Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Recht, „die Ausdehnung der Geschäfte und der Einflusssphäre unserer Bank ist, so sehr sie hierin im letzten Jahre die deutsche Palästinabank überflügelt und von dem Aufschwung Palästinas den Hauptautzen gezogen hat, so notwendig ist doch die Erzielung ausreichender Gewinne. Nur so ist es möglich, Dividenden zu verteilen, Reserven für kritische Zeiten anzusammeln und den Shares einen breiten Markt im Publikum zu eröffnen.“ Freie Berufe in Palästina. Ganz langsam, aber doch merklich, schafft die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas auch Raum für die jüdische Intelligenz, welche sich in Europa immer mehr von der Proletarisierung bedroht sieht Der letzte Bericht des Allgemeinen Informationsbureaus in Jafla enthält zum Kapitel „Freie Berufe“ folgende Daten: Drei jüdische Aerzte haben sich hier etabliert. Vielleicht ist noch für einen oder zwei in Haifa oder inBeyrut Platz vorhanden. Zwei neue Zahnärzte sind gekommen. Für einen dritten wird es vielleicht in Jerusalem Platz geben, wenn er ganz im europäischen Sinne sich einrichten wird. Ein vermögender diplomierter Apotheker könnte verdienen. Drei neue Hebammen fanden Stellung, eine erhielt eine kommunale Anstellung in Haifa. Alle angekommenen Lehrer und Lehrerinnen fanden Stellungen. Für Spezialisten ist noch immer Platz. Es fehlen Gesang- und Zeichenlehrer. Es waren Nachfragen nach Gouvernanten, die ausser Hebräisch noch eine europäische Sprache beherrschen. Es fanden sich keine. Dienstbotennot in Palästina, Wie das Informationsbureau in Jaffa berichtet, gibt es in Palästina fast Jeeine jüdischen Dienstmädchen. Die in den letzten zwei Jahren angekommenen Mädchen erblicken in diesem Berufe etwas besonders Beleidigendes und wollen ihn nicht annehmen, auch bei Kost und Logis und einem Lohne von 20—30 Francs monatlich. Für manche Familie ist das eine Kalamität und mancher Einwanderer musste dadurch -wegziehen. Die einheimischen jüdischen Mädchen wollen ihr Heim nicht verlassen und mit den arabischen "kann man sich zunächst nicht verständigen. Die Frage wird erledigt sein, wenn ausser intelligenten Mädchen auch einfache, verdienstsuchende Mädchen kommen werden. Die Juden in Marokko. Ueber die künftige Lage der Juden zunächst in Casablanca hatte jüngst der Vertreter der „Alliance Israelite Universelle“ in Tanger eine Unterredung mit dem französischen Platzkommandanten Hangin und dem General Drude. Dabei geschah es, dass Mangln ein «ehr vernünftiges Programm entwickelte, in dem es hiess: „Ich will das Judenviertel, den Mellah, reorganisieren. Ich werde die gegenwärtige Uebergangsperiode benützen, um dis Judenviertel als solches aufzuheben. Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier hygienisch gestalten.“ Und General Drude sagte: „Ich bin überzeugt, dass die Juden durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmasslichkeit den Juden gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren.“ Leider hat die Konferenz von Algeciras das entsetzliche Los der Juden in Marokko nicht einmal theoretisch zu lindern beigetragen. Die Juden in Marokko haben noch ungleich mehr Anlass, Revolutionäre zu sein, •als etwa die Juden in Russland. Trotz aller Pogroms und Ausnahmsgesetze ist das Los der Juden im heiligen russischen Reiche noch beneidenswert im Vergleiche zu dem im scherifischen Reiche. Darf man in diesem Augenblicke zur Kenntnis der Oeffentliehkeit eine Denkschrift bringen, die seit einiger Zeit in den Staatskanzleien einiger europäischen grossstaatlichen Kabinete ruht und in der die Leiden der marokkanischen Juden eingehend geschildert sind? JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10. Der Inhalt der Denkschrift ist nach unseren Informationen im Wesentlichen wie folgt: 1. Die marokkanischen Juden mit Ausnahme derjenigen, <die in den Hafenstädten wohnen, müssen sich in Ghettos (Mellahs) aufhalten, deren Tore des Nachts geschlossen werden. 2. Die Juden werden genötigt, sich durch einen besonderen Anzug kenntlich zu machen, der sie von den Mohamedanern unterscheidet — eine schwarze Mütze und schwarze Schuhe. 3. Ausserhalb des Ghettos (Mellahs) müssen sie barfuss gehen und dazu ihr Haupt entblössen. Wo keine Mellahs sind, müssen sie wenigstens vor den Moscheen ohne Kopfbedeckung und unbeschuht einhergehen. 4. Ausserhalb der Mellahs dürfen sie nur zu Fuss gehen und keine Reittiere benützen. Auch Stöcke dürfen sie nicht tragen. Selbst Greise und Kranke dürfen sich nur eines Schilfrohres als Stütze bedienen . . . Weiter : ln .den Quartieren der Mohamedaner darf der Jude keine Seitenwege einschlagen, um etwa eine schwer passierbare Strasse zu vermeiden, sondern muss die Hauptstrasse gehen. Der Jude ist gezwungen, dem Einheimischen nach links auszuweichen. Tut er dies nicht, so muss er wieder zurückgehen, um richtig auszuweichen. 5. Die Juden, die nach Sonnenuntergang ausserhalb des Ghettos betroffen werden, sind, falls sie nicht die besondere Erlaubnis hiezu erlangt haben, als vogelfrei angesehen und den schwersten Misshandlungen ausgesetzt, für die es keine Sühne gibt. 6. Juden können nur mit Erlaubnis des zuständigen Scheichs reisen oder fortziehen, Reisende Juden dürfen ihre Frauen und Kinder nicht mitnehmen. . Diese müssen sozusagen als Geisel für die Rückkehr der Männer Zurückbleiben. Falls ein Jude auswandert, muss er, wenn ihm. überhaupt die 'Erlaubnis hiezu erteilt wird, eine hohe Auswanderungstaxe bezahlen; Eine auswandernde Frau hat zwanzigmal mehr zu zahlen. Auf diese Weise ist eine Auswanderung etwa einer ganzen Familie unmöglich gemacht. 7. Es ist den Juden nicht gestattet, ihre Häuser über eine gewisse Höhe hinaus zu bauen. 8. Da die Mohamedaner d e Juden als unrein betrachten, so dürfen diese in den mohamedanischen Quartieren nicht von den öffentlichen Brunnen trinken, auch keinWasser von denselben holen. Auch öffentliche Bäder zu benützen, ist den Juden untersagt. Oft genug gestattet man ihnen nicht einmal, in ihren Ghettos zu baden. Nach diesen auf Wohnung und Kleidung bezüglichen Vorschriften sind allerhand andere Beschränkungen in Handel und Wandel aufgezählt. 1. Juden dürfen ausserhalb des Ghettos kein unbewegliches Eigentum erwerben. 2. Den Juden ist es nicht gestattet, in den mohamedanischen Quartieren Warenlager oder Läden zu halten, in denen Waren verkauft werden, die etwa für die mohamedanische Bevölkerung bestimmt wären, wie Kleider, Schuhe, Seidenwaren etc. Jeder Jude, der in einer dieser Industrien tätig ist, muss seine Waren durch einheimische Mohamedaner verkaufen lassen, wodurch ihm nicht selten grosser Schaden zugefügt wird. 3. Wenn die Warenlager, die Eigentum der Regiernng sind und in denen Getreide oder andere Artikel aufbewahrt werden, überfüllt sind, oder wenn der Inhalt durc h langes Lagern verdorben ist, werden die Juden gezwungen, die Waren alsdann zu einem Preise zu erwerben, der dem normaler unversehrter Waren gleichkommt. 4. Jüdische Lieferanten, wie Metzger, Bäcker, Krämer und andere werden gezwungen, an verschiedene Beamte unentgeltlich Waren zu liefern. Weigern sie sich, es zutun, so werden sie in ihrem Geschäftsbetieb gehindert, in ihrer Existenz bedroht, wenn nicht gar vernichtet. Dann werden die furchtbaren Leistungen an Geld und Arbeit aufgezählt, denen die Juden in Marokko wider alles göttliche und menschliche Recht unterworfen sind. 1. Die Juden werden samt Frauen und Töchtern gezwungen, für jede Behörde zu allen Zeiten Arbeit zu leisten, und dies selbst am Sabbath und an ihren heiligsten Festtagen. Dafür wird ihnen eine Zahlung geboten, die weit unter dem in Marokko üblichen Lohn steht. Bei diesen Arbeiten werden die Frauen häufig gezwungen, ohne Kopfbedeckung dazustehen, was bei orthodoxen Jüdinnen einem Unzuchtsvergehen gleichkommt. 2. Die Juden werden gezwungen, Arbeiten zu leisten, zu denen sich die Mohamedaner nicht hergeben, so z. B. Kloaken zu reinigen, Abdeckerdienste zu verrichten und Anderes. Vielfach werden die Juden von den Gouverneuren zwangsweise zu Scharfrichterdiensten angehalten. 3. Wenn die Köpfe von Rebellen oder Verbrechern nach einer Stadt gesendet werden, um am Stadttor öffentlich zur Schau gestellt zu werden, so sind die Juden gezwungen, diese Köpfe einzusalzen, bevor sie öffentlich ausgestellt werden. Selbst am Sabbath sind sie zu solcher Arbeit verhalten und sie setzen sich den grössten Grausamkeiten aus, wenn sie sich mit dem Hinweise auf den Sabbath dessen weigern. Liest man dieses Register raffiniert ersonnener Grausamkeiten, so drängt sich Einem der Gedanke auf, dacs das Mittelalter in Europa ein goldenes Zeitalter war im Vergleiche zu der neuesten Zeit in Marokko. Fester Lloyd. Die Parteiverhältnisse in den Sudetenländern. Der Beginn der Landtagssaison in „den Ländern der böhmischen Krone“ ist zugleich identisch mit der Wiedereröffnung der „politischen Tätigkeit“ der einzelnen deutschen und tschechischen Parteien. Sie tritt in den sattsam bekannten Formen der nationalen, konfessionellen und Klassenverhetzung wieder zu Tage. Die Vorgänge in Prachatitz, Ostrau und Fulnek sind dafür Schulbeispiele! Während die produzierenden Stände des deutschen, tschechischen und jüdischen Volkes über die täglich ungünstiger sich gestaltenden sozialen Verhältnisse, über die Lebensmittelteuerung, den Wohnungswucher, ungenügenden Erwerb klagen, haben unsere Parteibonzen keine andere Sorge, als sich ihre Mandate zu sichern, resp, neue Landtags- und Reichsratsmandate zu erobern. Das bewährteste Mittel hierzu ist in Böhmen, Mähren und Schlesien noch immer die Nationalitätenhetze und der Antisemitismus. Ein Mittel, dessen sich derzeit die Deutschradikalen und Christlichsozialen einerseits und die tschechischen Radikalen und Klerikalen anderseits ebenso bedienen, wie früher die Allliberalen und Deutschnationalen, die Alttschechen und Jungtschechen. Alle diese Parteien, die sich durch viel Geschrei und wenig Ernst auszeichnen, bedeuten eigentlich trotz der verschiedenen Schattierung ein und dasselbe System, das der Systemlosigkeit und Gesinnungslosigkeit. Ihr gemeinsames Programm ist Programmlosigkeit. Der „Liberalismus“ hält die Liberalen nicht ab (wie z. B. vor einigen Tagen in Warnsdorf gegen den Freisozialisten und Naturheilapostel Moritz Schnitzer) mit den Christlichsozialen zu paktieren, ebenso wie die Jungtschechen nach dem alttschechischen Vorbilde mit den tschechischen Klerikalen zum Zwecke der Mandatssicherung Bündnisse schliessen (siehe Fall S t r a n s k y); auch verschmähen die deutschradikalen Judenfresser ebensowenig tschechische und jüdische Stimmen bei den Wahlen, als die grimmigsten tschechischen Exaltados die deutsche oder jüdische Unterstützung. Die politische