Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10. walilreform in Galizien bietet ideale Gelegenheit zu ernster politischer Arbeit. Darf man sie ungenützt vorüber gehen lassen? Darf die Nationalpartei auf halbem Wege stehen bleiben? Darf sie untätig zuschauen? Das Reformwerk der galizischen Landtagswahlordnung muss für die jüdische Nationalpartei das Sturmsignal zu einer intensiven Wahlretormbewegung sein. Untätigkeit oder bloss markiertes Interesse wäre unbegreifliche Verzichtleistung auf ein wichtiges politisches Erziehungsmittel. Die jüdische Bevölkerung Galiziens muss wie in der Wahlreformkampagne des Vorjahres ihre Forderungen stellen, rücksichtslos, ohne Lässigkeit, ohne Furcht. Die Nationalpartei hat die Pflicht und die Kraft, wie damals die Führung zu übernehmen und die Massen in Bewegung zu setzen. Es steht für sie mehr auf dem Spiele als politisches Prestige. Die nationalen Juden Galiziens können in den nächsten Wochen politisch viel gewinnen und alles verlieren. Mögen sie ihrer Aufgabe gewachsen sein! Zur Lage der rumänischen Juden. Bukarest, den 14. September. Die Lage der rumänischen Juden ist in der letzten Zeit nicht besser, sondern viel schlimmer geworden. Im Auslande kennt man die äituation nur in groben Umrissen und es gehört auch die genaue Kenntnis der politischen Verhältnisse Rumäniens dazu, um die Ereignisse der letzten Zeit vollauf zu begreifen. Eine ausgesprochen antisemitische Partei ist in Rumänien nur die sogenannte nationalistische Gruppe mit Herrn Cuza und Professor Jorga an der Spitze. Diese Herren machen viel Lärm, haben auch einen ziemlich grossen Anhang in der studierenden Jugend, sind aber im Grossen und Ganzen harmlos und machtlos. Ja, seitdem Jorga ins Parlament gelangte, ist die rein national-antisemitische Bewegung eher zurückgegangen. Er hat durch sein ganzes Auftreten seiner Sache nicht genützt. Aber die gefährlichen Antisemiten sind die •Liberalen, die gerade jetzt am Ruder sind. Ihr erster Führer, der greise Stourza, ist noch lange nicht der schlimmste. Ein tätiger, tüchtiger Mann ist er, trotz seinem halben Antisemitismus, auch den Juden gegenüber manchmal gerecht. Aber man kann ohne jede Uebertreibung sagen, er hat heute das Heft nicht mehr in den Händen. Die beiden'Brüder Brekeinem Menschen verstanden wird: Hebräisch in einem unmöglichen Dialekt. Und doch, es zündete. Denn die Trompetenstösse kamen aus einer aufgewühlten Seele. Und sie trugen an sich das, was so wenig Reden an sich tragen: Den Stempel der Echtheit . . . Und wie ihre Reden sind auch ihre Gesichter: ernst, durchfeucht, hart und entschlossen. Sie kommen eben aus Russland. Hinten, aber auch ganz hinten, sassen die Poale-Zion. ln rührender Freundschaft Mann an Mann. Der Zufall, -der ein feiner Symbolist ist, hat ihnen, die das jüdische Proletariat zu repräsentiren vermeinen, die schlechtesten Sitze auf dem Kongresse zugewiesen. Sie trugen rote Blumen als Zeichen ihrer Gesinnung. Nicht ohne Stolz. Natan Gross trug seinen Salonrock mit einer Gebärde der Verachtung und man sah’s inm an: Das ist sein letztes Zugeständnis an die bürgerliche Gesellschaft. Ein anderer. Sozialdemokrat rückt mit den feinen Händchen an seiner Binde hin und her, wie wenn er vor einer Weile aus der blauen Blouse gekrochen wäre und dem Kongress zuliebe dieses Unding um den Kragen wickeln musste. Der Führer aber, mit seinem hübschen, kindlichen Kopf, sitzt hinter einem Stoss Papier und brütet schwere Gedanken. Um ihn seine Jünger. Während der heillosen Geschäftsordnungsdebatte, als der ganze Kongress wie tiano beherrschen die Situation, sie sind die ärgsten und mächtigsten Antisemiten des ganzen Landes. Sie verfügen über die Partei und vor' allem, was wichtiger ist, über die grössten Geldmittel des Landes. Zwei Drittel der Grossaktionäre der Nationalbank bilden ihre engste Gefolgschaft. Die Brüder Bretiano haben die Agrarrevolution im Monate April zwar nicht gemacht und ausschliesslich hervorgerufen, aber sie sind Mitschuldige, sie haben in aller Stille am meisten gehetzt, und ihr Bundesgenosse, der jetzige Unterrichtsminister Harent, hat viel auf dem Kerbholze. Die Brüder Bretiano wollen den Antisemitismus, sie wollen eine starke nationale Bewegung unter den Bauern nur aus Herrschsucht, um sich so besser und länger zu behaupten. So verfolgen sie die wirklich sozialistische Bewegung, weisen die organisierten Proletarier aus und fördern dabei mit allen Mitteln eine Art national-sozialistische Bewegung, die ausschliesslich ihren Zwecken dient. Man kann jetzt in Rumänien auch ruhig von einem Präfektensozialismus sprechen. Einige junge, machl gierige Agitatoren haben ausschliesslich die Aufgabe, die Bauernschaft im Namen eines patriotisch gefärbten, sehr komisch aussehenden Sozialismus gegen die Juden zu hetzen. Diese Macht der Brüder Bretiano, dieser Präfektensozialismus bedeuten eben die Verschlimmerung der Lage. Die anständigen und patriotischen Elemente der liberalen Partei stehen, diesem Treiben machtlos gegenüber und viele vernünftige nationalliberale Politiker sind gezwungen, aus parteitaktischen Gründen zu schweigen und ihre Opposition gegen dieses Treiben auf ein Minimum zu reduzieren. Das Unglück des Landes ist auch das Unglück der Juden. Denn hier wie auch in vielen anderen Ländern decken sich die wirklichen Interessen des Staates mit denen der Judenschaft. Diese Herrschaft eines Teiles der Liberalen ist für den rumänischen Staat ebenso ungünstig wie für die Juden. Demagogische Scblagworte, die mit einer vernünftigen sozialpolitischen Reform nichts zu tun haben, beherrschen die' Bevölkerung. Durch 30 Jahre hat dieselbe Klique die Interessen der Bauernschaft vollkommen vernachlässigt und denkt auch jetzt nicht im Ernste an grosszügige Reformen. Und dieses Unglück wird noch vermehrt durch die Schwäche der konservativen Partei. Zwar haben sich die beiden konservativen Gruppen geeinigt, zwar hat jetzt Carp, einer der tüchtigsten, sympathischesten, beredtsten Männer des Landes, definitiv die Führung übernommen, aber die Partei ist nicht stark genug im Lande, um längere Zeit zu regieren. Das liegt an der wirtschaftlichen Struktur Rumäniens. In diesem aufstrebenden Lande ein vielköpfiges Ungetüm zu reden begann, schnellte er mit einem Ruck in die Höhe und bat um’s Wort. Der Präsident hörte ihn nicht. „Herr Präsident — ruft er mit lauter Stimme — ich erbitte mir das Wort!“ Der Präsident hört ihn nicht. Auf den Gesichtern seiner Freunde malt sich die helle Empörung. Er aber schreit, wie wenn es sich um die Abschaffung des Privateigentums handelte: Herr Präsident! Hören Sie denn nicht? Nein, er hört ihn nicht. Ihn, den Führer! Und er lässt sich resignirt auf den Stuhl nieder, reicher um eine bittere Erkenntnis: 0, wie schwer ist es, sich in dieser Welt durchzusetzen! Die Tragik des Poale-Zionismus liegt darin, dass er keine Gegner hat. Ihr wollt die Abschaffung der Kapitalswirtschaft in Palästina, die Vermeidung von Reservearmeen, die Einführung sozialistischer Wirtschaftsmaximen? 0, da sind wir ja vollkommen einverstanden. Wie, Ihr wollt Gegenwarisarbeit? Ganz unsere Ansicht. Deshalb haben die Poale-Zionisten nicht woran ihre Zähne zu wetzen und ihre Kampfeslust zu üben. Deshalb sind sie friedliche Krieger geworden und weil dies ein Paradoxon ist, ist ihre Rolle' ein wenig tragisch. Dazu kommt noch, dass sie keinen Rückhalt in den Massen haben, dass sie nicht Proletarier, sondern nur eine Idee vertreten. Das aber ist’s: Sie vertreten eine Idee. bildet die Bauernschaft nur eine politische Staffage. In der Moldau gibt es nur ein jüdisches Kleinbürgertum, eine zahlreiche kleinbürgerliche Schichte existiert nur in der Walachei. Diese ist aber leider ganz in die Macht der Liberalen gelangt, die Konservativen haben hur in einem Teile des grösseren Grundbesitzes einen Anhang. Da die Bauernschaft überhaupt keinen Einfluss besitzt und das Kleinbürgertum liberal ist, so würde nur ein einziger Faktor, nämlich die Krone, die Herrschaft der konservativen Partei für längere Zeit erhalten können. Die konservative Partei ist nicht um eine Nuance reaktionärer als die sogenannten Liberalen. Sie enthält eine ganze Anzahl tüchtiger Elemente, aber weder das Kleinbürgertum noch die Krone wollen ihnen Unterstützung gewähren und so wird das Land geraume Zeit unter der Herrschaft der Bretianos bleiben. Diese Situation bedeutet eine Schwächung der wirtschaftlichen Kraft Rumäniens, die Hinderung des wahren Fortschrittes und bedeutet auch die Fortdauer der unangenehmen Lage der rumänischen Judenschaft. Man kann mit voller Berechtigung behaupten, dass die Lage der rumänischen Juden in einem gewissen Sinne schlechter ist, als die der russischen. Zwar, in Bukarest und in Jassy wird nicht geplündert und gemordet, aber die rumänischen Juden haben auch nicht das, was die russischen bei allem Unglück und allem Leide so aufrecht erhält, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. ln Russland leiden die Juden mit allen fortschrittlichen Elementen und können aut eine Besserung ihrer Lage hoffen, wenn sich Russland verjüngt, wenn die fortschrittlichen Parteien ans Ruder kommen. Die rumänischen Juden haben diese Hoffnung nicht. In der nächsten Zeit wenigstens sehe ich keine Möglichkeit einer Besserung, denn es fehlt hier an den grossen for schrittlichen Parteien, die Träger einer besseren politischen und wirtschaftlichen Zukunft sein könnten. G. G. Die jüdische Arbeiterbewegung und das Brünner Progamm. Von S. Ivaplanski-Kaplan. Manche Leute werden sich verwundert fragen: welcher Zusammenhang besteht denn zwischen der jüdischen Arbeiterbewegung und dem Brünner Nationalitäten-Programm der österreichischen Sozialdemokratie? Gleichwohl ist es eine geschichtliche Tatsache: die nationale Gliederung der österreichischen sozialdemokratischen Organisation und die Vertiefung der Mit jugendlichen Fanatismus und grosser Selbstverleugnung. Und man wird sie wie einen Augapfel behüten müssen, denn sie sind unser Gewissen. Und sie sind vielleicht berufen, eine grosse Rolle zu spielen, wenn’s ernst wird. Dermalen aber müssen sie ihre Aufgaben nicht im zionistischen, sondern im internationalen Lager suchen. In dieses Zauberschloss zu dringen und die jüdischen, verwunschenen Jünglinge aus der Gefangenschaft zu befreien: Das wäre ein Abenteuer für junge Ritter! D. Rb. Der Mythos im Judentum. (Aus einem Vortrag.*) Unsere gewohnte Vorstellung vom Judentum ist gar zu sehr von einer traditionellen Auffassung beeinflusst. Jahrhunderte einer literarischen Ueberlieferung haben ein Bild, einen Begriff geschaffen, mit dem wir gleichsam geboren werden und von dem wir uns nur äusserst schwer freimachen können. Wir pflegen das historische Judentum als ein recht gleichförmiges Gebilde zu sehen und zu denken: als ein Volk der abstrahierenden Vernunft, der geradlinigen Ideen, der monistischen Gesetzmässigkeit. Wir *) Die hier nur flüchtig skizzierte Auffassung wird in einer demnächst erscheinenden Arbeit eingehender dargelegt.