Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 11 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 11. "JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 losigkeit, nur durch, die Motivierung mit Feigheit garniert. Gleichfalls: die überzeugten „Konfessionslosen,“ Eine Abart des homo sapiens, der man mit Vorsicht zu begegnen hat. Haben sich meistens „durchgerungen.“ Durch die mystischen Zweifel, durch den qualmenden Wust der Tradition und das Gift einer bigotten Erziehung zum Theismus, Monismus, Häekelismus, Atheismus. Siehe den grossen Anatole France: „Die Vorstellung von den sittlichen Wirkungen der Religion ist ein unbedachter Trägheitsschluss.“ Was sie sind, als das wollen sie gelten. Siehe den tiefen Peter Altenberg: „Sei, der du bist, nicht mehr, nicht weniger!“ Sind glaubenslos, wollen es daher auch in den Rubriken des Magistrates sein. Dem Stamme nach — bekennen sie mit treuherzig-intelligentem Blick, die Hand an der Brust — sind wir natürlich nach wie vor Juden. Manche sind sogar national („das hat mit Religion nichts zu tun“) und überhaupt innerlich vollkommene Juden („glauben Sie, äusserlich nicht, Herr Korany?“) Mit Verlaub: die mosaische Lehre ist das einzige dokumentierende Band für die jüdische Einheit; in der Wiege liegt der nationale Gedanke und wird noch lange, ach lange brauchen, ehe er die versprengten Volks-Plasmen zu einem vitalen Organismus zusammensaugt. Wer sich heute und morgen ausserhalb der religiösen Mauer stellt, wil d von den andern nicht als voller „Jude“ betrachtet, von den eigenen als solcher nicht anerkannt. Weiters ist der jüdische Glaube nicht eine grenzenlose Seligkeitslehre wie die Offenbarung und der Koran, die ihre Sendlinge hingehen lassen zu allen Völkern, um das Wort zu predigen, hier mit Demut, dort mit Feuer und Krummsäbel. Moses schuf eine tief völkische Stammesreligion, die ihre wundervolle Eigenart aus dem kreisenden, heissen Volkblut holt und sie durch dreitausend Jahre wieder ausströmt. Ist ein immens nationales Monument. Carlyle nennt die Mahäbanata den „Pentateuch des Indra“; ein feiner plastischer Ausdruck auch für uns. Hnd endlich — ad „konfessionslos“ — ist ein öffentlich registrierter Unglaube auch ein Glaube, eine anämische, schönheitslose Fratze eines Glaubens. Denn wer sich wahrhaft durch den herkulischen Hydra-Kampf der seelischen Gott-Sehnsucht durchgerungen, in tausend Fiberschauen sich den vollendeten, intransigenten, trostlosen Rationalismus erobert hat, hat gewiss die liliputanische [Eitelkeit verloren, diesen Sieg aktenmässig feststellen zu lassen. Meistens dürfte der Untergrund > zu dem „Emporringen zu einer freieren, höheren Ursachen. . ... Benjamin dient und Jahrzeit haben wir neun Tage im Adar. Man spricht hier schon sehr viel von der Cholera — das fehlt uns noch. Sonst habe ich Dir kein Neues mehr zu berichten. Bleibe gesund und glücklich. Grüsse dort jeden besonders freundlich und habe . keinen Kummer, Jankel. Juden waren Juden und werden Juden bleiben! Von Deinem Bruder Jisroel. P. S. Das Wichtigste habe ich vergessen, Jankel! Ich habe Dir nämlich nicht berichtet, dass wir jetzt „wojenne polozenie“ haben. Weisst Du, was das heisst „wojenne polozenie“? Nein, Du weisst es nicht. Zu Deinen Zeiten gab es noch hier kein „wojenne polozenie“. Das ist so: Es gehen hier in den Gassen viele Soldaten und Kosaken herum und wenn die Sonne untergeht, darf sich kein Sterblicher auf die Gasse trauen. Und gehst Du hinaus und begegnest einem Kosaken, sagt er Dir „stöj“! (steh!) — Du musst stehen bleiben und er beginnt Dich zu durchsuchen. Er sucht Dir alle Taschen ab und was er bei Dir findet, gehört ihm. Findet er Geld — gehört es ihm; findet er bei Dir eine Uhr — ihm; eine Kette — ihm; ein Taschenmesser, eine Börse, Brieftasche, Zigarrenspitze — alles gehört ihm. Und Du stehst wie ein Klotz und schweigst, sonst bekommst Du entweder von der rechten Seite mit dem Kolben über den Rücken oder von Weltaufifassung“, wie der freiheitlich-soziale Ofner-Schwätzer sich auszudrücken beliebt, eine Erhöhung der Kultussteuer sein um Kronen zehn — — Resume: Wie allüberall sind auch bei uns die Marannen eine tief-verächtliche, schwer uns schädigende Sippe; und wir sind erbärmlich schwach gegen sie. Wir züchten fast den giftigen Pilz. Es ist an der Zeit vorzugehen. Rücksichtslos, calvinisch. Sonst verseuchen sie uns. Es wäre Sache unserer Besten, Stärksten, Tapfersten, über diese Campagne nachzudenken, sie vorzubereiten und wie einen ernsten Krieg zu führen. Wien. Beda. Zum Haager Kongress. ii. Der synthetische Zionismus. In Nr. 9 dieses Blattes gab Gg. Dr. Paul Weisengrün der Meinung Ausdruck, dass die von ihm vertretene Auflassung des Zionismus — die sog. „synthetische“ Richtug — am achten Kongress zum Durchbruch gelangt sei. Ich stimme mit Dr. Weisengrün in der Auflassung des Zionismus überein und wünschte daher sehr, dass er mit der Beurteilung des Kongresses recht hätte. Leider ist dies aber nicht der Fall. Das Problem ist im Haag kaum gestreift worden. In der Päläsina-Debatte hatte ich flüchtig darauf hingewiesen. Ich sagte, dass die „Heimstätte“ ja nur eine formale Existenzbedingung unseres Volkes sei. W i e man aber hineinwachsen könne, welchen Inhalt unsere künftige nationale Existenz haben solle, davon stehe in unserer Programmformel nichts. Die bekannten Zusätze zum Baseler Programm, welche die Mittel zur Erreichung des Zieles aufzählten, sind in die Formel nicht offiziell aufgenommen worden, was Punkt 1 unseres Organisationsstatutes beweist, und damit in Vergessenheit geraten. So konnte es kommen, dass von mancher Sei'e ein rein formaler Zionismus konstruiert wurde, der mit Berufung auf das Baseler Programm .den Zionisten das Recht zur Betätigung auf wichtigen Gebieten jüdischen Lebens bestreiten oder zumindest behaupten wollte, diese Betätigung hätte mit dem Zionismus „nichts zu tun“! Heute, wo die Entwicklung dazu drängt, den Zionismus immer mehr organisch aufzufassen, wäre es dringend nötig gewesen, dass der Kongress erklärt hätte: Alles, was geeignet ist, unser Volk, sowohl in Palästina als auch in der Diaspora, zu fördern, ist zionistische Aibeit, trägt mittelbar oder unmittelbar zur Erreichung unseres Zieles bei und entwickelt den Inhalt unserer nationalen Renaissanc. der linken Seite über den Kopf — das nennt man „wojenne polozenie.“ . . . Bleib gesund, Jankel, und grüsse alle — und Juden sind Juden! . . . Obiger. (Uebersetzt von M. Geyer.) Die Judenstadt. Wer aus dem Westen nach dem europäischen Orient kommt, kennt sich nicht gleich aus, ob er einen Türken, einen Arnauten, einen Bulgaren, einen Griechen oder einen Juden vor sich hat. Er muss erst sehen lernen hier unten in Saloniki, dann lernt er auch unterscheiden. Und dann sind auch diese Juden — und es gibt fast nur Juden: von 130.000Einwohnern sind es 95.000 — den Juden bei uns zu Lande so ganz unähnlich. Es sind hochgewachsene, hagere Menschen mit klugen und stolzen Augen. Männer mit langen Patriarchenbärten und pelzverbrämten Kaftans durcheilen die schmalen Gassen. Ueppige und doch elastische Frauen mit schwarzen Augen und einer grünbebänderten Haube halten in schattigen Winkeln ihren Morgenschwatz. Kleine Judenkinder lärmen und lachen auf den Strassen. Fast jede Gasse hat ihre Synagoge. Die in vier Sprachen gehaltenen Firmenschilder der Kaufläden weisen neben den Lettern der lateinischen, türkischen Die Stürme der Palästina-Debatte brausten über diese Andeutung hinweg und in dem inhaltsreichen und hochdramatischen Kampfe zwischen „Politikern“ und „Praktikern“ waren die Stellungen der beiden Gruppen noch nach diesen alten Parteischablonen orientiert. Das kann nicht überraschen, denn der Kampf um eine neue Auffassung des Zionismus hätte in die allgemeine Debatte gehört. In dieser hätte eine Aussprache herbeigeführt werden sollen, welche dann auf den Gang der weiteren Debatten klärend gewirkt und beispielsweise verhindert hätte, dass die Streiter der Palästina- Debatte an einander vorbeidiskutieren, wie es vielfach der Fall war. (Weizmann hatte dafür das richtige Gefühl, als er Dr. Marmorek zurief: Wir unterscheiden uns ja nur im Ton!) Aber es gab keine Generaldebatte über unsere Grundprinzipien, sondern nur eine „allgemeine“ Debatte über den Bericht der Leitung. Schuld daran war der Mangel einer richtig disponierten Tagesordnung, welche die Materien nach ihrem inneren Zusammenhang geordnet zur Diskussion gestellt hätte. Dazu kam, dass das Referat über die innerpolitischeTätigkeit der Zionisten, welches in Nr. 30 der „Welt* angekündigt worden war, wieder von der Tagesordnung abgesetzt wurde. Im Berichte des Zentralbureaus selbst war von dem grossen Umschwung, welcher in den Anschauungen weiter zionistischer Kreise in den letzten zwei Jahren stattgefunden hat, kein Hauch zu verspüren. Die Leitung wollte auch keine Resolution zulassen, welche irgendwie als Interpretation des Baseler Programmps hätte gedeutet werden können, obzwar der Kongress gewiss das Recht und die Pflicht hat, eine solche zu schaffen Kein Wunder, wenn darum die Dürftigkeit der allgemeinen Debatte uns alle schwer enttäuschte. Man klagte die Leitung an, dass sie die Dinge nicht überschaue und aus übprgrosser Aengstlichkeit eine prinzipiellen Debatte verhindere. Vielleicht war es aber doch richtig, eine solche aut diesem Kongress nicht zu provozieren. Denn die Entwicklnngsphase, in welcher der Zionismus heute steht, ist noch viel zu neu. alles noch in Gährung begriffen, die Orientierung mangels theoretischer Durchbildung der Materie und längerer praktischer Erfahrungen noch nicht sicher genug. Ausserdem fehlt den vielen Föderationen. welche durch ihre Situation jene Entwicklung teilweise nur von fernp und von aussen sehen können, heute noch die Möglichkeit, sie richtig zu beurteilen. Aus diesen Gründen ist es vielleicht besser gewesen, dass sieb der Kongress mit manchen Fragen nicht beschäftigt und sich auf eine allgemeine prinzipielle Debatte nicht eingelassen hat. Der „synthetische* Zionismus hat also und griechischen Schrift auch die der hebräischen auf. Ja, mancher Strassennamen ist an den Ecken der Gassen nicht nur auf türkisch, sondern auch aut hebräisch verzeichnet. Es gibt wohl kaum eine Tätigkeit, kaum ein Geschäft in Saloniki — ausser dem Verkauf von Schweinefleisch —, das der Jude nicht betreibt. Als Hamal (Lastträger) schleppt er im Hafen die schwersten Lasten. Als Stiefelputzer, der für einen Metallik (vier Pfennig) arbeitet, drückt er sich an den Strassenecken, vor den Cafes und Speisehäusern herum. Als Händler durchzieht er laut schreiend mit seinem Tragbügel, an dem zwei Riesenkörbe mit Geflügel, Obst oder Grünkram baumeln, die Gassen der Stadt. Als Limonadenverkäufer preist er den Inhalt seines mit Blumen geschmückten riesigen Tonkruges an. Er ist Barbier und Arzt, Kommissionär und Gelegenheitsmacher. Aber er ist auch Handwerker. Wir finden ihn als Glaser und Schuhmacher, als Sattler und Tischler, als Maurer und Goldarbeiter, als Bäcker und Fleischer. In dem grossen Bazar in der Mitte der Sabri Paschastrasse ist der Jude der alles beherrschende Geschäftsmann. Hier schachert er im Kleinhandel und hier hält er elegante Etablissements, wie sie Wien und Paris nicht besser bieten können, dem kauflustigen Publikum offen. In den grossen Banken sitzen Juden an den massgebenden Stellen. Juden