Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 10 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkauf stellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmied!, I., Wollzeile Nr. 11. -Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: In Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10-— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. D- - --- - □ Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 10. Wien, Freitag, den 20. September 1907. I. Jahrgang. Die heutige Nummer konnte des hohen Feiertages wegen nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. Die Landtagswahlreform in Galizien. . Die jüdische Nationalpartei steht vor folgenschweren Entscheidungen und harter Arbeit. Die Landtagswahlreform wird sie bringen. Es war seit Monaten gewiss, dass die durchgreifende Reform des Wahlrechtes in den Reichsrat eine gründliche Reform der veralteten Landtagswahlordnungen nach sich ziehen werde. Das'“demokratische Volksparlament und die ständischen Landtage mit ihrem ausgeprägten Kuriensystem und Privilegienwahlrecht konnten auf die Dauer nicht neben einander bestehen. Der Kontrast war — bei aller Verschiedenheit der gesetzgeberischen Aufgaben und administrativen Agenden der beiden Körperschaften — gar zu schreiend. Die Juden in Galizien haben an dem werdenden Wahlgesetze weitgehende politische und nationale Interessen. Nicht nur des Landtages wegen, sondern auch deshalb, weil die neue Wahlordnung ihre Rückwirkung auf die voraussichtliche Reform für den Reichsrat bezüglich Galiziens üben kann FEUILLETON. Silhouetten. (Zum Haager Kongresse) n. Man könnte sagen: der Kongress erreicht seinen Höhepunkt; bevor er eröffnet wird. Wenn unten die Delegierten in Schwarz erregt an den grüngedeckten Tischchen sitzen und oben die Damen in Weiss erwartungsvoll hinabblicken. Wenn diese Stille entsteht, von der man nicht weiss, woher sie kam und warum sie ist. Ein mächtiger Star schwingt seine Flügel über dem Haus, man fühlt’s. Kein lächelndes Gesicht, kein kokettierendes Auge. Alles ist vom Momente ergriffen. So erhebt der Augenblick, von einem Volke zur Tat erkoren, eine Masse aus den Tiefen des Alltages in weltgeschichtliche Höhen. Hier schweigt ein Volk. Und dieses Schweigen eines Volkes, dem die Welt gehört, ist so furchtbar, so unermesslich tragisch, wie sein Erdengang . . . Man merkt es allen an: Sie lassen die weihevolle Stimmung wieeine Sensation auf sich wirken und berauschen sich an ihr. Ein schwüler Traum, durchtränkt von saronischen Düften, zieht durch’s Haus . . . Und Hollands schöne Frauen, deren Vater Spaniens blauen Himmel und ein Plan aufgetaucht ist, der für die politische Macht der galizischen Juden ernste Gefahren in sich birgt. Die Einführung von Wahlkatastern darf nicht gleichbedeutend sein mit der teilweisen Nullifizierung der 800.000 in Galizien lebenden Juden und mit der Eskamotierung ihres selbständigen nationalen Charakters. Gelingt dies den galizischen Landtagsvätern für den Landtag, dann wird die Abänderung der galizischen Reichsratswahlordnung im Sinne von Katasterwahlen ein willkommener Anlass sein, die Jüdischnationalen auch bei den Wahlen ins Zentralparlament an die Wand zu drücken und ihnen die Möglichkeit freier nationaler Entfaltung zu rauben. Aber selbst wenn dies« CLfahr nicht bestände — sie besteht und wird von polnischnationaler Seite ungeschminkt verkündet, — müsste die Bedeutung des Landtages allein die Nationalpartei zu energischester Tätigkeit anspornen, damit sie auf dem Boden der Landespolitik fortsetze, was in der Propaganda für den Reichsrat so erfolgreich und vielverheissend begonnen wurde: eine radikale, demokratische, nationaljüdische Politik. Vom Standpunkt der nationalen Erziehung und politischen Schalung der jüdischen Massen wäre es ein unverzeihlicher Fehler, wollten die Jüdischnationalen jetzt auf ihren im letzten heissen Wahlkampf am Quadalquivir besangen, blicken traumverloren in die Fernen . . . Sie sind wie Prinzessinnen. Mit ihrem piniengleichen Wuchs, der dunklen Haut und den schwarzen Locken. Mit ihrem unvergleichlichen, schwebenden Gang. Lebende Kinder eines verschwundenen Dichtergeschlechtes. Halevi, Gabirol, Emanuel, Alchariri — das waren ihre Väter. Deren Seele sich in ihren Augen spiegelt und deren Stolz auf ihrem Antlitz ruht. Es ist gut, dass ein Genius sie nach Holland trieb. Wo das unermessliche Meer das Land bespült und dem Menschen den Horizont erweitert, wo wundersame Rosen dem Boden entspriessen und Gottes Mühlen sicher mahlen. Dort haben unsere Prinzessinnen ihr Blut und ihre Schönheit bewahrt. Sie füllen die Galerien, Schulter an Schulter, und blicken in den Kongress, den sie mit so viel Liebe vorbereitet haben. Tausend und eine Nacht . . Und alles schweigt. Es ist die Stille, von der man nicht weiss, woher sie kam und warum sie ist. Und deshalb könnte man sagen: Der Kongress erreicht den Höhepunkt, bevor er eröffnet wird. Kaum ist aber der Kongress eröffnet, so ist auch schon das Parlament da. Mit dem ihm anhaftenden Trubel und Getue, der Unruhe und Geschäftigkeit, dem Wiegen und Wogen einer Volksversammlung. Erstaunlich, wie das Judenvolk sich in Situationen zu schicken vermag. Parlament. Dieses höchste errungenen Lorbeeren ausruhen und die ganze Landtagswahlreform, ohne eine Hand zu rühren, ignorieren. Die innerpolitische Betätigung, der die Zionisten zugestimmt haben, muss auf allen Gebieten des politischen Lebens eintreten. Sie will nicht Wahlpolitik allein, sie darf nicht in Mandatspolitik ausarten, sondern sie erfordert, wenn sie überhaupt für uns Zionisten Sinn und Zweck haben soll, andauernde, unablässige nationale Erziehungs- und politische Aufklärungsarbeit, Nationalisierung und Organisierung der Massen. Die Wahrung des jüdischen Besitzstandes bezieht sich nicht allein auf Mandate, die den 'Juden nach der Kopfzahl gebühren. So kleinliche, grosser nationaler Gesichlspunktfe entbehrc^di Besitzstand- oder Mandatspolitik wäre wahrlich der Opfer nicht wert, die m Galizien mit der politischen Emanzipation der Juden verknüpft sind. Die Erringung eines moralischen Einflusses in der Politik, die Wertschätzung der organisierten nationalen Juden als eines ernsten politischen Machtfaktors im Lande, die nationale und wirtschaftliche Selbständigkeit und Erstarkung der galizischen JudenistdasZiel, das die Nationalpartei ohne Rücksicht auf Mandate und Augenblickserfolge, ohne Kompromisse und politische Nachgiebigkeit zähe, zielbewusst, opferfreudig und arbeitsfroh verfolgen muss. Die Landtags- Gebilde der Volkssouveränität, dieser vollkommenste Ausdruck der Daseinsbejahung einer Nation — wieviel Völker haben vergeblich drum ihr Blut verspritzt! Und wieviel, die es besitzen, haben sein Wesen nicht erfasst! Haben es zur Stätte brutaler Bekämpfung des Schwachen, zum Tummelplatz wilder Leidenschaften gemacht. Der Kongress aber ist das Parlament des Juden. Er riecht nicht nach Lack, er ist nicht zusammengetrommelt, er zahlt keine Diäten. Er ist trotz seiner zehn Jahre alt wie das Golus, er war nur vertagt. Man tährt zu ihm, wie Brautleute in den Tempel fahren, in Stimmung getaucht, im Hoflnungsrausch, die Seele erleuchtet, das Herz bewegt. Man bringt ihm Opfer, mehr als man kann. Und doch brächte man ihm das Hundertfache noch, wenn er die eine grosse Aufgabe lösen könnte, die er sich gestellt hat. Die Herren Abgeordneten sitzen in landsmannschaitiichen Gruppen. Betrachtet man sie näher, so merkt man es gleich, dass die Kultur und Eigenart, ja sogar die Manier des Landes, aus dem sie stammen, nicht spurlos an ihnen vorüber ging. Das gilt in erster Reihe von den Russen. Ihnen ist die Debatte immer zu kalt, die Reden zu wenig revolutionär. Ob sie hebräisch, jüdisch oder russisch sprechen, sie sprühen immer Feuer. Ein junger Kaukasier betritt die Tribüne. Er trompetet eine Rede in den Saal, die von