Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1907-09-20 · 10 (20.9.1907) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
10 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438142-2438152--0096-2439586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10. JÜDISCHE ZEITUNG- Seite 7. flacht gilt diesen Parteien eben alles, das Prinzip nichts. Die Personen wechseln, aber ihre Erben sind gleich charakterlos. Die Deutschnationalen und Deutschradi- 'kalen setzen ebenso die pseudoliberale und -antisemitische Politik der »Freisinnigen“ im deutschen Lager' fori, wie die tschechischen Klerikalen und Agrarier in den Pfaden der -Jung- und Alttschechen wandeln! Wenn es -jetzt wieder Katzbalgereien und Intriguen der •einzelnen Gruppen gegen einander im deutschen •und tschechischen Block gibt, so ist es in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es viel weniger Ministerposten als Kandidaten in den verschiedenen Fraktionen gibt. Speziell die Agrarier, sowie die Alt- und Neuklerikalen deutscher und tschechischer Zunge haltenden Zeitpunktfürgekommen, den deutschen und tschechischen »Freisinnigen“ den Gnadenstoss zu versetzen, deren Vertreter aus dem Ministerium zu verdrängen und durch ihre eigenen Vertrauensmänner zu ersetzen. Bei der Stimmung der Wählerschaft, die teilweise schon •bei den letzten Keichsratswahlen zu Tage trat, •dürfte den Klerikalen und Agrariern die vollständige Depossedierung der deutschen sowie 'tschechischen »Freisinnigen“ und »Nationalradikalen“ nicht schwer fallen. Heute bereits betrachten die Christlichsozialen nach dem Ausspruche eines ihrer Wortführer K. H. Wolf -'sowie die Deutschradikalen als für sie nicht *nehr gefährlich und anderseits zeigt der Umstand, dass Abg. Klofac in einer tschechischen Wählerversammlung niedergezischt und am Tleden verhindert wurde, dass es auch mit den tschechischen ßadicalen bergab geht. Die gewerblichen und bäuerlichen Kreise deutscher wie tschechischer Zunge sind eben müde der •chauvinistischen Phrasen, sie wollen positive wirtschaftliche Arbeit und da sie begreiflicherweise von den marxistischen Doktrinen der Socialdemokratie, welche die Proletarisierung des Mittelstandes als Voraussetzung ihres socialen Staates betrachtet, und von der Verstaatlichung aller Productionsmittel nichts wissen wollen, wenden sie sich in Ermanglung anderer Parteien ebenso den Christlichsozialen und Agrariern zu, wie zahlreiche jüdische Volks- Preise den Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratie wieder hat bei den letzten Reichsratswahlen nur darum so grosse Erfolge errungen, weil sie nicht nur einen sehr grossen Teil der Jüdischen Stimmen, sondern auch in den gemischtsprachigen Gegenden die der beiderseitigen Minoritäten sowie aller Anticlericalen •und radicalen Sozialreformer erhielt. Es scheint aber, dass auch die Sozialdemokratie nun den Höhepunkt in Oesterreich erreicht hat; denn aus den bürgerlichen Kreisen ■hat sie — abgesehen von den jüdischen — •keinen weiteren Zuwachs zu erwarten; in den Arbeiterkreisen machen sich aber immer mehr •unzufriedene Elemente besonders in den Sudeten- 4ändern als Freisozialisten, Anarchisten, Christlichsoziale, deutsch- ■nationale und tschechischnationale •Sozialisten bemerkbar! Die nationalen •und konfessionellen Parteiungen sind eben längst keine Spezialität der Bourgeoisie mehr, sondern sie haben bereits von einem grossen Teile des Proletariates Besitz ergriffen, wo auch der Antisemitismus ebenso wie in -den übrigen Gesellschaftsklassen Triumphe feiert. Die Parteiverhältnisse sind also in den Sudetenländern äusserst trostlose und speziell die Juden haben von keiner der bestehenden Parteien etwas Gutes zu hoffen. Um so dringender ist ®s, dass die Juden sich vollständig vom alten Parteitrödel emanzipieren und um die jungjüdische Fahne scharen mit der Devise: Nationale Autonomie und radicale Sozialreform! Verus. Die Berufsgliederung der Juden in Galizien. Unter diesen Titel veröffentlicht Dr. Jakob Thon (Berlin) in der ,,Ze itsehr if tfür Demographie und Statistik der -Juden" eine Studie, die ihr Material einer soeben erschienenen Publikation des galizischen statistischen Landesamtes entnimmt. Die Schlüsse aus den mitgeteilten Ziffern fördern im allgemeinen keine [Resultate, welche den Kenner der Lage der galizischen Juden irgendwie überraschen würden, immerhin ist es interessant, durch amtlich beglaubigte Ziffern erhärtet zu sehen, was bisher auch ohne Bestätigung durch die Statistik als feststehend galt. Aus den mitgeteilten statistischen Tabellen, die sich auf das Jahr 1900 beziehen, geht hervor, dass mehr als die Hälfte (55'8%) der erwerbstätigen Juden in Handel, Verkehr und Industrie beschäftigt sind, während bei der hauptsächlich (zu 86‘8 %) in der Landwirtschaft tätigen christlichen Bevölkerung nur 8T % auf die genannten 8 Berufe entfallen. Trotzdem ist aber im Verhältnis zu der Berufsgliederung der Juden in anderen Ländern der Perzentsatz der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen in Galizien sehr hoch: 17-7 % d. i. ca. 49000 Personen (mit Angehörigen 116000). Die liberalen Berufe sind etwa zehnmal so stark bei den Juden verbreitet, als bei den Christen, auch »von Renten, Almosen und in Anstalten Lebende* gibt es bei ihnen 2 bis 3mal mehr, »von L ohndi e nsten sich ernährend“ etwa 3 % mal mehr etc. Aus dem Gesammtbild ergibt sich bei den Juden eine recht weit fortgeschrittene, sozial günstige berufliche Differenzierung. Es wäre aber falseh, daraus den Schluss zu ziehen, dass es den Juden durchschnittlich besser gehe als den Christen Galiziens. Im Gegenteil der Perzentsatz der Juden ohne Berufsangabe (44‘8 %) ist enorm hoch, darin findet das viel verbreitete »Luftmenschentum* und die ökonomische Not unter den galizischen Juden einen beredten Ausdruck. Ebenso ist die! Zahl der mithelfenden Familienmitglieder der Berufstätigen bei den Juden viel geringer als bei den Christen. Auf 1000 Erwerbstätige entfallen bei der katholischen Bevölkerung 757,4, bei der jüdischen dagegen 1922,3 nicht erwerbende, von anderen ausgehaltene Personen! Das hat allerdings seinen Grund darin, dass die christliche Bevölkerung vorwiegend in der Landwirtschaft, die Juden in Handel, Industrie und liberalen Berufen tätig sind, ferner im verschiedenen Altersaufbau, da infolge günstigerer Sterblichkeitsverhältnisse im allgemeinen und geringerer Säuglingssterblichkeit insbesondere bei den Juden eine grössere Anzahl von Kindern und Greisen, die nicht beruflich tätig sind, vorhanden ist, als bei den Christen. Am interessantesten ist der Umstand, dass es sich bei Heraushebung der »Selbstständigen* unter den Berufstätigen ergibt, dass von allen Selbständigen in Westgalizien nicht weniger als 82% im Handel und in der Industrie 33 %, in Ostgalizien nicht weniger als 92% im Handel und in der Industrie 48 % Juden sind. Dr. Thon knüpft daran die Bemerkung, das aus diesen Ziffern die k o l’o s s a 1 e w i r tschaftliche Bedeutung der Juden für das Land Galizien hervorgeht. Von der Industrialisierung Galiziens hängt nach allgemeinem Urteil der ökonomische Aufschwung des Landes ab. Es ist aber klar, dass zur Schaffung und Nutzbarmachung von Industrien in erster Reihe die kommerziell und industriell unternehmend tätige Bevölkerung berufen ist, dass anderseits diese Bevölkerung mit dem ganzen Leben des Landes zu eng verwachsen ist, als dass man sie einfach eliminieren oder rasch durch andere Bevölkerungsschichten ersetzen könnte. Eine Förderung der wirtschaftlichen Antriebe und Fähigkeiten der jüdischen Bevölkerung kann dem noch sehr entwicklungsfähigen Lande nur zum Heile gereichen. So urteilt die Wissenschaft. Der praktische, jüdische Politiker wird sich diese Erkenntnis zu Nutzen machen und durch weitere Organisierung der jüdischen Kräfte aus dem gedrückten Stammesgenossen des Ostens einen Machtfaktor machen, der in seiner Hand, richtig benützt, die galizische Politik sowohl zum Wohle der Juden, als auch zum Wohle des Landes selbst nachhaltig beeinflussen wird. Entre nous. Herr Oberstabsarzt nahm mit Schwung sein Deckelglas zum Munde und tranks aufs spezielle Wohl der p. t. Tafelrunde. Der Herr Notar aus Humpolec hebt dankend sein Gesässe: »Ich trinke dieses scheene Glas fir Estreichs Ruhm und Greesse!* Der Kaiserliche Rat i. P. bestellt sich eine Neue und leert sie unter Heilgeschrei der alten deutschen Treue! Da schmunzelt fein sein Nachbarsmann, der Arzt, und rückt ganz nah ihm, und flüstert leise: »Was heisst Heil? Was sagst Du nicht Lechaim??* »Dein Witz“, erwidert ihm der Rat und zupft an der Kravatte, »ist deplaziert. Die andern zwei sind nämlich auch Geschmadte.* Beda. Zeitungsschau. Das „Frankf. Israel. Familienblatt* schreibt in einem Rückblick auf das Jahr 5667: Etwas erfreulicher als die allgemeine Lage ist das innere geistige und politische Leben unseres Volkes im abgelaufenen Jahre. Trotz der allgemeinen Zerrüttung und Zerfahrenheit, die zu Beginn des Jahres in weiten Volkskreisen herrschte und eine einheitliche, zielbewusste national-jüdische Politik, ebenso eine tief ins Volksleben einschneidende kulturelle Wirksamkeit unmöglich machte, hatten wir doch im Laufe des Jahres einzelne erfreuliche Fortschritte nach dieser Richtung zu verzeichnen. Vor allem verdient hier eine gewisse Klärung der Situation in Russland, eine allgemeine Ernüchterung und Selbstbesinnung hervorgehoben zu werden, die auf den verwirrenden Raus.ch des vermeintlichen russischen Frühlings folgte und den Bann der blinden, einseitigen Hingebung an die allgemeine Freiheitsbewegung unter Vernachlässigung der eigenen nationalen Interessen und Bedürfnisse löste. Dies zeigte sich besonders während der Wahlen zur zweiten russischen Reichsduma. Unter Führung der zionistischen Partei entwickelten die jüdischen Wähler eine rege nationale Tätigkeit, die von grosser volkserzieherischer Bedeutung war. Und wenn auch die praktischen Ergebnisse dieses Wahlkampfes für uns sehr minimale waren, so lag dies an den äusseren Zuständen, die nicht von unserer Macht abhängen; es lag an der traurignn exceptionellen Stellung, die wir überall als Minoritätsgruppe einnehmen und die uns zum Spielball fremder Faktoren und Verhältnisse macht. Die national-politische Tätigkeit der Zionisten Russlands hatte jedenfalls die Wirkung, dass sie die jüdischen Massen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, sie für den allgemeinen Kampf um die Lebensinteressen und die Zukunft des jüdischen Volkes geeinigt und diszipliniert hat. Die Wahlkampagne hatte freilich auch ihre Schattenseiten, indem sie die Erbärmlichkeit und Skrupellosigder Gegner der national-jüdischen Bestrebungen von den verschiedenen Lagern und Richtungen ans Tageslicht förderte. Es verdient aber erwähnt zu werden, dass die Massen sich durch die Insinuationen und Verleumdungen der Herren vom »Bund-1 und von der sog. „jüdischen Volksgruppe" ebensowenig beirren, wie die Zionisten sich durch die Beschuldigungen, sie stünden in Verbindung mit der Polizei und Regierung, oder sie beabsichtigten die Juden in der Duma als Ausländer zu denunzieren, aus der Fassung bringen liessen. Durch die politische Arbeit näherten sich die Zionisten den jüdischen Volksmassen und die Massen dem Zionismus. Das Volk erkannte in den Zionisten die treuesten und konsequentesten Verteidiger des Judentums. Die national-politische Betätigung der Zionisten — gemäss den Helsingforser Beschlüssen — hatte somit nicht nur eine Vertiefung der zionistischen Doktrin im Sinne eines umfassenden Programms für alle Probleme des nationalen Lebens, sondern auch eine weitere Verbreitung derselben zur Folge. Dies wurde auch von dem in den letzten Wochen abgehaltenen Zionistenkongress auf das Glänzendste bestätigt. i Vom gleichen Erfolg war auch die nationalpolitische Tätgkeit der österreichischen Zionisten'gekrönt. Hier wurde in diesem Jahre zum ersten Male in den konstitutionellen Kämpfen der verschiedenen Völker stolz und mutig die jüdischnationale Fahne gehisst, zum ersten Maie wurde eine jüdisch-nationale'Vertretung im österrichichen Reichsrat geschaffen, die mit Würde und Hingebung die Ehre und das Wohl der Juden wahren wird! Die jüdische Bevölkerung Galiziens zeigte grosses Verständnis für die national-politische Idee und brachte den zionisti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.