die Zahl der Hörer auf 2441 sank, wovon 41 % Juden waren. Die antisemitischen Blätter freilich führen diese auffallende Verschiebung auf die Agitation zurück, die von der „Judenpresse“ gegen das medizinische Studium eingeleitet worden war und Arier auch tatsächlich davon abhielt. Wenn die Deutschen heute unter den Medizinern aller Fakultäten nur 15% zählen, obwohl sie 36 % der Gesamtbevölkerung betragen, so ist dies darauf zurüt kzuführen, dass den deutschen Studenten alle möglichen Beamtencarrieren offenstehen und der schwere ärztliche Beruf, der überfüllt ist und wenig Chancen bietet, nichts Verlockendes für sie hat. Den jüdischen Studenten sind die meisten Beamtenkategorien ganz oder zum Teile verschlossen, für sie ist der liberale Beruf der Advokatur oder des Arztes die ultima ratio, die rettende Insel bei der Berufswahl. Nicht weil, sondern obwohl jährlich geharnischte und wohlbegründete Warnungen vor zu grossem Andrange zum Medizinstudium erlassen werden, bleibt die Zahl der jüdischen Mediziner relativ nicht nur nicht unverändert, sondern steigt sogar. Die Tatsache kennzeichnet wohl am besten die Not und Zwangsberufswahl des jüdischen Intelligenzproletariats. Gleichberechtigung in Deutschland. Die Charge des Reserveleutnants steht recht tief auf der Stufenleiter militärischer Hierarchie. Sie wird trotzdem Juden in Deutschland vorer.thalten und ist dort so eine Art Gradmesser fürtstaatlichenAntisemitismus. Die Militärbehörde bleibt unerbittlich,obwohl die Freisinnigen an der Frage Kraft und Freisinn erproben. Von Zeit zu Zeit cvird ein Sturmlauf unternommen : „Volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung“ wird — nach altbekanntem Klischee — gefordert. Die wackere Freisinnstat findet im Freisinnslager ein jubelndes Ech° unc^ *st kurz darauf

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