Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10. Lebens und seiner treibenden Kräfte, die das neueste dritte Stadium der Arbeiterbewegung kennzeichnet, die in der .Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion* ihre organisatorische Form gefunden hat. Die Judenfrage, behaupten wir, ist eine vorwiegend wirtschaftliche Erscheinung. Ihre Wirkungen auf die Entfaltung der jüdischen Arbeiterschaft sind wesentlich ökonomischer Natur. Die Lage des jüdischen Proletariats ist nur im Zusammenhänge mit der wirtschaftlichen Entwicklung des gesamten jüdischen Volkes zu begreifen. Briefe aus Galizien. H. Erziehnngswesen. In meinem vorigen Briefe*) habe ich auf die Notwendigkeit von Beehtsschutzbureaux für Galizien hingewiesen, damit die dortigen Juden leichter zur politischen Unabhängigkeit erzogen werden. Dieses Mittel ist aber nur als Uebergangsmittel für die Gegenwart gedacht, da wir nun einmal mit einem Geschlechte zu rechnen haben, dessen Hilflosigkeit leider eine traurige Tatsache ist. Für die Zukunft muss man jedoch trachten, diese Stiefkinder der Mutter Austria auf eigene B üsse zu stellen, auf dass sie sich nicht immer auf fremde Krücken zu stützen brauchen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss nicht nur ihr materieller Wohlstand, mehr noch ihr S elbs tb ewussts e i n gehoben werden. Das kann nur allmählich im Wege systematischer Jugenderziehung geschehen. Aber gerade diese ist in Galizien sehr vernachlässigt und die bisherige Tätigkeit auf diesem Gebiete lässt leider noch sehr viel zu wünschen übrig. Im jüdischen Erziehungswesen Galiziens herrscht eine erschreckende Leere, die ausgefüllt werden muss. In den Grossstädten wird die jüdische Jugend mangels jedweder nationaler Erziehungsanstalt ihrem Volke einfach gewaltsam entfremdet und wenn wir trotzdem eine mutige Schar jugendlicher Kampfer im zionistischen Lager haben, so sind das eben die Ausnahmen, deren eherne Widerstandsfähigkeit gegen die verschiedenen grossen Stürme Stand halten konnten. Das Gros aber verschwindet im grossen Meere der Assimilation, da ihm das nationale Bettungsseil nicht einmal gereicht wird. Der jüdische Student wird von seiner rühesten Jugend an in einem Milieu erzogen, wo alles Jüdische mit Verachtung genannt wird. Die Geschichte seines Volkes bleibt ihm *) Siehe Nr. 9 ,Jüd. Zeitung“. ein Buch mit sieben Siegeln, die Sprache seiner Väter ist ihm fremd, er betrachtet sie als etwas, das gleich dem Sanskrit von Berufsgelehrten für die Studierstube aus der Bumpelkammer des Altertums hervorgeholt wurde. Sein junges Gemüt wird mit fremden Idealen gespeist. Was Wunder also, wenn er als Erwachsener seinem eigenen Vater fremd gegenübersteht? Noch viel trauriger stehen die Verhältnisse in den kleineren jüdischen Gemeinden. Da herrscht im Erziehungswesen vollständige Anarchie. Die „Cheders“ haben längst nicht mehr ihr einstiges altpatriarchalisches Gepräge, sie sind arg verwahrlost und stehen unter der Leitung ganz Unberufener. Für einen Ersatz ist leider nicht vorgesorgt und die Lücke bleibt vorläufig unausgefüllt. Selbst der reichste Jude auf dem Lande, der keine Mühen und keine Kosten scheuen wollte, um seine Kinder zu gebildeten Menschen und treuen Juden zugleich heranbilden zu können, findet nicht die geeigneten Lehrkräfte. Mancher ferne Beobachter wird wohl hier unter Hinweis auf die Tätigkeit der Baron Hirsch-Schulen den Einwand machen, dass die Situation doch nicht so gefährlich ist, wie ich sie geschildert habe, da doch seit mehr als einem Dezennium selbst in den dunkelsten Nestern Galiziens moderner Schulunterricht erteilt wird; aber wie gesagt, nur ein ferner Beobachter, der unsere Verhältnisse nicht aus eigener Wahrnehmung kennt, wird mir in diesem Punkte widersprechen. Wer aber mitten im galizischen Leben äufgewachsen ist, wird auch den Wert dieser Schulen, deren Nützlichkeit und Erspriesslichkeit nicht bestritten werden soll, keineswegs überschätzen. Das Kuratorium der Baron.Hirsch-Stiftung, welches die Ultraorthodoxen der kleinen Städtchen in den ersten Gründungsjahren der Schulen durch die Einführung eines hebr. Unterrichtes zu ködern wusste, entpuppte sich allmählich als ein sicherer Herd der Assimilation in Galizien. Das Hauptgewicht wird auf den Unterricht in den Landessprachen gelegt, während der hebräischen Sprache nurwenige Stunden in der Woche gewidmet sind. Die im ersten Anlauf aufgenommenen hebr. Lehrer sind bereits auf das Aussterbeetat gesetzt und da keine neuen mehr aufgenommen werden, ist schon jetzt eine ganze Beihe von Schulen ohne hebräischen Unterricht. Aber auch die noch wirkenden hebr. Lehrer werden vom Kuratorium als inferior betrachtet und stiefmütterlich behandelt, welche Zurücksetzung von den Kindern nicht unbemerkt bleibt und sich auch auf den Unterrichtsgegenstand selbst überträgt. Jeder hebr. Lehrer unterrichtet hach seinem eigenen Plane und unterliegt überhaupt keiner Inspektion oder irgend welcher Kontrolle, denn die drei Inspektoren der Stiftung sind des Hebräischen gar nicht mächtig, einen besonderen hebr. Inspektor aber anzustellen, hält das Kuratorium nicht für nötig. Nach dem Vorausgeschickten also wird man es begreiflich finden, dass die Baron Hirsch-Schulen zwar das Landesbudget bedeutend entlasten, indem sie den öffentlichen Schulen einige Tausende Schüler entziehen, aber dem Judentume in nationaler Hinsicht wenig Nutzen bringen. Nach wie vor hat der galizische Knabe keine andere Stätte für hebräischen Unterricht als das „ Cheder“ und das arme jüdische Kind, das nur hier die Gelegenheit bekommt, einen Vergleich anzustellen zwischen dem modernen profanen Unterrichte und dem wilden Chedergeschrei, -dem pädagogisch geschulten Lehrer und dem rohen ungehobelten „Belfer“, der geräumigen, hygienisch eingerichteten Schule und dem dumpfigen, schmutzigen „Cheder“, empfindet einen Ekel gegen den hebr. Unterricht und dieser in der Jugend eingesogene Widerwillen gegen das „Jüdische“ bleibt ihm für sein ganzes Leben, auch späterhin, wenn er zwischen Ursache und Wirkung schon zu unterscheiden weiss. Diese Erziehungs-Misere schreit nach Abhilfe. In die Verwaltung der Baron Hirsch- Schulen muss tiefer hineingeleuchtet werden. Sie müssen im wahrsten Sinne des Wortes jüdische Erziehungs-Anstalten, aber nicht Hilfsorganisationen zur Sanierung der galizischen Landesfinanzen sein. Dem hebräischen Unterrichte muss mehr Baum imLehrplane eingeräumt werden, er muss mit dem profanen Unterrichte gleichberechtigt sein. Man müsste sich bestreben, in den Hirsehschen Schulen den hebr. Unterricht nach der Methode „Ibrith beibrith“ einznführen. Solche „Ibrilh beibrith“- Schulen müssten in jeder Gemeinde gegründet werden, um die „ Cheders* entbehrlich zu machen. Auch für den Mittelschulunterricht sollen jüdische Privatgymnasien gegründet werden. Die Mittel dazu sind zu beschaffen, denn jeder Jude wird mit freudigem Herzen sein Scherflein dazu beitragen, damit sein Kind jüdisch erzogen werde, damit es Hand in Hand mit dem obligatorischen Schulunterricht sich auch die hebräische Sprache und anderes jüdische Wissen aneigne. Auch wäre es nicht schwer, für solche Gymnasien Subventionen vom Staate zu erlangen, da die staatlichen Mittelschulen dadurch wesentlich entlastet wären. Aber wollen muss man! Nichts mehr als wollen und ernstlichwollen! In ganz kurzer Zeit könnten wir unsere nationalen Erziehungs-Anstalten haben, könnten unsere Jugend aus den Krallen der Assimilation retten. Juden mit der Sprache auch einen grösseren Prozentsatz semitischen Blutes erhielten. Sofer begründet das auch auf dem Gebiete der physischen Anthropologie (gegenüber den die Verwandtschaft leugnenden Armeniern). Namentlich sind unter den bezeichnenden Zügen die bei beiden stark hervortretende Nase (von gleicher Beschaffenheit) und das grosse Auge, abgesehen von der Komplexion, hervorzuheben. Dazu kommen auch äussere Erscheinungen bei beiden Völkern (Verfolgungen, Auswanderungen), und neuerdings hat in den Sitzungsberichen der Wiener Akademie Dr. Aptowitzer Beiträge zur mosaischen Rezeption im armenischen Rechte veröffentlicht, in denen er zwischen den altarmenischen Rechtscodices und den talmudischen Schriften eine Reihe von Analogien nachweist, die zum Teil auf direkte Entlehnung zurückgehen. Der Zusammenhang beider Völker ist, trotz der Religions- und Sprachverschiedenheit, nicht mehr abzuleugnen. Eine jüdische Schule in Shangai. Die israelitische Kultusgemeinde von Shanghai ersuchte vor kurzem den Munizipalrat um Gewährung einer grösseren Subvention für die daselbst bestehende jüdische Schule. Der Munizipalrat holte über diese Anstalt zunächst ein Gutachten von der Leitung der öffentlichen Schulen ein und nachdem sich diese sehr günstig über die Leistungen der Schule ausgesprochen hatte, bewilligte er ihr eine Subvention von Frs. 3000.— welche, wie der Rat selbst in seinem Schreiben an die Kultusgemeinde hervorhebt, die grösste von ihm bis heute überhaupt gewährte Subvention darstellt. Ein junger Schachmeister. Bei dem letzten internationalen Schachmeisterturnier in Karlsbad hat ein junger russischer Jude aus Lodz,Akiba Rubinstein, den ersten Preis davongetragen. Rubinstein ist 26 Jahre alt und kleinrussischen Dorfjuden eine Bewegung empor, in der der Mythos sich wieder zur alten Gjösse erhebt: der Chassidismus. In ihm strömen Mystik und Volksmärchen zur Einheit zusammen. Die Mystik wird Besitz des Volkes, und zugleich nimmt sie die Erzählerglut des Märchens in sich auf. Und in dem dunklen verachteten Osten, unter schlichten, unwissenden Dörflern wird dem Kinde der Jahrtausende der Tron bereitet. Das unterirdische, das andere Judentum siegt für eine Weile über das offizielle. Für eine Weile nur. Es gibt in unseren Tagen noch Hunderttausende von Cbassidim, aber der Chassidismus ist verdorben. Die Exilseele, die ihn hervorbrachte, war nicht stark und nicht rein genug, ihn zu bewahren. Eines jedoch wissen wir: eine Erneuerung des Judentums wird erst dann geschehen, wenn wir unseren Mythos in unser Leben aufgenommen haben: wenn er das Eigentum unserer Seele und der Mutterboden unserer Taten geworden ist. Martin Bub er. Allerlei. Die Bibel in der Esperanto-Weltsprache. Auf dem in London stattgehabten Esperanto-Kongress wurde der Beschluss gefasst, eine Uebersetzung der Bibel ins Fsperanto herauszugeben. Der Begründer der Weltsprache ist ein jüdischer Augenarzt in Warschau, Dr. Zamenhof. Er wird in der nächsten Zeit die Sprüche und das Hohelied und danach die Psalmen in die Esperanto-Sprache übertragen. Die Antwort eines Wissenden. Von Heinrich G r ü n f e 1 d, dem bekannten Cellisten, der in Berlin W mit Recht als der König der Anekdotenerzähler gilt, wird in den .Dresdn. N. Nachr.“ ein Geschichtchen erzählt, welches zeigt, dass er selbst sehr gute Witze zu machen versteht Es war vor einigen Jahren bei einer Gesellschaft im Hause Professor Paul Meyerheims. Der musikbegeisterte Maler hat zu Ehren des Komponisten Bruch eine Gesellschaft veranstaltet. Auch Heinrich Grünfeld befand sich unter den Gästen. Nach dem Singen wurde Musik gemacht und Grünfeld spielte, um dem Komponisten eine Artigkeit zu erweisen, das althebräische Lied „Kol nidrei4, in einem Arrangement von Bruch. Alles applaudierte begeistert. Herr Bruch aber sagte mit sauer-süsser Miene: „Es war sehr schön im Ton. aber zu langsam im Tempo, Herr Grünfeld!4 Da antwortete ihm Grünfeld ruhig: .Werter Herr, das Lied habe ich schon gespielt, lange, bevor Sie’s komponiert haben!“ Juden und Armenier. Wir lesen im Globus: Der erste, der auf die körperliche Verwandtschaft dieser beiden Völker hinwies, war F. v. Luschan (Deutsche Anthropologenversammlung, Ulm 1892), und je weiter wir in der physischen Anthropologie der Juden forschen, desto mehr stellt sich heraus, dass Luschan recht hatte. Aber wie gross ist der Sprachenunterschied zwischen den beiden Vörkern, den Juden mit einer semitischen, den Armeniern mit einer arischen Sprache! Jetzt hat Dr. L. S o f e r in Wien die Frage wieder aufgenommen (Zeitschrift für Demographie der Juden, Mai 1907), und auch er kommt zu dem Ergebnis, dass beideVölker gemeinsam von den alten Hethitern abstammen, wobei die