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Jüdische Zeitung · 1907-09-27 · 11 (27.9.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
11 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11. diesem Kongress nicht die Signatur gegeben, so wünschenswert das auch gewesen wäre. Nur in einer Hauptsache bat die neue Anschauung, wenn auch noch unter einer alten Parteimaske, gesiegt: in der Palästinafrage. Das mag uns für diesmal genügen. Wir sollen es uns aber als unserer Arbeit Ziel stecken, dass der nächste Kongress noch einen Schritt weiter gehe. Der neunte Kongress muss aussprechen, was das Wesen des „synthetischen* Zionismus ist: Dass die jüdische Renaissancebewegung keines der Mittel ausschliessen oder unversucht lassen darf, welche geeignet sind, unser Volk und unser Land zu fördern. Dass das Leben einer Nation nicht in Teile zerlegt werden kann, die ohne Beziehung zu einander wären, sondern als Ganzes behandelt werden muss. Dass deshalb der Zionismus nur vorwärts kommen kann, wenn seine Devise lautet: „Nichts Jüdisches istmir fremd.“ Adolf Böhm. Die jüdischen Emigranten in Wien. Die Auswandererfrage hat unseren Antisemiten schon wiederholt willkommene Gelegenheit geboten, ihrem Antisemitismus die Zügel schiessen zu lassen und die armen jüdischen Emigranten zur Zielscheibe ihrer Angriffe zu machen. Interpellationen im Parlament, Landtag und Gemeinderat wurden vom Stapel gelassen, aufreizende Zeitungsartikel geschrieben, wütende Reden gehalten. Die letzte Blatternepidemie hat die Frage neuerdings aufs Tapet gebracht. Die Bezirksvertretung Rudolfsheim hat sich mit grosser Raschheit ihrer bemächtigt. Der Bezirksvorsteher Kunz hat nämlich einen Antrag eingebracht, in welchem gegen die durch die galizischen Auswanderer auf den Wiener Bahnhöfen verursachten Unzukömmlichkeiten Stellung genommen wird. Die „Reichspost“ schreibt darüber: „Mit ihrem vor Schmutz starrenden Gepäck Lagern sie in d en War te sälen undvor dem Bahnhofsgebäude der Nordhahn und warten, bis sie mittels Wagen nach der Westhahn befördert werden Auf dem Westbahnhofe wiederholt sich dasselbe Bild. Die Gefahr einer Einschleppung von Seuchen ist dadurch sehr gross. Galizien war und ist das Land der anste ckendenKrankb eiten undallegrösseren Seuchen, von denen Wien heimgesucht wurde, hatten ihren Ursprung in diesem Lande. In Bussland wurde das Auftreten der Cholera festgestellt. Wie leicht könnten da nach Wien Eirankheitskeime übertragen werden! Der Eezirksvorsteher stellte den Antrag, es möge der Gemeinderat mit Bücksicht auf die Gefahr der Einschleppung von ansteckenden Krankheiten dahin wirken, dass der Strom der jüdischen Auswanderer nicht nach und durch Wien geleitet werde. Wenn dies nicht möglich ist, so sollen den Auswanderern auf den Bahnhöfen besondere Warteräume, allenfalls Baracken angewiesen werden. Ferner ist für die Auswanderer eine saniätspolizeiliche Auf sicht unerlässlich. Der Antrag wurde einstimmig zum Beschlüsse erhoben und wird den anderen Bezirksvertretungen mitgeteilt.“ Es muss anerkannt werden, dass die Forderung der christlichsozialen Bezirksvorstehung zum grossen Teile berechtigt ist. Den Strom der jüdischen Auswanderer von Wien ganz abzulenken ist weder möglich noch nötig. Aber die Errichtung von Auswanderer-Baracken, wie sie in den deutschen Grenzstationen und Hafenstädten seit Jahren bestehen, liegt im Bereiche der Möglichkeit. Es wäre die erste Forderung einer ernsten sozialen Fürsorge jener, die dem jüdischen Auswandererwesen Interesse entgegenbringen. Die Gefahr, die in den Wiener Massenquartieren der Emigranten liegt, könnte beseitigt und den sanitären Uebelständen, die zweifellos vorhanden sind und den Hass der Bevölkerung unschuldigerweise auf die armen Durchwanderer lenken, mit einem Schlage abgeholfen werden. Die Schaffung eines Auswandererheims in Wien ist schon öfter angeregt worden und bedarf wohl keiner ausführlicheren Begründung. Die Wiener Kultusgemeinde und die grossen Hilfsorganisationen, die über die nötigen Geldmittel verfügen, könnten bei ernstem Willen ein solches Institut schaffen, das die in Wien herrschenden Verhältnisse und ein primitives Gebot moderner Emigranten- und Wohlfahrtspolitik gebieterisch heischen. Die leitenden Persönlichkeiten der Wiener Kultüsgemeinde pflegen ja ihr Tun und Lassen ängstlich darnach einzurichten, was die „Anderen* dazu sagen dürften. Wo bleibt hier ihre Aengstlichkeit, ihr Schielen nach den „Anderen“, ihre Furcht vor überflüssigem Gerede? Die Auswandererfrage macht in Wien — und vielfach nicht mit Unrecht — viel böses Blut. Es wäre leicht zu vermeiden, dass auch daraus gegen die Juden eineWaffegeschmiedet und so Stimmung gemacht wird. Die reichenWiener Juden müssen endlich zur Erkenntnis ihrer jüdischen und sozialen Pflichten kommen. Es wäre traurig genug, wenn erst christlichsoziale Propaganda sie dahin brächte. Sozialpolitische Fragmente. Wer die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange verstehen will und ihre vollständige Lösung erstrebt, muss sie von der nationalen und sozialen Seite aus gleicherweise befrachten, muss in gleichem Masse die nationale Eigenart und die soziale Struktur des jüdischen Volkes, die teilweise verschiedenen Bedürfnisse und Wünsche der West- und Osfjuden berücksichtigen. Da die nationale Not speziell der österreichischen Juden sich in erster Linie in ihrer wirtschaftlichen Bedrängnis äussert und ihre Mehrheit der besitzlosen, nicht der besitzenden Klasse angehört, die materielle Wohlfahrt aber dirigieren die meisten der besseren Hotels, in in denen sie bis hinunter zum Portier und Dragoman vertreten sind. Es ist Spätnachmittag am Freitag. Der muhammedanische Sonntag geht seinem Ende zu und der Sonntag der Juden will beginnen. Noch ist die Sonne nicht gesunken. In den Gassen ist ein Gewoge und Gedränge von Menschen, wie an keinem anderen Tage der Woche. Die Haremsfrauen, die ihren Sonntag in stiller Beschaulichkeit, Zigaretten rauchend und Süssigkeiten knabbernd, am Meeresufer genossen haben, eilen ihren Behausungen zu. In schwarzer Seide vermummt, trotten sie auf ihren Holzsandalen in Trupps, zu Sechsen oder Achten, durch die Gassen. Durch diese schwarzen Gestalten schieben sich in nicht minder eiliger Hast die blauen, gelben oder schwarzen Kaftane der Juden. Die letzten Einkäufe für den „Schabbes* müssen gemacht werden. Die Verkäufer halten ihre Waren nur noch kurze Zeit feil. Ganze Strassenzüge sind von ihnen gefüllt. Da steht Jude neben Jude. Der verkauft nur Leber, der andere Hammelköpfe, der dritte Rippenfleisch usw. Das ist die Gasse der „koscheren“ Schlächter. Dann kommt die der „koscheren* Geflügelhändler. Auch dort ist alles rituell geschlachtet. In der Gasse der Fischhändler werden nur solche Flossentiere feilgeboten, die das Gesetz Mosis zu essen gestattet. Die Bäcker und Kuchenhändler füllen mit ihren Waren gleichfalls einen ganzen Strassenzug. Ebenso die Obst- und Gemüsehändler, in deren Gasse das Rot der Tomate, das Gelbgrün des auf Schnüren gereihten Knoblauchs und das Weissgrau der Zwiebeln alle anderen Farben übertönt. Kauf und Verkauf geht hier nicht so still von statten wie in den Gassen der türkischen Händler. Hier tost und braust ein Lärm von ungezählten laut feilschenden Menschenstimmen, die sich nicht übervorteilen lassen wollen. Und das geht so fort, bis die Sonne gerade noch voll über dem Horizont sichtbar ist. Dann wird es still. Die Händler packen ihre Waren zusammen und die Käufer ziehen mit gefüllten Taschen heimwärts, den Sabbat würdig zu empfangen. Und die Sonne sinkt und eine neue kommt und grösst den Sonnabend in Saloniki. Die laute und geschäftige Stadt ist still und untätig geworden. In den Morgen- und Mittagstunden füllten die zahlreichen Synagogenbesucher die Gassen. Nun, da der Nachmittag gekommen, ist die breite Hafenstrasse in einen einzigen grossen Kafieehausgarten verwandelt. Tische und Stühle sind bis hart an den die Voraussetzung der nationalen Blüte eines Volkes bildet, so muss naturgemäss gerade eine jüdische Volkspolitik nationalsozial sein. Die Jungjuden, als die jüngste nationale Partei, müssen daher den modernsten Nationalismus vertreten, ebenso wie sie als Angehörige des ältesten Kulturvolkes mit sozialer Gesetzgebung den fortgeschrittensten, radikalsten Standpunkt in sozialreformatorischer Hinsicht zu vertreten moralisch verpflichtet sind. Die jüdische Sozialpolitik muss daher jenseits des Manchestertums, Zünftlertums, kapitalistischer Bourgeoisiepolitik und marxistischer Orthodoxie die ihr im Krakauer Programm vorgezeichneten Pfade mit besonderer Berücksichtigung moderner genossenschaftlich-sozialer und bodenreformatorischer Betätigung wandeln. In seinem Buche „Die Bodenreform “schreibt Adolf D amaschke, der Führer der reichsdeutschen Bodenreformer: „DieBodenreform in Israel ist eines der bekanntesten Kapitel in der Geschichte unserer Bewegung. Ums Jahr 1300 vor unserer Zeitrechnung, also etwa 700 Jahre früher als Solon in Athen, mehr als 900 Jahre früher als Licinius in Rom bodenreformerische Grundsätze zum Siege führten, finden wir hier Moses als Bodenreformer, jene gewaltige, durch alle Zeiten ragende Gestalt, die am Anfänge des jüdischen Volkslebens steht, auf die alle wichtigen Einrichtungen und Gesetze zurückgeführt werden.“. „Das Eigentumsrecht an Boden behielt sich Gott selbst vor — —.“ „Mein ist die Erde und ihr seid nur Gäste und Lehnsträger von mir, darum sollt ihr das Landni chtverkaufen ewiglich.* (Leviticus 25,23.) Diese moderne soziale Auffassung der Grund- und Bodenfrage, welche der altjüdischen Gesetzgebung zugrunde lag und die auf unserer Heimstätte in Palästina entsprechend den Grundsätzen Franz Oppenheimers durch die Siedlungsgenossenschaft wieder zur Geltung kommen soll, muss auch hierzulande unsere Devise sein. Die Bodenreform ist wohl kein Arkanum für alle sozialen Schäden der Gesellschaft, die Beseitigung des Bodenmonopols allein beseitigt wohl nicht alle Arten der Ausbeutung, aber sie ist die Kernfrage eines wirklich modernen Sozialismus. Die Bodenreform im Vereine mit grosszügiger, genossenschaftlicher und gewerkschaftlicher Betätigung ist ferner die Brücke vom heutigen Wirtschaftssystem zu einer höheren, dem Einzelindividuum seinen Arbeitsertrag sichern den Wirtschaftsordnung. Aber auch im Rahmen der kapitalistischen Ordnung können die Lebens- und Wohnungs-, die Produktions- und Konsumptionsverhältnisse der produzierenden Stände unserer jüdischen Volksgenossen verbessert werden durch diesbezügliche zweckentsprechende wirtschaftliche Organisationen. Ausbau der Arbeiterschutz- Meeresstrand gerückt. Dort sitzen die „Jungen* beim Bier und Kaffee. Sie lachen und scherzen, spintisieren und philosophieren. Keiner raucht. Das Rauchen ist den Juden am Sabbat verboten und wagte einer, sich gegen dieses Verbot aufzulehnen und am Sonnabend mit brennender Zigarre auf offener Strasse oder in einem öffentlichen Lokale zu erscheinen, so würde ihm — erzählte mir der jüdische Dragoman eines Hotels — sicherlich der erste beste des Weges einherkommende Glaubensgenosse die Zigarre aus dem Munde schlagen. Die Alten lassen den Jungen die frische Seeluft und den Blick aufs Meer. Sie sind in ihren dumpfen, engen Gassen geblieben. Dort kauern sie auf den Treppenstufen vor den Hauseingängen: gesondert nach Geschlechtern — hier die Männer und dort die Frauen. Wie aus Stein gemeisselt sitzen sie in ihrem Sonntagsstaat da. Nicht Freude, nicht Schmerz, nicht Erwartung bewegt diese runzligen, gelben Gesichter. Sie schauen nicht dem Fremdling nach, der durch ihre Strassen schlendert. Kein Fünkchen Neugier blitzt in ihren alten Augen auf. Und wären nicht die grossäugigen, laut lärmenden Kinder — auch kein Lachen ertönte in diesen sonnenleeren Gassen der Judenstadt.

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