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Jüdische Zeitung · 1907-09-27 · 11 (27.9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
11 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Türkenstrasse Nr. 9, Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. —— Einzelne Nummern 20 Heller. ■■ ■ Abonnementspreise: ln Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. ln Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 11. Die Herren von Niederösterreich. Die Christlichsozialen gehen im niederösterreichischen Landtag daran, ihre politische Zukunft sicherzustellen und ihre Herrschaft über das Land Niederösterreich gesetzlich festzulegen. Sie erweisen sich dabei als die rücksichtslosen und geschickten Parteipolitiker, als die man sie in der lehrreichen Geschichte ihres politischen Aufstieges kennen zu lernen Schritt für Schritt Gelegenheit hatte. Unter der Maske einer demokratischen Reform verbirgt sich, wie es bei der Wiener Gemeinderats wahlreform ganz durchsichtig der Fall war, die Etablierung und Permanenzerklärung des christlichsozialen Parteiregiments. Es war vorauszusehen, dass die Christlichsozialen im Landtag, den sie unbeschränkt beherrschen,' am Feuer der Wahlrechtsbewegung werden ihr Süppchen kochen wollen. Aber so ganz skrupellose Ausnützung einer Majorität und gar zu parteimäßige Gesetzesmache kommt doch ein wenig überraschend. Sie ist zu plump und verrät in jeder Zeile das überschäumende Machtgetühl, dem sie entsprungen ist. Die Christlichsozialen scheinen, wie einst unter Körber vor der Sanktionierung des neuen Wiener Gemeindestatuts, der Regierung sehr sicher zu sein und pochen natürlich auf die parlamentarische Macht, die sie heute schon haben und die wachsen wird, Wien, Freitag, den »27. September 1907. 1 —T— ' ■—■— wenn christlichsozi^le Parteimänner in den Ministerrat einziehen. Es wird die Krönung ihres politischen Siegeszuges sein und auch wohl das Ende eines nennenswerten Widerstandes der Liberalen. Unsere Liberalen! Wenn sie ihr völliges politisches Debacle in Wien nicht durch ihre ganze Wesensart verschuldet und mit bewunderungswerter Unfähigkeit vorbereitet hätten, man müsste mit dem tragischen Geschick einer einst mächtigen Partei und mit der schmählichen Rolle, die sie im Wiener politischen Leben spielen, aufrichtiges Mitleid empfinden. Wer fragt heute bei der Wahlreform nach den Liberalen? und raffen sie sich überhaupt noch zu irgend einer halbwegs ernsten Opposition auf? Der ganze Kampf spielt sich,- wie sek. Jahren, zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten ab, Liberale bilden kaum Staffage, zählen nicht mehr mit. Die liberale Presse markiert nur Widerstand, zahm, vorsichtig, ohne tieferes Interesse. Auch sie hat den Kampf schon aufgegeben und fügt sich ins Unvermeidliche, liebäugelt sogar mit dem christlichsozialen Anhang und seinen Führern.Die juristischen Kanonen, die sie im Scheinkampf gegen christlichsoziale Gesetzesprojekte auffahren lässt, Baron Hock, Dr. Vogler, Dr. Hein, ändern an dem Kamplbild und seinem Ernste nichts. Die blinden Schüsse, die sie abgeben, verwunden den Gegner nicht und I. Jahrgang. verpuffen wirkungslos. Das liberale Wiener Bürgertum, das nur zur Zeit von Wahlen hie und da in einem Bezirke auf der Bildfläche erscheint, hilflose Häuflein, ohne Führung und festes Ziel, ist durch solche lendenlahme Zeitungsartikel abgetaner oder zufällig in Mode befindlicher liberaler »Führer» nicht aufzupulvern. Es hat längst abdiziert und lebt nur noch in der überhitzten Phantasie kritikloser Versammlungsredner und geschäftskundiger Zeitungsmacher. So restlos und gründlichhatselten eine Partei abgewirtschaftet wie die Wiener Liberalen. Solche Gegner über den Haufen zu rennen und sich zur Herrin des Landes aufzuschwingen, konnte einer Partei, die über ein zugkräftiges Programm und agitatorisches Geschick verfügt, die jeder Rücksicht auf den Gegner bar ist und mit zähester Energie ihren Weg verfolgt, nicht schwer fallen. Die totale Einflusslosigkeit der Liberalen in Wien und Niederösterreieh erleichtert so den Christlichsozialen ihr gleissnerisches Reformwerk. Sie lässt diejenigen, die noch immer an eine politische Renaissance des Liberalismus und insbesondere seiner schlechtesten Spielart, des Wiener Liberalismus, glauben, als unverbesserliche und unreife politische Schwärmer erscheinen. Der niederösterreichische Landtag und die Entwicklung der Landtagswahlreform führt den Juden die Folgen halbschlächtiger liberaler Politik, einer FEUILLETON. Gar kein Neues. (Brief eines simplen Handwerkers an seinen Bruder in Amerika.) Ans dem Jüdischen des Scholem Alejehern. Jankel! Warum quälst Du denn immer, dass man Dir Neues und nur Neues schreiben möge? Du glaubst gewiss, dass wir hier nichts anderes zu tun haben als Briefe zu schreiben. Es sieht so aus, als würdet Ihr drüben immer die Zeitungen lesen und glauben, dass sich hier die ganze Welt umdrehe. Geh, mach Dir nichts daraus — lauter Lug und Trug! Es ist wahr, es war bei uns etwas los — es war vielleicht mehr als etwas, aber jetzt ist es ruhig und wir fürchten keinen Pogrom mehr. Denn er war schon da, verstehst Du, und zweimal kommt er selten, sehr selten vor. Nur in Kischenew war zweimal Pogrom. Kischenew ist aber auch ein ganz eigentümlicher Ort. Obwohl es auch bei uns nicht ärger, ich will sagen: nicht besser war als in Kischenew. Die gleichen Grausamkeiten und die gleichen Morde wie in Kischenew. Und begonnen hat es durch ein böses Auge. Wir haben, verstehst Du, fortwährend geprahlt, dass überall, in ganz Russland, gleich nach der .Konstitution* Pogrome waren, nur bei uns nicht. Bis auch zu uns einer kam. Eingeleitet ward er war mit Gejohle und mit Pfeifen, mit Scheibenzertrümmem und mit Lebensgefahr! Am wilden Geschrei „bij zydöw* (schlaget die Juden!) sollte man merken, dass es auf uns abgesehen war. Bevor wir uns noch recht umsehen konnten, war schon der Marktplatz dicht gefüllt mit den schönen Hooligans — der Teufel weiss, woher sie kamen — und schon waren die Laden zerstört, die Waren verschleppt, aus den Häusern flogen Federn über die Gassen, man hörte das Jammern von Frauen und Kindern, einen Lärm, es war schrecklich. Da griffen wir Handwerker zu unserem Werkzeug und wollten uns entgegenstellen. Aber die zarte Liebe der kosakischen Nagajka liess uns bald erkennen, dass es für uns viel ärger ist, wenn wir uns entgegenstellen; denn dann wird man direkt in die Häuser schiessen. Wir mussten also diesen Plan aufgeben und ganz einfach mit Weib und Kind auf den Dachboden klettern oder in die Keller wandern, dort zwei Tage und zwei Nächte liegen, ohne etwas zu gemessen. Erst am dritten Tage, da nichts mehr zu rauben und niemand mehr zu erschlagen war, wurde es, Gott sei Dank, still und wir trauten uns heraus aus unserem Versteck. Was wir nun erblickten, ist nicht zu schildern. Ich kann Dir nur sagen — Kischenew ist nichts dagegen. Wir sollten Gott danken, dass wir wenigstens mit dem Leben davonkamen — ausser dem Onkel Lippe, der mit zwei Söhnen Noa und Samuel getötet wurde. Den Meilech stürzte man vom zweiten Stock hinab und Perü von der Tante Chane fand man mit aufgeschnittenem, mit Federn angefülltem Bauch. Ihr kleines Kind Reisele hat man erwürgt. Also im ganzen sind von unserer Familie sechs Personen umgebracht worden. Das ist noch gnädig. In anderen Häusern sind viel mehr umgekommen. So z. B. hat man dem Kürschner Bertschi die ganze Stube von allen Seiten angezündet und es heisst, dass dort zwölf oder dreizehn Personen verbrannt sind. Man weiss es noch nicht genau, denn sein jüngerer Sohn Bezalel gehörte dem .Schiesser-Verbände* an. Er ist vielleicht noch am Leben, er liegt nur irgendwo versteckt. Da weiss ich auch nicht, was besser ist! Doch ärger als mit allen ging man mit Baruch von Mojsche-Awrom und mit seinem Hausgesinde um. Man setzte ihm mit derartigen Grausamkeiten zu, dass ich Dir gar nicht so viel schreiben will . . . Vorläufig liegen wir alle draussen unter der Himmelsdecke oder, wie man es gewöhnlich nennt, unter Gottes Hauskappe und man bringt uns vom Komitee zu essen. Man schickt uns auch sonst Spenden und Lebensmittel aus den Städten, in denen noch kein Pogrom war. Da es aber nur noch sehr wenig solche Städte

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