Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10. JÜDISCHE ZEITUNG. Wenn wir der Jugend sicher sind, gehört die Zukunft uns und der Sieg unserer Sacke ist gewiss. Kozlöw, GralizieD, im September 1907. Joachim Neiger. Vom Stuttgarter Sozialisten- Kongress. Den sozialdemokratischen Assimilanten, welche in kosmopolitischen und antinationalen Schwärmereien die idealste Betätigung des Internationalismus erblicken, seien folgende,auf dem Stuttgarter Kongress von hervorragenden Führern gemachte Aeusserungen über das Nationale ins Stammbuch empfohlen. Jaures sagte: „Die Nation ist das Schutzhaus des menschlichen Genies und Fortschrittes und es stände dem Proletariat schlecht an, diese kostbaren Gefässe menschlicher Kultur zu zertrümmern.“ Vollmar sagte: „Es ist unwahr, dass der Internationalismus mit dem Antinationalismus identisch sei. Die Liebe zur Menschheit kann uns in keinem Augenblick daran hindern, gute Deutsche zu sein. So sehr wir die gemeinsamen Kulturinteressen anerkennen und die Verhetzung der Völker verdammen und bekämpfen, so wenig geben wir uns ulopistischen Bestreburigen hin. Als ob es wünschenswert sei, Nationen aufhören zu lassen und einen un'erschiedslosen Völkerbrei daraus zu machen!* Der Wiener Dr. Ellenbogen dozierte: „Die Arbeiter jeder einzelnen Nation sollen nichtetwaüie internationaleSolidarität dahin auffassen, dass sie etwa ihre Nationalität zu verleugnen hätten. Im Gegenteil. DieArbeiter aller Nationen haben das Recht un d die Pflicht, andenKulturschätzenihrereigenen Nationmit Lieb eund Begeisterung zu hängen. Sie werden ihre Eigenart umsomehr bewahren, als sie wissen, dass eine Nation gerade durch Bewahrung ihrer Eigenart der Kultur der Gesammtheit am meisten nützt, und sie haben anderseits doch so viel Achtung vor der Eigenart anderer Nationen, dass sie es als Verbrechen ansehen würden, diese etwa von dem Aufsteigen zu höheren Kulturstufen abhalten zu wollen.“ Dr. Ellenbogen wird nächstens sehr erstaunt sein, wenn auch jüdische Arbeiter aus seinen und seiner Genossen schönen Worten die unvermeidlichen Konsequenzen ziehen. Oder sollte für jüdische Arbeiter in praxi nicht gelten, was ex cathedra des Kongresses allen andern so ausführlich gepredigt wurde? Fast scheint es so, wenn man die Worte liest, die sich Dr. Victor Adler über sozialistische Zionisten leisten zu dürfen glaubte. Als in einer Sitzung des internationalen Bureaus darüber debattiert wurde, ob die S.S. (Zionisten-Sozialisten) zur Konferenz zugelasseri werden sollen, hat sich Dr. Adler — selbstverständlich! — gegen die Zulassung ausgesprochen. Das Faktum überrascht ja nicht. Aher d e Art ist charakteristisch. Er sagte: „Ich werde die Zionisten-Sozialisten aus Russland nicht kritisieren, ich kenne sie nicht und muss mich darin auf die Mitteilung der russischen Genossen verlassen. Ich kenne aber die Zionisten in Oesterreich und das genügt mir. Auch sie haben Arbeiter, aber das sind nicht nur Nationalisten, das sind — obgleich ich darin keinen Unterschied sehe — Klerikale. Ich war wohl immer für ein Offenhalten der Türen des internationalen Kongresses, aber wenn wir jetzt eine jüdischsozialistische Partei zulassen, schaffen wir damit ein Präzedenz und es werden dann zu uns katholische und christliche Parteien kommen.“ Der erstbeste sozialdemokratische Versammlungsschwätzer bekämpft die Zionisten auch nicht mit vornehmeren und vernünftigeren Argumenten. Der Vorwurf des Klerikalismus ist nichts als parteitaktische Verleumdung und entspringt der tötlichen Verlegenheit, in die jüdische Sozialdemokraten geraten, wenn sie über jüdischnationale Dinge zu entscheiden haben. Die Majorität hat übrigens die S.S. trotzdem zugelassen u. zw. mit beratender Stimme. Palästina. Fortschritte der Landwirtschaft in Palästina*) von Davis Triesch. In der landwirtschaftlichen Kolonisation Palästinas geht es seit kurzem entschieden vorwärts. Lange Zeit hindurch war das Schicksal der Kolonien ein höchst zweifelhaftes. Unter meist ungünstigen Verhältnissen gegründet, lebten die meisten erst infolge des Rothschildschen Geldstromes, der sich in das Land ergoss, wieder auf. Die Administration, die mit dem Gelde kam, unterband aber die Selbständigkeit und Initiative der Kolonisten, und auch an sonstigen Rückschlägen fehlte es nicht. So kam es, dass noch vor wenigen Jahren die besten Freunde landwirtschaftlicher Kolonisation nur sorgenvoll in die Zukunft sehen konnten. Vieles — viel mehr, als man meist glaubt — ist in der früheren Epoche der jüdischen Kolonisation Palästinas geplant und versucht worden. Manches auch mit Glück — aber die meisten Unternehmungen waren so klein, dass auch die geglückten Versuche keine Nachahmung in erweiteitem Masse finden konnten. Eines der günstigsten Resultate hatte die Gesellschaft „Menuchah Wenachlah“ („Frieden und Wohlstand“), die — 50 Mitglieder stark — im Jahre 1S90 die heute blühende Kolonie Rechoboth gründete. Jedes Mitglied zahlte 2800 Rubel ein und bekam dafür 120 Dunam (ca. 11 ha) Land, wovon 20—25 Dunam mit Weingärten und 10—12 Dunam (ca. 1 ha) mit Mandeln bepflanzt und der Rest zunächst leer gelassen wurde.) Charakteristisch war an der hier angewandten Bewirtschaftungsform, dass jeder sein Teil für sich bewirtschaften liess und zwar durch ein und dieselbe Administration! — Bis vor zwei Jahren war der jährliche Ertrag des Weinbaues pro Anteil zwischen 300 und S00 Fr. Diejenigen, die ihre Einkünfte nicht herauszogen, sondern zur weiteren Bepflanzung ihres Landes verwenden Hessen, haben jetzt ohne Nachzahlung fast ihre ganzen 120 Dunam bepflanzt (in den letzten Jahren meist mit Mandeln und Oliven) und sie können in den nächsten Jahren eine jährliche Ernte im Werte von 1300—2S00 Fr. (also, elwa 17—36% ihrer Einlage von vor 15 Jahren) erwarten. — Aber auch diejenigen, deren Land leer geblieben war, haben durch die Wert Steigerung ihres Bodens heute einen Besitz, der selbst für das leere Land auf das Vierfache — im Falle von geeigneten Landstücken für Bauplätze oder für Orangerien sogar auf das Zwanzigfache (!) — des damaligen Wertes geschätzt werden kann. — In Palästina leben zurzeit 14 der Mitglieder dieser Gesellschaft. Aus demselben Kreise und zum Teil aus demselben Ideenkreise heraus wurde gegen Ende 1905 die Pflanzungsgesellschaft „AgudathNetalm“ begründet. Das ist eine Gesellschaft auf Aktien (nicht auf Landanteile) und es ist ihr Programm, an besonders günstig gelegenen Punkten Land anzukaufen und zu bepflanzen, um es nachher an solche weiterzuverkaufen, die sich landwirtschaftlich niederlassen möchten, aber nicht die Fähigkeit oder Möglichkeit haben, selbst ihre Pflanzungen vorzunehmen, und die lieber eiwas Fertiges kaufen, als jahrelang warten möchten. Es hat sich gerade in der letzten Zeit gezeigt, dass in zahlreichen Fällen der Mangel an fertigen landwirtschaftlichen Kaufobjekten viele veranlasst hat, Palästina wieder zu verlassen, die andern- *) Aus dem in Vorbereitung begriffenen zweiten Teil des vom Informationsbureau in Jaffa herausgegebenen Palästina-Handbuchs. ■) Abgesehen von Errichtung allgemeiner Gebäude, die ebenfalls aus den Einzahlungen ermöglicht wurde. Seite 5. falls sich gern in einer der Kolonien niedergelassen hätten. Bei der Gründung zählte die Genossenschaft 10 Mitglieder, jetzt — nach anderthalb Jahren — sind es an 30. Die meisten — elwa vier Fünftel — sind in Palästina ansässig und in landwirtschaftlichen Dingen wohl erfahren. Der Ernst ihrer Beteiligung ist auch durch die Höhe der Aktien garantiert. — Die Gesellschaft will vorerst nur 100 Aktien-Serien aus geben — eine Serie von 10 Aktien ä 1000 Fr. pro Aktionär — d. h. eine Beteiligung von 10.000 Fr. zahlbar in 20 Halbjahrs-Raten ä 500 Fr.-) Vorläufig besitzt „Agudath Netalm“ 1350 Dunam Land in Chefziboh (bei Caesarea — am Meer zwischen Jaffa und Haifa gelegen) und 830 Dunam in der Kolonie Rechoboth. Davon sind 130 Dunam mit Bojaren (Orangerien) und 160 Dunam halb mit Mandeln, halb mit Oliven bepflanzt. Ausserdem gibt es an beiden Orten grosse Baumschulen. Die Landkäufe werden fortgesetzt. Schon jetzt sind grosse Wertsteigerungen des Landbesitzes eingetreten, und schon jetzt konnte durch gelegentliche Landverkäufe eine Dividende von 10% verteilt werden. (Es ist klar, dass in Palästina ansässige Leute bei nachbarlichen Gelegenheiten zu ganz anderen Bedingungen Land kaufen können, als es auf andere — sogenannte planmässige — Methode gesi hehen kann, und die Wertsteigerung des Bodens kann in solchen Fällen ebenfalls eine viel grössere sein.) Im übrigen liegt innerhalb des Programmes der Gesellschaft alles, was die Kolonisation erfordern mag — auch die Neugründung von Kolonien, und eben jetzt liegt ihr ein solches Projekt vor, dessen Ausführung von grösster Bedeutung sein würde. Denn damit wäre der neuen Kolonisation ein Beispiel geschäftsmässiger Koloniegründung gegeben, das — mit Hilfe der heute zu Gebote stehenden Erfahrungen und Kenntnisse — viel weiter wirken dürfte, als die Gründung von Rechoboth zu jener Zeit. Es ist dem Verfasser aus dem Grunde eine besondere Genugtuung, auf eine solche systematische Kolonisationsform hinweisen zu können, weil er selbst seit vielen Jahren ähnliche Pläne in Wort und Schrift vertreten hat, Pläne, die in der Hauptsache darauf hinauslaufen, solchen Elementen eine landwirtschaftliche Ansiedelung zu ermöglichen, die weder genug Kenntnis resp. Fähigkeit zur eigenen Durchführung von Pflanzungen, noch aurh genügend flüssige Mittel zum Kauf fertiger Güter besitzen. Für solche ist die geeignetste Form die der Erwerbung fertiger Pflanzungen mittelst langjähriger Ratenzahlungen. * * * Anglo-Palestine-Company und Deutsche Palästina Bank. Im letzten Heft der vom zionistischen Palästinaressort lierausgegebenen Zeitschrift .Palästina“ zieht Dr. H. G. Hey mann auf Grund der publizierten Geschäftsberichte einen Vergleich zwischen der deutschen Palästinabank und der Anglo-Palestine Company. Darnach ist das Geschäft der zionistischen A.-P. C., weh he ausser der Londoner Zentrale Filialen in J; ffn. Jerusalem und Beyruth und Agenturen in Haifa und Hebron hat, weit umfangreicher als das der D. P. B. Besonders erfreulich ist es, dass die ihr anvertrauten fremden Gelder auch ohne das Guthaben des Jewish Colonial Trust um über 1 Million Mk. höher sind als Kreditoren und Depositen der D. P. B., bei denen sich nicht feststellen lässt, wie viel davon aus Guthaben der befreundeten deutschen Banken besteht. Dagegen ist die Höhe des erzielten Boh- Gewinnes, der verteilten Dividenden und der Reserven bei der deutschen Bank vorläufig noch eine grössere als bei der jüdischen. „So erfreulich auch“, bemerkt der Verfasser mit Hierbei öt anzunehiren, dass diejenigen, die ihre Dividenden nicht abheben, einen wesentlichen Teil ihrer Raten gegen Ende der Einzahlungsperiode schon mittels der Dividenden decken können.