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Jüdische Zeitung · 1907-09-27 · 11 (27.9.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
11 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11. Politik der Unaufrichtigkeit, Unentschlossenheit und Ziellosigkeit, besonders deutlich vor Augen und zwingt sie in logischer Konsequenz, ihr politisches Schicksal auf nationaler Basis in gesündere Bahnen zu lenken und selbst zu schmieden. Sie büssen heute die Sünden Scheinliberaler Parteiführer durch Verlust jeden politischen Einflusses und müssen die drückende Last eines antisemitischen Parteiregimes tragen. Die Geschichte des Wiener Liberalismus wird einst zu den lehrreichsten Kapiteln schrankenloser jüdischer Assimilationspolitik gehören. Täuflinge. Wir sind erbärmlich dürre Schwachmenschen gegen unsere Renegaten. Gehen nie über ein unnützes Lispeln hinaus. Im trauten Kreis, in gutjüdischer Atmosphäre fallen starke Worte über .solche“; da hält es der eine für eine Charakterlosigkeit, der andere rundweg für eine Gemeinheit. Aber draussen, in gemischter Luft, wird man friedsamer, nachgiebiger. .Der Mann — was wollen Sie? — will Carriöre machen, war sterblich verliebt, hat keinen Dunst vom Judentum gehabt. Und schliesslich, er hat gute Maniei en, ist pietätvoll gegen die Seinen, tut was für die Juden. Überhaupt, ist vielleicht im Jnnera ein besserer Jude als die Gauuer, die sich im Tempel die Brust wund schlagen und tags darauf Pleite machen.“ Und so sitzt der Maranne an unserem reinen Tisch, tut sich gütlich an unserer wohligen Gemütswärme, schlürft unbeanstandet das Intelligenz- Fluidum der jüdischen Gemeinschaft. Dann geht er in die „höhere“ Sphäre, breitet die Schätze aus, die er bei uns gehoben, und wird Rat, Kronenritter, Stabsoffizier und Freiherr. Erklärt das Judentum in Bausch und Bogen für drückend, überflüssig, unzeitgemäss, schneidet ätzende Witze aus der ghettokranken Haut des jüdischen Volkes und tritt für Albanesen, Buren, entlassene Sträflinge, Hetären und Lohnarbeiter ein, und entrüstet sich nach dem Frühstück über die .aller Zivilisation hohnsprechenden“ Zustände im Reiche des Zar. Bis hieher ein harmloses Subjekt. Geht wie ein Gockel auf dem Misthaufen grossstädtischer Kultur, hat Beziehungen, heiratet eine Null mit Nullen, und ist Schnittlauch auf allen Suppen. Aber dabei bleibts nicht. Der Mann steigt behende von Staffel zu Staffel und ist bald auf einer Höhe, von der ihn die wimmelnde gibt, hat das Komitee sehr wenig Geld und leider sehr viele Bedürftige. Denn jeden Tag kommen neue Arme hinzu. Sie strömen nämlich alle in die Städte, wo bereits ein Pogrom war. Hier, glauben sie nämlich, sind sie sicherer. Hauptsächlich bei uns. . Bei uns war doch der Pogrom stärker als überall. Man behauptet zwar, dass in Odessa wieder ein gewaltiger Pogrom war. Aber wie kommt Odessa zu uns? Odessa kann uns noch die Stiefel putzen! Wo fiadet man denn eine Stadt, in der nicht einmal ein Pfund Zucker, ein Brot, ein Zündbölzel, ein bischen Wasser zu haben ist. Mit einem Worte, nichts! Kurz, ich will Dir gar nicht so viel Kummer bereiten. Gott wird schon Erbarmen haben. Wir werden es gewiss überstehen. Juden haben schon grössere Not überstanden und sind nicht untergegangen. Es ist gewiss, es lebt sich hier jetzt nicht besonders gut. Das Komitee hat schon kein Geld. Es laufen sehr spärlich Spenden ein, es kann ja niemand mehr geben. Es sei denn vom Ausland, aus Amerika. Da wird es gewiss nicht bis zu uns kommen. Denn Odessa, sagen sie, ist wichtiger. Ich weiss zwar nicht warum, Thorarollen hat man bei uns zerrissen, genau so wie in Odessa, Frauen vergewaltigt wie in Odessa, Kinder geschlachtet wie in Odessa, alte Juden in Talles und Tefilin mit Petroleum begossen und angezündet wie in Odessa. Menge sieht. Und die Menge hat — es ist schon so — die dort oben nicht sonderlich gern. Sie stehn zu sehr in der.Sonne. Des Goldes, des Ruhms, der Macht. Das Murren aus den düsteren Tiefen richtet sich gegen den Mann auf der hohen Staffel. Die Silhouette in der Sonne hat eine krumme Nase. Und der Hass bekommt Direktion. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Renegat gefährlich wird. Sein wurmstichiger Charakter, gewohnt alles zur Seite zu räumen, was im Bergauf-Wege liegt, empfindet die Last des Blutes wie eine angeborne Schmach. Statt durch erhöhte Menschlichkeit die phäffisch aufgekitzelte Plebs- Bestie zu sänftigen, entwickelt sich in dem „hohen“ Herrn ein atavistischer Hass gegen die armen, gehetzten, jüdischen Untermenschen, die „schmutzig, betrügerisch und unappetitlichsind, natürlich jeden anständigen Menschen zum Antisemiten machen müssen.“ Er kann wohl nicht mitheulen mit der räudigen Buttiken-Hyäne, färbt seine perverse Feindseligkeit kulturgemäss, chamberlainistisch, ästhetisch und schadet den Blutbrüdern mehr als tausend alkoholisierte Rowdys. Er nimmt wegen des verganischen Gekläffes keine jüdischen Arbeiter, Beamte, Angestellten, zwingt seelenschwache Hungerleider zur Taufe und spricht von der „Verjudung“ wie von einer scheusslichen Infektion; auf der andern Seite schraubt der exzitierte Mob die wirtschaftliche und politische Gavotte noch fester um den abgehärmten Hals des jüdischen Proleten — wegen des Juden auf der hohen Staffel. Jetzt ist ihm naturgemäss von unserer Seite nicht mehr beizukommen. Ordensketten glitzern im stolzen Bogen über seine goldsirotzende Ordenspracht, seine Visitkarte hat den Text eines kleinen Romans. Der Graf und Idiot X. sagt ihm Du (kleine Wechselverbindlichkeit), der Minister Y lässt sich von dem „jüdischen Koppel“ die Etats-Reden stilisieren und der Kunst-Riese Z. malt für mäzenatische Cheks die werte Familie samt Huud und Automobil. Die Villa am Gardasee ist von Olbrich entworfen, von Portois & Fix möbliert. — Wir tanzten anno Tobak bereits ums goldene Kalb. Der Tanz ist nicht unmodern geworden. Im Gegenteil. Er ist lebhafter, bewegter, sinnlicher, eine Art Matchiche oder Cake-Walk um das vierzehnkaratige Säugetier. Und schliesslich ist man in den Gemeindestuben Israels, die nach alten Kleidern und muffigen Prinzipien riechen, auf „Ihn“ stolz. „Ein gediegener Mensch, kolossale Arbeitskraft! Ein Genie.“ Und dann das jubelnde' „Er ist unser.“ Und der Schames Welchen Vorzug hat also Odessa? Der ganze Unterschied besteht nur darin, dass in Odessa vielleicht doch noch ein paar Reiche zurückgeblieben sind, nur so als Kuriosum — wir aber sind geblieben arm, elend und dürftig, reif zum Bettelstab. Und in solchen Tagen willst Du zu Kewer-Owous (Besuch der Familiengräber) kommen? Jankel, bist Du verrückt oder nicht bei Sinnen? Sitze dort, solange man Dich nicht mit Stöcken hinaustreibt! Wenn es dann ganz ruhig wird, werde ich Dir schreiben, dass Du kommen kannst. Dann gehen wir zusammen auf den Friedhof. Wir haben dort einen ansehnlichen Familienzuwachs bekommen. Von Bekannten gar nichts zu reden. . . . Sonst gibts hier gar kein Neues. Ausser von Herschel, dass er bei Port Artur gefallen ist; das weisst Dü gewiss. Dass Nechemia während des grossen Streiks getötet wurde, habe ich Dir wahrscheinlich auch bereits geschrieben. Möge er dort im Paradiese ruhen! Schade nur um seine arme Slate. Man sagt, sie ist oft ganz verstört vor Kummer. Ist es doch keine Kleinigkeit, in einer Woche den Mann und zwei Kinder zu verlieren. Und solche Kinder! Awrom Mojsche ist jetzt schon sicher in Amerika. Und unser Mottel ist einfach wie verschollen. Man weiss nicht, wo er ist. Ist er eingesperrt oder gestorben oder entflohen? , Es sind viele so verschwunden bei uns, ganz fügt hinzu: „Sein Grossvater, Gott hab ihn selig, hat kein Wort Deutsch gekannt, war ein ganz gewöhnlicher Schochet in Podhayce.“ Aber alle diese Abzesse am Leibe des jüdischen Volkes gehen nicht so auf. Mancher, der durchs Wasser ging, um ins Trockene zu kommen, hungert mit dem Sakramente der Taufe versehen in den glänzenden Kasematten der neunten und achten Rangsklasse oder wird — lebhaft macht sich schon die Rassenströmung geltend — trotz Baptisma und Levation „wegen Ueberfüllung“ abgelehnt und geht einem gutjüdischen Beruf, wie Advokat oder Journalist, in verdrossener Laune nach. Aber etwas will man ja doch davon haben; und man wird Antisemit. Sind viele dieser Verunglückten Schosskinder der katholischen Kirche. Und nun die sittliche Wesensart in diesen angefaulten Familien: Der Sohn — natürlich — kriecht gleich bei Geburt oder spätestens nach der Matura zum Kreuz. Der Papa und die Mama habens nicht getan aus „Pietät“, wegen irgend eines unsympathisch verklauselten Testaments oder weil „ich zu alt bin.“ Im Grund genommen eine anrüchige Transzedental-Feigheit. Und die Töchter? Die jüdischen Ehen sind besser, sicher. Aber wenn schliesslich ein Offizier oder — mboh, man lässt sie einfach konfessionslos erklären, jederzeit parat zum Sprung hiehin oder dorthin. Sie liegen sozusagen transito — — — — Zuviel Schmutz, meinen Sie? Zu grell die Farben? Kaum. Zugegeben: es gibt Fälle der Apostasie, die aus einer blutigen Notwendigkeit entspringen. Wenn der brennende Hunger einen kirre macht oder eine narkotische Brunst. Die Scheiterhaufen Torquemadas und die „eiserne Jungfrau“ der Kongregatio de propaganda fide sind wohl stärkere Triebfedern gewesen und blieben bei Tausenden sonder Wirkung. Doch es ist unbilliges Verlangen, ein ganzes Volk von Helden und Blutzeugen zu wollen. Wir lassen den Zwang gelten wie das trockene Gesetz: Vis compulsiva, metus qui cadet in constantem virum. Wir raten aber zu ausserordentlicher Skepsis. In achtundneunzig Affairen ist das ganze „Ich musste* ein fadenscheiniges Mäntelchen für die entblösste Scham. Wenn ein jüdischer Intelligenzler das Mädel von der Nähmaschine oder dem Ladenpult in seine gutgepolsterte Existenz erhebt, erscheint ein Charakteropfer „ihr zulieb“ entweder schwächlich oder erlogen. Und das Avancement vom Finanz - Offizial zum Revidenten ist auch nicht der oberwähnte wirtschaftliche Zwang. Wie gesagt in achtundneunzig Fällen ebendieselbe Charakterspurlos . . . Sonst sind wir vorderhand gesund und stark, nur meine Chane Ruchei klagt etwas über Herzweh. Kein Wunder, diese Angst! Zwei volle Tage am Dachboden versteckt liegen und hören zu müssen, wie man fortwährend schiesst, raubt und Sch’ma j i s r o e 1 ruft! Bonz und Chane sitzen noch.. . Wer weiss, wann sie endlich frei kommen? Ich glaube, sie wissen gar nicht, dass man den Josef aufgehängt hat, oder vielleicht wissen sie es schon. . . . Mosche ist abgebrannt wie ein Strohdach. Ein Glück noch, dass die nackten Seelen gerettet wurden. Meine Kinder siiid zu Hause. Wie darf man denn jetzt ans Cheder denken? . . . Meine Maschine hat man noch vor dem Pogrom verkauft. Eine Kuh habe ich noch gehabt, da fällt ihr ein plötzlich zu krepiren. . . . Broche ist heute schrecklich arm und Alter fehlt auch viel zum Reichsein. Er stirbt Hungers dreimal im Tage. Den Leiser Schmul hat man vor ein paar Tagen wegen seines Passes weggeschickt; geschieht ihm recht — wer kann ihm was dafür? Er hätte seine Gemeinde, so lange um einen Pass bestürmen sollen, bis sie ihm endlich doch einen zugeschickt hätte. Mendel hat sich gar ausgezeichnet benommen, er ist gestorben. Besonders geschickt! Manche sagen wegen Schwindsucht, manche wieder sagen vor Hunger; ich glaube aus beiden

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