Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. 7ÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 nationalen Theorie in sozialistischem Geiste, wozu die czechischen Sozialdemokraten den Anstoss gegeben und viel beigetragen haben, — all das übte einen dauernden und bleibenden Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen sozialistischen Bewegung in Russland. Die ersten Träger des sozialistischen Gedankens, die in der jüdischen Arbeiterschaft die Sehnsucht nach Freiheit weckten, waren aus jüdischen, bürgerlichen Kreisen hervorgegangene Intelligenzler, die, wie ein Führer des „Bundes“, Herr Me dem, beteuert, von der russischen Kultur ganz durchdrungen waren.1) Das waren die Vorläufer und Begründer des im Jahre 1897 entstandenen „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes.“ Sie hatten keineswegs die .Absicht, eine nationale jüdische sozialdemokratische Organisation zu schaffen. Einer jüdischen Arbeiterbewegung, glaubten sie, fehlten alle Voraussetzungen. Die Gründung eines besonderen jüdischen Arbeiterbundes war für seine Urheber Zweckmässigkeits- und nicht Prinzipiensache. Das Bestreben der jüdischen Arbeiter sollte es sein, den kulturellen Anschluss an das russische Proletariat zu beschleunigen. Die Existenzberechtigung des „Bundes“ bestand für seine ersten Führer in der Absicht, ihn ehestens überflüssig zu machen. Man kennt ja diesen „fleisch- und blutlosen Internationalismus“, von dem Engelbert P e rnerstorfer im Jahre 1897 gesprochen. Auch die ersten sozialistisch denkenden Juden hielten an diesem „Internationalismus“ fest. In diesem ersten Stadium der jüdischen Arbeiterbewegung dachte man über das nationale Selbstbestimmungsrecht wie im Mittelalter über die „Religionsfreiheit“: „Cuius regio, eius religio“ (wie der Fürst, so die Religion). Auf die nationale Frage übertragen, lautete die Devise: Wie der Staat, so die Nation! Die Judenfrage bestand für diese sozialistischen Juden ebensowenig, wie jede andere nationale Frage. Man stellte die Forderung bürgerlicher Gleichberechtigung auf. Damit war nach der Ansicht der Bundisten den jüdischen Interessen genüge getan. Sehr bald erkannte jedoch der „Bund“, dass mit den nationalen Empfindungen und Bedürfnissen der jüdischen Arbeiterschaft gerechnet werden muss. Die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung allein erwies sich eher als eine Fessel für die Organisation unter den jüdischen Arbeitermassen. Sie verlangten nationale Rechte und Garantien. Die Führer des „Bundes“ verfolgten eine zögernde Taktik. Während die österreichische Sozialdemokratie im Jahre 1899 bereits ihr Brünner Nationalitäten-Programm auf gestellt hatte, wird noch im Jahre 1900 in einem Be¬ *) Nasze slovo Nr. 1 (Wilna). müssen die Denkgewohnheit abtun, wir müssen von diesem offiziellen Judentum der Geschichtsschreiber hinwegschauen in die Tiefen, wo das unterirdische, wirkliche Judentum lebt und gelebt hat. Denn neben und hinter dem allbekannten übersichtlichen Judentum, dessen Geschichte man erzählt und dessen Wesen man in gemeinverständliche Formeln fasst, gibt es ein anderes: Das Volk der ekstatischen Erschütterung, den Erwählten eines tragischen Mysteriums, den Schöpfer des gewaltigsten Mythos. Die Juden sind vielleicht das einzige Volk, das nie aufgehört hat, Mythos zu erzeugen. Im Anfang unserer grossen Urkunde steht das reinste aller mythischen Sinnbilder: der Pluralsingular Elohim; und die stolzeste aller mythischen Sagen: die vom Kampf Jakobs mit dem Elohim. In jener Urzeit entspringt der Strom mythengebärender Kraft, der — vorläufig! — im Chassidismus mündet, der Strom, von dem die Religion Israels zu allen Zeiten sich gefährdet fühlte, von dem aber in Wahrheit die jüdische Religiosität zu allen Zeiten ihr inneres Leben empfing. Alle positive Religion beruht auf einer ungeheuren Vereinfachung, Vereinheitlichung des in Welt und Seele so vielfältig, so wildverschlungen auf uns Eindringenden: sie ist Bändigung, Vergewaltigung der Daseinsfülle. Aller richte des Bundes an den internationalen Sozialisten-Kongress in Paris der Ueberzeugung und Hoffnung Ausdruck gegeben, dass mit der Beseitigung aller rechtlichen Schranken die bestehenden sprachlichen Unterschiede ihr Ende finden werden. Die jüdische Volkssprache werde in Lithauen der russischen, in Polen der polnischen Platz machen. So schwärmten damals die Bundisten in Uebereinstimmung mit allen bürgerlichen Assimilationsideologen. Als sich aber diese Taktik als unhaltbar erwies und die Haltung des „Bundes“ einen Abbröcklungsprozess zur Folge hatte, sahen sich die Führer endlich zu Konzessionen auf nationalem Gebiete veranlasst. Am vierten Parteitag im Jahre 1902 wurde die Notwendigkeit nationaler Rechte für das russische Judentum im Prinzip anerkannt und ein nationales Programm zum Beschluss erhoben. Der „Bund“ verlangte mit Hinweis auf die österreichische Sozialdemokratie eine nationalföderative Umgestaltung der russischen zozialdemokratischen Organisation (wobei der „Bund“ die jüdische Sozialdemokratie vertreten sollte) und stellte die Forderung einer nationalkulturellen Autonomie für die Juden Russlands auf. Diese bescheidenen nationalen Forderungen des „Bundes“ — nationales Selbstbestimmungsrecht, Anerkennung der jüdischen Sprache in Schule, vor Gericht etc. — kennzeichnen das zweite Stadium der jüdischen Arbeiterbewegung das des schüchternen Nationalismus. Und nun geht die Entwicklung unaufhaltsam. Die nationale Frage des jüdischen Proletariats, einmal aufgerollt, schwindet nicht von der Tagesordnung der jüdischen Arbeiterparteien; sie führt zu heftigen Konflikten mit den nicht-jüdischen Sozialdemokraten und zu Neubildungen im jüdischen Sozialismus. Die zahmen nationalen Forderungen des „Bundes“ riefen einen Sturm der Entrüstung bei den russischen Sozialdemokraten hervor, die sich damals um die „Iskra“ scharten. Am zweiten Parteitag der russischen Sozialdemokratie im Jahre 1903 ist es zur Entscheidung gekommen. Die russischen Sozialdemokraten stellten das Problem mit unerbittlicher Schärfe auf: hat die jüdische, unter andersnationalen Proletariern zerstreut lebende Arbeiterschaft besondere Interessen, folglich auch besondere Aufgaben, zu deren Verteidigung bezw. Vollbringung es einer selbständigen jüdischen Sozialdemokratie bedarf? Der „Bund* hatte nicht den Mut, die erste Hälfte der Frage bejahend zu beantworten. Seine Zweckmässigkeitsgründe fanden kein Gehör. Er geriet in Widerspruch mit sich selbst Von dem betretenen Wege der nationalen Organisation gab es aber angesichts der Tatsachen des Lebens und der Stimmung des jüdischen Proletariats kein Zurück mehr. Mythos hingegen ist Ausdruck der Daseinsfülle, ihr Bild, ihr Symbol; unablässig trinkt er von den wilden, stürzenden Quellen des Lebens. Die persönliche Religiosität der Einzelseele hat ihren Anfang im Mythos und ihr Ende in der Religion; so lange sie in dem reichen Boden des Mythos wurzelt, kann sie der Religion und ihrer Enge nicht anheimfallen. Dashalb sieht die Religion im Mythos ihren Erzfeind und bekämpft ihn, wenn sie ihn nicht aufzusaugen, in sich einzuverleiben vermag. Die Geschichte der jüdischen Religion ist die Geschichte ihres Kampfes gegen den Mythos. Seltsam und wunderbar ist es zu beobachten, wie in diesem Kampfe die Religion immer wieder den scheinbaren, der Mythos immer wieder den wirklichen Sieg davonträgt. Die Propheten streiten durch das Wort für den einheitlichen Gottesgedanken wider die Vielheit der Volkstriebe; aber in ihren Bildern, ihren Visionen lebt die ekstatische Phantasie der Juden und beruft sie wider ihr Wissen zu Mythendichtern. Die Essäer wollen das Ziel der Propheten durch eine Vereinfachung der Lebensformen erreichen; und gerade aus ihnen wird der Menschenkreis geboren, der den grossen Nazarener trägt und seine Legende schafft: den grössten Triumph des Mythos in der Weltgeschichte. Die Meister des Talmuds gedenken in dem zyklopischen Werke einer Kodifizierung Der „Bund“ entschloss sich zur Loslösung von der russischen Sozialdemokratie.-) Viel nachhaltiger wirkte die neue Stellung des „Bundes“ zur nationalen Frage innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft. Die Auflassung des Problems und die vorgeschlagene Lösung — die nationalkulturelle Autonomie — stiessen auf heftigen Widerstand. Die geschaffene Unklarheit und erregte Unzufriedenheit wurden auch durch die Berufung des „Bundes“ auf das Brünner Programm nicht beseitigt. Seine Organisationsvorschläge sind wohl dem im Jahre 1897 angenommenen Organisationsstatut der österreichischen sozialdemokratischen Partei entnommen. Seine Anschauungen über die Judenfrage jedoch rechtfertigten keineswegs eine Berufung auf das Nationalitätenprogramm der österreichischen Sozialdemokratie. Der „Bund“ betrachtet die Nation als eine rein geistige, vom Boden losgelöste Erscheinung. Die Judenfrage bedeutet für ihn die kulturelle Not des jüdischen Volkes und des Proletariats, die wie jede nationale Frage von den ökonomischen Verhältnissen nicht bestimmt wird. Mit diesen Anschauungen befindet sich der „Bund“ keineswegs in Uebereinstimmung mit dem Brünner Programm. Engelbert Pernerstorfer fasst die Grundsätze desselben folgendermassen zusammen: Selbstbestimmungsrecht der Nationen und autonome Führung der nationalen Angelegenheit, Schutz der nationalen Minoritäten, Integrität des nationalen Bodens. Im letzteren Punkte ist der territoriale Charakter der Nationalität hervorgehoben. Im Laufe der Debatte am Brünner Parteitag wurde von mehreren Rednern aufs nachdrücklichste betont, dass die Sicherung der nationalen Existenz nur durch die Feststellung bestimmter nationaler Territorien möglich ist. Also auch die Schöpfer des Brünner Programms betrachten die Nationalität nicht als eine bloss kulturelle Erscheinung. Ein Volk entsteht durch den Daseinskampf eines Stammes. Das Territorium ist die dingliche Grundlage der Nationalwirtschaft und der Volkskultur. Ihrem Ursprünge und Wesen nach ist die Nation ein sozialökonomisches Gebilde. Es muss hier betont werden: die nationale Frage des jüdischen Proletariats, die Judenfrage ist jedenfalls ein eminent ökonomisches Problem. Dass der „Bund* das territoriale Prinzip der Nationalität, wie es im Brünner Programm bereits ausgesprochen ist, übersehen und das Wesen der Judenfrage unrichtig aufgefasst hat — darin besteht srin grellster Irrtum. Es ist die sozialistische Betrachtungsweise des jüdischen 2) Dass er nach 3 Jahren 9eine Forderungen zurückstellte und den Anschluss an die russische Sozialdemokratie reuig suchte, ändert nichts an der Sache. des Religionsgesetzes einen ewigen Damm wider die Leidenschatt des Volkes zu erbauen; und gerade unter ihnen erstehen die Urheber der beiden Mächte, die im Mittelalter die Schützerinnen und Verweserinnen des jüdischen Mythos werden: durch die Geheimlebre die Urheber der jüdischen Mystik, durch die Agada die Urheber des jüdischen Volksmärchens. Je weiter das Exil fortschritt, je grausamer es wurde, desto mehr wurde die Erhaltung der Religion mit der Erhaltung des Volkstums identisch, desto stärker wurde die Position des Gesetzes. Der Mythos musste flüchten. Er flüchtete in die Kabbala und in das Volksmärchen. Die Kabbala hielt sich wohl für dem Gesetz überlegen, für eine höhere Stufe des Erkennens; aber sie war die Domäne einiger Weniger, dem wirklichen Leben des Volkes unüberbrückbar fern und fremd. Das Märchen hingegen lebte wohl im Volke und füllte dessen Dasein mit Farbe und Wohllaut, mit Lichteswellen und heimlicher Melodie; aber es erachtete sich für ein armseliges Ding, das kaum ein Recht auf 'Existenz hatte; es hielt sich bescheiden im letzten Winkel und wagte nie, dem Gesetz ins Auge zu sehen, geschweige denn eine Macht neben ihm sein zu wollen; es war froh, wenn es da und dort berufen wurde, das Gesetz zu illustrieren. £ fÜ^Und plötzlich wächst unter den polnischen